Anatol von Roessel

Anatol von Roessel (* 4. November 1877 in Budapest, Österreich-Ungarn; † 30. Oktober 1967 in Ober-Hambach, heute Stadt Heppenheim (Bergstraße)) war ein staatenloser Pianist, Musikkritiker und Klavierpädagoge österreichisch-russischer Herkunft.

Leben

Der Vater war Österreicher, die Mutter Russin, eine seiner Großmütter Elsässerin. Sein Vater war ebenfalls Konzertpianist und von 1877 bis 1878 Schüler von Franz Liszt, Liszt war auch Taufpate von Anatol von Roessel. Bald nach der Geburt von Anatol zog die Familie nach Odessa, wo der Vater Kaiserlich Russischer Musikdirektor geworden war. Roessel wurde russisch-orthodox erzogen. Er wuchs dreisprachig auf, zu russisch, deutsch und ukrainisch kam auf dem Gymnasium die französische Sprache dazu, die er bald perfekt beherrschte. Nach Abitur in Odessa gab er in Südrussland Konzerte, um die Mittel für ein angestrebtes Studium am Konservatorium Leipzig zu bekommen.

In Leipzig studierte er bei dem berühmten Pianisten Alfred Reisenauer. Das Studium schloss er Ende 1904 ab und gewann den dortigen Mozartpreis. Reisenauer berief ihn als einzigen Assistenten an seine Meisterschule, wo er bis zum frühen Tod Reisenauers 1907 wirkte. Inzwischen verheiratet, führte er zwischenzeitlich die Geschäfte seines Schwiegervaters.

Von 1910 bis 1914 war er Leiter der Ausbildungsklasse im Erfurter Konservatorium, auch unternahm er Konzertreisen durch Deutschland, Frankreich, Schweden und Russland, wo er bedeutende pianistische Erfolge errang. Über sein Leben während des 1. Weltkriegs ist nichts bekannt, möglicherweise war er als Bürger eines Feindstaates interniert. Roessel war russischer Staatsbürger gewesen und war nach der Revolution in Russland staatenlos geworden.

1919 wurde er zur Einspielung von 25 Stücken für das Reproduktionsklavier Welte-Mignon eingeladen.

1926 ging er nach Paris, wo er als Musikkritiker tätig war. Er schrieb für die internationale Musikpresse, u. a. für die Zeitschrift L' art musical und war Korrespondent der Neuen Zeitschrift für Musik, auch war er Vizepräsident der Critique étrangère en France.

Inzwischen geschieden, kehrte er im Juli 1939 zur Regelung von Privatangelegenheiten nach Deutschland zurück. Hier erlebte er auch den Kriegsausbruch im September 1939. 1940 ging er kurz nach Paris zurück, zog sich aber bald, seiner Existenzgrundlage beraubt, aufs bayerische Land zurück. Als Staatenloser hatte er im NS-Deutschland einen nicht einfachen Status. Der international renommierte Musiker und Kritiker fand Unterschlupf im Landschulheim Neubeuern bei Rosenheim, wo er als Klavierpädagoge und Konzertmeister tätig war. 1941 schlossen die Nationalsozialisten das Internat als „politisch unzuverlässig“. Auf Einladung der Odenwaldschule konnte er im selben Jahr nach Ober-Hambach ziehen, um dort ebenfalls als Klavierpädagoge zu wirken. In der Odenwaldschule wirkte Roessel bis ins hohe Alter, seine Existenz wurde durch die Schulgemeinschaft gesichert.

Literatur

  • Anatol von Roessel: Ein virtuoser Lebenslauf. In: Schulzeitschrift der Odenwaldschule
  • Trude Emmerich: Gedenkrede zum Tode von Anatol von Roessel. In: Berichte aus der Odenwaldschule, 13. Jg., Heft 5, S. 352-355.

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