22. Sinfonie (Haydn)
Joseph Haydn
Joseph Haydn.jpg
Sinfonie Nr. 22 in Es-Dur
Hob: I:22
Entstehungsjahr: 1764
Schaffensperiode: Esterházy
Beiname: Der Philosoph
AD: ca. 20 min
Besetzung
Streicher
2 Englischhörner
2 Hörner
Continuo: Fagott, Cembalo
Sätze
1. Adagio
2. Presto
3. Menuetto
4. Presto
Sinfonien Joseph Haydns

Die Sinfonie Nr. 22 Es-Dur komponierte Joseph Haydn im Jahr 1764.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Die konkrete Entstehung des Beinamens „Der Philosoph“ ist unbekannt[1], bezieht sich aber wahrscheinlich auf den 1. Satz.[2]

Das Werk zeichnet sich durch folgende Besonderheiten aus:

  • Die Satzfolge langsam – schnell – langsam (Menuett) – schnell richtet sich nach der spätbarocken Kirchensonate und ist unter Haydns Sinfonien auch bei Nr. 5, Nr. 11, Nr. 18, Nr. 21, Nr. 34 und Nr. 49 vertreten.
  • Während es in anderen Sinfonien dieser Zeit üblich ist, dass zumindest der langsame Satz oder das Trio in einer anderen Tonart – meist der Dominante stehen, sind hier alle Sätze in Es-Dur gehalten.
  • Verwendung von Englischhörnern anstelle von Oboen. Möglicherweise war Haydn jedoch von dem etwas scharfen Klang nicht überzeugt, da er dieses Instrument in seinen späteren Sinfonien nicht wieder verwendet hat.[3]

Die damalige Aufführungspraxis nahm meist wenig Rücksicht auf die ursprüngliche Orchestrierung, sondern richtete sich v. a. nach den vorhandenen Besetzungsmöglichkeiten. So waren von der Sinfonie Nr. 22 auch zeitgenössische Bearbeitungen in Umlauf, in denen Oboen oder Flöten (mit entsprechend anderer Klangfarbe) anstelle der Englischhörner vorgesehen waren. Die einschneidendsten Veränderungen wurden um 1773 vorgenommen: An Stelle des 1. Satzes, der einschließlich des Menuetts eliminiert wurde, steht der ursprüngliche 2. Satz (Presto). Ihm folgt ein Andante grazioso in As-Dur, und als letzter Satz das Schluss-Presto.[2]

Ebenfalls aus dem Jahr 1764 sind die Sinfonien Nr. 21, Nr. 23 und Nr. 24 in autographer Form überliefert.

Zur Musik

Besetzung: zwei Englischhörner, zwei Hörner in Es, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurden damals auch ohne gesonderte Notierung Fagott und Cembalo (sofern im Orchester vorhanden) eingesetzt, wobei über die Beteiligung des Cembalos in der Literatur unterschiedliche Auffassungen bestehen.[4]

Aufführungszeit: ca. 18 Minuten, bei Einhalten aller Wiederholungen ca. 22 Minuten.

Das, was später als typische Sonatensatzform bekannt werden sollte, war zum Zeitpunkt der Komposition noch in Entwicklung begriffen. Dies ist bei den hier benutzten entsprechenden Begriffen zu berücksichtigen.[5] – Die hier vorgenommene Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

1. Satz: Adagio

Es-Dur, 4/4-Takt, 69 Takte
Der Satzaufbau zeigt einige Anlehnungen an die Sonatensatzform, ist aber insgesamt relativ frei gehalten. Das erste Thema (Hauptthema) weist eine periodische Struktur auf und beginnt mit einem signalartigen Es-Dur – Dreiklang der Hörner im Fortissimo, beantwortet von einer Figur der Englischhörner, ebenfalls im Fortissimo. Die Streicher mit Dämpfer sind hier wie auch im übrigen Satz im Piano gehalten und spielen pizzicato. Der Nachsatz des Themas stellt eine Variante des Vordersatzes dar und wechselt am Ende mit einem Hornttriller zur Dominante B-Dur. Es folgt bis Takt 13 ein Abschnitt für Streicher und Englischhorn, der mit einem chromatischen Motiv kurzfristig nach F-Dur führt. Daran schließen sich weitere kleine Motive in den Violinen an. Ein Vorschlagsmotiv beendet die Exposition in Takt 22.

Der Durchführungs- oder Mittelteil beginnt mit einem Streicherabschnitt: Die 1. Violine führt die Melodie mit dem Hauptmotiv (Dreiklang) in B-Dur; gefolgt von mehreren Takten mit Dissonanzen (Sekunden), Vorhalten und Synkopen. Klein[3] meint, dass diese „Ketten von Vorhaltsdissonanzen“ deutlich an die Musik des Spätbarock erinnern. Ab Takt 30 beginnen die Englischhörner mit dem Anfangsdreiklang in f-Moll im Fortissimo. Nach einem Zwischenspiel der Streicher (Takt 35-39) folgt der Dreiklang nochmals in der Dominante B-Dur und leitet zur Reprise ab Takt 44 ff. über.

Die Reprise beginnt wieder mit dem Hauptthema und ist insgesamt ähnlich wie die Exposition strukturiert. In den letzten drei Takten hat dann der Dreiklang des Hauptthemas seinen letzten Auftritt. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.[6]

Beim Hören dieses Satzes sind verschiedene Assoziationen möglich: Die sich durchweg hinziehende, gemächlich / gravitätisch - schreitende Bewegung von Cello und Kontrabass lässt einerseits das Bild eines umherwandernden, nachdenklichen Philosophen zu, andererseits aber auch das einer Kirchenprozession, zumal das Hauptthema vom Charakter her einem Choral ähnlich ist. Hochkofler[2] spricht von einer „unheimlichen Düsterkeit“, und Robbins Landon[1] meint, dass der Hörer den Eindruck hat, einem antiken Drama beizuwohnen. Er sieht in den Zwischenspielen der Streicher mit den dissonanten Vorhalten und Synkopen den bewussten Einsatz einer alten Technik und bezeichnet das Adagio als einen der originellsten Sätze in Haydns sinfonischem Schaffen.

2. Satz: Presto

Es-Dur, 4/4-Takt, 98 Takte
Das Hauptthema ist durch einen ein Wechsel von Staccato-Achteln und Vierteln gekennzeichnet mit anfangs zweitaktigen, dann viertaktigen Einheiten (beide jeweils einmal wiederholt). Bis zum Ende der Exposition in Takt 38 folgt nun eine Reihe von Motiven und Figuren: Oktavsprung aufwärts und anschließende Betonung der 2. Zählzeit (Synkope), zwei Takte Synkopenbewegung sowie ein Abschnitt mit Akkordmelodik und Trillern. Die Figur ab Takt 32 kann als Schlussgruppe gedeutet werden.

Der Durchführungsteil ab Takt 38 verarbeitet das Oktavsprung-Motiv, den Beginn des Hauptthemas (kurze Scheinreprise in Es-Dur in Takt 46), die Synkopenfigur und führt am Schluss noch ein neues Motiv, bestehend aus einer gangartigen Bassfigur, ein. Die Reprise (Takt 68) ist ähnlich der Exposition strukturiert. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.

3. Satz: Menuetto

Es-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 52 Takte
Im feierlichen Menuett sind die beiden Violinen parallel geführt, die 2. Violine z. T. eine Oktave unter der 1. Violine. Die letzten fünf Takte des Menuetts kontrastieren durch ihre Triolen zum vorigen Material, der Abschnitt ist daher als eine Art Coda deutbar.

Das Trio – ebenfalls in Es-Dur – ist durch Terzfiguren der dominierenden Bläser charakterisiert.

4. Satz: Presto

Es-Dur, 6/8-Takt, 119 Takte
Wie auch bei den anderen Sätzen, ist hier mehr von einer Abfolge von Motiven als von einer ausgeprägten Sonatensatzform zu sprechen. Das Presto ist durch eine durchgehende, hämmernde Achtelbewegung noch etwas „hektischer“ als der 2. Satz. Das erste Thema (besser: Hauptmotiv) besteht aus drei abwärtsgehenden Vierteln der Violinen, beantwortet durch eine Tonrepetitions-Hornfanfare, und weist in Richtung Jagd- oder Posthornmelodik. Es folgen ab Takt 9 mehrere Figuren mit kontinuierlicher Achtelbewegung, teilweise auch mit Dreiklangsmelodik. Von Bedeutung für die Durchführung ist ein Motiv aus einem aufsteigenden Dreiklang in Takt 32 ff. („Dreiklangs-Motiv“). Ein klar abgrenzbares zweites Thema ist nicht erkennbar. Die Exposition endet in Takt 45.

Im Durchführungsteil wird zunächst das Hauptmotiv in den Streichern moduliert und versetzt vorgetragen; durch das Fehlen der Hornfanfare wirkt der Abschnitt bis Takt 53 relativ ruhig. Ab Takt 54 setzt dann das ganze Orchester mit dem Dreiklangsmotiv im Forte ein. Dabei wechselt Haydn über G-Dur, f-Moll, As-Dur nach Des-Dur und b-Moll. Die Reprise (Takt 75 ff.) ist ähnlich der Exposition strukturiert. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.

Einzelnachweise

  1. a b Howard Chandler Robbins Landon: Haydn: Symphonies No 22 „The Philosopher“, No. 63 „La Roxelane“, No. 80. Textbeitrag zur Einspielung der Sinfonien Nr. 22, 63 und 80 von Joseph Haydn; Aufnahme mit dem Orpheus Chamber Orchestra. Deutsche Grammophon-GmbH, Hamburg 1989.
  2. a b c Max Hochkofler: Joseph Haydn, Symphony No. 22 Es-Dur. Ernst Eulenburg Ltd. No. 545, London / Zürich 1958, 26 S. (Taschenpartitur)
  3. a b Hans-Günter Klein: Haydn: Symphonien Nr. 22 „Der Philosoph“, Nr. 63 „La Roxelane“, Nr. 80. Textbeitrag zur Einspielung der Sinfonien Nr. 22, 63 und 80 von Joseph Haydn; Aufnahme mit dem Orpheus Chamber Orchestra. Deutsche Grammophon-GmbH, Hamburg 1989.
  4. Die Haydn-Festspiele Eisenstadt (http://www.haydn107.com/index.php?id=21&pages=besetzung, Stand September 2009), schreiben hierzu: „Haydn setzte, außer in London, für seine Symphonien höchstwahrscheinlich kein Tasteninstrument ein. Diese Ansicht, die von früheren Meinungen abweicht, wird heute unter Musikwissenschaftlern weithin anerkannt.“
  5. bspw. benutzt Walter (Michael Walter: Haydns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. C. H. Beck-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-406-44813-3) die Begriffe „erster Teil“, „zweite Hauptperiode“ und „Reprise“.
  6. Die letzte Wiederholung wird aber wegen der Satzlänge bei vielen Einspielungen nicht eingehalten.

Weblinks, Noten


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