Kapitalismuskritik
Graffito „Zerstört den Kapitalismus!“ auf einer Fabrikmauer

Als Kapitalismuskritik werden Ansichten und Theorien bezeichnet, die die seit der Industrialisierung aufgekommenen Wirtschaftsordnungen, die auf Privateigentum, Marktwirtschaft, Kapitalakkumulation und dem individuellen Gewinnstreben beruhen, grundsätzlich oder in Teilaspekten kritisieren.

Kaum anders als der Kapitalismus selbst hat die Kapitalismuskritik eine mittlerweile mehr als 200jährige Geschichte. Die Kritik äußert sich an einzelnen Elementen des Kapitalismus wie Geld- und Zinswirtschaft, Privateigentum an Produktionsmitteln und Profitmaximierung sowie den ihnen zugeschriebenen Konsequenzen wie Ausbeutung und Verelendung der arbeitenden Klasse. Häufig hält sie den Kapitalismus und die ihm zugerechneten Herrschaftsverhältnisse für prinzipiell unreformierbar.

Praktische Kapitalismuskritik kann sich im Aufbau genossenschaftlich organisierter Unternehmen und Banken oder alternativer Wirtschaftsbereiche äußern, sowie in der Teil- oder Vollübernahme von einzelnen Wirtschaftssegmenten durch Akteure, die weniger individuelles Gewinnstreben als am Gemeinwohl orientierte Aufgaben und Ziele verfolgen.

Inhaltsverzeichnis

Maschinenstürmer

Nach Edward Palmer Thompson können bereits die so genannten „Maschinenstürmer“ kapitalismuskritischen Strömungen zugerechnet werden.[1] Mit der Veränderung der Arbeitswelt durch die Industrialisierung kam es vor allem in England (Luddismus), aber auch in anderen europäischen Ländern, zu Arbeiterbewegungen, deren Zielsetzung die Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen darstellte. Dazu gehörte unter anderem die Zerstörung von Maschinen wie auch der Zusammenschluss zu organisierten Interessenvertretungen, im angelsächsischen Raum den "Guilds" als Vorläufern der modernen Gewerkschaften.

Frühsozialismus

Die sozialistische Kapitalismuskritik geht ursprünglich von einer Entfremdung durch die industrielle Revolution aus. Bereits die Utopischen Sozialisten wie Charles Fourier kritisierten den Kapitalismus und entwarfen utopische Gegenmodelle.

Fouriers Gegenspieler Robert Owen hingegen gilt als Begründer des Genossenschaftswesen und bemühte sich um praktische Lösungen für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen und Formen des Zusammenlebens etwa in der von dem württembergischen Pietisten Johann Georg Rapp gegründeten Kommune (New) Harmony.

Marxistisch inspirierte Kapitalismuskritik

Karl Marx (1875)

→ Hauptartikel: Marxismus

Marx und Engels

Karl Marx und Friedrich Engels beschreiben die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft des Elends, der Ausbeutung und der Entfremdung. Das Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 sieht Globalisierung, Internationalisierung und Verstädterung als positiv an. Es enthält aber die grundsätzliche Aufforderung, den Kapitalismus durch den Sozialismus bzw. Kommunismus abzulösen, um die Missstände zu beseitigen.

In seinen Frühschriften betont Marx besonders den Aspekt der Entfremdung. Im Kapitalismus könne ein Lohnarbeiter ohne Eigentum an Produktionsmitteln nicht frei über seine Arbeitskraft verfügen, sondern müsste sie nach den Vorgaben des Kapitalisten einsetzen, für den er arbeitete. Die Güter, die er so produziere, erlebe der Arbeiter nicht mehr als seine eigenen, sondern als fremde; er könne sich in den Ergebnissen seiner eigenen Tätigkeit nicht wiedererkennen. Der Kapitalismus sei eine subtile Form der Knechtschaft, die sich auf eine scheinbare Freiheit stütze. Formell seien in der zwar kapitalistischen Gesellschaft alle Mitglieder frei und rechtsgleich, de facto aber könnten Lohnarbeiter nur wählen, an wen sie ihre Arbeitskraft verkauften. Arbeit sei im Kapitalismus nicht eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung, sondern ihrem Wesen nach Zwangsarbeit.

In seinem späteren Werk, insbesondere in seinem Hauptwerk Das Kapital, betont Marx vor allem den ausbeuterischen Charakter des Kapitalismus. Der Kapitalist vermehre sein Kapital durch die Ausbeutung fremder Arbeitskraft, da er dem Lohnarbeiter nur einen Teil des vom Arbeiter geschaffenen Wertes vergüte. Einen großen Teil des vom Arbeiter geschaffenen Wertes streiche der Kapitalist dagegen als Mehrwert ein, aus dem er seinen Profit schöpfe. Statt mit dem Fortschritt der Industrie seine Lage zu verbessern, werde der Arbeiter so zum Pauper, es komme zu einer allgemeinen Verarmung. Nach Karl Marx ist die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln die ökonomische Voraussetzung der klassenlosen Gesellschaft.[2]

„Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“

Das Ausbleiben der Revolution, die eschatologische[3] Frage des Marxismus, versuchten Rosa Luxemburg und Lenin aufgrund des Imperialismus und des Kolonialismus zu deuten. Nach diesen Thesen beuteten die Zentren des Kapitalismus Rohstoffe und Menschen aus den kolonialen Peripherien aus, ohne diese der Kapitalismus nicht würde fortbestehen können.

Neomarxismus und Neue Linke

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, zu deren wichtigsten Vertretern Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse zählen, entwickelte einen neuen Ansatz für eine Kapitalismuskritik (Neomarxismus). Die Kritische Theorie übte großen Einfluss auf die internationale Studentenbewegung von 1968 aus. Diese bezog sowohl gegen den Kapitalismus als auch gegen den Realsozialismus Stellung. In der Folgezeit der Studentenbewegung entstand in den 1970ern in der Bundesrepublik Deutschland die vielschichtige, so genannte Neue Linke. Diese Bewegung ist - neben anderen wie z.B. christlichen und konservativen . eine der Wurzeln der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Teilweise wird auch die Terrororganisation RAF, die den Kapitalismus durch einen revolutionären Befreiungskampf zu überwinden suchte, zur Neuen Linken gezählt. Ihre gewaltsamen Aktionen richteten sich gegen „Repräsentanten des kapitalistischen westdeutschen Systems“. Weitere sozialistische Strömungen dieser Zeit waren die so genannten K-Gruppen, die am Stalinismus, dem Trotzkismus oder dem Maoismus ausgerichtet waren.

Wertkritik

Wertkritik ist eine marxistische Strömung, die ausgehend von der Analyse der gesellschaftsbestimmenden Rolle des "Werts" im Kapitalismus die gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen entwickelter kapitalistischer Staaten kritisch zu beschreiben versucht. Das Ziel der Kritik ist das Dasein der Wertform selbst, die Verwandlung von konkretem Nutzen in ein abstraktes Medium, das - weiterentwickelt zum "Kapital" - Produktion, Konsumtion und fast alle Lebensbereiche bestimmt. Diese Verwertung wird durch das soziale Handeln erst verwirklicht, jedoch gibt es diesem Ziel und Form vor. Im Gegensatz zur von ihnen als "Arbeiterbewegungsmarxismus" kritisierten Lesart interpretieren sie die Marx'sche Kritik der Ökonomie dahingehend, dass Marx die ökonomische Kategorie "Wert" selber kritisiert, nicht nur die Verteilung des (Mehr-)Werts bzw. seine "ungerechte" Aneignung durch die Kapitalisten. Die meisten Wertkritiker vertreten eine Zusammenbruchstheorie, die sie aus der Marx'schen Schrift "Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie" entnehmen: da nur die Arbeitskraft Wert und damit Mehrwert schafft, die kapitalistische Produktionsweise aber durch die grenzenlose Steigerung der Arbeitsproduktivität immer mehr produktive Arbeit überflüssig mache, untergrabe der Kapitalismus seine eigenen Existenzbedingungen. Dies könne zwar durch Ausweitung der Produktion kompensiert werden. Ab einem gewissen Punkt, der historisch im Aufkommen der Mikroelektronik in den frühen 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts verortet wird, würden aber fortlaufend mehr produktive Arbeitsplätze vernichtet, als in neuen Sektoren neue Arbeitsplätze entstehen würden. Die sich dadurch verstärkenden Probleme bei der "Verwertung des Werts", also der Bildung von Mehrwert, könnten eine Zeitlang durch (öffentliche oder private) Kredite ("virtuelles Kapital") verdeckt werden, welche ein Wirtschaftswachstum aber nur simulieren könnten. Irgendwann müssten die dadurch entstehenden Finanzblasen platzen. Die Finanzkrise 2008/2009 wird in diesem Sinne gedeutet. Wichtige Vertreter dieser Richtung sind: Robert Kurz, Moishe Postone, Franz Schandl und Eske Bockelmann.

Marxistische Kritiker der Wertkritik argumentieren dagegen, Marx habe seine in den "Grundrissen" angedeutete Zusammenbruchstheorie in seinen späteren Werken, insbesondere im "Kapital", nicht mehr wiederholt, was bedeute, dass er später an dieser Theorie nicht mehr festgehalten habe. Auch könne eine Abnahme produktiver Arbeit empirisch nicht belegt werden.

Plakat des IWW von 1911

Gewerkschaften und Syndikalismus

Die gewerkschaftlichen Ansätze der Kapitalismuskritik beziehen sich in der Regel auf die sozialistische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse. Allerdings sind die Schlussfolgerungen und Forderungen aus gewerkschaftlicher Perspektive eher auf eine reformistische Umsetzung einer gerechten Gesellschaft bedacht. Dazu gehört im Sozialstaatsmodell das Konsensprinzip, demzufolge Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften als Verhandlungspartner entsprechend dem Tarifvertragsgesetz in der Aushandlung von Tarifverträgen eine Sozialpartnerschaft eingehen und damit eine Verantwortung für eine friedliche gütliche Einigung in Konfliktfällen anstreben sollen. Dieser Ansatz zielt in erster Linie auf einen pragmatischen, realistischen Ausgleich von Interessen.

Gegen dieses Modell der Sozialpartnerschaft stehen kapitalismuskritische Ansätze syndikalistischer und sozialistischer Gewerkschafter. Der Syndikalismus propagiert die Aneignung von Produktionsmitteln durch die Gewerkschaften, die dann auch an Stelle politischer Stellvertreter die Verwaltung organisieren. Ausreichende Stärke um revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen durchsetzen zu können, hatten sie beispielsweise im Spanischen Bürgerkrieg.

Gewerkschaften treten in vielen Ländern auch selber als Wirtschaftsakteure auf, u. a. in den USA sind gewerkschaftlich organisierte Pensionsfonds und Rentenkassen in ihrer Anlagepolitik[4] auch wichtige wirtschaftliche Faktoren.

Kapitalismuskritik mit ökologischem und feministischen Schwerpunkt

Seit einigen Jahren wird der Kapitalismus bzw. der dabei gleichgesetzte Industrialismus auch verschiedentlich aus der Perspektive der Politischen Ökologie kritisiert. Marxistisch orientierte Politologen und Sozialwissenschaftler wie Elmar Altvater[5] und Athanasios Karathanassis[6] kritisieren den Kapitalismus und das ihrer Meinung dazugehörige Wirtschaftswachstum als nicht nachhaltig. Altvater hält das Globale Ölfördermaximum für ein Vorzeichen des Ende des Kapitalismus.

Der wertkritische Publizist Robert Kurz wirft die Übernahme des „positivistischen, technisch-naturwissenschaftlich verkürzten Fortschrittsbegriff des Liberalismus“ auch dem orthodoxen Marxismus vor. Eine radikale Kritik an der Industrialisierungs- und Modernisierungsgeschichte und ihres gewandelten Arbeitsbegriffs sei demnach auch in der Linken bis heute ausgeblieben.

Die Politikerin und Journalistin Jutta Ditfurth vertritt auch These, „die kapitalistische Produktionsweise mit ihrer Profitlogik und ihrem Verwertungszwang“ sei mit der Ausbeutung der Natur eng verbunden[7] und die soziale Frage von ökologischen Herausforderungen damit nicht zu trennen.

Die ökofeministische Soziologin Maria Mies beschreibt hingegen den Kapitalismus als patriarchales Konstrukt. Kapitalismus führe zu Kolonisation, die im übertragenen Sinne auch Frauen wie auch die Natur insgesamt beträfe.[8] Dies wurde unter anderem von Camille Paglia zurückgewiesen, derzufolge amoralische, aggressive, pornographische Elemente und ungleiche Herrschaftsverhältnisse elementar zu menschlicher Kunst, Sexualität und Zivilisation gehörten"[9].

Christlich / Jüdische Kapitalismuskritik

Die christliche, insbesondere katholische Soziallehre etwa des Jesuiten Oswald von Nell-Breuning bemüht sich um eine übergeordnete Perspektive auf die ganze Bandbreite des Zusammenlebens von Menschen. Dabei werden dem Kapitalismus Grenzen durch eine Sozialethik gesetzt, die – neben theologischen Vorgaben – die Prinzipien der Personalität, des Gemeinwohls, der Solidarität und der Subsidiarität einbezieht. Im Falle der römisch-katholischen Kirche kommen auch die Päpstlichen Lehrschreiben hinzu, den so genannten Sozialenzykliken, die auch soziale Fragen zentral ansprechen und dabei auch kapitalismuskritische Stellungnahmen abgeben.

Praktische Auswirkungen sind in der Gründung und dem Betrieb von christlichen Gewerkschaften, Handwerks- und Sozialverbänden (Kolpingwerk) und Organisationen und Institutionen der Wohlfahrtspflege (Caritas) und der Entwicklungshilfe (Misereor) zu finden. Innerkirchlich konnte sich eine radikal antikapitalistische Theologie der Befreiung nicht durchsetzen, prägte aber Aspekte der Soziallehre wie in der Option für die Armen.

Die evangelische Sozialethik ist im Sinne von Calvinismus, Quietismus und Pietismus individualistisch geprägt. Der protestantische Theologe und SPD-Abgeordnete Christoph Blumhardt (1842–1919) gehört zu den Mitbegründern des Religiösen Sozialismus als (kirchen)politisch einflussreiche Richtung in Deutschland. Kapitalismuskritische Aspekte finden sich in gemeinsamen Stellungnahmen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen der evangelischen Kirchen und liegen auch den Aktivitäten der evangelisch geprägten Sozial- und Entwicklungsverbände wie der Diakonie und Brot für die Welt zugrunde.

Wichtige Theoretiker des Kommunismus und Kritiker der Kapitalismus stammen aus christlich und jüdischen Wurzeln. So war Wilhelm Weitling, der als erster deutscher Theoretiker des Kommunismus gilt, ein Frühsozialist mit christlichen Überzeugungen. Friedrich Engels kam aus einer vom Pietismus auch in seinen radikalen Formen geprägter Umgebung. Engels bezog sich unter anderem auf die Eigentumslosigkeit der urchristlichen Gemeinden. Karl Marx Mentor Moses Hess referierte in frühkommunistischen Utopien und messianistischen Heilserwartungen auf christlich/jüdische Vorstellungen sozialkritischer Propheten wie beim Buch Amos. Entsprechende Elemente und Einflüsse wirkten beim Marxismus wie beim Zionismus weiter und führten u. a. zur Gründung der Kibbuzim beim Aufbau Israels.

Postmoderne

Die postmodernen Ansätze brechen mit der orthodoxen Kritik des Wirtschaftssystem Kapitalismus und verallgemeinern diese hin zu einer allgemeinen Kritik von Herrschaftsverhältnissen, die unter dem Übertitel Kapitalismus subsumiert werden.

Nach den enttäuschenden Erfahrungen mit dem Realsozialismus entstanden in Folge der 68er-Bewegung Strömungen einer postmodernen Philosophie (Dekonstruktivismus und Poststrukturalismus). Philosophen wie Gilles Deleuze, Jacques Derrida und Jean Baudrillard setzten sich kritisch sowohl mit dem Kapitalismus, als auch mit den klassischen sozialistischen und kommunistischen Ansätzen auseinander.[10] Sie kritisierten nicht selten den Kommunismus, besonders dogmatische marxistisch-leninistische Strömungen, und entwickelten darüber hinaus neue Sichtweisen.

Michel Foucault kritisiert den Kapitalismus einerseits als Freiheit begrenzende, Gewalt ausübende Disziplinargesellschaft (Panopticon), andererseits mit seinem Konzept der „Bio-Politik“, bei der das Subjekt und seine Lebensbedingungen den Interessen der Herrschenden unterworfen werden: „Für die kapitalistische Gesellschaft ist es die Biopolitik, die vor allem zählt, das Biologische, Somatische, Körperliche“.[11] Jacques Derrida sagt, dass das von Liberalen verbreitete Reden vom Ende der Geschichte nicht verbergen kann, dass es in der „kapitalistischen Weltordnung“ millionenfaches Leid und furchtbare Not für viele Menschen gäbe. Es sei daher notwendig, Marx neu zu lesen, neu zu kritisieren und als Erbe den Marxismus völlig neu zu entwickeln.[12]

Jean Baudrillard wendet sich wiederum allgemein gegen positivistische Geschichtsutopien (z. B. Faschismus, Kommunismus), aber er kritisiert den globalen Kapitalismus als eine Form der „ungeheuren Gewalt“, welche „mehr Opfer als Nutznießer“ schaffe und daher zivilisiert werden müsse, weil ansonsten im Kapitalismus „jeder nichtmonetäre Wert aufgehoben“ werden würde.[13]

Die Abschaffung aller Regeln, genauer: die Reduzierung aller Regeln auf das Gesetz des Marktes ist das Gegenteil von Freiheit – nämlich deren Illusion. So altmodische und aristokratische Werte wie Würde, Ehre, Herausforderung, Opfer zählen darin nicht mehr.[13]

Gemäß der Kapitalismuskritik Baudrillards, die von der Sprachtheorie Ferdinand de Saussures beeinflusst ist, entferne sich der Signifikantenapparat des Kapitalismus und seiner Medienwirklichkeit von der Wahrheit, und ermögliche so eine umfassende Manipulation und Verführung des Konsumenten. Im Kapitalismus bilde sich ein Raum „permanenter Simulation von Realität“, die in Hyperrealität münde.[14]

Diese Ansätze wurden innerhalb einer akademischen Minderheit diskutiert, weniger in politischen Parteien, teils wegen ihrer theoretischen Komplexität oder wie u. a. im Falle des Poststrukturalisten Jacques Lacan gänzlicher Unverständlichkeit (vgl. Sokal-Affäre), teils wegen ihres offenen Bruchs mit herkömmlichen Ansätzen der Kapitalismuskritik. Weitere neuere Ansätze in dieser Richtung finden sich z. B. bei Richard Sennett, Antonio Negri und Michael Hardt.[15]

Die Kunst- und Kulturhistorikerin Camille Paglia bezeichnete 1991 die postmoderne Philosophie in einer spektakulären Vorlesung am MIT als „französischen Quatsch“,[16] der für die Krise der amerikanischen Universitäten wie die Lebensfremdheit ihrer Absolventen verantwortlich sei.

Nach Paglia sei „Die Natur, nicht die Gesellschaft […] unser größter Unterdrücker“[9] und das Wirtschaftssystem nicht mit dem Geschlechterkonflikt und anderen Herrschaftsverhältnissen zu verwechseln. Die menschliche (apollinische) Kultur sei jedoch angehalten, der chthonischen Realität der Natur wie deren „Grausamkeit der Biologie und Geologie“[9] entgegen zustehen und entgegenzuwirken.

Globalisierungskritik

→ Hauptartikel: Globalisierungskritik

Mit der zunehmenden Globalisierung der Waren- und Finanzströme nach dem Zusammenbruch des Ostblocks formieren sich die kritischen Stimmen in vielfältigen globalisierungskritischen Bewegungen und Netzwerken.

Anarchistische Kapitalismuskritik

Der Anarchismus geht davon aus, dass mit dem Kapitalismus Herrschaft von Menschen über Menschen verbunden ist, aufgrund dessen sie ihn grundsätzlich ablehnen. Der Kapitalismus bedarf in ihren Augen eines Wohlstands- und Machtgefälles innerhalb der Gesellschaft, um zu funktionieren.

Anhänger des kommunistischen Anarchismus fordern einen vollständigen Bruch mit dem Kapitalismus und die Abschaffung des Geldes.[17] Die direkte Entlöhnung soll ersetzt werden durch den freien Zugang zum gemeinsamen Arbeitsprodukt.[18] Peter Kropotkin, als einer der bedeutendsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus, wendet sich gegen den ökonomischen Wert im allgemeinen; sei es Geld, Arbeit oder Ware. Er sieht das Privateigentum als Grund für Unterdrückung und Ausbeutung und schlägt stattdessen eine umfassende Kollektivierung vor.[19] Individualistische Anarchisten definieren Kapitalismus als eine Marktwirtschaft, in der sich privilegierte Gruppen mit Hilfe von staatlichen Interventionen auf Kosten der übrigen Gesellschaft bereichern und dadurch zu Reichtum gelangen. Im Kapitalismus würden Gruppen derjenigen, die großen Einfluss auf den Staat besäßen, mit Hilfe des Staates Rahmenbedingungen schaffen, die ihnen einen wirtschaftlichen Gewinn verschafften. Die sich aus dem geschaffenen Rahmen ergebenen Kosten sowie die Kosten zu Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen würden dabei zu einem großen Teil auf andere Gesellschaftsmitglieder abgewälzt. Jedes Übel des Kapitalismus werde so durch staatliche Eingriffe erzeugt.[20][21] Kritisiert wird die schädliche Partnerschaft zwischen Staat und Großunternehmen, wobei der Staat zugunsten einflussreicher Unternehmen oder Organisationen interveniert (wie z. B. bei der Militärindustrie, im Bank- und Versicherungswesen oder im Pharmabereich) und diesbezügliche Privilegien und Monopole, unter anderem Geld-, Boden-, Zoll- und Patentmonopole.

Freiwirtschaftliche und anthroposophische Kapitalismuskritik

Die von Silvio Gesell begründete Theorie der Freiwirtschaft definiert Kapitalismus als ein System, in dem die Möglichkeit besteht, sich allein durch den Besitz von Geld oder Boden ein arbeitsfreies Einkommen (Kapitaleinkommen) auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu verschaffen. Aus diesem Grund wird auch der Kommunismus als Form des Kapitalismus (Staatskapitalismus) angesehen. Ein großes Problem des Kapitalismus sei, dass nicht benötigtes Geld durch seinen jeweiligen Besitzer beliebig „zurückgehalten“ (also aus dem Umlauf genommen) werden könne, ohne dass er dadurch benachteiligt würde. Laut der Theorie der Freiwirtschaft falle die Rendite bei steigender Kapitalausstattung. Eine Investition, deren Rendite unter der Liquiditätsprämie des Geldes ist, lohne sich nicht und langfristige Investitionen würden unterbleiben (Liquiditätsfalle). Freiwirtschaftliche Ansätze fanden nur geringe Umsetzung bei Versuchen zur Freigeldwirtschaft und den sogenannten Tauschringen, aber spielen bis heute eine starke Rolle bei Konzepten des kommunalen Wohnungsbaus. An der Freiwirtschaft kritisiert wurde unter anderem eine Nähe zu antisemitischen Geldreformern und die mangelnde Einbeziehung gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie hatte wichtige Einflüsse auf die alternativen, nichtkapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweisen. Anthroposophische Gesellschaftsentwürfe wie die Soziale Dreigliederung Steiners forderten eine zunehmende Einbeziehung von Betrieben in kollektiver Selbstverwaltung wie auch eine stärkere Ausrichtung der Gesellschaft nach künstlerisch ästhetischen statt kapitalistischen Vorgaben (vgl. Soziale Plastik Joseph Beuys'). Neben etlichen anthropososphisch beeinflussten "alternativen" Organisationen und Wirtschaftsverbänden (so im Schulwesen, der Heilkunde und Landwirtschaft) stellt die anthroposophische GLS Gemeinschaftsbank auch eine wichtige wirtschaftliche Grundlage für die Alternativbewegung dar. Sie ermöglichte unter anderem die (zeitweilige) Begründung der Ökobank[22] und der alternativen Beratungs- und Finanzierungsgenossenschaft Oekogeno.

Nationalsozialistische und spätere rechtsextreme Kapitalismuskritik

Gottfried Feder, ein Wirtschaftstheoretiker der NS-Propaganda, forderte „unter der Parole Brechung der Zinsknechtschaft die Verstaatlichung der Banken und die Abschaffung des Zinses“.[23] Feder unterschied zwischen einem „schaffenden“ Kapital (Gewerbe- und Agrarkapital) und einem „raffenden“ Kapital (Handels- und Finanzkapital). Das schaffende Kapital diene dabei Volk und Vaterland, während das raffende Kapital, das er vor allem mit dem Judentum assoziierte, rein egoistische Ziele verfolge. So war Feders Antikapitalismus auch Ausdruck seines Antisemitismus. Weiter ging die Kapitalismuskritik der Gruppe um Otto Strasser. Strasser hielt den Nationalsozialismus vor allem „für die große Antithese des internationalen Kapitalismus, der die vom Marxismus geschändete Idee des Sozialismus als der Gemeinwirtschaft einer Nation zugunsten dieser Nation durchführt und jenes System der Herrschaft des Geldes über die Arbeit bricht.“[24] Forderungen dieser Strömung waren u. a. die Verstaatlichung von Industrie und Banken sowie eine enge Anlehnung Deutschlands an die Sowjetunion. Beim Röhm-Putsch wurden zentrale Vertreter dieser antikapitalistischen Strömung des Hitlerfaschismus innerhalb der NSDAP ausgeschaltet und spielten fortan keine Rolle mehr in dessen Politik. Einige Elemente wie die Verschwörungstheorie von der USA als eine von der jüdischen "Ostküste" beherrschten Nation wurden auch übergreifend weiter verwendet, ebenfalls von Rechtsextremen in den USA (etwa in der American Nazi Party).

Aktuell werden einige kapitalismuskritische Elemente aus der Globalisierungskritik in manchen rechtsradikalen Parteien (etwa in Deutschland bei der NPD) übernommen. Im Gegensatz zur linken Globalisierungskritik wird dabei weniger die kapitalistische Globalisierung, sondern mit den übernommenen Argumenten vor allem die Internationalisierung an sich kritisiert. Die Betrachtung der Globalisierung konzentriert sich dabei ebenso im Gegensatz zur Globalisierungskritik vor allem auf das eigene Land bzw. eigene Kulturräume (Arbeitsbedingungen im Ausland z.B. werden kaum betrachtet). Abgelehnt wird die Internationalisierung von Rechten, da sie durch die Internationalisierung eine Entfremdung der Menschen von ihrer „angestammten Kultur“ und das Eindringen „fremder Kulturen“ befürchten. Dabei hat sich die rechte Ideologie insofern verändert als das nicht mehr biologische Rassen, sondern kulturell geprägte Völker den Bezugspunkt bilden. Als Gegenmittel wird eine weitgehend autarke Volkswirtschaft empfohlen.[25] Eine Verbindung von Kapitalismuskritik mit rechten Elementen (Querfrontansätze) wird vor allem in Russland versucht zu verbreiten, so etwa vom prominenten Schriftsteller Eduard Weniaminowitsch Limonow.

Siehe auch

Literatur

Primärliteratur

Marx und Engels

Marxistisch inspirierte Kapitalismuskritik

  • Bini Adamczak: Kommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird. Unrast, Münster 2004, ISBN 3-89771-430-2.
  • Elmar Altvater: Was heißt und zu welchem Ende betreiben wir Kapitalismuskritik?. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 4, 2006, S. 457–468 (Abschiedsvorlesung vom 18. Januar 2006, online).
  • Georg Fülberth und Michael R. Krätke: Neun Fragen zum Kapitalismus. Karl Dietz Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3320021023.
  • Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Schmetterling Verlag, 2004 (Internet Archive, abgerufen am 21. März 2008).
  • Michel Vakaloulis, Jean-Marie Vincent und Pierre Zarka,: Vers un nouvel anticapitalisme. Pour une politique d'émancipation (coll. « Questions d'époque »). Éditions du Félin, 2003, ISBN 978-2866455194.

Wertkritik

Postmoderne

Nationalsozialismus

  • Otto Strasser: Aufbau des deutschen Sozialismus. Wolfgang Richard Lindner Verlag, Leipzig 1932.

Katholizismus

  • Pax Christi Kommission Weltwirtschaft (Hrsg.): Der Gott Kapital: Anstöße zu einer Religions- und Kulturkritik. 2. Auflage. Lit Verlag, 2006, ISBN 978-3825893163.

Islam

Kapitalismuskritik mit ökologischem Schwerpunkt

  • Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen – Eine radikale Kapitalismuskritik. 7. Auflage. Westfälisches Dampfboot, 2007, ISBN 978-3896916273.
  • Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei: Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus. Konkret Literatur, 2002, ISBN 978-3894581480.
  • Athanasios Karathanassis: Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum. Ökosysteme im Kontext ökonomischer Entwicklungen. Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung, Hamburg 2003, ISBN 978-3899650181.
  • Maria Mies: Patriarchat und Kapital. Rotpunktverlag, Zürich 1996, ISBN 978-3858690500.

Sonstiges

Sekundärliteratur

  • Johannes Berger: Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik. In: Andrea Maurer (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3531152592.
  • Albrecht Langner (Hrsg.): Katholizismus, konservative Kapitalismuskritik und Frühsozialismus bis 1850. Schönigh, München 1975.
  • Peter Schallmayer: Kapitalismuskritik. Theorie und Praxis bei Marx, Nietzsche, Mann, Müntefering und in der Heuschreckendebatte. Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3826040702.

Kritik der Kapitalismuskritik

Einzelnachweise

  1. Edward Palmer Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1987 (übersetzt von Lotte Eidenbenz u. a.), ISBN 3-518-02687-9.
  2. Manifest der Kommunistischen Partei; Kapitel II: Proletarier und Kommunisten
  3. Nach dem Essen philosophieren. Zur Eschatologie des Marxismus. In: Alfred Bellebaum und Peter Schallenberg (Hrsg.): Glücksverheißungen. Heilige Schriften der Menschheitsgeschichte.Aschendorff, Münster 2005, S. 133–159
  4. [1] Pensionsfonds in den USA - Betriebsrente durch Shareholder Value ? IG Metall Abteilung Wirtschaft – Technologie – Umwelt vom Mai 2001
  5. Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, ISBN 3-89691-627-0.
  6. Athanasios Karathanassis: Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum. 2003, ISBN 3-89965-018-2.
  7. Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei. konkret Literatur Verlag, 1996, S. 157.
  8. Maria Mies und Vandana Shiva: Ecofeminism. Zed Books, London 1993, S. 298.
  9. a b c in Camille Paglia. Die Masken der Sexualität. Seite 17. Aus dem Amerikanischen von Margit Bergner, Ulrich Enderwitz und Monika Noll. Byblos Verlag, Berlin. ISBN 3-929029-06-5
  10. Gabriel Kuhn: Tier-Werden Schwarz-Werden Frau-Werden Unrast-Verlag 2005 s. z. B. Kap. III,3,9 S. 168 ff. ISBN 3-89771-441-8
  11. Michel Foucault: Schriften Bd. III, Frankfurt/M 2003, S. 275. Vgl. auch ders., Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt/M 2004. zit. n. Joachim Bischoff & Christoph Lieber: Die Herrschaft des Kapitals und die Multitude auf Linksnet, abgerufen 18. August 2008
  12. Jacques Derrida Marx´ Gespenster, Suhrkamp: 2004, ISBN 3-518-29259-5
  13. a b Interview mit Jean Baudrillard. European Graduate School
  14. Stefan Steinberg: Nachruf zu Jean Baudrillard, Stefan Steinberg, auf wsws.org, 21. April 2007
  15. Michael Hardt, Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung. Campus Fachbuch 2002, ISBN 978-3-593-36994-5
  16. Die MIT Vorlesung. Zur Krise der amerikanischen Universitäten. In: Sex, Art, and American Culture, Essays. Von Camille Paglia. Verlag Vintage Books; September 1992, ISBN 0-679-74101-1, deutsch: Der Krieg der Geschlechter Sex, Kunst und Medienkultur. Aus dem Amerikanischen von Margit Bergner, Ulrich Enderwitz und Monika Noll. Berlin: Byblos Verlag, 1993
  17. An Anarchist FAQ. A.3.2 Are there different types of social anarchism?
  18. Max Nettlau: Anarchisten und Sozialrevolutionäre. Die historische Entwicklung des Anarchismus in den Jahren 1880-1886. Asy-Verlag, Berlin 1931, S. 7.
  19. Peter Kropotkin: The Conquest of Bread. Putnam 1907, S. 202.
  20. Kevin A. Carson: Studies in Mutualist Political Economy. Ark, Fayetteville 2004 (Chapter 4 & 5).
  21. Jack Schwartzman, Hanson, Ingalls and Tucker: Nineteenth-Century American Anarchists. In: American Journal of Economics and Sociology. Vol. 62, Nr. 5, 2003, S. 325.
  22. Strawe, Christoph: Marxismus und Anthroposophie, Stuttgart: Klett-Cotta, 1986. ISBN 3-608-91407-2
  23. Gottfried Feder. In: Deutsches Historisches Museum. Abgerufen am 21. März 2008.
  24. „Revolutionäre Nationalsozialisten“: "Die Sozialisten verlassen die NSDAP". In: NS-Archiv. 4. Juni 1930, abgerufen am 21. März 2008.
  25. Horizonte: Globalisierungskritik von rechts. Wie die NPD über die Globalisierung diskutiert, 8. Juni 2007

Weblinks

 Commons: Kapitalismuskritik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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