Andragogik

Andragogik (von griech. ανδρος andros (Genitiv von „Mann“) und gr. ἄγειν agein, „führen“) ist die Wissenschaft, die sich mit dem Verstehen und Gestalten der lebenslangen und lebensbreiten (siehe unten "Begründung") Bildung des Erwachsenen befasst. Sie versteht sich als eine zur Pädagogik komplementäre Wissenschaft, darf aber nicht einfach kontrastierend mit dieser gesehen werden. Vielmehr spricht vieles dafür, dass der Mensch im Laufe seiner Lernbiographie zuerst für pädagogische Maßnahmen empfänglich und dann mit zunehmender Autonomie offen für andragogische Maßnahmen ist.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Erst Nennung von „Andragogik“

Die erste Nennung des Begriffs Andragogik findet sich in Alexander Kapp (1833): Platons Erziehungslehre, als Pädagogik für die Einzelnen und als Staatspädagogik. Neu erfunden wurde der Begriff dann in den 1920er Jahren – so bei Rosenstock (z. B. 1929, S. 359), und bei Picht, von Erdberg und Flitner – allerdings mit jeweils unterschiedlichen Konnotationen.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wird „Andragogik“ zunehmend auch im internationalen Raum verwendet[1], so von Hanselmann in der Schweiz 1951, Ogrizovic 1956 in Jugoslawien, ten Have 1959 in Holland. Ab 1969 erscheint die jugoslawische Erwachsenenbildungszeitschrift unter dem Titel „Andragogija“, in der Sowjetunion führt Goncharow den Begriff „Andragogik“ ab 1975 ein, in Finnland entsteht vor allem durch Alanen eine weit entwickelte Diskussion über Konzeptualisierung von EB-Wissenschaft, an der Palacky University in Olomouc (Slovakia) wird 1990 die “Katedra sociologie a andragogiky” eingerichtet, auch die Karls-Universität Prague (Czech republic) hat eine ‘Katedra Andragogiky’, 1993 wurde in Slovenien das ‘Andragoski Center Republike Slovenije’ gegründet mit der Zeitschrift ‘Andragoska Spoznanja’, Venezuela hat das ‘Instituto Internacional de Andragogia’, seit 1998 publiziert die Adult & Continuing Education Society of Korea die Zeitschrift ‘Andragogy today’.

In der Andragogik lassen sich sowohl empirische wie hermeneutische Forschungsrichtungen unterscheiden. Als erster Empiriker gilt Edward Thorndike (Adult Learning, 1928). Zu den hermeneutischen Wissenschaftlern zählt Eduard C. Lindemann (The Meaning of Adult Education, 1926). Die Andragogik erhielt fruchtbare Impulse aus unterschiedlichsten Disziplinen, insbesondere aus der Klinischen Psychologie, der Soziologie, der Sozialpsychologie und der Philosophie.

Die amerikanische Diskussion um Andragogik ist durch die Arbeit von Malcolm Knowles geprägt, der die Bedeutung selbstgesteuerten Lernens in den Vordergrund stellt. Entsprechende Grundannahmen über das Lernen Erwachsener sind, dass sie

  • einen starken Wunsch nach selbstgesteuertem Lernen haben
  • ihre Erfahrungen in den Lernprozess einbringen möchten
  • ihre Lernbereitschaft selbst unter Beweis stellen wollen
  • lernen wollen, um die Probleme ihres Alltags zu lösen.

Seit den 70er Jahren gibt es an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg den einzigen Lehrstuhl für Andragogik in Deutschland. Emeritierter ehemaliger Lehrstuhlinhaber (1993 bis 2008) ist Jost Reischmann, der sich auch international der Andragogik widmet. Zuvor hatte den Lehrstuhl Werner Faber inne (1977 bis 1993).

Begründung

Für die Verwendung von Andragogik als Wissenschaftsbezeichnung werden vor allem drei Hauptgründe[2] angeführt:

1. Andragogik als „Wissenschaft von der Bildung Erwachsener“ konzentriert den Blick auf die wissenschaftlichen Fragen. Es wird argumentiert, dass eine unterscheidende Bezeichnung des Praxisbereichs (= Erwachsenenbildung, Weiterbildung) und der Wissenschaft (= Andragogik) zur begrifflichen Klarheit, zur Identität und Klärung der spezifischen Aufgabe einer Wissenschaft beiträgt.

2. Andragogik erweitert den Blick auf die Breite und Vielfalt aller auf Lernen/Bildung beruhenden Veränderung Erwachsener, auf informelle Bildung Erwachsener, unterschiedliche Formen der Selbstbildung und selbstorganisiertes Lernen – auch jenseits organisierter und institutionalisierter Erwachsenen- oder Weiterbildung („lebensbreite Bildung“ – Reischmann 2002).

3. Die Berufsbezeichnung „Andragoge“ bietet Absolventen eines entsprechenden Studiengangs auf dem Arbeitsmarkt ein Alleinstellungsmerkmal, Identität und Selbstbewusstsein. „Erwachsenenbildner“ oder „Weiterbildner“ oder „Trainer“ kann „jeder“ sein. Damit trägt „Andragogik“ zur Professionalisierung dieses Bereiches und zur Stärkung der Absolventen bei.

Kritik

Einwände gegen „Andragogik“ werden aus semantischen Bedenken (sowohl gegen „Mann“ als auch „führen“) erhoben oder weil ein neuer Begriff als überflüssig empfunden wird (alternative Begriffe: Erwachsenenpädagogik, Erwachsenenbildung, Wissenschaft von der Erwachsenenbildung). Kritisiert wird auch, dass Andragogik verschiedentlich als aggressiver Gegenbegriff zu Pädagogik konstruierter wurde. In Deutschland wird der Begriff "Andragogik" praktisch nicht (mehr) gebraucht; er spielt noch eine Rolle in einigen anderen Laendern, insbesondere den USA, allerdings immer im Kontext von "adult and continuing education".

Einzelnachweise

  1. Jost Reischmann: Andragogik - Wissenschaft von der lebenslangen und lebensbreiten Bildung Erwachsener. In: Paape, Björn/Pütz, Karl (Hg.): Die Zukunft des lebenslangen Lernens. Frankfurt u.a. 2002: Lang. S. 59–81.
  2. Jost Reischmann: Andragogik? Andragogik! Abschiedsvorlesung 2008

Siehe auch

Literatur

  • Rolf Arnold; Horst Siebert: Konstruktivistische Erwachsenenbildung. 5. Auflage. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2006, ISBN 3-8340-0147-3
  • Alexander Kapp: Platon’s Erziehungslehre, als Pädagogik für die Einzelnen und als Staatspädagogik. Minden und Leipzig: Verlag Ferdinand Eßmann. 1833.
  • Malcolm Shepherd Knowles: The Adult Learner. Fifth Edition. Gulf Professional Publishing, Houston 1998.
  • Lothar Krapohl, Erwachsenenbildung. Spontaneität und Planung (= Schriften des Instituts für Beratung und Supervision, Band 2), (= zugl. Hochschulschrift: Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 1987), Aachen 1987, ISBN 3-9801175-1-0.
  • Ruth Meyer: Lehren Kompakt - Von der Fachperson zur Lehrperson. hep, Bern 2004, ISBN 978-3-03-905096-3.
  • Jost Reischmann: Andragogik - Wissenschaft von der Bildung Erwachsener. Alter Name für eine neue Sache. In: Beiheft zum Report. Karin Derichs-Kunstmann, Peter Faulstich, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Qualifizierung des Personals in der Erwachsenenbildung. Frankfurt: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung 1996, S. 14–20.
  • Jost Reischmann: Andragogik - Wissenschaft von der lebenslangen und lebensbreiten Bildung Erwachsener. In: Paape, Björn/Pütz, Karl (Hg.): Die Zukunft des lebenslangen Lernens. Frankfurt u.a. 2002: Lang. S. 59-81.
  • Jost Reischmann: Andragogy. History, Meaning, Context, Function. Download at http://www.andragogy.net. Version Sept. 9, 2004.
  • Jost Reischmann: Andragogik? Andragogik! Abschiedsvorlesung 2008
  • Eugen Rosenstock: Symbol und Sitte als Lebensmächte. In: Die Erziehung, (1929), 4. Jg., H. 6, S. 341–361.
  • Walter Schoger: Andragogik? Zur Begründung einer Disziplin von der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2004, ISBN 3-89676-839-5

Weblinks


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