Andranik Margaryan

Andranik Markarjan (armen. Անդրանիկ Մարգարյան, in englischer Transkription Markarian[1]; * 12. Juni 1951 in Eriwan; † 25. März 2007) war ein armenischer Politiker, zuletzt von 2000 bis zu seinem Tod Premierminister von Armenien.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Andranik Markarjan studierte von 1967 bis 1972 an der Eriwaner Politechnischen Ingenieurhochschule Computertechnik in der kybernetischen Abteilung (Eriwan war als Hauptstadt der Armenischen SSR ein Zentrum der sowjetischen Computerindustrie). Seit 1965 war er in der Politik engagiert und seit 1968 Mitglied der Nationalen Vereinigten Partei, die in der Armenischen SSR von 1967 bis 1987 im Untergrund operierte. Seit 1973 gehörte er dem Vorstand der Partei an. Er kritisierte das totalitäre sowjetische System, verteidigte die armenischen Angelegenheiten und drückte seine Vision der Zukunft der armenischen Bürger in einem demokratischen und unabhängigen Staat aus. Von 1972 bis 1974 war Markarjan wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Kollegs, später Ingenieur in der Niederlassung Eriwan des Forschungsinstituts der Gasindustrie. 1974 wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet und als nationalistischer Dissident zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Nach der Haft arbeitete er von 1977 bis 1978 als Ingenieur im Energieforschungsinstitut Armeniens (zu dieser Zeit bestand das Problem eines Energiedefizits, das durch den Bau des Kernkraftwerkes Mezamor gelöst wurde). 1978–1979 arbeitete er als Chef der Abteilung Computer der Elektrotechnischen Fabrik, 1979–1990 als Chef der Abteilung Elektronik des nationalen Informations-Computer-Zentrums im Handelsministerium.

Von 1990, als sich die UdSSR bereits im Prozess der Auflösung befand, bis 1994 fungierte er als Chef der Abteilung Informationen in der „Nationalen Abteilung für spezielle Programme“. Seit 1992 war er Mitglied der Republikanischen Partei, der inzwischen größten Partei in Armenien. 1996 trat er einer Vereinigung von Veteranen des Krieges um Bergkarabach bei und wurde später Mitglied des Vorstands.

1994–1995 arbeitete er erneut als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Colleges an der Staatlichen Ingenieursuniversität Armeniens, bis er 1995 als Abgeordneter in die Nationalversammlung einzog. 1997 wurde er Vorsitzender der Republikanischen Partei. Bei den Wahlen von 1999 verteidigte er sein Direktmandat und wurde danach zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Am 12. Mai 2000 übernahm er das Amt des Premierministers der Republik Armenien von Aram Sarkissjan. Nach den Wahlen 2003 blieb er als Premierminister Markarjan im Amt und leitete seitdem die Koalitionsregierung, die resultierend aus den Wahlen gebildet wurde. Für die Parlamentswahlen am 12. Mai 2007 wollte er erneut antreten und stand auch auf Platz 1 der Liste seiner Partei. Es galt aber als ausgemacht, dass der Verteidigungsminister Sersch Sarkissjan nach den Wahlen Markarjans Posten übernehmen werde. Sarkissjan war erst 2006 der Republikanischen Partei beigetreten, übernahm aber sofort den Vorsitz des Parteirates. Im laufenden Wahlkampf übernahm Markarjan wie zuvor eine ausgleichende Rolle.[2]

Markarjan starb im Alter von nur 55 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Er hinterlässt eine Frau, drei Kinder und fünf Enkelkinder.

Regierungsbilanz

Als Markarjan ernannt wurde, befand sich das Land in einer tiefen innenpolitischen Krise. Am 27. Oktober 1999 hatten Attentäter die armenische Nationalversammlung gestürmt und erschossen führende Politiker (u.a. den Premierminister Wasken Sarkissjan, den Parlamentspräsidenten Karen Demirtschjan, einen Minister und fünf einfache Abgeordnete). Durch dieses Ereignis wurde nicht nur die allgemeine Polarisierung in der Gesellschaft erhöht, sondern es verschärfte sich auch die Fraktionenbildung innerhalb der Republikanischen Partei. Zunächst übernahm Aram Sarkissjan, der Bruder des ermordeten Ministerpräsidenten das Amt, geriet jedoch in immer größere Konflikte mit Präsident Robert Kotscharjan.

Es wurde ein Kompromisskandidat gebraucht, dem möglichst weite Kreise innerhalb der Elite vertrauen konnten. Markarjan erfüllte diese Position gut. Er wurde mit der Zeit trotz seines fehlenden Charismas zu einer Schlüsselfigur im politischen System und erwarb sich auch unter Oppositionsvertretern Respekt. Mit seiner Fähigkeit, auszugleichen und zu vermitteln, erreichte er eine innenpolitische Stabilität, die allgemein als seine größte Leistung gilt. Seine fast sieben Jahre währende Amtszeit als Premierminister ist die mit Abstand längste in der jungen Geschichte der Republik Armenien – vorher hatte es neun Premierminister in neun Jahren gegeben.

Während seiner Regierungszeit wuchs die Wirtschaft kräftig (die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes lag jeweils über 10%), allerdings sank die Arbeitslosigkeit erst 2006 spürbar. Dies Phänomen, auch jobless growth („Wachstum ohne zusätzliche Arbeitsplätze“) genannt, ist typisch für früher sozialistische Länder, weil das Wachstum in erster Linie durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität erreicht wird. In Armenien ist die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren immer größer geworden und die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen ist größer als allen anderen GUS-Staaten. Der Konflikt um Bergkarabach blieb während seiner Amtszeit bestehen (es ist allerdings anzumerken, dass in Armenien – ähnlich wie z.B. in Frankreich – der Präsident wesentlich größere Kompetenzen im Bereich der Außenpolitik besitzt).

Kaum Fortschritte waren bei der Korruptionsbekämpfung zu verzeichnen. Zwar wurden auf Initiative u.a. des Europarates mehrere neue Gesetze in diesem Bereich verabschiedet, doch es mangelt an der Umsetzung. Beispielsweise gilt die Verkehrspolizei als endemisch korrupt. Ähnliches gilt für Stadtverwaltungen in Bezug auf Baugenehmigungen und den Gesundheitsektor. Die begonnene Reform des Bildungssystems kann noch nicht beurteilt werden, weil Erfolge oder Misserfolge erst im Laufe von Jahren offenbar werden. Im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess sollen die Universitäten reformiert werden. Gegenwärtig ist die Korruption aber auch dort weit verbreitet. Das Schulsystem umfasste früher nach sowjetischem Modell nur elf Klassenstufen. Es wurde mit den neuen Erstklässlern auf 12 Klassenstufen umgestellt. Damit kommen jetzt alle Kinder mit sechs Jahren in die Schule. Im Rahmen dieser Umstellung soll der Unterricht in der ersten Klasse weniger leistungsorientiert und spielerischer gestaltet werden.

Quellen; Fußnoten

  1. Die verbreitete englische Schreibweise Andranik Margaryan ist eine Transliteration, denn der Name wird zwar mit g (գ) geschrieben, man spricht es aber (ք) aus
  2. Armeniens Premier ist tot (taz vom 26.3.2007, S. 2, 21 Z. (Agentur dpa)

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Andranik Margaryan — nationality=Armenian order=14th Prime Minister of Armenia term start=May 12 2000 term end=March 25 2007 predecessor=Aram Sargsyan successor=Serzh Sargsyan birth date=birth date|1951|6|12|mf=y birth place= death date=death date and… …   Wikipedia

  • Andranik Markarian — Andranik Margarian Andranik Margarian 14e Premier ministre arménien …   Wikipédia en Français

  • Andranik Margarian — Անդրանիկ Մարգարեան Andranik Margarian avec l évêque Sebouh Chouldjian. Mandats …   Wikipédia en Français

  • Andranik Markarjan — (armenisch Անդրանիկ Մարգարյան, in englischer Transkription Markarian[1]; * 12. Juni 1951 in Jerewan; † 25. März 2007) war ein armenischer Politiker, zuletzt von 2000 bis zu seinem Tod Premierminister von Armenien. Inhaltsverzeichnis 1 Leben …   Deutsch Wikipedia

  • Politics of Armenia — takes place in a framework of a presidential representative democratic republic, whereby the President is the head of government, and of a platform multi party system. Executive power is exercised by the government. Legislative power is vested in …   Wikipedia

  • 2007 in Armenia — Events from the year 2007 in ArmeniaEventsJanuary*January 1: The Armenian government detains citizen Vahan Aroyan for allegedly plotting a coup d état against Armenian President Robert Kocharyan. The Association of Armenian Volunteers, a… …   Wikipedia

  • List of Armenians — The following are prominent people of Armenian descent.Actors*Adrienne Barbeaundash (born 1945) actress *Akim Tamiroffndash (1899 1972) actor *Andrea Martinndash (born 1945) actress *Andy Serkisndash (born 1964) actor *Aracy Balabanian [http://pt …   Wikipedia

  • State Engineering University of Armenia — Infobox University name = State Engineering University of Armenia motto = established = 1933 as the Yerevan Polytechnic Institute. Became part of calendar = Quarter type = Public endowment = staff = faculty = chancellor = V. Z. Marukhyan provost …   Wikipedia

  • Mikael Harutyunyan — Serzh Sargsyan Robert Kocharyan 7th Defence Minister of Armenia In office April 4, 2007 – April 14, 2008 Preceded by Serzh Sargsyan Succeeded by Seyran Ohanyan …   Wikipedia

  • June 12 — Events*1381 Peasants Revolt: in England, rebels arrive at Blackheath. *1418 An insurrection delivers Paris to the Burgundians. *1429 Hundred Years War: Joan of Arc leads the French army in their capture of the city and the English commander,… …   Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”