Andreas Müller-Pohle

Andreas Müller-Pohle (* 19. Juli 1951 in Braunschweig) ist ein deutscher Fotograf, Medienkünstler und Verleger. Sein fotografisches Werk ist seit Mitte der 1970er Jahre gekennzeichnet durch eine intensive theoretische Auseinandersetzung mit Fragen der Medialität und Wahrnehmbarkeit. Er gilt als wichtiger Repräsentant der generativen Fotografie und als Hauptvertreter des Visualismus.

Als Verleger gilt Müller-Pohles Interesse der Verbreitung der Schriften Vilém Flussers sowie der Vernetzung der europäischen Fotografie, vor allem durch seine Zeitschrift „European Photography“.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Andreas Müller-Pohle studierte von 1973 bis 1974 in Hannover, von 1974 bis 1979 in Göttingen Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften. Ab 1974 Tätigkeit als freier Fotograf und theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie. 1980 gründet Müller-Pohle die Zeitschrift „European Photography“ und ist seitdem ihr Herausgeber. Auf seine Anregung hin verfasst der befreundete Philosoph Vilém Flusser 1981 die Schrift „Für eine Philosophie der Fotografie“. Seitdem setzt sich Müller-Pohle intensiv mit dem Œuvre Flussers auseinander: Zusammen mit Volker Rapsch gibt er 1986 Flussers Werk „Die Schrift“ als erstes elektronisches Buch auf Diskette heraus. 1996 gründet er die „Edition Flusser“, in der zunächst Werke des tschechischen Kommunikationswissenschaftlers und Philosophen erscheinen, später auch andere Autoren. Seit Anfang der 1980er Jahre unterrichtet Müller-Pohle in Europa und den USA, seit 1997 als Gastprofessor am Higher Institut for Fine Arts in Antwerpen.

Müller-Pohle lebt und arbeitet in Berlin.

Werk

Andreas Müller-Pohles Arbeiten sind gekennzeichnet durch eine stark reflexive Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie: Charakteristisch für seine Fotoarbeiten ist, dass in ihnen das „Abgebildete“ in seiner scheinbaren Evidenz hinterfragt wird. Dies geschieht zumeist durch Techniken der digitalen Bildbearbeitung, mit denen sich Müller-Pohle bereits sehr früh beschäftigt hat. Sein Interesse für „Interfaces“ in ihrer Doppelfunktion als Verfremdung und Übersetzung bringt ihn in mehreren seiner Arbeiten dazu, auf das klassische fotografische Bild vollständig zu verzichten und es in andere Codesysteme zu transformieren (etwa in Brailleschrift, genetischen Code oder japanische Schriftzeichen). Seine aktuelle Arbeit „Danube River Project“ greift diese langjährige Beschäftigung mit Interfaces auf: Ein „Bildatlas“ der Donau wird ergänzt und kommentiert durch ihr „Blutbild“, das der Künstler aus Wasserproben ermittelt und in die Fotografien eingeschrieben hat.

Müller-Pohles Werk findet international seit Mitte der 1980er Jahre Beachtung und wird dort zumeist unter der Genrebezeichnung „digital art“ verhandelt.

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 1978: Galerie Krebaum, Weinheim
  • 1979: Work Gallery, Zürich
  • 1981: Galerie Renner, München
  • 1982: Benteler Galleries, Houston/Texas
  • 1986: Museu da Imagem e do Som, São Paolo
  • 1992: Fotogalerie Wien, Wien
  • 1993: Galeria Documenta, São Paolo
  • 1995: Espace Photographique Contretype, Brüssel
  • 1997: Galerie Condé und Galerie Mantoux-Gignac, Paris
  • 1997: The Print Center, Philadelphia
  • 1997: Centre de la Photographie, Québec
  • 1998: Müncsarnok/Kunsthalle, Budapest
  • 2000: The Museum of Contemporary Photography, Chicago
  • 2000: Galerie Esther Woerdehoff, Paris
  • 2002: Galerien Ississ und Prinz, Kyoto
  • 2003: Museum für Photographie, Braunschweig
  • 2004: Romanian Literature Museum, Bucharest
  • 2005: Aura Gallery, Shanghai
  • 2006: Donauschwäbisches Zentralmuseum, Ulm („Danube River Project“)

Weitere Einzelausstellungen, die Beteiligungen an Gruppenausstellungen und aktuelle Projekte sind im Ausstellungsverzeichnis dokumentiert.

Zitate

  • „Was ich nicht sehe, fotografiere ich. Was ich nicht fotografiere, sehe ich.“ (Müller-Pohle)
  • „Die Auseinandersetzung mit Sichtbarkeit, Wahrnehmbarkeit und fotografischer Medialität bildet gleichsam den Ariadnefaden im fotografischen Œuvre von Andreas Müller-Pohle. Immer hat er dabei seine Tätigkeit theoretisch reflektiert (insbesondere im Konzept des 'Visualismus', das er 1980 veröffentlichte), ohne dass seine künstlerischen Arbeiten sich darauf reduzieren ließen oder gar zu bloßen Exempeln seines theoretischen Diskurses geworden wären.“ (Carl Aigner)
  • „Müller-Pohle (hat) konsequent ein experimentelles Œuvre angelegt, das sich von der Darstellung der Dinge hin zu der Vermittlung ihrer Undarstellbarkeit bewegt hat. Interfaces wird man die Arbeiten nennen können, die Gesichter sind aus dem Blick, und Andreas Müller-Pohle läßt die Bilder im Aufbruch zur ewigen Zeitgenossenschaft kommunizieren.“ (Hubertus von Amelunxen)

Literatur

Einzelveröffentlichungen, Kataloge

  • Transformance, Göttingen: European Photography, 1983
  • Was ich nicht sehe, fotografiere ich. Was ich nicht fotografiere, sehe ich. Arbeiten 1976-1991, Cottbus: Brandenburgische Kultursammlungen, 1991
  • Signa, Wien: Fotogalerie, 1992
  • Perlasca Pictures, Hildesheim: Kunstverein Hildesheim, 1995.
  • Entropia, Göttingen: European Photography, 1996
  • Synopsis, Göttingen: European Photography, 1997
  • Partitions digitales I (d'après Niépce), Göttingen: European Photography, 1997
  • Digitális Partitúrák III, Budapest: Mücsarnok Art Hall, 1998
  • Interfaces, Göttingen: European Photography, 1999
  • Yumiko, Portland: Nazraeli Press, 2003
  • codeZone. Digital Works 1995-2005, Shanghai: Aura Gallery, 2005
  • The Danube River Project, Berlin: Peperoni Books, 2007 ISBN 978-3-9809677-5-4

Herausgeberschaft

  • Hauptschriften der 1980er Jahre und Nachlasswerke von Vilém Flusser in der Edition Flusser. Göttingen: European Photography, 1996-2006.
  • (Hg.) dumont foto IV. Fotografie in Europa heute, Köln: DuMont, 1982

Weblinks


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