Ketische Sprache

Ketische Sprache

Die jenisseischen Sprachen sind eine kleine Familie von Sprachen in Sibirien, die mit anderen sibirischen Sprachen zur Gruppe der paläosibirischen Sprachen zusammengefasst werden. Die paläosibirischen Sprachen bilden allerdings keine genetische Einheit, sondern nur eine Gruppe altsibirischer Restsprachen, die schon vor dem Eindringen uralischer, türkischer und tungusischer Ethnien dort gesprochen wurden.

Inhaltsverzeichnis

Die jenisseische Sprachfamilie

Das Jenisseische besteht heute nur noch aus der Ketischen Sprache mit 600 bis maximal 1000 Sprechern im mittleren Jenissei-Tal im Turuchansk-Distrikt des Gebietes Krasnojarsk. Das nahe verwandte Jugische (Yugh, Jug, Sym-Ketisch) ist bereits völlig ausgestorben: 1991 wird von 2-3 älteren 'Halbsprechern' in einer ethnischen Gruppe von etwa 15 Personen berichtet, in den 1970er Jahren starb der letzte kompetente Jugisch-Sprecher. Die übrigen Sprachen der Jenissei-Familie - Kottisch, Arinisch, Assanisch und Pumpokolisch - wurden weiter südlich vom heutigen Ketischen gesprochen und verschwanden im 19. Jhdt., ihre Sprecher assimilierten sich an die türkischen Chakassen, die tungusischen Ewenken oder die Russen. Wegen seiner nahen genetischen Verwandten sollte man das Ketische nicht - wie man es oft liest - als isolierte Sprache betrachten, selbst wenn es heute der einzige Vertreter seiner Familie ist.

Klassifikation der jenisseischen Sprachen

  • Jenisseisch   6 Sprachen, davon 5 †   (600 - 1.000 Sprecher)
    • Ket-Yug
      • Ket (Jenissei-Ostjakisch, Inbatsk) (600-1.000)
      • Yug (Yugh, Jug, Sym-Ket) (ca 1990 †)
    • Kott-Pumpokol
      • Pumpokol †
      • Kott †
    • Arin-Assan
      • Assan †
      • Arin †

Das Ketische

Das Ketische ist die einzige überlebende jenisseische Sprache. Die Bezeichnung Ket bedeutet „Mensch“, die wenig differenzierende russische Bezeichnung dieser Sprache ist Jenissej-Ostjakisch. Allerdings wird von den heutigen Keten durchaus ostik als Selbstbezeichnung verwendet. Erste Aufzeichnungen des Ketischen und des Jugischen gibt es seit dem 18. Jahrhundert (P.S. Pallas), 1858 wird aus dem Nachlass des Finnen Matthias Alexander Castrén die erste grammatische und lexikalische Studie über das Ketische, Jugische und Kottische publiziert. Eine weitere Grammatik des Ketischen erschien 1934 von A. Karger, eine neuere Darstellung 1968 von Kreinovich sowie im gleichen Jahr besonders ausführlich von Dul’zon.

In den 1930-er Jahren wurde für das Ketische eine Schrift auf Basis des lateinischen, und 1988 auf Basis des kyrillischen Alphabets geschaffen. Es gibt Bemühungen, ketischen Sprachunterricht in Kindergärten und Schulen einzuführen. Der soziale Status der Sprache bleibt aber niedrig, und ein baldiges Aussterben ist anzunehmen, zumal die heutigen Sprecher alle der älteren Generation angehören.

Linguisten ziehen die Bezeichnung Ketisch (Ket, Ketskij jazyk) vor, da die Bezeichnung Jenissej-Ostjakisch zur Verwechslung der Keten mit den „eigentlichen“ Ostjaken führen kann. Ostjakisch ist auch die veraltete Bezeichnung für die Sprache der Chanten, die zu den ugrischen Sprachen gehört.

Sprachliche Charakteristik

Typologisch, phonologisch, morphologisch und lexikalisch weicht das Jenisseische von den anderen paläosibirischen Sprachen deutlich ab, zeigt aber Ähnlichkeiten zu den nordkaukasischen Sprachen, den Na-Dené-Sprachen und zum Burushaski, was dazu führte, dass manche Forscher seine Eingliederung in die dene-kaukasische Makrofamilie befürworten (siehe unten). Typologische Charakteristika (wie etwa präfigierender Verbalbau u. ä.) reichen zur Annahme von Sprachverwandtschaft jedoch nicht aus.

Seine charakteristischen Eigenschaften sind die Existenz eines Klassensystems mit den Nominalklassen belebt (maskulin und feminin) – unbelebt, außerdem ein System phonemischer Töne (siehe Tonsprache) mit vier bedeutungsunterscheidenden Tonemen. Die Nominalmorphologie ist – wie bei allen paläosibirischen Sprachen – (überwiegend) agglutinierend und suffigierend, die Verbalbildung polysynthetisch. Die finiten Verbalformen besitzen mindestens acht Slots zur Markierung der Person von Subjekt und Objekt, Tempus u.a. Kategorien. Oft werden morphologische Kategorien pleonastisch, d.h. an mehreren Stellen der Verbalkette, ausgedrückt. Inkorporiert werden können intransitive Subjekte, direkte Objekte und adverbielle Ergänzungen. Ein Beispiel aus dem Ketischen ist

  • tkitna, analysierend t-k-it-n-a
t   Subjektmarker 1. Person sg.
k-…-a   Verbstamm „in Stücke schneiden“
it   Objektmarker 3. Person fem. sg.
n   Tempusmarker Präteritum

Bedeutung: „ich habe sie (f.sg.) in Stücke geschnitten“

(Analyse stark vereinfacht)

Die jenisseischen Sprachen besitzen ein reiches Vokabular zur Darstellung der traditionellen Lebensbereiche, wie Flora, Fauna, Jagd und Wetter. Lehnwörter stammen aus dem angrenzenden samojedischen Selkupischen (insbesondere Begriffe der Rentierzucht), aber auch (weniger) aus dem tungusischen Ewenkischen. Seit 1934 hat mit der Einführung der kyrillischen Schrift eine starke Russifizierung des Ketischen eingesetzt.

Jenisseische Wortgleichungen

Die enge Verwandtschaft der überlieferten jenisseischen Sprachen zeigen einige Wortgleichungen in der folgenden Tabelle (nach Ruhlen-Starostin 1994, vereinfachte phonetische Darstellung):

Bedeutung Ket Yug † Kott † Arin †
Mensch ke?t ke?t het kit
Menschen deŋ deŋ čeäŋ .
Frau qim xim . qam
Mutter am am ama amä
Vater op op op ipa
Bruder bis bis pos pes
Auge des des tiš tieŋ
Blut sul sur šur sur
Fleisch is is iči is
Hund tip čip šip .
Herbst χogde xogdi hori kute
Messer do?n do?n ton ton
Fluss ses ses šet sat
vier sik sik šegä šaga
fünf qak xak khegä qaga

Beziehungen des Jenisseischen zu anderen Sprachfamilien

Das Jenisseische wird von manchen Forschern als Kandidat für die Mitgliedschaft in der hypothetischen dene-kaukasische Makrofamilie betrachtet, die unter anderen die sinotibetischen, „nordkaukasischen“ (d.h. Nordwest- und Nordostkaukasisch, Verwandtschaft untereinander nicht sicher), die nordamerikanischen Na-Dené-Sprachen, das Baskische, das Burushaski und eben das Jenisseische umfassen soll.

Diese These einer dene-kaukasischen Makrofamilie wird bisher nur von einer kleinen Gruppe von Linguisten akzeptiert, von zahlreichen historischen Linguisten und Spezialisten der genannten Sprachfamilien aber oft vehement abgelehnt. Die Hauptschwierigkeit bei ihrer Verifizierung ist das große Alter von mehr als zehntausend Jahren, das man für die gemeinsame Proto-Sprache ansetzen müsste, und die damit verbundenen äußerst spärlichen noch greifbaren Gemeinsamkeiten.

Allgemein wird jedoch anerkannt (u.a. auch von Janhunen und Vajda), dass aufgrund der bekannten Verbreitung in den letzten 2-3 Jahrhunderten aus russischen Berichten und noch früher aus chinesischen Quellen über die Völker Innerasiens die jenisseischen Sprachen einst geographisch bedeutend weiter verbreitet gewesen sind und im Süden an Gebiete turkischer und mongolischer Sprecher gegrenzt haben. Nach Vajda kam es dabei allerdings nur zu wenigen Entlehnungen aus dem Jenisseischen in diese beiden Sprachen, doch umgekehrt stammen etliche Entlehnungen aus dieser Zeit, aber trotzdem weniger als in neuerer Zeit aus dem Russischen.

Heinrich Werner postuliert eine Sprachfamilie “Baikal-Sibirisch”, in welcher er das Jenisseische, die Na-Dené-Sprachen und die nur trümmerhaft überlieferte Sprache der Dingling zusammenfasst, die den früheren chinesischen Kleinstaat Wei bildeten und sich dann mit den Göktürken verbündeten (Werner 2004). (Dieser Staat Wei ist nicht derjenige gleichen Namens, welcher zu den sogenannten 16 chinesischen Königreichen gezählt wird.)

Auch der amerikanische Linguist Edward Vajda postuliert seit einiger Zeit die Verwandtschaft zwischen den jenisseischen und den nordamerikanischen Na-Dené-Sprachen - ohne die weitergehende „dene-kaukasische“ Hypothese zu akzeptieren (Vajda 2002 und 2004). Vajda (2002) gruppiert das Jenisseische sogar innerhalb des Na-Dené näher an Tlingit-Eyak-Athapaskisch als an Haida bzw. neigt in neueren Arbeiten dazu, das Haida ganz aus dieser Gruppierung hereauszunehmen:

  • Na-Dené-Jenisseisch (nach Vajda)
    • Haida
    • Dené-Jenisseisch
      • Tlingit-Eyak-Athapaskisch
      • Jenisseisch

Werners und Vajdas These der näheren Verwandtschaft der jenisseischen Sprachen mit den Dené-Sprachen wird unterstützt durch jüngste genetische Untersuchungen der Sprecher dieser Sprachen (Rubicz et al. 2002). Bereits frühere phänotypische Untersuchungen nordamerikanischer Indianer (Gebisseigenheiten) ergaben klare Unterschiede der Na-Dené-Sprecher zu ihren eskimoischen und sonstigen indianischen Nachbarn.

Siehe auch

Literatur

Grammatische Übersichten

  • Georg, Stefan: A Descriptive Grammar of Ket (Yenisei Ostyak), Volume I: Introduction, Phonology, Morphology, Folkestone/Kent: Global Oriental 2007
  • Werner, Heinrich: Die ketische Sprache. Wiesbaden: Harrassowitz, 1997.
  • Vajda, Edward J.: The Kets and Their Language. Mother Tongue IV, 1998.
  • Vajda, Edward J.: Ket. Lincom Europa, München 2004. (englisch)

Sonstiges

  • Bengtson, John D.: Some Yenisseian Isoglosses. Mother tongue IV, 1998.
  • Rubicz, R., Melvin, K.L., Crawford, M.H. 2002. Genetic Evidence for the phylogenetic Relationship between Na-Dene and Yenisseian Speakers. Human Biology, Dec 1 2002 74 (6) 743-761.
  • Vajda, Edward J. (Ed.): ''Languages and Prehistory of Central Siberia. Current Issues in Linguistic Theory 262. John Benjamin Publishing Company. 2004. (Darstellung des Jenisseischen und seiner Sprecher mit Nachbarsprachen aus linguistischer, historischer und archäologischer Sicht)
  • Vajda, Edward J.: The Origin of Phonemic Tone in Yeniseic. In CLS 37, 2002. (Parasession on Arctic languages: 305-320).
  • Werner, Heinrich: Reconstructing Proto-Yenisseian. Mother Tongue IV, 1998.
  • Werner, Heinrich: Zur jenissejisch-indianischen Urverwandtschaft. Harassowitz, Wiesbaden 2004.

Weblinks


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