Andrej Amalrik

Andrei Alexejewitsch Amalrik (russisch Андрей Алексеевич Амальрик; * 12. Mai 1938 in Moskau; † 12. November 1980 bei Guadalajara, Spanien) war ein russischer Historiker, Publizist, Schriftsteller und Dissident.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Amalrik wurde als Sohn des Historikers und Archäologen Alexei Sergejewitsch Amalrik und dessen Frau Zoja Grigorijewna Amalrik (geb. Schablejewa) geboren. Der junge Amalrik glänzte in der Schule öfter durch Abwesenheit, spielte gerne Eishockey und führte mit dem Puppentheater eigene Stücke auf. Kindheit und Jugend waren im übrigen geprägt durch die Ära des Stalinismus.

Studium und Avantgarde

Von 1959/1960 an studierte er an der Historischen Fakultät der Staatlichen Moskauer Universität. In einer Arbeit vertrat er die - von westlichen Historikern vertretene von der sowjetischen Historikerschule abgelehnte - These, bei der Gründung des ersten russischen Staates hätten normannische Waräger die führende Rolle gespielt. Er wurde deswegen ein Jahr vor Abschluss des Studiums 1963 von der Universität verwiesen und arbeitete in der Folgezeit als Postbote, technischer Übersetzer und Zeitnehmer bei Sportveranstaltungen.

Von der Kommunistischen Partei war in den sechziger Jahren die Kunst des Sozialistischen Realismus verordnet. Amalrik sammelte seit Ende der fünfziger Jahre zeitgenösssische Werke avantgardistischer sowjetischer Künstler; er selbst schrieb Dramen, die sich am Theater des Absurden orientierten.

Erste Haft

Als einer der ersten Dissidenten der russischen Bürgerrechtsbewegung suchte Amalrik gezielt Kontakt zu in Moskau akkreditierten westlichen Diplomaten und Journalisten. Im Januar 1965 wurde in Moskau die Ausstellung des sowjetischen Expressionisten und Untergrundkünstlers Anatoli Swerew eröffnet; Swerew selbst wurde dazu in Amalriks Wohnung von einem US-amerikanischen Journalisten befragt - zu dieser Zeit in der Sowjetunion ein strafwürdiges Vergehen. Die Miliz und KGB suchten Amalrik auf, er wurde zu Vernehmungen einbestellt.

Am 15. Mai 1965 wurde er zur Staatsanwaltschaft einbestellt und in der Butyrka inhaftiert, die Wohnung wurde durchsucht. Nach vorübergehender Freilassung wurde er vor Gericht gestellt und zu zweieinhalb Jahren Verbannung mit Zwangsarbeit verurteilt, formal als Tagedieb (Russisch: тунеядец) wegen Parasitentums. Eine Verurteilung wegen Parasitentums war in der Sowjetunion insbesondere bei kritischen Intellektuellen üblich.

Im Juni 1965 wurde Amalrik nach Stationen in den Gefängnissen in Swerdlowsk, Nowosibirsk und Tomsk ins sibirische Dorf Gurjewka gebracht, wo er in der Kolchose Kalinin arbeitete. Nach dem Tod seines Vaters erhielt er Ende September die Erlaubnis nach Moskau zu fahren. Dort machte er der Malerin Gjusel Kowylewna Makudinowa, einer Malerin tatarischer Nationalität einen Heiratsantrag. Im Herbst reiste er mit ihr zurück in die Verbannung ins Dorf Gurjewka und heiratete sie dort. Im Dezember fuhr Amalriks Frau zurück nach Moskau.

Freiheit und Menschenrechtsbewegung

Am 29. Juli 1966 kehrte Amalrik nach Seiner Freilassung nach Moskau zurück, wo er mit seiner Frau in einer so genannten Kommunalka) in einem Zimmer wohnte. 1966 und 1967 arbeitete er an seinem ersten Buch Ungewollte Reise nach Sibirien (russisch: Нежелательное путешествие в Сибирь) nach Abschluss gelang es ihm, das Manuskript zum Druck in den Westen schmuggeln zu lassen. Amalrik nahm wieder am Leben der Moskauer Künstlerszene teil; verfasste er Artikel über kulturelle Themen für die staatliche Nachrichtenagentur Nowosti.

Von 1968 bis 1970 arbeitete Amalrik verstärkt als Menschenrechtsaktivist. Er half die sowjetische Samisdat-Publikation Chronik der laufenden Ereignisse (Хроника текущих событий) vorzubereiten, und eine Dokumentation über den Prozess gegen Dissidenten zusammenzustellen. Mit dieser wurde er allerdings im September 1968 auf einem Bahnhof erwischt, festgenommen und wieder freigelassen. Nach dem Einmarsch der UdSSR in der Tschechosloawkei begann ohnehin eine intensivere Beobachtung der Dissidentenszene durch den KGB. Amalrik musste nun wieder als Postbote arbeiten, seine Wohnung wurde zweimal durchsucht. Dennoch gelang es ihm, in dieser Zeit das Buch Erlebt die Sowjetunion das Jahr 1984 (russisch: Доживет ли Советский Союз до 1984 года?) fertigzustellen und erneut in den Westen schmuggeln zu lassen. Zur Herausgabe des Buches gab er amerikanischen Korrespondenten ein Interview.

Zweite Haft, Krankheit und Verbannung

Das führte klarerweise sofort zu Maßnahmen der russischen Staatssicherheit. Am 21. Februar 1970 wurde Amalriks Wohnung durchsucht, am 21. Mai wurde er erneut verhaftet, Datsche und Wohnung wurden noch einmal durchsucht. Am 12. November begann die Gerichtsverhandlung, Amalrik wurde zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Seine Strafe verbüßte er in am Kolyma und in der Region Magadan, dort insbesondere im Lager 261/3 im Dorf Talaja, wo er als Putzkraft tätig war. Während der Haftzeit erkrankte er an Meningoenzephalitis.

Im Jahr 1973 wurde er der Verbreitung antisowjetischer Propaganda in Haftanstalten beschuldigt; Amalrik trat daraufhin in Hungerstreik, den er nach fünf Tagen abbrach. Am 13. August wurde er erneut zu drei Jahren, diesmal verschärfter Zwangsarbeit verurteilt. Er trat erneut in Hungerstreik und wurde zwangsweise ernährt. Das Urteil wurde von verschärfter Zwangsarbeit in Verbannung abgemildert, Amalrik beendete darauf hin den Hungerstreik. Während der Zeit der Verbannung lebte er in Magadan und arbeitet an einem Institut der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Im Januar 1975 machte ihm der KGB den Vorschlag, seine Ausreise nach Israel zu beantragen.

Freilassung und Ausreise

Am 6. Mai 1975 wurde Amalrik freigelassen und fuhr nach Moskau. Sein Antrag auf Ausstellung eines Passes und einer Aufenthaltsgenehmigung für Moskau wurde abgelehnt. Er bekam eine Aufenthaltsgenehmigung für den Weiler Worsino bei Borowsk im Bezirk Kaluga. Er hielt sich illegal in Moskau auf und half dort bei der Gründung der Helsinki-Gruppe, die in der Folgezeit unter Berufung auf die Schlussakte von Helsinki die Respektierung der Menschenrechte forderte.

Nachdem er aus Holland eine Einladung bekommen hatte, willigte Amalrik in die Ausreise ein und nutzte noch einmal die letzte Gelegenheit zu einer Rundreise durch Russland. Am 17. Mai 1976 erhielt er ein Ausreisevisum für Holland und Israel. Am 15. Juli reiste er nach Amsterdam.

Exil und Tod

Die folgenden Jahre arbeitete Amalrik als Literat und Publizist im Exil. Auf der Fahrt nach Madrid zu einer Konferenz über Menschenrechtsfragen starb er bei einem Autounfall am 12. November 1980 in der Nähe der spanischen Stadt Guadalajara.

Zitat

  • Die Andersdenkenden vollbrachten eine Tat von genialer Einfachheit – in einem unfreien Land begannen sie, sich wie freie Menschen zu benehmen.

Werke

Russische Ausgaben zu Lebzeiten

  • Erlebt die Sowjetunion das Jahr 1984 ? Amsterdam, Herzen-Stiftung 1969 (russisch: Просуществует ли Советский Союз до 1984 года ? Амстердам: Фонд им. Герцена, 1969). In Russland einem breiten Publikum zum ersten Mal 1990 in der Zeitschrift Ogonjok Nr. 9, Seite 18 bis 22 auszugsweise zugänglich gemacht.
  • Unfreiwillige Reise nach Sibirien (Нежеланное путешествие в Сибирь) New York: Harcourt Brace Jovanovich, 1970. Online auf Russisch hier [1]
  • Theaterstücke Amsterdam, Herzen-Stiftung 1970 (russisch: Пьесы. Амстердам: Фонд им. Герцена, 1970)
  • Artikel und Briefe Amsterdam, Herzen-Stiftung 1971 (russisch: Статьи и письма: 1967—1970. Амстердам: Фонд им. Герцена, 1971. 100 с. Б-ка Самиздата; № 2)
  • Die UdSSR und der Westen in einem Boot London, Overseas Publications Interchange 1978 (russisch: СССР и Запад в одной лодке. Лондон: OPI, 1978 241 с)

Russische Ausgaben nach dem Tod

  • Aufzeichnungen eines Dissidenten Ann Arbor Ardis 1982 (russisch: Записки диссидента. Анн-Арбор Ардис, 1982)
  • Rasputin. Dokumentarische Erzählung (Распутин. Документальная повесть) Moskau, Slowo 1992

Deutsche Erstausgaben

  • Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben ? Zürich, Diogenes 1970
  • Unfreiwillige Reise nach Sibirien Hamburg, Wegner 1970
  • UdSSR - 1984 und kein Ende Essays. Frankfurt a.M. Ullstein, 1981
  • Aufzeichnungen eines Revolutionärs Frankfurt a.M. Ullstein 1983

Weblinks


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