Andronowo-Kultur
Andronowo-Kultur
Zeitalter: Frühe Bronzezeit - Späte Bronzezeit
Absolut: 2300 v. Chr.-1000 v. Chr.
Ausdehnung
Südliches Sibirien und Zentralasien

Die Andronowo-Kultur (wissenschaftlich Andronovo-Kultur) ist eine archäologische Kultur bzw. ein archäologischer Komplex der Bronzezeit, der in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends in Südsibirien und Mittelasien bestand. Sein Gebiet erstreckte sich vom Kaspischen Meer im Westen bis zum Jenissei im Osten und umfasste sowohl den südlichen Bereich der sibirischen Waldsteppen als auch die mittelasiatischen Steppen. Aufgrund der großen räumlichen Ausdehnung lässt er sich in mehrere regionale Gruppen gliedern, die dennoch wichtige kulturelle Eigenschaften gemeinsam haben. Namensgebend ist die Stadt Andronowo (oder Andronovo | 55° 53′ N, 55° 42′ O55.88333333333355.7), in der 1914 mehrere mit reich verzierter Keramik ausgestattete Hockergräber gefunden wurden. Die Andronowo-Kultur wird allgemein der proto-indo-iranischen Sprachgruppe zugeordnet. Die Menschen dieser Kultur werden oft als die Erfinder des Streitwagens mit Speichenrädern bezeichnet (um ca. 2000 v. Chr.).[1]

Die Karte zeigt die ungefähre Verbreitung der Andronowo-Kultur; die prägende Sintashta-Petrovka-Kultur ist dunkelrot, das Gebiet der frühesten Funde von mit Speichenrädern besetzten Streitwagen ist violett, angrenzende und überlappende Kulturen sind grün (Afanassjewo-Kultur, Srubna-Kultur, BMAC - baktrisch-margianische Oasenkultur)

Inhaltsverzeichnis

Geographische Lage

Prähistorische Kulturen Russlands[2]
Mittelsteinzeit
Kunda-Kultur 7400–6000 v. Chr.
Jungsteinzeit
Bug-Dnister-Kultur 6500–5000 v. Chr.
Katakombengrab-Kultur
Dnepr-Don-Kultur 5000–4000 v. Chr.
Sredny-Stog-Kultur 4500–3500 v. Chr.
Jekaterininka-Kultur 4300–3700 v. Chr.
Fatjanowokultur um 2500 v. Chr.
Kupfersteinzeit
Nordkaspische Kultur
Kurgankultur 5000–3000 v. Chr.
Samara-Kultur um 5000 v. Chr.
Chwalynsk-Kultur 5000–4500 v. Chr.
Botai-Kultur 3700–3100 v. Chr.
Jamnaja-Kultur 3600–2300 v. Chr.
Afanassjewo-Kultur 3500–2500 v. Chr.
Usatovo-Kultur 3300–3200 v. Chr.
Glaskowo-Kultur 3200–2400 v. Chr.
Bronzezeit
Poltavka-Kultur 2700–2100 v. Chr.
Potapovka-Kultur 2500–2000 v. Chr.
Sintashta-Kultur 2100–1800 v. Chr.
Okunew-Kultur um 2000 v. Chr.
Samus-Kultur um 2000 v. Chr.
Andronowo-Kultur 2000–1200 v. Chr.
Abaschewo-Kultur 1800–1600 v. Chr.
Susgun-Kultur um 1700 v. Chr.
Srubna-Kultur 1600–1200 v. Chr.
Kolchis-Kultur 1700–600 v. Chr.
Begasy-Dandybai-Kultur um 1300 v. Chr.
Karassuk-Kultur um 1200 v. Chr.
Ust-Mil-Kultur um 1200–500 v. Chr.
Koban-Kultur 1200–400 v. Chr.
Irmen-Kultur 1200–400 v. Chr.
Spätirmen-Kultur um 1000 v. Chr.
Aldy-Bel-Kultur 900–700 v. Chr.
Eisenzeit
Baitowo-Kultur
Tagar-Kultur 900–300 v. Chr.
Nosilowo-Gruppe 900–600 v. Chr.
Ananino-Kultur 800–300 v. Chr.
Tasmola-Kultur 700–300 v. Chr.
Gorochowo-Kultur 600–200 v. Chr.
Sagly-Baschi-Kultur 500–300 v. Chr.
Jessik-Beschsatyr-Kultur 500–300 v. Chr.
Pasyryk-Stufe 500–300 v. Chr.
Sargat-Kultur 500 v. Chr.–400 n. Chr.
Kulaika-Kultur 400 v. Chr.–400 n. Chr.
Tes-Stufe 300 v. Chr.–100 n. Chr.
Schurmak-Kultur 200 v. Chr.–200 n. Chr.
Taschtyk-Kultur 100–600 n. Chr.
Tschernjachow-Kultur 200–500 n. Chr.

Die enorme geographische Verbreitung dieser kulturellen Gruppe lässt sich nur grob feststellen. Im Westen überschneidet sie sich zwischen den Flüssen Wolga und Ural mit dem Gebiet der nahezu zeitgleich auftretenden Srubna-Kultur. Zum Osten hin reicht sie bis in die Tiefebene von Minussinsk und liegt damit zum Teil im Gebiet der früher auftretenden Afanassjewo-Kultur. Weitere Siedlungen sind bis weit in den Süden verstreut, wie z.B. im Kopet-Dag (Turkmenistan), im Pamir (Tadschikistan) oder im Tian Shan (Kirgisistan). Die nördliche Grenze liegt in etwa am südlichen Beginn der Taiga.

Geschichte

In der Mitte des 2. Jahrtausends setzte eine starke ostwärtige Wanderung der Andronowo-Kultur ein, während der man zwischen wenigstens vier Subkulturen unterscheiden kann, deren chronologisches Auftreten aber nur vage bekannt ist:

  • Sintaschta-Petrowka-Arkaim (2200-1600 v. Chr.) im südlichen Ural und Nordkasachstan,
  • Alakul (2100-1400 v. Chr.) zwischen Oxus und Syrdarja und in der Wüste Kysylkum,
  • Fedorowo (1400-1200 v. Chr.) in Südsibirien,
  • Alexejewka (1200-1000 v. Chr.) In Ostkasachstan.

Kultur

Kennzeichnend für die Keramik der Andronowo-Kultur ist die Verzierung mit Mäanderbändern, schraffierten Dreiecken, Zickzackbändern und Fischgrätmustern.

Es wurden bisher nur meist kleine Siedlungen gefunden, die nur selten mit Wall und Graben befestigt waren. Die Häuser waren meist eingetiefte Pfostenbauten, wobei eine starke regionale Variation beobachtet werden kann. Wirtschaftlich spielte Viehzucht nachweislich eine wichtige Rolle, Jagd und Fischfang sind in geringerem Maße ebenfalls nachweisbar, während Ackerbau zwar durch entsprechende Gerätschaften nahegelegt wird, bislang aber nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte.

Regional wurde auch Erzabbau betrieben. Die Gräber weisen eine recht hohe Diversität auf. Im Regelfall wurden die Toten verbrannt oder in Hockerlage bestattet, in den meisten Gebieten wurde über einem oder mehreren Gräbern ein niedriger Kurgan aufgeschüttet.

Die Andronowo-Kultur und die indo-iranische Gruppe

Kulturen, die allgemein mit der indo-iranischen Emigration in Verbindung gebracht werden (nach Encyclopedia of Indo-European Culture): die Andronowo-Kultur, die baktrisch-margianische Oasenkultur und die Yaz-Kultur. Die Swat-Kultur, die Cemetery-H-Kultur, die Kupfer-Hort-Kultur und die PGW-Kultur sind Kandidaten für die indo-arischen Völkerwanderungen.

Südlich des Oxus finden sich keine Bestattungen der Andronowo-Kultur mehr,[3] und auch südlich von Baktrien trifft man auf keine oder nur sehr spärliche Funde.[3][4] Sarianidi notiert dazu, dass „archäologische Funde aus Baktrien und Margiana trotz allem keinen Zweifel daran lassen, dass Andronowo-Stämme vereinzelt in das Gebiet der baktrisch-margianischen Oasenkultur (BMAC) eindrangen.“[5]

Einige Wissenschaftler vertreten die Meinung, dass man die Andronowo-Kultur nicht mit der indo-arischen Kultur oder der des Landes Mitanni verbinden kann, da sie sich erst zu spät herausgebildet hat und auch keine Spuren von kulturellem Austausch (z. B. Kriegerbegräbnisse oder charakteristische Holzrahmenkonstruktionen) mit Indien oder Mesopotamien nachgewiesen sind.[6][7] Der Archäologe J. P. Mallory (1998) tut sich „außerordentlich schwer, eine These für die Expansion aus den nördlichen Regionen in das nördliche Indien aufzustellen“ und bemerkt dazu, dass die vorgeschlagenen Auswanderungswege „die Indo-Iranier nur bis nach Zentralasien führte, aber nicht bis zu den Medern, den Persern oder den Indo-Ariern.“[8]

Nachfolgekulturen

In Südsibirien und Kasachstan folgte der Andronowo-Kultur die Karassuk-Kultur, die einerseits als nicht-indo-europäisch, andererseits als proto-iranisch bezeichnet wird, aber definitiv fremd ist. An den westlichen Grenzen ging die Andronowo-Kultur in der Srubna-Kultur auf, die sich südlich der Abashevo-Kultur entwickelte. In assyrischen Archiven finden sich die ältesten Aufzeichnungen über Menschen aus der Andronowo-Region, namentlich die Kimmerer und die Saken bzw. Skythen, die nach dem Zerfall der Alexejewka-Kultur ab etwa dem 9. Jahrhundert in die Ukraine, über den Kaukasus nach Anatolien, und im späten 8. Jahrhundert nach Assyrien und möglicherweise als Thraker und Sigynnen auch nach Südosteuropa auswanderten. Herodot verortet das Land der Sigynnen jenseits der Donau nördlich der thrakischen Länder, Strabo in der Nähe des Kaspischen Meeres. Beide bezeichnen sie als Iranier.

Siehe auch

Gefäß der Andronowo-Kultur

Literatur

  • Marie-Henriette Alimen u. a. (Hrsg.): Weltgeschichte. Band 1: Vorgeschichte. Weltbild Verlag, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-0400-9.
  • Edwin Bryant: The Quest for the Origins of Vedic Culture. The Indo-Aryan Migration Debate. Oxford University Press, Oxford u. a. 2001, ISBN 0-19-516947-6.
  • Nicolo Di Cosmo: The Northern Frontier in Pre-Imperial China. In: Cambridge History of Ancient China. From the Origins of Civilization to 221 B.C. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1999, ISBN 0-521-47030-7, S. 885–966.
  • Gérard Fussman, Jean Kellens, Henri-Paul Francfort, Xavier Tremblay: Āryas, Aryens et Iraniens en Asie Centrale. (=Publications de l'Institut de Civilisation Indienne. Série in-8°, 72). De Boccard, Paris 2005, ISBN 2-86803-072-6.
  • Karlene Jones-Bley, D. G. Zdanovich (Hrsg.): Complex Societies of Central Eurasia from the 3rd to the 1st Millennium BC. Regional Specifics in Light of Global Models (= Journal of Indo-European Studies. Monograph Series Nr. 45–46). The Institute for the Study of Man, Washington DC 2002,
    • Band 1: Ethnos, Language, Culture, General Problems, Studying Sintashta, The Eneolithic and Bronze Ages. ISBN 0-941694-83-6;
    • Band 2: The Iron Age, Archaeoecology, Geoarchaeology and Palaeogeography, Beyond Central Eurasia. ISBN 0-941694-86-0.
  • J. P. Mallory: Andronovo Culture. In: J. P. Mallory, D. Q. Adams (Hrsg.): Encyclopedia of Indo-European Culture. Fitzroy Dearborn, London u. a. 1997, ISBN 1-88496-498-2.
  • Hermann Parzinger: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum bis zum Mittelalter (= Historische Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung. Bd. 1). Beck, München 2006, ISBN 3-406-54961-6.
  • Hermann Parzinger, Nikolaus Boroffka: Woher stammt das Zinn der Bronzezeit in Mittelasien. In: Archäologie in Deutschland. 2001, ISSN 0176-8522, S. 12–17.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Di Cosmo (S. 903) bezieht sich auf Funde der Andronowo-Kultur um etwa 2026 v. Chr.
  2. Die Datierungen in der Tabelle sind den einzelnen Artikeln entnommen und müssen nicht immer zuverlässig sein. Kulturen auf Gebieten ehemaliger Sowjetrepubliken wurden mit einbezogen.
  3. a b Fussman, G. in Fussman, G.; Kellens, J.; Francfort, H.-P.; Tremblay, X. (2005), S. 220; H.-P. Francfort, Fouilles de Shortugai
  4. Oder südlich in der Region zwischen Kopet Dagh und Pamir-Karakorum. H.-P. Francfort in Fussman, G.; Kellens, J.; Francfort, H.-P.; Tremblay, X. (2005), S. 268
  5. Sarianidi 1993. „Margiana in the Ancient Orient.“ International Association for the Study of the Cultures of Central Asia Information Bulletin. 19:5-28; Bryant 2001: S. 220
  6. Wie Brentjes (1981), Klejn (1974), Francfort (1989), Lyonnet (1993), Hiebert (1998), Bosch-Gimpera (1973) und Sarianidi (1993); siehe Bryant 2001, Kapitel 10
  7. Siehe Edwin Bryant 2001, Kapitel 10
  8. Mallory 1998; zitiert aus Edwin Bryant 2001: S. 216

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