Anfahrer-Zug

Als Sprinterzug wird im Straßenradrennsport ein strategisches Manöver bezeichnet, welches bei Massensprints im Finale von Radrennen angewandt wird.

Strategie des Sprinterzuges

Dazu formiert die Mannschaft eines starken Sprintspezialisten während der letzten Kilometer einen „Zug“ von drei bis sechs Fahrern an der Spitze des Pelotons und hält das Tempo möglichst hoch, um Ausreißversuche zu vereiteln und den Sprinter des eigenen Teams bis wenige hundert Meter vor dem Ziel in eine optimale Sprintposition zu bringen. Dadurch liegt die Geschwindigkeit des Hauptfeldes auf den letzten fünf Kilometern in der Regel bei 55–60 km/h, nicht selten darüber. Die einzelnen „Anfahrer“ des Teams – meist drei bis fünf – übernehmen dabei nacheinander in einer weitgehend festgelegten Reihenfolge die Führung des Feldes. Je näher das Ziel rückt, umso mehr „Anfahrer“ fallen zurück, bis auf der Zielgeraden schließlich nur noch der Sprintstar übrig bleibt.

Ein Detail der Gesamtformation Sprinterzug ist der sogenannte „Schließer“. Seine Aufgabe besteht darin, am Hinterrad des Sprintstars zu bleiben und andere aussichtsreiche Sprinter daran zu hindern, sich dort „festzubeißen“. Auf der Abbildung ist dieser Fahrer, halb verdeckt aber deutlich, hinter Erik Zabel zu erkennen.

Varianten des Sprintzuges werden vor allem im Hinblick auf die Rolle des letzten Anfahrers praktiziert. Im Standardfall hat er eine etwas längere Führung zu fahren und dabei das Tempo 400–500 m vor dem Ziel noch einmal ein wenig zu verschleppen, damit sein Kapitän seine Antrittsschnelligkeit ausspielen kann und von den Konkurrenten nicht so leicht aus dem Windschatten heraus überspurtet werden kann. Varianten dieses Konzepts sind möglich, wenn eine Mannschaft über einen „letzten Mann“ verfügt, der wie Trixi Worrack oder Erik Zabel beim Team Milram selbst ein hervorragender Sprinter ist. In diesem Falle geht der letzte Anfahrer wesentlich später in die Führung und liefert sich mit seinem eigenen Teamkameraden einen Sprint an der Spitze. Die Konkurrenz hat es damit schwerer, sich den „richtigen Gegner“ auszusuchen und aus dem Windschatten vorbeizuziehen. Erfolgreich war dieses Konzept zuletzt bei der 2. Etappe der Niedersachsen-Rundfahrt, als Petacchi siegte und sein „neuer Anfahrer“ Zabel Platz zwei belegen konnte.

Bekannte Sprinterzüge

Die Mannschaft von T-Mobile bereitet mit mehreren Fahrern einen Sprint vor.

Die Taktik des Sprinterzuges entwickelte sich in den späten 80er und 90er Jahren, hat inzwischen aber die taktische Situation von Massensprints gravierend verändert. Als erster Sprinter, der einen konsequent auf ihn zugeschnittenen Sprintzug aufgebaut hat, gilt der Italiener Mario Cipollini. Tatsächlich ist aber der Belgier Freddy Maertens der „Erfinder“ des Sprinterzuges. Er fuhr in den Sprints die für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Übersetzung von 54:12 (heute i. d. R. 53/11). Um mit dieser Übersetzung beschleunigen zu können, brauchte er ein hohes Anfangstempo, weshalb er sich der Unterstützung seiner Mannschaftskameraden als Anfahrer bediente.

Cipollini machte vor allem in seiner Zeit bei Saeco seine Mannschaft als „treno rosso“ zum Markenzeichen. Seine wichtigsten „Anfahrer“ waren Mario Scirea und Gian Matteo Fagnini. Die Qualitäten Fagninis in dieser „Radsport-Disziplin“ waren sehr gut: schließlich wurde er seinerzeit durch das T-Mobile Team abgeworben, um Erik Zabel bei Sprints zu unterstützen.

Neben Fagnini gelten vor allem seine Landsmänner Giovanni Lombardi (zurückgetreten), Alberto Ongarato, Mario Scirea und Matteo Tossato zu den besten Anfahrern der Welt.

Inzwischen wurde das Konzept des „Sprintzugs“ von anderen Fahrern – vor allem Alessandro Petacchi, Erik Zabel und Tom Boonen – übernommen und perfektioniert. Bisweilen werden Sprinterzüge auch im Rahmen von Weltmeisterschaften erfolgreich aufgebaut, so beim WM-Sieg von Cipollini für Italien 2002, aber auch von den Frauen: Hier ist es vor allem die Equipe Nürnberger, die das Konzept konsequent und erfolgreich für Petra Rossner, Trixi Worrack und Regina Schleicher umsetzte und dies zuletzt auch im Rahmen der Nationalmannschaft taten. Die Belohnung für diese perfekte Arbeit war der Sieg Regina Schleichers bei der WM 2005.

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