Angelus Gottfried Thomas Mann

Golo Mann (* 27. März 1909 in München; † 7. April 1994 in Leverkusen; eigentlich Angelus Gottfried Thomas Mann) war ein deutscher Historiker und Schriftsteller.

Golo Mann 1978 bei einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kindheit und Jugend

Angelus Gottfried Thomas Mann, der als Kleinkind seinen verkürzten Vornamen „Gelus“ nicht aussprechen konnte und sich Golo nannte, war das dritte Kind des Schriftstellers Thomas Mann und dessen Frau Katia, geborene Pringsheim. Dieser Kindername sollte ihn sein Leben lang begleiten. Er hatte zwei ältere Geschwister, Erika und Klaus, und drei jüngere, Monika, Elisabeth und Michael.

Die Mutter beschrieb ihn im Tagebuch als sensibel, nervös und schreckhaft.[1] Der Vater verhehlte seine Enttäuschung kaum und erwähnte den Sohn in seinem Tagebuch nur selten. Golo Mann beschrieb ihn rückblickend: „Wohl konnte er noch Güte ausstrahlen, überwiegend aber Schweigen, Strenge, Nervosität oder Zorn“.[2] Unter den Geschwistern fühlte er sich besonders nah seinem Bruder Klaus verbunden, während er zeitlebens Schwierigkeiten mit den radikalen Ansichten seiner Schwester Erika hatte.[3] So beschrieb Klaus Mann seinen Bruder als Kind in seiner ersten Biografie Kind dieser Zeit wie folgt: „Golo aber repräsentierte unter uns das groteske Element. Von skurriler Ernsthaftigkeit, konnte er sowohl tückisch als auch unterwürfig sein. Er war diensteifrig und heimlich aggressiv; dabei würdevoll wie ein Gnomenkönig. Ich vertrug mich ausgezeichnet mit ihm, während er sich mit Erika viel zankte.“[4]

Er besuchte ab September 1918 das humanistische Wilhelmsgymnasium in München mit mittelmäßigen Leistungen, wobei seine Stärken in Geschichte, Latein und insbesondere der Rezitation von Gedichten lagen, letzteres eine lebenslange Leidenschaft.[5] Da er das Elternhaus schon früh als Belastung empfand, trat er in einer Art Ausbruchsversuch im Frühjahr 1921 der Pfadfinder-Vereinigung Jungbayern bei, mit der er mehrtägige Übungen und ausgedehnte Fahrten in den Sommerferien nach Franken und Tirol unternahm. Hier kam es auch zu einem homoerotischen Erlebnis mit einem Fähnleinführer, das der Junge missbilligte.[6]

Neue Horizonte taten sich 1923 auf, als Golo Mann an die Internatsschule Schloss Salem wechselte, die er als Befreiung und lebenslange Bereicherung ansah. Der Leiter der Schule, Kurt Hahn, wurde eine prägende Persönlichkeit in seiner Jugend. In der Bodenseelandschaft bildete sich zudem eine ebenso dauerhafte Leidenschaft für Bergwanderungen aus, auch wenn ihn eine beim Hochsprung erlittene Knieverletzung für den Rest seines Lebens plagen sollte.

Anfang 1925 wurde Golo Mann von einer schweren Sinnkrise gepeinigt, die ihn fürs Leben zeichnen sollte: „Damals trat der Zweifel ein oder richtiger, brach mit unerhörter Gewalt ein […] Ich wurde von der schwärzesten Melancholie ergriffen.“[7]

Studium und Beruf

Nach der Reifeprüfung begann er im Sommersemester 1927 nur halbherzig ein Jura-Studium in München, worauf er seine Studien noch im selben Jahr in Berlin in den Fächern Geschichte und Philosophie fortsetzte. Den Sommer 1928 nutzte er zu einem Sprachaufenthalt in Paris und sechs Wochen „echter“ Arbeit im Braunkohlebergwerk Schipkau in der Niederlausitz, die aufgrund neuer Kniebeschwerden ein abruptes Ende fand.[8]

Schließlich wechselte Golo Mann im Frühjahr 1929 an die Universität Heidelberg, wo er dem Rat seines akademischen Lehrers Karl Jaspers folgte, in Philosophie zu promovieren und parallel Geschichte und Latein auf Lehramt zu studieren. Ab Herbst 1930 engagierte er sich zudem politisch in der sozialistischen Studentengruppe. Im Mai 1932 kam es zur Vorlage der Dissertation mit dem Thema Zum Begriff des Einzelnen, des Ich und des Individuellen bei Hegel, die von Jaspers mit dem Prädikat cum laude bewertet wurde. Die Eltern belohnten ihn mit einem DKW-Kleinwagen, den er sogleich für ausgedehnte Deutschlandreisen nutzte.[9]

In Hamburg und Göttingen wollte Golo Mann das Staatsexamen in Angriff nehmen, doch verschlechterte sich die politische Situation in Deutschland. Das galt für Thomas Mann, der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen den Nationalsozialismus gemacht hatte und insbesondere für seine Kinder Klaus und Erika Mann. Während die Eltern sich bereits im Ausland aufhielten, hütete Golo Mann im April 1933 das Münchner Haus, organisierte die Ausreise der drei jüngeren Geschwister und brachte das Bankguthaben der Eltern über Karlsruhe und die deutsche Botschaft in Paris außer Landes. Er veranlasste auch den Versand der Tagebücher seines Vaters in die Schweiz, da Thomas Mann deren Auswertung durch die Nationalsozialisten fürchtete. Der Koffer wurde zwar (nach dem Hinweis eines Denunzianten im Hause Mann) in Konstanz vom Zoll abgefangen, aber letztlich dennoch weitergeleitet. Thomas Mann verbrannte Jahre später einen Teil dieser Tagebücher.

Golo Mann verließ am 31. Mai 1933 Deutschland in Richtung Bandol, wo sich seine Eltern kurzzeitig aufhielten. Für die Sommermonate kam er in der Villa des US-Schriftstellers William Seabrook bei Sanary-sur-Mer unter, weitere sechs Wochen lebte er in der neuen elterlichen Wohnung in Küsnacht bei Zürich. Schließlich kehrte er aber in sein Gastland Frankreich zurück. Ab November begannen für ihn dann zwei intensive, lehrreiche Jahre[10] als Lektor für deutsche Sprache an der École Normale Supérieure in Saint-Cloud bei Paris. Gleichzeitig arbeitete er an der Exilzeitschrift Die Sammlung seines Bruders Klaus mit.

Im November 1935 übernahm Golo Mann ein halbjähriges Lektorat für deutsche Sprache und Literatur an der Universität in Rennes. Häufige Aufenthalte in der Schweiz sind ein Indiz dafür, dass sich das schwierige Verhältnis zum Vater entspannt hatte, der den politischen Sachverstand des Sohnes zunehmend zu schätzen gelernt hatte. Dass der Sohn in den Augen des Vaters an Wertschätzung gewonnen hatte, wurde ihm aber erst in vollem Umfang bewusst, als er im Alter an der Herausgabe von dessen Tagebüchern mitwirkte und sich freundlich dargestellt fand.[11] In einem vertraulichen Brief schrieb er Marcel Reich-Ranicki einmal: „Unvermeidlich musste ich seinen Tod wünschen; war aber während seines Sterbens und danach völlig gebrochen.“[12]

Die kollektive Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft sorgte 1936 für zusätzliche Probleme in der Literatenfamilie. Rettung kam in Gestalt des tschechischen Textilfabrikanten Rudolf Fleischmann, eines Bewunderers von Thomas Mann, der ihm und dessen Familie (mit Ausnahme von Erika Mann, die durch die Ehe mit Wystan H. Auden britische Staatsbürgerin geworden war) die Einbürgerung in seine böhmische Gemeinde Proseč und damit die Verleihung des tschechischen Bürgerrechts ermöglichte. Golo Mann wollte diese Gelegenheit nutzen, seine Studien in Prag fortzusetzen, gab das Experiment aber bald ernüchtert auf.[13]

Emigration

Anfang 1939 reiste der Emigrant nach Princeton, New Jersey, wo der Vater eine Gastprofessur übernommen hatte. Nach einigem Zögern kehrte er trotz des sich anbahnenden Kriegsausbruches im August des Jahres nach Zürich zurück, um nach zahlreichen Beiträgen auf Wunsch seines Vaters auch die Redaktion der Exil-Zeitschrift Maß und Wert, herausgegeben von Thomas Mann und Konrad Falke, zu übernehmen. Maß und Wert. Zweimonatsschrift für freie deutsche Kultur erschien von Herbst 1937 bis September 1940.

Adolf Hitlers Feldzug gegen Frankreich im Mai 1940 bewirkte in Golo Mann den Entschluss, sich als Kriegsfreiwilliger einer in Frankreich weilenden tschechischen Einheit anzuschließen und gegen die deutschen Invasoren zu kämpfen. Doch unmittelbar nach Grenzübertritt wurde er bei Annecy festgenommen und Anfang Juni ins Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence überführt. Erst Anfang August kam er auf Intervention einer US-Hilfsorganisation frei. Am 13. September unternahm er mit seinem Onkel Heinrich Mann, dessen Ehefrau Nelly sowie Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel die waghalsige Flucht von Perpignan über die Pyrenäen nach Spanien, die in Heinrich Manns Memoiren Ein Zeitalter wird besichtigt beschrieben wird. Nach der Überfahrt von Lissabon aus kamen sie mit vielen anderen Exilanten, unter ihnen auch Alfred Polgar, an Bord des griechischen Dampfers Nea Hellas am 13. Oktober in New York an. Thomas und Katia Mann waren in den Hafen von Hoboken gekommen, um die Familienmitglieder zu begrüßen.

In der Neuen Welt war Golo Mann zunächst zur Untätigkeit verdammt. Er wohnte im elterlichen Haus in Princeton, dann im ungeliebten New York, bevor er im Juli 1941 mit den Eltern ins kalifornische Pacific Palisades umzog. Ab Herbst 1942 ergab sich dann eine zehnmonatige Lehrtätigkeit für Geschichte am Olivet College in Olivet, Michigan.

Seinem Bruder Klaus Mann nacheifernd, trat Golo Mann 1943 in die US-Armee ein. Ab August unterzog er sich der Grundausbildung in Fort McClellan, Alabama, im Dezember übernahm er als frischgebackener US-Staatsbürger eine nachrichtendienstliche Tätigkeit im Office of Strategic Services in Washington DC. Es war seine Aufgabe, militärisch wertvolle Informationen zu sammeln und zu übersetzen.

Im April 1944 wurde er nach London entsandt, wo er Radio-Kommentare bei der deutschen Abteilung der „American Broadcasting Station“ sprach. Für die letzten Kriegsmonate wechselte er in gleicher Funktion zum militärischen Propaganda-Sender Luxemburg, bevor er im Spätherbst 1945 nach Bad Nauheim versetzt wurde, um beim Aufbau von Radio Frankfurt mitzuwirken. Bei seinen Reisen durch Deutschland zeigte er sich entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung, die insbesondere das alliierte Bombardement hervorgerufen hatte.

Nachkriegsjahre und Rückkehr

Aus Abscheu gegen „die Taten dieses Siegergesindels“[14] verließ er 1946 auf eigenen Wunsch die US-Armee. Er behielt aber eine zivile Tätigkeit als Kontrolloffizier bei, in der er auch am Nürnberger Kriegsverbrecherprozess teilnahm. Im selben Jahr erschien sein erstes größeres Werk, die englischsprachige Biografie Secretary of Europe. The Life of Friedrich Gentz, die 1947 auch auf Deutsch unter dem Titel Friedrich von Gentz. Geschichte eines europäischen Staatsmannes veröffentlicht wurde.

Von 1947 bis zum Jahr 1958 übernahm Golo Mann eine Assistenzprofessur für Geschichte am Men‘s College in Claremont, Kalifornien. Im Nachhinein zählte er diese Lehrtätigkeit „zu den glücklichsten meines Lebens“, andererseits klagte er: „Auch sind meine Studenten so höhnisch, unfreundlich und saudumm, wie sie noch nie waren“.[15]

1954 veröffentlichte er sein zweites Buch, Vom Geist Amerikas, eine Schilderung der Vereinigten Staaten aus europäischer Sicht, die ein Land voller Widersprüche aufzeigt und auch kritische Töne gegenüber der McCarthy-Ära enthält. Zum Schreiben dieses Buches unterbrach er seinen Aufenthalt in Kalifornien und hielt sich in der Schweiz und in Österreich auf.

In den Jahren 1956 und 1957 verbrachte er viele Wochen im Gasthaus Zur Krone in Altnau am Bodensee, um dort seine Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts niederzuschreiben. Das Buch wurde in Frankfurt am Main durch die Büchergilde Gutenberg veröffentlicht und enthält eine in zwölf Kapitel gegliederte Übersicht über die Geschichte Deutschlands, beginnend mit der Französischen Revolution. Es erschien im Juli 1958 und wurde auf Anhieb ein Bestseller. Damit verband sich die endgültige Rückkehr nach Europa, denn für zwei Wintersemester wurde Golo Mann Gastprofessor an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Im Herbst 1960 wechselte er als ordentlicher Professor für Politische Wissenschaften an die Technische Hochschule Stuttgart, aus der die Universität Stuttgart hervorgegangen ist. Die Tätigkeit im Universitätsbetrieb empfand er als unbefriedigend: „Selber hatte ich in jenen Jahren das Gefühl sehr beträchtlicher, aber vergeblicher Anstrengung und nahezu völliger Echolosigkeit. Das führte zu einer Depression, aus der heraus ich anno 1963 den Lehrstuhl aufgab.“[16] Zusätzliche Arbeitsbelastung brachte in jenen Jahren die Tätigkeit als Mitherausgeber der vielbeachteten Neufassung der Propyläen Weltgeschichte. 1961 ließ er sich ein Ferienhaus in Berzona im Tessin bauen, wohin er sich oft zum Schreiben zurückzog, und war dort Nachbar von Alfred Andersch und Max Frisch.

1963 wurde Golo Manns geplante Berufung als ordentlicher Professor an die sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt am Main durch die Professorenkollegen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hintertrieben. In einem Fernsehinterview, das anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 1989 geführt wurde, bezeichnete Golo Mann beide als „Lumpen“. Daraufhin protestierten viele deutsche Soziologen, Philosophen und Historiker öffentlich. Golo Mann begründete seine Attacke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung damit, Adorno und Horkheimer hätten ihn als „heimlichen Antisemiten“[17] beim damaligen hessischen Kultusminister angeschwärzt, nachdem er sich um den Lehrstuhl an der Universität Frankfurt am Main beworben hatte. Eine neuere Schilderung der Vorgänge gab der Historiker Joachim Fest in seiner Publikation Begegnungen, in der er außer dem schon genannten Antisemitismusverdacht auch den angeblichen, allerdings gerichtlich nicht bewiesenen Hinweis Horkheimers auf Golo Manns Homosexualität und der angeblich darauf beruhenden Gefährdung der akademischen Jugend erwähnt.[18]

1965 legte Golo Mann die Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule in Stuttgart nieder, um als freischaffender Historiker und Publizist zu arbeiten. In beiden Tätigkeiten litt er bis zuletzt an chronischer Arbeitsüberlastung, die die Qualität seiner publizistischen Leistung und zuletzt auch die psychische und geistige Gesundheit in Mitleidenschaft zog. Seinen festen Wohnsitz nahm er im Elternhaus in Kilchberg am Zürichsee, wo er bis 1993 lebte – zunächst noch gemeinsam mit der Mutter und seiner Schwester Erika Mann. Ein naher Freund: „Man sah ihn leiden in Kilchberg, woran nicht die Ortschaft schuld war.“[19]

In Konrad Adenauers Ferienort Cadenabbia kam es im April 1966 zur Begegnung mit dem Altbundeskanzler, dessen Kurs der Westintegration und der Aussöhnung mit Israel er immer wieder lobte. Zugleich warf er Adenauer in der Frage der Wiedervereinigung Unaufrichtigkeit vor, so dass er sich insbesondere für Willy Brandt und dessen neue Ost- und Entspannungspolitik engagierte. Er betätigte sich sogar gelegentlich als Ghostwriter für Brandt.

Das Aufkommen und Erstarken der Studentenbewegung empfand er hingegen trotz punktueller Übereinstimmungen als schwerwiegende Bedrohung der Demokratie. In diesem Sinne wandte er sich 1973 allmählich von Willy Brandt ab, dem er Passivität gegenüber einer angeblich kommunistischen Infiltration seiner Partei vorwarf.

Die bereits fünfzig Jahre lang währende Passion für den böhmischen Feldmarschall Wallenstein mündete 1971 in das Erscheinen der monumentalen Biografie – über 1000 Seiten – Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann. Sie gilt wegen ihrer bildhaften Sprache und ihrer literarischen Qualität als Meisterwerk der erzählenden Geschichtsschreibung.

Im Jahr 1974 leitete er als Nachfolger von Günter Gaus seine eigene Fernsehsendung mit dem Titel Golo Mann im Gespräch mit ….

Nicht zuletzt um der Befehlsgewalt und dem Altersstarrsinn der demenzkranken Mutter zu entgehen,[20] erwarb Golo Mann 1979 ein Haus in Icking bei München. Er beendete den Heimatversuch allerdings schon zwei Jahre später, um nach dem Tod der Mutter nach Kilchberg zurückzukehren.

In diese Zeit fiel sein Engagement als Wahlhelfer für Unions-Kanzlerkandidat Franz-Josef Strauß, von dem er sich eine entschlossene Bekämpfung linksradikaler Umtriebe erhoffte. Manche Kollegen reagierten auf dieses Engagement mit Befremden, und Golo Mann selbst ahnte die für ihn negativen Folgen. Im Tagebuch notierte er: „Das Ganze wird mir bekommen wie die ‚Daily-Telegraph-Affäre‘ dem Kaiser Wilhelm“.[21]

Unvollendet blieb eine Biografie über Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, mit der ihn das Krupp‘sche Familienkuratorium 1976 beauftragt hatte. Er reagierte erleichtert, als er nach vierjähriger Arbeit von der Aufgabe entbunden wurde. Die genauen Gründe dafür sind unklar; möglicherweise störte man sich im Hause Krupp am Duktus der Arbeit und der Offenlegung der Familiengeschichte. Die Biografie wurde nur zu zwei Dritteln fertig und nur in einem Auszug veröffentlicht.

1986 starb sein Adoptivsohn Hans Beck-Mann, ein Apotheker bei der Bayer AG in Leverkusen, den er 1955 kennen gelernt und finanziell beim Studium unterstützt hatte. Im November des Jahres erschienen die Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland. Noch bevor der Erfolg dieser Semi-Autobiografie erwiesen war, nahm er die Fortsetzung Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich in Angriff, die jedoch bald ins Stocken kam und erst 1999 als Fragment postum veröffentlicht wurde.

Unterdessen hob die DDR Anfang 1989 den jahrelangen Bannfluch über Golo Mann auf, den er sich insbesondere mit Bemerkungen in seiner Deutschen Geschichte eingehandelt haben dürfte. Aus Anlass der DDR-Veröffentlichung des Wallenstein hielt er im April auf Einladung des SED-Kulturministers erste Lesungen. Als die Zeichen der Zeit nur ein Jahr später auf Wiedervereinigung standen, reagierte er distanziert: „Keine Freude an der deutschen Einheit. Sie werden wieder Unsinn machen, wenngleich ich es nicht erlebe.“[22]

Letzte Jahre

Die Grabstätte Golo Manns auf dem Friedhof in Kilchberg

Im März 1990 erlitt Golo Mann nach einem Vortrag einen Herzinfarkt und bekam einen Schrittmacher eingesetzt. Im selben Jahr diagnostizierte man bei ihm Prostatakrebs. Aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit übersiedelte er 1992 nach Leverkusen, wo er von seiner Schwiegertochter Ingrid Beck-Mann (einer ausgebildeten Krankenschwester) betreut und gepflegt wurde. Wenige Tage vor seinem Tod bekannte er sich in einem Interview gegenüber dem Reporter Wolfgang Korruhn zu seiner Homosexualität, die er jedoch aus Angst vor Repressalien nie nennenswert ausgelebt habe.

„Ich hab' mich nicht oft verliebt. Ich hab' es sehr oft für mich behalten, das war vielleicht ein Fehler. Es war ja auch verboten, selbst in Amerika, und man musste schon ein bisschen achtgeben.“[23]

Golo Mann starb 85-jährig in Leverkusen. Die Urnenbeisetzung fand zwar auf dem Friedhof in Kilchberg statt, auf Wunsch des Verstorbenen aber abseits des Familiengrabes.

Auszeichnungen

Schriften

  • 1947 Friedrich von Gentz. Ullstein, Berlin 1982. ISBN 3-548-02935-3
  • 1954 Vom Geist Amerikas. Kohlhammer, Stuttgart. 2. Aufl. 1955
  • 1958 Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Fischer, Frankfurt/Main 1992. ISBN 3-596-11330-x
  • 1964 Wilhelm II. Archiv der Weltgeschichte. Scherz-Verlag, München-Bern-Wien 1964
  • 1970 Von Weimar nach Bonn. Fünfzig Jahre deutsche Republik. Fromm Druckhaus A 1982. ISBN 3-772-95003-5
  • 1971 Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann. Fischer, Frankfurt/Main 1997. ISBN 3-596-13654-7
  • 1986 Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland. Fischer, Frankfurt/Main 1991. ISBN 3-596-10714-8
  • 1989 Wir alle sind, was wir gelesen. Verlag der Nation. ISBN 3-373-00435-7
  • 1992 Wissen und Trauer. Historische Portraits und Skizzen. Reclam, Leipzig. Überab. Neuaufl. 1995. ISBN 3-379-01548-2
  • 1994 Vorwort zum Buch Rudolf Heß: Ich bereue nichts Hg. von Wolf Rüdiger Heß. Leopold Stocker Verlag, Graz, Stuttgart 1994. ISBN 3-702-00682-6
  • 1999 Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich, Frankfurt/Main, postum erschienen. Als Taschenbuch 2000: ISBN 3-596-14952-5
  • Golo Mann: Briefe 1932–1992. Herausgegeben von Tilmann Lahme und Kathrin Lüssi. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. ISBN 3-835-30003-2

Literatur

  • Urs Bitterli: Golo Mann — Instanz und Außenseiter. Eine Biographie, zugleich Verlag NZZ Zürich und Kindler Berlin 2004, ISBN 3-463-40460-5; auch: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2005, ISBN 3-499-24078-5
  • Joachim Fest: Begegnungen, darin ein sehr persönliches Kapitel Golo Mann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 2006, ISBN 3-499-62082-0
  • Jeroen Koch: Golo Mann und die deutsche Geschichte. Eine intellektuelle Biographie, Paderborn u.a. [Schöningh], 1998, ISBN 3506746626
  • Tilmann Lahme: Golo Mann. S. Fischer, Frankfurt/Main 2009, ISBN 3-10-043200-1.
  • Klaus Mann: Kind dieser Zeit. Erweiterte Neuausgabe, Rowohlt, Reinbek 2000, ISBN 3-499-22703-7
  • Uwe Naumann: Die Kinder der Manns. Ein Familienalbum. Rowohlt, Reinbek, 2005. ISBN 3-498-04688-8
  • Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Erweiterte Neuausgabe, mit Textvariationen und Entwürfen im Anhang herausgegeben und mit einem Nachwort von Fredric Kroll. Rowohlt, Reinbek 2006, ISBN 3-49924409-8
  • Klaus W. Jonas/Holger Stunz: Golo Mann. Leben und Werk. Chronik und Bibliographie (1929 – 2003). Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden, 2004 ISBN 3-447-05053-5

Interview

  • „Ich hasse alles Extreme“ (4. März 1965) Günter Gaus im Interview mit Golo Mann. In: Günter Gaus: „Was bleibt, sind Fragen.“ Die klassischen Interviews. Das Neue Berlin, Berlin 2000

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland, Frankfurt/Main 1986, S.10f.
  2. ebd., S.41.
  3. Urs Bitterli, Golo Mann. Instanz und Außenseiter, Reinbek 2005, S. 620.
  4. Klaus Mann, Kind dieser Zeit, S. 19
  5. Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland. S.25.
  6. ebd., S.113f.
  7. ebd., S.193–197
  8. ebd., Kapitel Eine neue Erfahrung, S. 265–278.
  9. ebd., S.430, 462ff
  10. Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich, Frankfurt/Main 1999, S.129.
  11. Urs Bitterli, Golo Mann. Instanz und Außenseiter, Reinbek 2005, S. 547.
  12. ebd., S.548.
  13. ebd., S.66f.
  14. Brief an Manuel Gasser, zitiert nach Bitterli 2005, S. 137.
  15. Bitterli 2005, S. 140f.
  16. Bitterli 2005, S. 204.
  17. Clemens Albrecht: „Warum Horkheimer Golo Mann einen ‚heimlichen Antisemiten‘ nannte: der Streit um die richtige Vergangenheitsbewältigung“, in: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule
  18. Joachim Fest, Begegnungen, S. 226f.
  19. Hanno Helbling, zitiert nach Bitterli 2005, S. 626.
  20. Bitterli 2005, S. 625.
  21. Bitterli 2005, S. 534.
  22. Bitterli 2005, S. 695.
  23. Axel Schock & Karen-Susan Fessel: OUT! — 800 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle, Querverlag, Berlin 2004, ISBN 3-89656-111-1

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