Angress

Werner Thomas Angress (* 27. Juni 1920 im Berliner Westend) ist ein Professor für Deutsche Geschichte und ehemaliges Mitglied der Ritchie Boys.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Werner Angress wurde 1920 in eine jüdische Familie in Berlin hineingeboren, wo er das Realgymnasium Lichterfelde besuchte und Mitglied des jüdischen Jugendbundes Schwarzes Fähnlein war. Angesichts des zunehmend zur Staatsdoktrin erhobenen Antisemitismus unter den Nationalsozialisten, aufgrund dessen Angress 1933 auf eine jüdische Schule gewechselt war, floh die Familie 1937 in die Niederlande. 1939 beschloss die Familie, in die USA auszuwandern. Zuvor hatte er sich noch auf einem Gutshof bei Breslau zum Landarbeiter ausbilden lassen, um auf einem ausländischen Arbeitsmarkt bestehen zu können. Da die gemeinsame Flucht die finanziellen Möglichkeiten überstiegen hätte, wurde Werner Angress als junger, leistungsfähiger Mann dazu bestimmt, die Emigration der Familie, also der Eltern und seiner jüngeren Brüder, vorzubereiten.

Nach zwei Jahren Tätigkeit als Apfelpflücker trat Angress 1941 zusammen mit einem ehemaligen Schulfreund in das Heer der Vereinigten Staaten ein, da er sein Englisch verbessern wollte. Zwei Jahre später erkannte die Army of the United States das Potenzial seiner deutschsprachigen Mitglieder und hob eine Einheit aus, die mit den Mitteln der verdeckten Kriegsführung hinter den Linien der Wehrmacht operierte. Diese Einheit, die sich überwiegend aus jüdischen Migranten zusammensetzte, wurde später als „Ritchie Boys“ bekannt, deren Spitzname von ihrer Ausbildungsstätte, Camp Ritchie in Maryland, herrührte. Angress selbst durchlief den Lehrgang von August 1943 bis Januar 1944.

Angress nahm als kurzfristig abkommandiertes Mitglied der 82. US-Luftlandedivision am 6. Juni 1944 an der Landung westalliierter Truppen in Normandie teil, um seiner Ausbildung entsprechend zur psychologischen Kriegführung und Informationsbeschaffung eingesetzt zu werden. Bevor Angress in der Ardennenschlacht gefangengenommen wurde, gelang es ihm, die Religionskennzeichnung auf seiner Erkennungsmarke von „J“ (für „jüdisch“) auf „P“ (für „protestantisch“) zu ändern. Seine Gefangennahme währte angesichts des Scheiterns des deutschen Vorstoßes nur kurze Zeit. Im Mai 1945 war Angress an der Befreiung des KZ Wöbbelin beteiligt, das als Ziellager des Todesmarschs aus Sachsenhausen diente. In dieser Zeit erfuhr er auch von der Ermordung seines Vaters in Auschwitz, dessen Versteck in Amsterdam aufgedeckt worden war.

Angesichts der Zerstörung, die in Europa vorherrschte, und der ambivalenten Gefühle zu seiner Heimat verspürte Angress zunächst keinen Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren. Er studierte und promovierte als Historiker in den Vereinigten Staaten, wo er an den Universitäten Berkeleys und New York dozierte. In den fünfziger Jahren war Werner Angress mit Ruth Klüger verheiratet gewesen. Und immer häufiger begann er, Deutschland zu besuchen. 1988 zog er nach Berlin zurück. Im Jahre 2004 interviewte Christian Bauer Angress für seine Dokumentation „Die Ritchie Boys“.

Auf der Grundlage seiner Verhöre junger Angehöriger der Waffen-SS in einem Kriegsgefangenen-Durchgangslager bei Ludwigslust nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm Angress Günter Grass während der Debatte um dessen verschwiegene Dienstzeit bei der Waffen-SS und ihrer Bekanntmachung in dessen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ in Schutz. Er habe vor allem „verführte Mitläufer“ verhört, „[h]albe Kinder [...], dazu bestimmt, in den letzten Kriegstagen verheizt zu werden.“[1]


Schriften

  • Generation zwischen Furcht und Hoffnung. Jüdische Jugend im Dritten Reich. 2. Auflage. Christians, Hamburg 1989, ISBN 3-7672-0886-5
  • Die Kampfzeit der KPD 1921-23. Droste Verlag 1984, 3-7700-0278-4

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Weisse, Ina: Beitrag aus dem Off, Tagesspiegel vom 5. September 2006. Zugriff am 8. März 2008.

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