Kürenberg

Kürenberg
Der von Kürenberg (Codex Manesse, 14. Jahrhundert). Das »redende« Wappen zeigt eine blaue Handmühle mit rotem Stiel: Kürnberg bedeutet »Mühlberg«.

Der von Kürenberg oder Der Kürenberger (Mitte oder 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts) ist ein Vertreter des frühen, donauländischen Minnesangs. Der Kürenberger war wahrscheinlich ein oberösterreichischer Ritter aus der Gegend um Linz, heutiges Österreich: Da die Kürenbergerstrophe mit der Nibelungenstrophe metrisch übereinstimmt, wird vermutet, er sei, wie der Autor des Nibelungenliedes, der sicherlich in Passau bzw. zwischen Passau und Wien anzusetzen ist, ebenfalls donauländischer Herkunft. Ein Kürnberger Wald genanntes Gebiet liegt südlich der Donau, westlich von Linz. Letztlich muss seine genaue Herkunft allerdings offen bleiben.

Das Nibelungenlied setzt mit der Beschreibung von 'Kriemhilds Falkentraum' einen deutlichen Bezug zum „Falkenlied“ des Kürenbergers. Dass er deshalb der Autor des Nibelungenliedes sei, wird in der Forschung eher nicht angenommen.

Inhaltsverzeichnis

Werke

Seine mittelhochdeutschen Gedichte entstanden etwa zwischen 1150 und 1180, damit ist er der stilgeschichtlich älteste namentlich bekannte Minnesänger. In der Manessischen Liederhandschrift sind fünfzehn Strophen von ihm enthalten. Am bekanntesten ist sein „Falkenlied“, das aus zwei Strophen besteht.


Das Lied vom Falken

Originaltext

Ich zôch mir einen valken    mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete,    als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere    mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe    und floug in anderiu lant.
Ich zog mir einen Falken heran,    länger als ein Jahr.
Als ich ihn gezähmt hatte,    so wie ich ihn haben wollte,
und ich ihm sein Gefieder    mit Gold schön geschmückt hatte,
hob er sich empor    und flog in ein anderes Land.

mêre danne 'mehr als'. - als 'so, wie'. - bewant (zu bewinden) 'umwinden'. - vil 'sehr'.

Sît sach ich den valken    schône fliegen:
er fuorte an sînem fuoze    sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere    alrôt guldîn.
got sende si zesamene,    die geliep wellen gerne sîn!
Seither sah ich den Falken    herrlich dahinfliegen:
Er trug an seinem Fang    seidene Bänder,
und sein Gefieder war    ganz rotgolden.
Gott sende die zusammen,    die gerne geliebt sein wollen!

schône 'schön'. - fuorte 'führte'. - fuoz 'Fuß'; in der Falknersprache 'Fang'. - riemen 'Riemen; Band'. - im 'ihm'. - al-rôt 'ganz rot'. - ge-liep 'einander lieb'. - geliep wellen sîn wörtlich: 'einander lieb sein wollen'.


Wapnewski hat gezeigt, dass in ein ander land fallen ein Fachausdruck der Falknerei ist und 'in fremde Reviere' bedeutet. Entflogene Falken pflegen hin und wieder über ihrem alten Revier zu kreisen, ohne sich allerdings wieder einfangen zu lassen. Die letzte Zeile beweist, dass mit dem Falken kein wirklicher Jagdfalke gemeint ist, sondern dass er hier als Symbol für den Geliebten steht, der einer Frau, der das Lied in den Mund gelegt ist, "entflog", weil sie ihn zu sehr an sich zu fesseln versuchte. Die 'fremden Reviere' wären dann andere Frauen, die den Mann anziehen - allerdings ebenfalls ihm Freiheit lassen müssen. Der abschließende fromme Wunsch der Frau, er möge zu ihr zurückkehren, wird wohl nicht in Erfüllung gehen, obwohl er noch die zerrissenen Fesseln der alten Bindung trägt. Das 'die gerne einander lieben wollen' zeigt, dass die Frau der Meinung ist, der Mann wolle sie lieben und werde nur durch äußere Hindernisse (die Besitzerinnen der 'fremden Reviere'?) davon abgehalten. Dass ihr eigener Wunsch, ihn zu zähmen und an sich zu fesseln, die Ursache für seine Flucht war, erkennt sie nicht.

Die hier gegebene Interpretation baut wesentlich auf der von Wapnewski auf; es wurden aber auch andere Interpretationen versucht. Sicher falsch sind Interpretationen, die annehmen, dass die in der 2. Strophe genannten Bänder von den Fesseln einer zweiten Bindung herrühren: einen Falken, der in der Luft kreist, kann man nur als den eigenen erkennen, wenn er noch die bekannten Kennzeichen trägt. Ebenso falsch ist die Deutung, das 'Ich' könne ein Mann sein: der Kontext ähnlicher Strophen zeigt deutlich, dass eine liebende Frau gemeint ist.

Die reflektierte Haltung dieses Liedes und anderer Kürenbergerstrophen (z. B. des "Zinnenliedes") lassen annehmen, dass er eher später als früher zu datieren ist als die Literaturgeschichten meist angeben. Datierungen "vor 1160" beruhen auf der falschen Voraussetzung, dass in von des tôdes gehugede eines Heinrich (höchstwahrscheinlich Heinrich von Melk), das vermutlich knapp vor 1162 entstand, auf die Lyrik des Kürenbergers angespielt würde. Dort sind aber sicher ältere, anonyme Liebeslieder gemeint.

Literatur

  • Peter Wapnewski: Des Kürenbergers Falkenlied, in: Peter Wapnewski: Waz ist minne. Studien zur mittelhochdeutschen Lyrik. München 1975.
  • Bernd Weil: Das Falkenlied des Kürenbergers. Frankfurt am Main 1985.
  • Wilhelm Wilmanns: Der von Kürenberg. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 17, Duncker & Humblot, Leipzig 1883, S. 411 f.

Weblinks


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