Anna Schwegelin

Anna Maria Schwägelin (auch: Schwägele, Schwegele, Schwegelin,; * 1729 in Lachen; † 1781 im Gefängnis in Kempten im Allgäu) war eine Dienstmagd, die 1775 als letzte „Hexe“ in Deutschland zum Tode verurteilt wurde. Es ist inzwischen nachgewiesen, dass entgegen älterer Ansicht das Urteil nicht vollstreckt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Lebensgeschichte bis 1775

Anna Maria Schwägelin wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Lachen auf, das damals als Enklave zum Territorium der Fürstäbte von Kempten gehörte, und verdiente sich später ihren Lebensunterhalt als Magd. Ihre Dienststellen waren vor allem Bauernhöfe und Gasthäuser im Umland der Reichsstadt Memmingen. Etwa 1751 lernte die Katholikin bei einer Aushilfstätigkeit auf dem Landsitz Künersberg einen evangelischen Kutscher aus Memmingerberg kennen. Auf sein Eheversprechen hin, das aber nicht eingelöst wurde, wechselte sie, ihren eigenen Angaben zufolge, in der St. Martinskirche in Memmingen zum lutherischen Bekenntnis. Diese Konversion versuchte sie später wieder rückgängig zu machen. Aufgrund ihrer durch ein Beinleiden verursachten Arbeitsunfähigkeit wurde sie 1769 in das Leprosenhaus Obergünzburg aufgenommen und 1770 oder 1771 in das stiftkemptische Arbeitshaus Langenegg bei Martinszell überstellt.

Zu dieser Zeit hatte sich bei Anna Maria Schwägelin bereits die Vorstellung verfestigt, dass sie mit dem Teufel ein Bündnis eingegangen sei. Wie sie später im Verhör angab, habe dieser sie bald nach ihrem Glaubenswechsel missbraucht und sie genötigt, sich ihm zu unterwerfen und Gott abzuschwören. Ihre Andeutungen und merkwürdige Vorfälle führten schließlich dazu, dass eine Mitinsassin die Schwägelin im Februar 1775 bei der örtlichen Obrigkeit anzeigte, worauf sie in das Gefängnis der Stiftsstadt Kempten eingeliefert wurde.

Prozess und Urteil

Die Untersuchungen wurden vor dem „freien kaiserlichen Landgericht“ vom Landrichter Johann Franz Wilhelm Treuchtlinger geleitet. Ohne gefoltert zu werden, gestand die Schwägelin den Teufelspakt ein, bestritt allerdings, jemals Schadenzauber ausgeübt zu haben. Gestützt auf die Constitutio Criminalis Carolina, die 1532 für das Reich erlassene Strafgesetzgebung, und auf juristische Autoritäten des 16. und 17. Jahrhunderts plädierte der Landrichter in seinem Gutachten wegen erwiesener Teufelsbuhlschaft auf Hinrichtung mit dem Schwert. Das Urteil wurde von drei anderen Hofräten des Fürststifts Kempten und vom Landesherrn, Fürstabt Honorius Roth von Schreckenstein, unterzeichnet. Als Tag der Exekution war der 11. April 1775 vorgesehen. Vermutlich auf den Einfluss seines Beichtvaters hin befahl der Fürstabt jedoch noch vor diesem Termin den Aufschub des Vollzugs und die Wiederaufnahme der Nachforschungen. Nach dem Juli 1775 scheint der Fall nicht mehr weiter verfolgt worden zu sein. Anna Maria Schwägelin blieb im Gefängnis und starb dort 1781 eines natürlichen Todes. Das gegen sie ergangene Urteil muss im Zusammenhang mit den geistesgeschichtlichen Auseinandersetzungen der Epoche der Aufklärung gesehen werden, insbesondere der Frage nach der Möglichkeit des Einwirkens himmlischer und höllischer Kräfte auf die materielle Welt. Besondere Aktualität gewannen diese Kontroversen in den Jahren 1774 und 1775 durch die spektakulären „Wunderheilungen“ des Exorzisten Johann Joseph Gaßner.

Forschung und Nachleben

Der Fall der Anna Maria Schwägelin galt aufgrund der schwierigen Überlieferungslage – die Originalakten befinden sich in Privatbesitz – lange Zeit als letzte Hinrichtung einer angeblichen Hexe auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches. Erst 1995 fand man heraus, dass die Ausführung des Urteils unterblieben war. Dennoch kann Anna Maria Schwägelin weiterhin als letztes Opfer der Hexenverfolgung auf deutschem Boden bezeichnet werden. In Kempten (Allgäu) wurden an der Südostseite des Residenzgebäudes (ehemalige Benediktiner-Abtei) ein nach ihr benannter Brunnen und eine Informationstafel errichtet.

Literatur

  • Wolfgang Behringer: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der frühen Neuzeit. 3., verbesserte und um ein Nachwort ergänzte Auflage, Oldenbourg, München 1997. ISBN 3-486-53903-5 (Zugleich Dissertation an der Universität München 1985).
  • Wolfgang Behringer: Hexen: Glaube, Verfolgung, Vermarktung. 5. Auflage, Beck, München 2009 (Erstausgabe 1998). ISBN 978-3-406-41882-2.
  • Carl Haas: Die Hexenprozesse. Ein cultur-historischer Versuch nebst Dokumenten, Laupp & Siebeck, Tübingen 1865 (als Google books online).
  • Wolfgang Petz: Die letzte Hexe. Das Schicksal der Anna Maria Schwägelin. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 2007. ISBN 978-3-593-38329-3.
  • Wolfgang Petz: Zweimal Kempten – Geschichte einer Doppelstadt (1694-1836). Vögel, München 1998, ISBN 3-89650-027-9 S. 425-431 (Zugleich Dissertation an der Universität Augsburg 1996).
  • von Wachter (Hrsg.): Der letzte Hexenprozeß des Stiftes Kempten, In: Allgäuer Geschichtsfreund Band 5, 1892, S. 8-14, 21-25, 37-41, 60-63.


literarische Bearbeitung
  • Uwe Gardein: Die letzte Hexe - Maria Anna Schwegelin. Historischer Roman. In: Krimi im Gmeiner-Verlag. 1. Auflage. Gmeiner, Meßkirch 2008. ISBN 978-3-8392-3069-5.

Weblinks

Siehe auch

  • Anna Göldi - die letzte „Hexe“ der Schweiz, 1782 in Glarus angeklagt, verurteilt und umgehend hingerichtet.

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