Anna Seghers
Anna Seghers, 1966

Anna Seghers (* 19. November 1900 in Mainz; † 1. Juni 1983 in Berlin; bürgerlich Netty Radványi, gebürtig Reiling) war eine deutsche Schriftstellerin jüdischer Abstammung.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Anna Seghers war das einzige Kind des Mainzer Kunsthändlers Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig (geb. Fuld). Der Vater war Mitglied und anteiliger Bauträger der 1879 eingeweihten jüdischen neuorthodoxen Synagoge in der Mainzer Flachsmarktstraße[1][2]. Anna besuchte ab 1907 eine Privatschule, dann ab 1910 die Höhere Mädchenschule in Mainz, das heutige Frauenlob-Gymnasium. Im Ersten Weltkrieg leistete sie Kriegshilfsdienste. 1920 absolvierte sie das Abitur. Anschließend studierte sie in Köln und Heidelberg Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie. 1924 promovierte sie an der Universität Heidelberg mit einer Dissertation über Jude und Judentum im Werk Rembrandts.

1925 heiratete sie den ungarischen Soziologen László Radványi, der sich später Johann Lorenz Schmidt nannte.[3] Mit ihm hatte sie zwei Kinder. Das Ehepaar zog nach Berlin, wo es von 1925-1933 im Stadtteil Wilmersdorf lebte. 1926 wurde der Sohn Peter geboren. Eine ihrer ersten Veröffentlichungen, die Erzählung Grubetsch, erschien 1927 unter dem Künstlernamen Seghers (ohne Vornamen), worauf Kritiker einen Mann als Autor vermuteten. Das Pseudonym Seghers entlieh sie dem von ihr geschätzten niederländischen Radierer und Maler Hercules Seghers (der Name wurde auch Segers geschrieben).

1928 wurde Tochter Ruth geboren. In diesem Jahr erschien auch Seghers' erstes Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara unter dem Pseudonym Anna Seghers. Für ihren Erstling wurde ihr auf Vorschlag von Hans Henny Jahnn noch im selben Jahr der Kleist-Preis verliehen. Ebenfalls 1928 trat sie der KPD bei und im folgenden Jahr war sie Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1930 reiste sie erstmals in die Sowjetunion. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Anna Seghers kurzzeitig von der Gestapo verhaftet; ihre Bücher wurden in Deutschland verboten und verbrannt. Wenig später konnte sie in die Schweiz fliehen, von wo aus sie sich nach Paris begab.

Im Exil arbeitete sie an Zeitschriften deutscher Emigranten mit; unter anderem war sie Mitglied der Redaktion der Neuen Deutschen Blätter. 1935 war sie eine der Gründerinnen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Paris. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris wurde Seghers’ Mann in Südfrankreich im Lager Le Vernet interniert. Anna Seghers gelang mit ihren Kindern die Flucht aus dem besetzten Paris in den von Henri Philippe Pétain regierten Teil Südfrankreichs. Dort bemühte sie sich in Marseille um die Freilassung ihres Mannes sowie um Möglichkeiten zur Ausreise. Erfolg hatten ihre Bemühungen schließlich beim von Gilberto Bosques geleiteten mexikanischen Generalkonsulat, wo Flüchtlingen großzügig Einreisegenehmigungen ausgestellt wurden. Diese Zeit bildete den Hintergrund des Romans Transit (erschienen 1944).

Gedenktafel am Haus Anna-Seghers-Straße 81, in Berlin-Adlershof

Im März 1941 gelang es Anna Seghers, mit ihrer Familie von Marseille aus über Martinique, New York, Veracruz nach Mexiko-Stadt auszuwandern. Ihr Mann, der sich inzwischen mit deutschem Namen Johann-Lorenz Schmidt nannte, fand dort Anstellung, erst an der Arbeiter-Universität, später auch an der Nationaluniversität. Anna Seghers gründete den antifaschistischen Heinrich-Heine-Klub, dessen Präsidentin sie wurde. Gemeinsam mit Ludwig Renn rief sie die Bewegung Freies Deutschland ins Leben und gab deren gleichnamige Zeitschrift heraus. 1942 erschien ihr wahrscheinlich berühmtester Roman Das siebte Kreuz – in einer englischen Ausgabe in den USA – und auf Deutsch in Mexiko. Im Juni 1943 erlitt Anna Seghers bei einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen, die einen langen Krankenhausaufenthalt notwendig machten. 1944 verfilmte Fred Zinnemann Das siebte Kreuz – der Erfolg von Buch und Film machten Anna Seghers weltberühmt; nach ihrem Tod machte Hans Werner Henze diesen Roman 1996 in einer Nachdichtung von Hans-Ulrich Treichel zur Grundlage seiner 9. Sinfonie.

Delegation deutscher Kulturschaffender auf dem Isaak-Platz in Leningrad 1948, von links: Ellen Kellermann, Günther Weisenborn, unbekannt, Bernhard Kellermann, Wolfgang Harich, Anna Seghers, Stephan Hermlin, Wolfgang Langhoff, Michael Tschesno-Hell, Eduard Claudius, M.J. Apletun (SU) und Heinrich Ehmsen

1947 verließ Seghers Mexiko und kehrte nach Berlin zurück, wo sie anfangs als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in West-Berlin lebte. In diesem Jahr wurde ihr der Büchnerpreis verliehen. 1950 zog sie nach Ost-Berlin. Sie wurde zum Mitglied des Weltfriedensrates und zum Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste berufen. 1951 erhielt sie den Nationalpreis der DDR und unternahm eine Reise in die Volksrepublik China. 1952 wurde sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR (bis 1978). 1955 zogen Anna Seghers und ihr Mann in die Volkswohlstraße 81 (heute Anna-Seghers-Straße) in Berlin-Adlershof, wo sie bis zu ihrem Tod wohnten. Heute befindet sich in der Wohnung die Anna-Seghers-Gedenkstätte, ein Museum zu Leben und Werk der Autorin.

Grab von Anna Seghers auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.

Als 1957 Walter Janka, dem Leiter des Aufbau-Verlages, der ihre Bücher verlegte, wegen angeblicher „konterrevolutionärer Verschwörung“ der Prozess gemacht wurde, scheiterte ihr Versuch bei Walter Ulbricht im Stillen zu intervenieren. Beim Ausschluss von Heiner Müller aus dem Schriftstellerverband im Jahre 1961 stimmte sie dagegen. 1975 wurden ihr der Kulturpreis des Weltfriedensrates sowie die Ehrenbürgerschaft von (Ost-)Berlin verliehen. 1978 trat sie als Präsidentin des Schriftstellerverbandes zurück und wurde dessen Ehrenpräsidentin. Im selben Jahr starb ihr Mann. Im Jahre 1979 schwieg Anna Seghers zu den Ausschlüssen von neun kritischen Autoren aus dem Schriftstellerverband. 1981 wurde ihr die Ehrenbürgerwürde ihrer Geburtsstadt Mainz verliehen. Sie starb am 1. Juni 1983 und wurde, nach einem Staatsakt in der Akademie der Künste, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.

Werke

Die frühen Werke Anna Seghers’ können der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden. In der Exilliteratur spielte sie nicht nur als Organisatorin eine wichtige Rolle, sondern schrieb mit Transit und Das siebte Kreuz auch zwei der literarisch bedeutendsten Romane dieser Zeit. Ihre späteren, in der DDR erschienenen Romane sind dem Sozialistischen Realismus verpflichtet. Sie zeigen eine schematische Figurenführung und irritieren durch ihre Parteitreue, die nicht zuletzt auf die zahlreichen offiziellen Funktionen (u.a. als Präsidentin des Schriftstellerverbandes) zurückgeführt werden kann. Im Gegensatz zu den Romanen der fünfziger und sechziger Jahre behalten die späten Erzählungen ihre literarische Gültigkeit. Bis ins hohe Alter bewies Seghers darin eine erzählerische Frische, die nicht zuletzt daher rührte, dass sie immer wieder Stoffe aus der Renaissance, aus Ostasien, der Karibik oder Mexiko aufgriff, die sie sowohl einfühlsam, kenntnisreich, wie auch mit großer Erfindungs- und Gestaltungsgabe – jenseits aller Klischees – literarisch großartig zu erzählen verstand.

  • 1924/25: Tagebuch (Von Christiane Zehl-Romero im Nachlass gefunden und herausgegeben, Aufbau Verlag 2003, ISBN 3-351-03496-2)
  • 1924: Die Legende von der Reue des Bischofs Jehan d'Aigremont von St. Anne in Rouen (Erzählung, von Christiane Zehl-Romero im Nachlass gefunden und zusammen mit dem Tagebuch herausgegeben, Aufbau Verlag 2003, ISBN 3-351-03496-2)
  • 1924: Die Toten auf der Insel Djal
  • 1925: Jans muß sterben (von Pierre Radvanyi nach ihrem Tod im Nachlass entdeckt). Berlin, Aufbau Verlag 2000, ISBN 978-3-351-03499-3
  • 1928: Der Aufstand der Fischer von St. Barbara (Novelle). Potsdam, Gustav Kiepenheuer Verlag
  • 1930: Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft und andere Erzählungen. Potsdam, Gustav Kiepenheuer Verlag
  • 1932: Die Gefährten vollständige Online-Ausgabe
  • 1933: Der Kopflohn
  • 1935: Der Weg durch den Februar
  • 1936: Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431. Hörspiel
  • 1937: Die Rettung
  • 1940: Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok. Sagen von Artemis
  • 1942: Das siebte Kreuz. Mexiko, El libro libre 1942
  • 1943: Der Ausflug der toten Mädchen
  • 1944: Transit
  • 1948: Sowjetmenschen. Lebensbeschreibungen nach ihren Berichten
  • 1948: Das Argonautenschiff
  • 1948: Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe
  • 1949: Die Toten bleiben jung
  • 1949: Die Hochzeit von Haiti
  • 1950: Die Linie
  • 1950: Der Kesselflicker
  • 1951: Crisanta. Leipzig, Insel Verlag (Insel-Bücherei 99/4)
  • 1951: Die Kinder
  • 1952: Der Mann und sein Name
  • 1953: Der Bienenstock
  • 1954: Gedanken zur DDR. In: Aufsätze … 1980, als Auszug in: Andreas Lixl-Purcell (Hrsg.): Erinnerungen deutsch-jüdischer Frauen 1900–1990 RUB 1423, Reclam Lpz. 1992 und öfter ISBN 3-379-01423-0 S. 402–408
  • 1958: Brot und Salz
  • 1959: Die Entscheidung
  • 1961: Das Licht auf dem Galgen
  • 1963: Über Tolstoi. Über Dostojewski
  • 1965: Die Kraft der Schwachen
  • 1965: Agathe Schweigert
  • 1967: Das wirkliche Blau. Eine Geschichte aus Mexiko
  • 1968: Das Vertrauen
  • 1969: Glauben an Irdisches
  • 1970: Briefe an Leser
  • 1970: Über Kunstwerk und Wirklichkeit
  • 1971: Überfahrt. Eine Liebesgeschichte
  • 1973: Sonderbare Begegnungen
  • 1977: Steinzeit. Wiederbegegnung
  • 1980: Drei Frauen aus Haiti
  • 1990: Der gerechte Richter (entstanden 1957, aber seinerzeit aus politischen Gründen nicht veröffentlicht)

Verfilmungen

Ehrungen und Preise

Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Gold 1960 an Anna Seghers, hier mit Rektor Schröder und Otto Nagel (r.)
Bild und Text aus dem Bundesarchiv: Anna Seghers wurde die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mainz verliehen. Aus diesem Anlass waren in ihrer Berliner Wohnung (v.r.n.l.) Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur der DDR; Dr. Harder, Präsident der Gutenberg-Universität Mainz; Bürgermeister Dr. Keim, Klaus Bölling, Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR, Weyel (SPD-Fraktionsvorsitzender in Mainz); Oberbürgermeister Jockel Fuchs (stehend), Dr. Günter Storch (FDP-Fraktionsvorsitzender in Mainz), Frau Fuchs und andere Persönlichkeiten anwesend. (1981)

Siehe auch

Literatur

  • Walter Fähnders & Helga Karrenbrock (Hg.): Autorinnen der Weimarer Republik Bielefeld 2003 (Aisthesis Studienbuch 5). ISBN 3-89528-383-5
  • Birgit Schmidt: Wenn die Partei das Volk entdeckt. Anna Seghers, Bodo Uhse, Ludwig Renn u.a. Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur Münster. ISBN 3-89771-412-4
  • Pierre Radvanyi: Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter A.S. Aufbau, Berlin 2005. ISBN 3-351-02593-9
  • Christiane Zehl Romero: Anna Seghers. Eine Biographie 1900–1947. Aufbau, Berlin 2000. ISBN 978-3-351-03498-6
  • dies. mit Almut Giesecke Hgg.: Anna Seghers. Briefe 1924–1952, ebd. 2008 ISBN 978-3-351-03473-3
  • dies. mit Almut Giesecke Hgg.: Anna Seghers. Briefe 1953−1983, ebd. 2010 ISBN 978-3-351-03474-0
  • Irina Wittmer: Ausflug der toten Bräute. Acht fiktive Begegnungen mit Anna Seghers und dem jüdischen Mainz. in Zs. Krautgarten, Nr. 55, Nov. 2009, S. 23 - 30 (Teilabdruck aus Privatdruck, 978-3-00-028847-0)
  • Anita Wünschmann: Anna Seghers. Jüdin, Kommunistin, Weltbürgerin - die große Erzählerin des 20. Jahrhunderts, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2004, ISBN 978-3-933471-68-0.
  • Friedrich Albrecht:Die Erzählerin Anna Seghers 1926-1932.Rütten&Loening, Berlin 1965
  • Friedrich Albrecht: Bemühungen. Arbeiten zum Werk von Anna Seghers 1965-2004. Peter Lang, Bern usw.2005. ISBN 3-03910-619-8
  • Friedrich Albrecht: Das abenteuerliche Leben der Dichterin Anna Seghers.Texte von Anna Seghers, für junge leser ausgewählt und vorgestellt.Bertuch Verlag Weimar ISBN 3-937601-58-9

Weblinks

 Commons: Anna Seghers – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Über die 1879 geweihte Synagoge in der Flachsmarktstraße der Israelitischen Religionsgesellschaft in Mainz von Rabbiner Prof. Dr. Dr. Leo Trepp am 9. November 2004; Webzugriff: 14. August 2011
  2. ibidem: Die neo-orthodoxe Jüdische Gemeinde nannte sich Israelitische Religionsgesellschaft und wurde von Rabbiner Dr. Marcus Lehmann geführt. Die Synagoge wurde während der Novemberpogrome 1938 von deutschen Nazis zerstört.
  3. Biografie von A. Seghers auf der Webseite des Aufbauverlags
  4. Die ostdeutsche Schriftstellerin Anna Seghers (…) In: Arbeiter-Zeitung, 21. November 1970, S. 11, Spalte 2, unten.

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