Anna vom Büchel

Anna Catharina vom Büchel, auch Buchel (* 23. Februar 1698 in Elberfeld; † 13. November 1743 in Ronsdorf) war Prophetin, Zionitin und Zionsmutter.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Büchels Großvater zog um 1660 vom Hof Büchel bei Remscheid in das vorindustrielle Elberfeld. Seine Enkelin Anna Catharina vom Büchel war die Tochter eines Bäckers.

Seit etwa 1722 hatte sie Verzückungen und Gesichte, und ab 1726 hielt sie regelmäßig in Elberfeld pietistische Erbauungsstunden ab, die zunächst von der reformierten Kirche geduldet wurden. Sie war als Dienstmädchen im Hause der Familie Bolckhaus angestellt, wo sie vermutlich erstmals ihren spätern Ehemann Elias Eller antraf, einen wichtigen Vertreter des späten Radikalpietismus. Dieser soll ihr in privaten Erbauungsstunden die Offenbarung des Johannes Offb 21,1–2 EU erklärt haben, die besagt, dass bei der Apokalypse, dem Jüngsten Gericht und dem Endkampf zwischen Gott und dem Teufel, letzten Endes Gott als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen wird. Daraufhin werden die Erde und der Himmel erneuert und eine Stadt wird aus dem Himmel herabfahren: das neue Jerusalem.

Büchel zeigte sich von hiervon ganz besonders inspiriert. Ab spätestens 1726 verkündete sie, dass sie berufen sei, mit Elias Eller (1690-1750) einen neuen Heiland zu zeugen. Zunächst beschlossen ihre Anhänger und Anhängerinnen, innerhalb einer von Elias Eller mitgetragenen Philadelphischen Societät als Pietistische Gesellschaft oder Konventikel, ähnlich wie zuvor Jane Leade in England, das geistlich-religiöse Leben zu befruchten. In dieser Elberfelder Sozietät trat Büchel als Prophetin bald regelmäßig auf und konnte schnell eine feste Gruppe von Anhängern um sich sammeln. Schon im ersten Jahr ihrer Prophezeiungen wurden fünfzig Haushalte zu der Bewegung gezählt. Die Offenbarungen Annas wurden von Eller in einem Buch aufgezeichnet, welches den Namen Ronsdorfer Hirtentasche trägt. Die Anhänger wurden in ein Verzeichnis aufgenommen und als Versiegelte bezeichnet. Dieses Verzeichnis war ein Teil der Hirtentasche und ist erhalten. [1]

Herausragende Anhänger waren reformierte Theologen wie Pastor Daniel Schleyermacher (1695–1776), Großvater des späteren Theologen Friedrich Schleiermacher [2], und Peter Wülffing (1701–1776) aus Solingen. Die Prophetin Anna vom Büchel wurde von ihren Anhängern Mutter Zion, Elias Eller Vater Zion genannt. Daneben hatte sie weitere Ehrbezeichnungen wie Hütte Gottes bei den Menschen, Mutter Jerusalem oder Arche des Testaments.

Kontinuierlich forderte Büchel zum Auszug aus Elberfeld, das sie mit Babel gleichsetzte, auf. Möglicherweise hatte sie Kenntnisse von den in pietistischen Kreisen verbreiteten und beliebten anonym verfassten prophetischen Wunderreden. Der Inhalt dieses Büchleins lässt sich summarisch auf zwei Punkte reduzieren:

  • Babel muss untergehen
  • Jerusalem muss aufgebaut werden

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie eine der Predigten des späteren Zioniten Peter Wülffing gehört hatte, der mehrfach in Elberfeld predigte. Diese Predigten waren durchdrungen von der Idee einer reinen wahren zionitischen Kirche, die sich von der Umgebung abzusondern habe.

Unter anderem prophezeite Büchel, dass sie und Elias Eller das neue Zion aufbauen würden, und dass ihnen ein Sohn geboren werde, der als neuer Messias die Welt beherrschen würde (siehe auch Offb 12,5 EU). Im Alter von 36 Jahren heiratete sie am 26. Januar 1734 Elias Eller, nachdem dieser sich 1727 von seiner ersten Frau Katharina Bolckhaus getrennt hatte und sich 1733 scheiden ließ. Bereits 1727 hatte Eller angekündigt, Frau Büchel heiraten zu wollen. Am 4. Juli 1734 wurde der erste Sohn Benjamin geboren, der jedoch am 21. November 1735 überraschend verstarb. Anschließend gebar sie im Juli 1736 die Tochter Anna, die kurz nach der Geburt im August des gleichen Jahres verstarb. 1738 wurde am 1. Januar Sarah (gestorben 1770) und ein Jahr darauf am 6. Dezember Rahel geboren. 1737 begann der Aufbau einer eigenen Siedlung namens Ronsdorf. Die Führung des Auszuges aus Elberfeld nach Ronsdorf sollte unter Büchels und Ellers Anleitung geschehen, beide seien aus dem Stamme Juda, dem Geschlechte Davids, entsprossen, und beide würden nun das Tausendjährige Reich herbeiführen.

Eller begann im Frühjahr ein Stück Wald zu roden, und noch im gleichen Jahr zogen die ersten Zioniten aus Elberfeld in die neue entstehende Siedlung, welche die Anhänger der philadelphischen Sozietät als das Himmlische Jerusalem ansahen. Im weitern Verlauf des Aufbaus der Siedlung trat Anna vom Büchel in den Hintergrund, sie hielt zwar weiterhin Aussprachen und wurde als Prophetin verehrt, doch eine dominierende Rolle kann ihr anhand der Quellen nicht nachgewiesen werden. Sie lebte mit Eller in ihrem geräumigen neuen Haus, das als Stiftshütte bezeichnet wird, und hielt dort ihre Versammlungen ab. Nach den Aufzeichnungen von Jakob Bolckhaus soll Anna vom Büchel am 13. November 1743 um drei Uhr morgens sanft entschlafen sein. So bezeugt es auch ein Protokoll, welches, unterschrieben von 54 Gemeindemitgliedern, beim preußischen König Friedrich II. in Berlin eingereicht wurde. Nach anderen Quellen verstarb sie plötzlich in der Gaststätte des Johann Caspar Bosselmann, oder wurde kurz nach einem Gastmahl ebenda gefunden. Die Umstände deuten auf Apoplexie.

Sonstiges

In Ronsdorf ist eine Straße nach Elias Eller benannt. Feministische Theologinnen und Historikerinnen forderten eine Umbenennung der „Elias-Eller-Straße“ in eine „Anna-vom-Büchel-Straße“, um auf die zentrale Rolle ihrer Visionen in der Geschichte der Ronsdorfer Sekte und auf ihr Lebenschicksal aufmerksam zu machen.

Literatur

  • Theodor Wotschke, Vom Tode der Zionsmutter Anna Eller 1743 in Ronsdorf, in: Mhh. f. rhein. KG 27, 1933, 28
  • Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, Band XXII (2003) Spalten 156-160 Autor: Claus Bernet, Verlag Traugott Bautz

Weblinks

  • wissen.spiegel.de, 31. August 2003, Biographie Anna Catharina vom Büchel
  • zeit.de, 1. März 1951, Stadt Zion über der Wupper

Einzelnachweise

  1. Spektakulärer Einblick in die Geschichte der Ronsdorfer Stadtgründung, 6.März 2009, sonntagsblatt-online.de, Zugriff März 2009
  2. Kirchengeschichtlicher Sensationsfund in Ronsdorf, 10. Februar 2009, kirche-kuellenhahn.de, Zugriff März 2009

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