Anna von Lieben

Anna von Lieben (* 26. September 1847 in Wien; † 31. Oktober 1900 ebd.) wurde bekannt als Sigmund Freuds Patientin Cäcilie M..

Sie war eine Tochter von Eduard Todesco (seit 1869 Eduard Freiherr von Todesco) und seiner in Brünn geborenen Ehefrau Sophie Gomperz. Der Reichtum und Einfluss der jüdischen Familie Todescos wurde im damaligen kaiserlichen Wien nur knapp von den Wiener Rothschilds übertroffen.

Inhaltsverzeichnis

Jugend

Schon früh erlebte sie die Schicksale der „goldenen Käfige“ von Verwandten. 1866 floh sie im Alter von 18 Jahren zu ihrer Schwester Franziska (genannt Fanny) nach London, die dort am 28. April 1866 die erste Ehefrau des ebenfalls sehr reichen Heinrich von Worms (auch Henry de Worms) geworden war. Auch diese Ehe wurde später geschieden. In London erholte sich Anna jedoch nicht, sondern hier wurde sie psychisch sehr krank.

Ehemann

1868 ging Anna auf Drängen der Eltern nach Wien zurück und heiratete am 3. Dezember 1871 in Wien den zwölf Jahre älteren, schwerreichen Leopold von Lieben (* 7. Mai 1835; † 20. März 1915), den Präsidenten der Wiener Börsenkammer. Bald darauf hatte das Ehepaar fünf Kinder.

Kinder

  • Ilse von Lieben (* 13. Februar 1873) heiratete Wilhelm Leembruggen
  • Valerie von Lieben (* 7. April 1874) heiratete Johann Paul Karplus (1866-1936). Sie starb mit 63 im Jahre 1938 und hinterließ Sohn Heinrich Karplus (* 26. Oktober 1905).
  • Ernst von Lieben (* 19. Mai 1875) heiratete am 3. April 1919 Maria Tumb (* 3. April 1895).
  • Robert von Lieben (* 5. September 1878 in Wien; † 20. Februar 1913 ebenda) elektrifizierte als Elfjähriger das Familienpalais Todesco-Lieben in Wien und erfand später die erste Elektronenröhre mit Verstärkerwirkung. Er heiratete die Burgschauspielerin Anny Schindler aus Weikersdorf/Baden in Österreich, die 1948 in London verstarb. Er selbst wurde nur 34 Jahre alt.
  • Henriette von Lieben (* 5. Mai 1882; † 1978) heiratete Eduard Motesiczky von Kesselföklö (* 27. September 1866; † 12. Dezember 1909). Henriette flüchtete mit ihrer Tochter Marie-Louise von Motesiczky (1906-1996; einer bekannten Malerin) bereits 1938 nach England, wo sie bis an ihr Lebensende blieben. Sohn Karl Motesiczky von Kesselföklö (1904-1943) blieb in Österreich, betätigte sich am Widerstand und wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Krankheit

Das Palais der Familie Todesco wurde von 1861 bis 1865 von ihrem Vater errichtet. Der Bau hat ca. 500 Zimmer und war bzw. ist voller Kunstschätze. Bewohnt wurde es zunächst nur von den Familien Todesco und Lieben. Im Erdgeschoss traf Anna Sigmund Freud zum ersten Mal. Das erste Stockwerk wurde bewohnt von Leopold von Liebens Familie. Anna litt zunehmend unter hysterischen Erscheinungen und war oft ans Bett gefesselt. Nach der Geburt ihrer Kinder wurde sie morphinsüchtig. Hugo von Hofmannsthal, ein häufiger Besucher, beschreibt sie als tierisch, sinnlich, halbverrückt. Sie war hochbegabt, liebte das Schachspiel und war mathematisch interessiert.

Behandlung durch Sigmund Freud

1887 lernte sie den zehn Jahre jüngeren Sigmund Freud kennen, der sie bis zum Jahre 1895 betreute. Unter dem Namen Cäcilie M. ging sie als eine der ersten Patientinnen Sigmund Freuds in die Medizingeschichte ein. Er bezeichnete sie später als seine Lehrmeisterin. Durch die relativ lange und besonders intensive Zeit ihrer Behandlung (über Jahre fast durchgehendes dreimaliges Treffen in einer Woche) konnte er die Funktion der Psyche intensiv kennenlernen. Sie lebte in ständiger Angst, in eine Anstalt eingewiesen zu werden. Sigmund Freud entwickelte erste Erfahrungen mit der Rede-Kur, mit dem damals neuen Element der freien Assoziation.

Werke

  • Anna von Lieben: Gedichte. Ihren Freunden zur Erinnerung. Fromme, Wien 1901.

Literatur

  • Karlheinz Rossbacher: Literatur und Bürgertum. Böhlau, Wien 2003, ISBN 3-205-99497-3 (Eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche).
  • Peter Swales: Freud, his teacher, and the birth of psychoanalysis. In: Paul E. Stepansky (Hrsg.): Freud: Appraisals and reappraisals. The Analytic Press, New Jersey 1986, S. 3-82.
  • Inge Scholz-Strasser: Bluten aus Sehnsucht. In: Die Presse, 29. April 2006, abgerufen: 11. Mai 2001 (online).

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