Anna von Sachsen (1577)
Anna von Sachsen (um 1562). Kreidezeichnung von Jacques Le Boucq. Musée des Beaux-Arts, Arras.

Anna von Sachsen (* 23. Dezember 1544 in Dresden; † 18. Dezember 1577 ebenda) war die Tochter des Kurfürsten Moritz von Sachsen und der Agnes von Hessen (* 1527; † 1555).

Inhaltsverzeichnis

Kindheit

Anna wuchs nach dem Tod ihres jüngeren Bruders Albrecht (* 28. November 1545; † 12. April 1546) als Einzelkind auf, das besonders von der Mutter geliebt und verwöhnt wurde. Annas Schulter war deformiert, sie hinkte.

Am 11. Juli 1553 starb ihr Vater, und sein jüngerer Bruder August (* 1526; † 1586) übernahm das Amt des Kurfürsten. Annas Mutter heiratete zwei Jahre später erneut. Ihr zweiter Gatte war Herzog Johann Friedrich der Mittlere von Sachsen (* 1529; † 1595). Anna lebte von nun an mit zwei Geschwistern ihrer Mutter in Weimar. Am 4. November 1555, ein halbes Jahr nach ihrer zweiten Hochzeit, starb auch die Mutter. Die 11-jährige Vollwaise lebte nun bei ihren nächsten Verwandten am Dresdener Hof, wo sie sich bei ihrem Onkel August und dessen Gattin, Anna von Dänemark und Norwegen, unglücklich und allein fühlte. Ihre Charakterzüge wurden mit stolz, trotzig und stur beschrieben. Sie galt als intelligent und leidenschaftlich.

Sie war in ihrer Zeit die reichste fürstliche Erbin in Deutschland. 1556 warb Erik, Sohn des schwedischen Königs Gustav Wasa, um ihre Hand, zwei Jahre später Wilhelm von Oranien. Da seine Widerstandspolitik gegen die Habsburger in den Niederlanden kostspielig war, war die Heirat mit einer reichen Erbin für ihn wichtig. Das Geld eines der Hauptmotive für die Heirat war, belegt wohl auch der weitere Verlauf der Ehe. Annas Großvater mütterlicherseits, Philipp der Großmütige von Hessen, hatte Einwände gegen die geplante Verbindung. Erstens sei Wilhelm von Oranien für eine Kurfürstentochter nicht standesgemäß. Sie könne hochrangiger heiraten. Und zweitens sei dieser zu stark verschuldet, als dass er seine zukünftige Braut im Falle seines Todes entsprechend versorgen könne. Durch Philipps ablehnende Haltung verzögerte sich Wilhelms Werbung um ein volles Jahr. Letztendlich gab aber wohl den Ausschlag, dass Wilhelm mit seinen niederländischen Ressourcen für die protestantische Seite ein sehr wertvoller Bündnispartner war.

Anna von Sachsen (um 1566). Kupferstich von Abraham de Bruyn.

Ehe mit Wilhelm I. von Oranien-Nassau

Am 2. Juni 1561 wurde in Torgau der Ehevertrag geschlossen. Annas Mitgift sollte die hohe Summe von 100.000 Talern betragen. Die Hochzeit fand am 24. August 1561 in Leipzig statt. Am 1. September 1561 trat Wilhelm von Oranien dann mit seiner jungen Gattin die Reise in die Niederlande an.

Aus dieser Ehe gingen hervor:

  • N.N., ein Mädchen (*31. Oktober 1562; † wenige Tage später)
  • Anna (* 1563; † 1588) - 1587 verheiratet mit Graf Wilhelm Ludwig von Nassau-Dillenburg (* 1560; † 1620), Sohn von Johann VI. von Nassau-Dillenburg
  • Moritz (* 8. Dezember 1564; † März 1566)
  • Moritz (* 1567; † 1625), Statthalter der Niederlande
  • Emilia (* 1569; † 1629) - 1597 verheiratet mit Emanuel (I.) von Portugal (* 1568; † 1638)
  • Christine, genannt von Diez (* 22. August 1571), von Wilhelm I. von Oranien-Nassau nicht anerkannt.

Schon wenige Monate nach der Hochzeit stellten sich 1562 erste Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Gatten ein. So erhielt Anna von ihrem Onkel August schon erste mahnende Briefe, sich ihrem Gatten gegenüber wohlgefälliger zu verhalten. Beide versuchten aber, die entstehenden Gerüchte über eine unglückliche Ehe als böswillige Verleumdungen hinzustellen. Seit 1565 war es an allen Höfen Deutschlands und in den Niederlanden bekannt, dass es mit Annas und Wilhelms Ehe nicht zum Besten stand. Ihrem Onkel August gegenüber, der sie wie üblich brieflich ermahnte, versuchte Anna sich zu rechtfertigen, indem sie besonders ihren Schwager Ludwig (* 1538; † 1574) als Verursacher der Streitigkeiten mit ihrem Mann beschuldigte. Seit 1566 beklagte sich schließlich ihr Gatte über das „zänkische“ Wesen seiner Frau bei ihrem sächsischen Onkel August und ihrem hessischen Onkel Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (* 1532; † 1592).

Nach dem Tod ihres ersten Sohnes Moritz im Jahre 1566 stellten sich bei Anna schwere Depressionen und zum ersten Mal Selbstmordgedanken ein. Außerdem versuchte sie, ihren Kummer mit übermäßigem Alkoholkonsum zu verdrängen.

1567 musste Wilhelm auf Grund seines Engagements gegen Habsburg die Niederlande verlassen und ging mit seiner Gattin nach Dillenburg, dem deutschen Stammsitz der Familie. Am 14. November 1567 brachte sie dort einen Sohn auf die Welt, der wieder nach ihrem Vater Moritz benannt wurde. Während der Tauffeier vom 11.–19. Januar 1568 traf die Nachricht ein, dass die Güter Wilhelms in Burgund am 20. Dezember 1567 beschlagnahmt worden waren und dass er auch seine niederländischen Besitzungen verlieren werde.

Als sich Wilhelm am 15. August 1568 wieder nach Brabant begab, um seinen Krieg gegen die Spanier fortzusetzen, beschloss Anna am 20. Oktober 1568, obwohl erneut schwanger, Dillenburg mit ihrem Hofgesinde (vermutlich aus 43 Personen bestehend) zu verlassen, um den Antipathien ihrer Schwiegermutter zu entfliehen und sich in Köln ein neues Zuhause zu schaffen. Ihre beiden Kinder, Anna und Moritz, waren von ihrer Schwiegermutter wegen Seuchengefahr nach Braunfels gebracht worden, so dass sie sie zunächst zurücklassen musste. Erst im nächsten Jahr, nach einem heftigen Kampf mit Wilhelms Mutter, konnte sie die Kinder zu sich holen. Ihre Tochter Emilia kam so am 10. April 1569 in Köln zur Welt.

Am 4. März 1569 traf sich Anna mit ihrem Gatten in Mannheim. Wilhelms Feldzug gegen Herzog Alba war gescheitert, König Philipp II. von Spanien hatte die Acht über ihn verhängt. In dieser Situation zog er es vor, Deutschland zu verlassen und die Hugenotten in Frankreich bei ihren Glaubenskämpfen zu unterstützen. Da ihr Mann in dieser Situation nicht mehr in der Lage war, für sie zu sorgen, folgerte Anna, dass sie nun ein Anrecht auf ihr Wittum habe. Sie erwog zwei Möglichkeiten: Entweder gelang es ihr, den Herzog von Alba zu überreden, ihre beschlagnahmten Güter zurückzuerstatten, oder die Brüder Wilhelms räumten ihr die Zahlung des im Ehevertrag festgelegten jährlichen Leibgedinges von 12.000 Gulden bzw. den Besitz der Schlösser Dietz oder Hadamar ein. Dies hätte für die Nassauer eine kaum zu tragende finanzielle Belastung bedeutet. Anna wurde so zu einem Risiko für die Familie.

Zur Durchsetzung ihrer Forderungen wandte sie sich gegen Ende des Jahres 1569 an den erfolgreichen Advokaten Jan Rubens, Vater des Malers Peter Paul Rubens, der wegen seines calvinistischen Glaubens Antwerpen im Jahre 1568 verlassen und ebenfalls in Köln Zuflucht gefunden hatte. Dieser erhob im Januar 1570 beim königlichen Fiskal zu Brüssel Klage wegen Annas in den Niederlanden eingezogener Güter.

Die Affäre

Annas Wunsch, ihren Gatten wieder zu sehen und mit ihm über die wichtigsten Angelegenheiten zu sprechen, erfüllte sich erst am 23. Mai 1570, als es zu einem eintägigen Treffen in Butzbach kam. Im Juni 1570 sahen sich Anna und Wilhelm noch einmal für einige Wochen in Siegen, wo sie sich mit ihren drei Kindern niedergelassen hatte. In den Weihnachtstagen vom 24.-26. Dezember 1570 besuchte Wilhelm seine Familie dort erneut. Es muss eine harmonische Zeit gewesen sein, denn er konnte Anna überreden, ihn im Januar 1571 in Dillenburg zu besuchen, wo sie sich sogar bereit fand, einstweilen auf Zahlungen aus ihrem Wittum zu verzichten und sie war wieder schwanger. Der Entschluss, seine Frau zu verlassen, muss für Wilhelm zu diesem Zeitpunkt aber bereits festgestanden haben. An der Anklage wegen Ehebruchs wurde bereits gearbeitet.

Jan Rubens, mit dem Anna häufig zusammen war, da er ihr Ratgeber, Vermögensberater und Anwalt war, wurde des Ehebruches mit Anna verdächtigt und zwischen dem 7.-10. März 1571 vor den Toren Siegens verhaftet, als er sich wegen einer geschäftlichen Angelegenheit auf dem Weg zu ihr befand. Er wurde gefoltert und ein passendes Geständnis erpresst. Anna wurde unter Druck gesetzt: Entweder sie gestand selbst oder Rubens' würde hingerichtet. Daraufhin erklärte Anna sich am 26. März 1571 für schuldig. Am 22. August 1571 brachte Anna ihr letztes Kind, Christine, zur Welt. Auf Grund des Vorwurfs erkannte Wilhelm von Oranien diese Tochter nicht als sein Kind an. Christine erhielt den Namen "von Diez". Am 14. Dezember 1571 musste Anna ihre Einwilligung zur endgültigen Trennung von ihrem Gatten unterzeichnen. Außerdem war Wilhelm von Oranien nicht bereit, Unterhalt für sie zu zahlen.

Inhaftierung und Tod

Im September 1572 beschloss Anna beim Reichskammergericht um ihr Recht zu kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt hatten ihre hessischen und sächsischen Verwandten mit den Nassauern bereits geplant, sie im Beilsteiner Schloss, das vergitterte Fenster und vermauerte Ausgänge besaß, als Ehebrecherin gefangen zu setzen. Am 1. Oktober 1572 wurde sie mit ihrer jüngsten Tochter Christine dort hin gebracht. Drei Jahre später nahm man ihr auch die Tochter weg.

Im März dieses Jahres - die Ehe war noch nicht geschieden - tauchten ersten Nachrichten von einer bevorstehenden erneuten Heirat Wilhelm von Oraniens auf. Seine Auserwählte war die ehemalige Äbtissin von Jouarre, Charlotte von Bourbon-Montpensier (1546/47-1582), eine Tochter Ludwigs II. von Bourbon († 1582), Herzog von Montpensier, und seiner ersten Gattin, Jacqueline de Longwy († 1561). Empört wegen des nun offensichtlich versuchten Ehebruchs Wilhelms von Oranien forderten Annas sächsische und hessische Verwandte daraufhin die sofortige Rückgabe des ehemaligen Heiratsgutes ihrer Nichte. Ihr sächsischer Onkel August forderte darüber hinaus von Wilhelm, den er nun "Haupt aller Schelme und Aufrührer" nannte, eine der nassauischen Grafschaften, Hadamar oder Dietz. Außerdem insistierte er darauf, dass die Ehe des Prinzen rechtlich noch nicht geschieden sei. Anna habe ihren Ehebruch nicht vor Gericht eingestanden, und wenn sie es täte, dann würde sie in der Lage sein, nachzuweisen, dass der Prinz seinerseits die Ehe gebrochen habe. Zudem befahl er die sofortige Überführung seiner Nichte aus Nassau nach Sachsen. Letzteres gestand Wilhelm gerne zu, um seine zweite Ehefrau möglichst los zu werden.

Als Anna im Dezember 1575 von ihrer bevorstehenden Verbringung nach Sachsen erfuhr, versuchte sie einen Selbstmord. Am 19. Dezember 1575 steckte man sie schließlich mit Gewalt in ihren Reisewagen. Nach einem längeren Aufenthalt in Zeitz wurde sie im Dezember 1576 nach Dresden überführt. Dort wurden die Fenster ihres Gemachs vermauert und zusätzlichen noch mit Eisengittern versehen. An der Tür wurde aus dem oberen Feld ein viereckiges Loch herausgeschnitten und mit einem engen Gitter versehen, das außen verschließbar war. Durch dieses Loch wurden Speisen und Getränke für sie gereicht. Vor der Tür gab es außerdem noch ein weiteres Eisengitter.

Seit Mai 1577 litt Anna unter Dauerblutungen. Anna starb am 18. Dezember 1577 kurz vor ihrem 33. Geburtstag. Namenlos wurde sie im Dom zu Meißen an der Seite ihrer Vorfahren bestattet.

Literatur

  • Hans Kruse: "Wilhelm von Oranien und Anna von Sachsen. Eine fürstliche Ehetragödie des 16. Jahrhunderts." In: Nassauische Annalen, 54, 1934, S. 1-134.
  • Martin Spies: "Die Bildnisse Annas von Sachsen." In: Nassauische Annalen, 116, 2005, S. 237-248.
  • Otto Rombach: "Anna von Oranien", Roman, 1960

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