Annalenstein der 5. Dynastie

Der Annalenstein der 5. Dynastie (2504 bis 2347 v. Chr.) stand in seiner vollständigen Form vermutlich in einem der Sonnenheiligtümer der fünften Dynastie. Dieser aus schwarzem Diorit bestehende Stein maß ursprünglich 140 × 200 cm und zerbrach später in mehrere Teile, die quer über Ägypten verstreut wurden. Die beiden größten Bruchstücke heißen aufgrund ihrer heutigen Aufstellungsorte „Palermostein“ (P) und „Kairostein“ (C1 / K1). Daneben werden nach Wolfgang Helck fünf kleinere Teile unter den Bezeichnungen P1 sowie „Kairo-Fragmente“ Nr.2 bis 5 (C2 - C5 / K2 - K5) geführt.[1][2][3]

Es ist unsicher, ob alle Fragmente zu einem einzigen Stein oder zu verschiedenen Steinen gehören.[4] Die Bruchstücke des Annalensteins zeigen zudem bereits für die ersten Könige der 1. Dynastie eine ununterbrochene Reihe von Jahresnamen. Da jedoch erst Den die Zählung der Jahresnamen einführte, gehen die Eintragungen auf ältere Quellen zurück, die aufgrund von Erzählungen und Erinnerungen ergänzt wurden und somit nicht als zuverlässige Jahreszählungen angesehen werden können.[5]

Inhaltsverzeichnis

Gesamtbeschriftung

Der gesamte Annalenstein und damit zumindest neben dem Palermostein auch der Kairostein, als einer der beiden größeren Fragmente, war beziehungsweise sind vorder- und rückseitig beschriftet. Die vermutliche Gesamtbeschriftung wurde von Wissenschaftlern in verschiedenen Varianten aus allen bekannten Fragmenten und den darauf befindlichen tatsächlichen Teilbeschriftungen letztlich nur rückerschlossen. Alle Fragmente sind daher noch heute Gegenstand einer nicht abgeschlossenen Forschung auch und besonders zur ursprünglichen Gesamtbeschriftung des Annalensteins und möglicher Interpretationen derselben.[6]

Vorderseite

Die Hieroglyphenbeschriftung der Frontseite ist in modern wirkende, horizontale Tabellen, Zeilen und Fenster aufgegliedert.[1] In der obersten Zeile sind die Namen prädynastischer Herrscher in rechteckigen Vignetten eingetragen. Darunter folgen sämtliche Könige der 1. bis 4. Dynastie, wobei die Namen der Könige stets so positioniert sind, dass sie exakt mittig über der zugehörigen Tabelle stehen.

In den unmittelbar darunter befindlichen Fenstern sind von rechts nach links die jeweils bedeutendsten Jahresereignisse wie beispielsweise das Horusgeleit oder die Viehzählung eingetragen, aber auch besondere Geschehnisse allgemeiner Art. Unter jedem dieser sogenannten Jahresfenster findet sich eine kleine Zusatzzeile, in der der jeweilige Nilpegel angegeben wird. In den freien, die Tabellen trennenden Zwischenzeilen, sind die Herrschernamen nebst Titeln und Kartuschennamen eingetragen, sowie die Namen der jeweiligen königlichen Mutter.

Die Herrschertabellen enden stets mit der Angabe des Kalenderjahres, in dem der König verstarb. Die Jahreszählung für den Nachfolgekönig beginnt danach aber nicht mit der Regierungsübernahme, sondern nennt nur das Jahr, in welchem der jeweilige König den Thron bestieg. Als Kalenderform wurde der ägyptische Verwaltungskalender gewählt, dessen Beginn immer mit dem 1. Achet I in der ägyptischen Jahreszeit „Überschwemmung“ ansetzte.[7]

Rückseite

Die gesamte Rückseite des Annalensteins widmet sich den auf der Vorderseite noch nicht genannten Königen der 4. und anschließend allen Königen der 5. Dynastie. Auch hier sind die Texte in Tabellen, Zeilen und Fenster gegliedert, allerdings sind die Ereignisfenster viel großformatiger und mit detaillierteren Texten ausgefüllt, als jene auf der Vorderseite.

Fragmente und ihre Zuordnung

Die mit dem Kairostein insgesamt fünf Kairo-Fragmente wurden unabhängig von ihrer ehemaligen Positionierung im Annalenstein auch nach dem heutigen Aufbewahrungsort in der Sammlung des Ägyptischen Museums von Kairo benannt, obwohl sich nur die Kairo-Fragmente Nr.2 und 3 in unmittelbarer Nähe zum Kairostein (Kairo-Fragment Nr1) im Annalenstein befanden und die beiden anderen Kairo-Fragmente Nr.4 und 5 viel eher in der Nähe des Palermosteins (P). Das Fragment mit der Bezeichnung P1 (nach W. Helck) befand sich einst rechts vom Palermostein und ist heute im Petrie Museum of Egyptian Archaeology von London.[8]

Die Kurzbezeichnungen für all die Fragmente werden von verschiedenen Ägyptologen unterschiedlich angegeben. So heißen sie beispielsweise bei Richard H. Wilkinson PS für den Palermostein, CF1 - CF5 für alle Kairo-Fragmente, wobei CF1 für den Kairostein steht und LF für das heute im Petrie Museum of Egyptian Archaeology von London befindliche Fragment. Jürgen von Beckerath jedoch bezeichnet den Palermostein mit P, die kleineren Kairo-Fragmente mit K1 - K4, das in London befindliche Fragment mit L und den Kairostein, als das größte sich heute in Kairo befindliche Fragment mit C.

Fragmente mit ihren jeweiligen Beschriftungsinhalten

Im Folgenden werden alle bislang ermittelten Herrscher genannt und den einzelnen Fragmenten unter Kennzeichnung nach W. Helck zugeordnet:

  • Kairo-Fragment Nr.1 (C1 / K1) = „Kairostein“: → siehe Hauptartikel Kairostein
  • Kairo-Fragment Nr.2 (C2 / K2): König Cheops (Vorderseite)
  • Kairo-Fragment Nr.3 (C3 / K3): König Radjedef (Vorderseite)
  • Kairo-Fragment Nr.4 (C4 / K4): König Snofru (Vorderseite)
  • Kairo-Fragment Nr.5 (C5 / K5): König Den (Vorderseite)
  • Fragment P = „Palermostein“: → siehe Hauptartikel Palermostein
  • Fragment P1: König Chasechemui (Vorderseite)

Historische Bedeutung und Rekonstruktionen

Für die Ägyptologie sind alle Annalenstein-Fragmente von größtem Interesse, denn sie bieten Auskunft über die Namen der Könige (Pharaonen) aus prädynastischer Zeit bis zur 5. Dynastie (2504–2347 v. Chr.), also einer sehr frühen Epoche der altägyptischen Hochkultur.

Besonders intensiv erforscht werden vor allem die Angaben zu den Jahresereignissen unter den Herrschern. Bisherige Untersuchungsergebnisse lassen in den Ereignisangaben gewisse refrainartige und kanonische Muster erkennen, die sich in permanentem Wiederholen von jährlich oder alle paar Jahre stattfindenden Festen und Zeremonien ausdrücken. Ein großes Problem für die Ägyptologie sind gewisse Anachronismen, die besonders auf dem Kairostein zutage treten. So werden beispielsweise Kartuschennamen für die Könige Djer und Semerchet (beide regierten in der 1. Dynastie) angegeben, obwohl zu deren Lebzeiten diese Form des Königsnamens noch gar nicht existierte, sondern erst mit König Huni gegen Ende der 3. Dynastie in Gebrauch kam. Auffällig ist auch, dass mit den Königen stets deren Mütter beim Namen genannt werden, nicht aber etwa die Ehefrauen. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Frauen zeitgenössisch überhaupt nicht belegt sind, sondern eben bisher nur auf diesem Annalenstein in Erscheinung treten.

Nilfluthöhen des Annalensteins

Nilfluthöhen: Epoche des Ninetjer (untere Zeilenreihe)

Die auf dem Annalenstein vermerkten Nilfluthöhen beziehen sich wohl auf die Wasserstände der vom Nil überschwemmten Felder im nördlichen Talbereich von Memphis. Der genaue Fixpunkt des Messverfahrens bleibt jedoch unklar. Eine in Elephantine erfolgte Zu- oder Abnahme des Nilwasserstandes von einem Meter konnte eine Veränderung der Nilfluthöhe auf den Feldern bei Memphis von bis zu zwei Metern bewirken. Die Nilfluthöhen der Prädynastik bis zur 2. Dynastie zeigen einen deutlichen Klimawandel, der das tägliche Leben der Ägypter in der frühdynastischen Zeit veränderte. Die Folgen des trockerenen Klimas entsprechen dem archäologischen Befund, der die insbesondere Anfang der 1. Dynastie eingetretene starke Absenkung der Nilfluthöhen durch die parallel vorgenommene Reduzierung der Bebauungshöhen im gleichen Zeitraum bestätigt.[9]

Die während des Alten Reichs aufgezeichneten Nilfluthöhen belegen ein konstantes Niveau, das mit den Verhältnissen des 20. Jahrhunderts ebenso vergleichbar ist wie auch das zeitliche Verhältnis von extrem hohen oder niedrigen Nilfluten. So trat beispielsweise eine besonders hohe oder niedrige Nilflut nur etwa einmal in 300 Jahren auf. Frühere Hypothesen von regelmäßigen Hungersnöten in kürzeren Zeitabständen sind aufgrund der ausgewerteten Daten hinfällig. Die damit einhergehende Aufteilung der Nilfluthöhen widerspricht der Annahme von Patrick O'Mara, der die Angaben des Annalensteins als „fiktiv“ bezeichnete.[9]

Nilfluthöhen im nördlichen Talbereich von Memphis[9]
Zeitraum Epoche Wasserstandshöhe (Mittelwert) Schwankungsbreite
Djer
1. Dynastie
2,60 Meter
1,58 bis 3,23 Meter
Nachfolger Djers bis Ninetjer
1. bis 2. Dynastie
2,38 Meter
1,05 bis 4,26 Meter
Regierungszeit Ninetjer
2. Dynastie
1,78 Meter
0,53 bis 2,40 Meter
Chasechemui und Djoser
2. bis 3. Dynastie
1,81 Meter
1,29 bis 2,30 Meter
Snofru und Cheops
4. Dynastie
1,86 Meter
1,58 bis 2,72 Meter
Schepseskaf bis Sahure
4. bis 5. Dynastie
1,85 Meter
1,09 bis 2,37 Meter

Siehe auch

Literatur

  • Michel Baud, Vassil Dobrev: De nouvelles annales de l'Ancien Empire égyptien. Une „Pierre de Palerme“ pour la VIe dynastie. In: Bulletin de l´Institut Francais d´Archéologie Orientale 95 (BIFAO). Institut Français d'Archéologie Orientale, Kairo, 1995, S. 23-92.
  • Heinrich Schäfer: Ein Bruchstück altägyptischer Annalen, mit Beiträgen von Ludwig Borchardt und Kurt Sethe, Berlin 1902
  • Toby A. H. Wilkinson: Royal annals of ancient Egypt : the Palermo stone and its associated fragments, Taylor and Francis, London 2000, ISBN 978-0710306678
  • Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit, Ägyptologische Abhandlungen (ÄA), Band 45, Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1987, ISBN 3-447-02677-4 ; speziell: S. 122-126 "Chronologie der Thinitenzeit" und S. 168-175 "Zu der Anlage der Jahrestäfelchen"

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Francesco Raffaele: Alle Fragmente des Annalensteins nach Wolfgang Helck
  2. Catchpenny: Alle Fragmente des Annalensteins nach Wolfgang Helck
  3. Kairo-Fragment (C1) mit weiteren Teilstücken C2 - C5 und Rekonstruktionen / Transkriptionen
  4. Wilkinson, Royal Annals, S. 24-28
  5. Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz/Wiesbaden 1950, S. 52.
  6. Kairo-Fragment C1 mit weiteren Teilstücken C3 - C5 und diversen Rekonstruktioenen / Transkriptionen
  7. Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten, Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz/Wiesbaden 1950, S. 53.
  8. Rekonstruktion des Annalensteins nach W.Helck, ganz unten auf der Website
  9. a b c Stephan Seidlmayer: Historische und moderne Nilstände. S. 87–89.

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