Annalistisch

Ursprünglich hatte das Wort Chronologie (von griechisch χρόνος, chrónos, „Zeit“ und λόγος, lógos, „Lehre“) schlicht die Bedeutung ‘Lehre von der Zeit’. Aber heutzutage wird unterschieden:

  • erstens zwischen Chronometrie (d. h. Zeitmessung, die zur Physik gehört) und allgemeiner Chronologie (d. h. Zeitrechnung, die als Wissenschaft des Lokalisierens von historischen Ereignissen in der Zeit zum Fachgebiet der Geschichte gehört)
  • und zweitens zwischen dieser allgemeinen Chronologie (in der Geschichtswissenschaft) und den vielen Chronologien in der Alltagssprache für die Beschreibung einer Abfolge von Ereignissen in einem speziellen Kontext, z. B. Chronologie der Musik, Chronologie der Mathematik, Chronologie bestimmter Ereignisse.

Inhaltsverzeichnis

Lehre von der Zeit

So wie die Chorologie die Die Lehre vom Raum darstellt, ist Chronologie allgemein eine Methodik der wissenschaftlichen Phänomenologie, Aspekte von Erscheinungen zu untersuchen. Weil aber allgemein die Physik die Lehre von Raum und Zeit ist, und alle wissenschaftlichen Disziplinen sich implizit auf Zeiträume beziehen, ist der Name speziell in der folgenden Bedeutung geläufig.

Lehre von der Zeitrechnung

Natürliche, zyklische und lineare Chronologie

Die Chronologie kennt als Zeitrechnung die natürliche kosmische Zeitordnung (Tag, Mondmonat, Sonnenjahr), die zyklische Zeitordnung (Kalender) und die lineare Zeitordnung (Jahreszählung) als Repräsentation des physikalischen Zeitkonzepts. Die bekannten Termini Kalender und Jahreszählung („Jahreszählung“ in der Bedeutung von einem linearen System von nummerierten Kalenderjahren) betreffen diese letzteren zwei komplementäre Grundbegriffe der Chronologie; die Astronomische Chronologie ist ein zusätzliches interdisziplinäres Fachgebiet zwischen der Chronologie und der Astronomie und ist als solche auch eine Hilfswissenschaft der Geschichtswissenschaft.

Mit ihrer Hilfe oder der Hilfe von zum Beispiel der Archäologie oder der vergleichenden Textwissenschaft werden zeitliche Abfolgen historischer Ereignisse bestimmt.

Relative und absolute Chronologie

Die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Chronologie ist in der Archäologie und der Geologie/Paläontologie üblich:

  • Relative Chronologie basiert auf dem Vergleich zweier Kontexte (z. B. archäologische Schichten), d. h. beide sind entweder gleich alt oder einer ist jünger als der andere. Die Methodik stammt aus der Stratigraphie.
  • Absolute Chronologie ist mittels gesicherter historischer Aufzeichnungen, der Dendrochronologie, oder anderer physikalischer Methoden (z. B. Radiokohlenstoffdatierung, Thermolumineszenzdatierung) möglich. Die Zeit wird hier als Maßzahl, etwa „vor heute“ (BP - engl. before present) oder „vor Christus“ (v. Chr.) bzw. „nach Christus“ (n. Chr.) angegeben.
    Zusätzliche Möglichkeiten absoluter Datierung ergeben sich in seltenen Fällen durch die Textquellen der Frühgeschichtsforschung, z. B. durch Vergleiche von geschichtlichen oder dynastischen Daten mit kosmischen Ereignissen, die sich durch die moderne Wissenschaft verifizieren lassen.

In dieser Unterscheidung spiegeln sich die Gegensätze zwischen dem physikalischen und dem geschichtswissenschaftlichen Zweig der Chronologie, und das Kalenderwesen schafft den Rahmen, die zwei methodischen Ansätze zu vergleichen, so dass man einer gewonnenen Datierung ein gültiges Datum zuweisen kann.

siehe hierzu auch: Altersbestimmung (Archäologie)

Geschichte der Chronologie

Die Dreiteilung in die drei grundlegenden Aspekte von Chronologie hat sich erst im Laufe der Geschichte der Wissenschaft herausgebildet:

So war der von Dionysius Exiguus eingeführte und um das Jahr 730 von Beda Venerabilis in Gebrauch genommene zur Christlichen Jahreszählung gehörende Kalender während mehr als acht Jahrhunderten der Julianische Kalender, dann seit dem Jahr 1582 der Gregorianische Kalender. Beda Venerabilis kann als der wichtigste Chronologe des ersten Jahrtausends betrachtet werden, weil er der Erste war, der die Christliche Zeitrechunung tatsächlich als ein vollwertiges System für das Datieren von historischen Ereignissen verwendete. Er war somit der große Promotor der Jahreszählung, die schließlich weltweit die einzig übliche werden sollte.

Im römischen Altertum wurde oft gezählt ab einem vermeintlichen Gründungsjahr der Stadt Rom. In Wirklichkeit jedoch bestand die „Anno Urbis Conditae“-Jahreszählung – ebenso wie die „Anno Domini“-Jahreszählung – noch nicht im Altertum, denn sie wurde nicht früher als um das Jahr 400 zum ersten Mal systematisch gebraucht, nämlich von dem iberischen Historiker Orosius. Obwohl Dionysius Exiguus die „Anno Urbis Conditae“-Jahreszählung wahrscheinlich kannte (aber nie gebrauchte), scheint Papst Bonifatius IV. (um das Jahr 600) der erste gewesen zu sein, der den Zusammenhang zwischen jenen zwei wichtigen Jahreszählungen (i.e. AD 1 = AUC 754) erkannte. Dionysius Exiguus’ „Anno Domini“-Ära, die nur Kalenderjahre nach Christus enthält, wurde von Beda Venerabilis zu der vollständigen christlichen Jahreszählung erweitert (die auch Kalenderjahre vor Christus enthält aber kein Jahr Null). Zehn Jahrhunderte nach Beda nahmen die Französischen Astronomen Philippe de La Hire (im Jahr 1702) und Jacques Cassini (im Jahr 1740) – lediglich um bestimmte astronomische Berechnungen zu erleichtern – das (im Jahr 1583 von Joseph Scaliger vorgeschlagene) Julianische System und hiermit eine astronomische Jahreszählung in Gebrauch die ein Schaltjahr Null enthält, das dem Jahr 1 (nach Chr.) vorausgeht jedoch nicht exakt zusammenfällt mit dem Jahr 1 vor Christus. Astronomen haben aber nie ernsthaft vorgeschlagen, unsere Zeitrechnung zu ersetzen durch die astronomische Jahreszählung (die übrigens exakt zusammenfällt mit der Christlichen Ära, soweit es die Kalenderjahre nach dem Jahr 4 betrifft).

Siehe auch

Spezifische Chronologien

Literatur

  • Anna-Dorothee von den Brincken: Historische Chronologie des Abendlandes. Kalenderreformen und Jahrtausendrechnungen, eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin 2000. ISBN 3-17-015156-8
  • Hermann Grotefend: Abriss der Chronologie des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. Grundriss der Geschichtswissenschaft. Bd 1–3. Hannover 1891, Berlin 1912, Aalen 1970.
  • Hermann Grotefend: Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. Hrsg. v. Jürgen Asch. Hahn, Hannover 2007 (14. Aufl.). ISBN 3-7752-5177-4
  • Franz Rühl: Chronologie des Mittelalters und der Neuzeit. Berlin 1897.
  • Friedrich Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Das Zeitrechnungswesen der Völker. 3 Bde. Leipzig 1906–1914. (In Bd. 3: Mittelalter)
  • Eduard Brinckmeier: Praktisches Handbuch der historischen Chronologie aller Zeiten und Völker, besonders des Mittelalters. Berlin 1882, Graz 1972.
  • Philipp Harnoncourt, Hansjörg auf der Maur: Feiern im Rhythmus der Zeit. Bd 2,1. Der Kalender. Feste und Gedenktage der Heiligen. Handbuch der Liturgiewissenschaft. Bd 6,1. Pustet, Regensburg 1994. ISBN 3-7917-1403-1
  • Gerard Serrade: Leere Zeiten – oder: Das abstrakte Geschichtsbild. Logos, Berlin 1998. ISBN 3897220164
  • Adriano Cappelli: Cronografia e Calendario perpetuo dal principio dell'èra cristiana a nostri giorni. Hoepli, Mailand 1978, 1988. ISBN 88-203-1687-0
  • Robert Schram: Kalendariographische und chronologische Tafeln. Leipzig 1908.
  • B.M. Lersch: Einleitung in die Chronologie. Aachen 1889.
  • Ludwig Ideler: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Berlin 1825.
  • Wolfgang Leschhorn: Antike Ären. Stuttgart 1993.
  • Alan E. Samuel: Greek and Roman Chronology. Calendars and Years in Classical Antiquity. München 1972.
  • Christian A. Caroli: Eine kurze Einführung in die Chronographie; in: M. Badawi / Ch. A. Caroli (Hrg.): As-Sabil Sammelbände für Kulturpluralismus; Bd. 1: Europa und der Islam, Konstanz 2007, S. 213–229.

Weblinks


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