Anneliese Löffler

Anneliese Löffler, geb. Große[1] (* 7. Mai 1928 in Folbern)[2], ist eine deutsche Germanistin. Sie war eine der einflussreichsten Literaturwissenschaftlerinnen der DDR.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Anneliese Löffler stammt aus dem sächsischen Dorf Folbern.[3] Ihre Karriere begann sie 1946 bei der FDJ-Kreisleitung des benachbarten Städtchens Großenhain. Ab 1953 war sie auf der SED-Landesparteischule, danach im Zentralvorstand der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Berlin, anschließend arbeitete sie als Zensor, zunächst im Amt für Literatur und anschließend als Oberreferentin und Sektorenleiterin in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Durch ihren dortigen Vorgesetzten Erich Wendt angeregt, begann sie ein Fernstudium der Germanistik und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als Aspirantin besuchte sie die Pädagogische Hochschule Potsdam und das Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED in Berlin. Dort promovierte sie am 4. Oktober 1967 zum Thema „Zur Struktur des Menschenbildes in der westdeutschen epischen Literatur der Gegenwart (1963–1965)“. Erster Gutachter der Dissertation war Arno Hochmuth, der damalige Abteilungsleiter für Kultur im ZK.[3] Im selben Jahr wurde sie als Chefredakteurin der Literaturzeitschrift Weimarer Beiträge eingesetzt.[2][4]

1971 wurde Löffler Mitglied des Berliner Schriftstellerverbandes, in dem sie zeitweilig Vorstandsmitglied war.[2][5] Auf Veranlassung der ZK-Abteilung Wissenschaft erhielt sie 1972 eine Professur für DDR-Literatur an der Humboldt-Universität, da „nur sie in der Lage sei, ideologisch in diesem Bereich der Humboldt-Universität Ordnung zu schaffen“[6]. 1973 wurde sie als Ordentliche Professorin Lehrstuhlinhaberin. 1979 wurde sie dort Stellvertreterin des Direktors für Forschung. Im gleichen Jahr erhielt sie den Orden Banner der Arbeit (II. Stufe).[7] Ab 1980 war sie nur noch als Honorarprofessorin tätig und arbeitete ferner als freischaffende Rezensentin.[2][4]

Von Löffler erschienen überwiegend Werkstattberichte und Interviews mit DDR-Autoren, die sie in Literaturzeitschriften wie neue deutsche literatur und Weimarer Beiträge sowie in Buchform veröffentlichte (Auskünfte. Werkstattgespräche mit DDR-Autoren. 1974). Durch ihre zahlreichen Rezensionen, die unter anderem im Neuen Deutschland (ND) erschienen,[8] gewann sie maßgebenden Einfluss auf die Aufnahme und Verbreitung der zeitgenössischen DDR-Literatur. Dabei übernahm sie dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich zufolge immer wieder öffentlich aber auch verdeckt „die Vorreiterrolle für Verbote“.[9] Im August 1978 empfahl sie, Klaus Poches Roman „Atemnot“ die Druckgenehmigung zu verweigern: „Eine Veröffentlichung kann nichts nützen, nur schaden. Das Buch ist durch und durch gegen die Realität des Sozialismus, gegen die Machtausübung in unserem Staat gerichtet“.[10] Und 1985 verriss sie den „Hinze-Kunze-Roman“ von Volker Braun, der Diderots Jacques, der Fatalist in die damalige DDR verlegt hatte, als „absurd“ und „anarchistisch“.[11] Löffler betrieb damit auch Selbstverteidigung, taucht sie doch als Frau Professor Messerle selbst in dem Roman auf.[12]

Anneliese Löffler war von 1971 an als IMS Dölbl jahrelang eine der „Spitzenquellen“ des MfS.[4] In dieser Zeit lieferte sie Berichte zu Schriftstellern wie Volker Braun, Adolf Endler, Elke Erb, Stephan Hermlin, Bernd Jentzsch, Heinz Kahlau, Hermann Kant,[13] Rainer Kirsch, Karl Mickel, Ulrich Plenzdorf, Helmut Sakowski, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Helga Schubert und Gisela Steineckert. Über mehrere Jahre observierte sie insbesondere Franz Fühmann.[14] Daneben denunzierte Anneliese Löffler auch ihre eigenen Studenten und war bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 sowie dem Staatsbesuch von Tito 1974 als Lauscher auf der Straße aktiv. Bei diesen Tätigkeiten beschränkte sie sich nicht darauf, Stasi-Aufträge auszuführen, sondern entwickelte eigene Einsatzkonzeptionen. So bot sie beispielsweise an, den Schriftsteller Martin Stade zum Aushorchen zu sich nach Hause einzuladen und betrunken zu machen.[15]

Ferner berichtete die als „doktrinär“ geltende Löffler regelmäßig über Verlags-, Redaktions- und Fachkollegen wie die reformerischen Literaturwissenschaftler Frank Hörnigk, Ursula Heukenkamp, Eva Kaufmann, Hans Kaufmann und Dieter Schlenstedt, wobei sie die Berichte mehrfach dazu benutzte, beruflichen Konkurrenten zu schaden. Ihre Informationen gelangten in komprimierter Form bis zur SED-Parteispitze und beeinflussten so deren kulturpolitische Linie.[15] Wiederholt war sie auch für die HA XX/7 und die MfS-Untersuchungsabteilung HA IX als „Gutachterin“ tätig, wobei sie in umfangreichen Analysen staatsfeindlichen Tendenzen in Büchern von Hans Joachim Schädlich, Friedrich Dieckmann, Jürgen Fuchs, Christian Kunert, Gerulf Pannach u. a. nachspürte.[4] Auch Günter Grass wurde durch sie negativ begutachtet.[16] Dagegen lobte sie Harry Thürks Kolportageroman „Der Gaukler“, in dem der sowjetische Dissident Alexander Solschenizyn in stark verzerrter Weise negativ dargestellt wurde.[4][17]

Der ostdeutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Joachim Walther urteilt in seiner grundlegenden Untersuchung über Schriftsteller und Staatssicherheit scharf über Löffler: Sie habe MfS und Partei primär dazu benutzt, ihre eigene Karriere auf Kosten Anderer voranzutreiben. „Während ihre personenbezogenen Informationen eindeutig denunziatorischen Charakters sind, geben ihre sachbezogenen Berichte einen Einblick in die Unkultur der Intrige unter Genossen.“[18]

Anneliese Löffler ist noch heute ehrenamtlich in der Berliner Amateur- und semiprofessionellen Literaturszene als Kritikerin aktiv.[19]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • (mit Eberhard Röhner) Das sozialistische Menschenbild als zentrale ästhetische Kategorie unserer Literatur. In: Einheit, 2/1969, S. 175
  • (mit Brigitte Thurm) Gesellschaftliche Irrelevanz und manipulierbare Subjektivität. In: Weimarer Beiträge, 2/1970, S. 151–181
  • (mit anderen) Sozialistischer Realismus: Positionen, Probleme, Perspektiven. Eine Einführung. Hrsg. von Erwin Pracht und Werner Neubert. Dietz-Verlag, Berlin 1970
  • Über die Arbeiterklasse in der Literatur der DDR. In: Neues Deutschland, 13. November 1973
  • Auskünfte: Werkstattgespräche mit DDR-Autoren. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1974 (2. Aufl. 1976)
  • An seinem Platz geprüft. Gelebtes und Erzähltes bei DDR-Autoren. Mitteldeutscher Verlag, Halle/Leipzig 1979

Literatur

  • Petra Boden / Dorothea Böck (Hrsg.): Modernisierung ohne Moderne. Das Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR (1969–1991). Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2004
  • Rolf Köpcke: Die Verarbeitung der Wiedervereinigung Deutschlands im Wende- und Berlin-Roman "Ein weites Feld" (1995) von Günter Grass - die Versuche der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf ihn. Berlin: Phil. Diss. FU Berlin, 2003
  • Tanja Walenski: Gegendiskurse vom Großen Bruder. Die Beziehungen des ‚Literatursystems DDR‘ zur Sowjetunion 1961–1989. Gießen: Phil. Diss. Justus-Liebig-Universität, 2006
  • Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin: Ullstein, 1999 ISBN 3-548-26553-7

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Mädchenname Große laut den Dissertationen von Gunvor Hammarskjöld: Schuldlos schuldig sein. Zur Schuld und Freiheit in Hermann Kants Roman "Der Aufenthalt". Stockholm 1990 (Lunder germanistische Forschungen; 58), S. 149 Anm. 65 u. S. 168, sowie Rolf Köpcke: Die Verarbeitung der Wiedervereinigung Deutschlands im Wende- und Berlin-Roman "Ein weites Feld" (1995) von Günter Grass - die Versuche der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf ihn. Berlin 2003, S. 167; s.a. Dorit Müller: Die Erzählforscherin Inge Diersen (1927–1993). Ein Beitrag zur Konfliktgeschichte der DDR-Germanistik. In: Zeitschrift für Germanistik 20:2 (2010), S. 369-387 („Anneliese Große (verh. Löffler)“).
  2. a b c d Anneliese Löffler zum 60. Geburtstag. In: Zeitschrift für Germanistik 9 (1988), S. 247.
  3. a b Anneliese Große: Zur Struktur des Menschenbildes in der westdeutschen epischen Literatur der Gegenwart (1963-1965). Phil. Diss. Berlin 1967, Titelblatt; bei dem im Bundesarchiv verwahrten Exemplar fehlt der obligatorische Lebenslauf.
  4. a b c d e Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 381f. & 695-701.
  5. Timothy R. Jackson: Typus und Poetik. Heidelberg 2003, S. 35 Anm. 70.
  6. zit. n. Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 697.
  7. Neue deutsche Literatur 27:7 (1979), S. 174.
  8. „Literaturkritikerin des Neuen Deutschland“, so Christian Eichner / York-Gothart Mix: Ein Fehlurteil als Maßstab? Zu Maxim Billers Esra, Klaus Manns Mephisto und dem Problem der Kunstfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 32:2 (2007), S. 183-227.
  9. Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin 2000, S. 52.
  10. Zitat aus Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 382.
  11. Anneliese Löffler: Wenn Inhalt und Form zur Farce gerinnen. Neues Deutschland, 9. Oktober 1985, S. 4; Wiederabdruck in: Eberhard Günther/Werner Liersch/Klaus Walther (Hg.): Kritik 85. Rezensionen zur DDR-Literatur. Halle/Leipzig 1986, S. 36.
  12. s.a. York-Gothart Mix: Ein ‚Oberkunze darf nicht vorkommen‘. Materialien zur Publikationsgeschichte und Zensur des Hinze-Kunze-Romans von Volker Braun. Wiesbaden 1993, S. 167 & 218; Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin 2000, S. 52.
  13. s.a. Karl Corino (Hg.): Die Akte Kant. IM "Martin", die Stasi und die Literatur in Ost und West. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 416-418.
  14. Hans-Jürgen Schmitt: Der operative Vorgang «Filou». Der Schriftsteller Franz Fühmann im Netz der DDR-Staatssicherheit. Deutschlandfunk, 5. Oktober 1993; Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 344, 349f., 698, 701.
  15. a b Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 695-701.
  16. Rolf Köpcke: Die Verarbeitung der Wiedervereinigung Deutschlands im Wende- und Berlin-Roman "Ein weites Feld" (1995) von Günter Grass - die Versuche der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf ihn. Berlin 2003, passim; Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 381.
  17. Tanja Walenski: Gegendiskurse vom Großen Bruder. Die Beziehungen des ‚Literatursystems DDR‘ zur Sowjetunion 1961–1989. Gießen 2006, S. 231-236.
  18. Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1999, S. 696.
  19. s. Anneliese Löffler: Vorwort, in: Ostkreuz im Nebel. Eine Anthologie. Berlin 2007; Aus der Poetenküche. In: Lichtenberger Rathausnachrichten v. 8. Januar 2011, S. 5; Die Schreibwütigen. In: Berliner Woche (Ausgabe Lichtenberg) v. 16. März 2011, S. 2.

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