Leben des Quintus Fixlein
Jean Paul um 1797
* 1763 † 1825

Leben des Quintus Fixlein ist eine Idylle von Jean Paul, die – 1794/95 entstanden[1] – 1796[2] in Bayreuth erschien.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Anno 1791 im Dorf Hukelum nahe bei der Stadt Flachsenfingen: Der vornehme Schulmann Quintus Zebedäus Egidius Fixlein aus Leipzig besucht seine Mutter Clara. Die Witwe, eine Kunstgärtnerin, bewohnt ein Gartenhäuschen in einem Schlossgarten.

Das hausarme, insolvente, 25-jährige Fräulein Thienette, Hauptmännin auf Schloss Hukelum, hat zu Ehren des Besuchs extra einen großen Kuchen gebacken. Die Waise Thienette hat eine weiche Seele, ist bescheiden, höflich und furchtsam. Fixlein war fast mit ihr auferzogen worden.

Der Leipziger akademische Lehrer Fixlein ist bereits schriftstellerisch hervorgetreten – zum Beispiel als Autor einer Sammlung von Errata in deutschen Schriften. Außerdem verwahrt er die eigene Lebensbeschreibung in zeitlich geordneten Zettelkästen. Fixlein meint, er sei ungefähr 32 Jahre alt. Genau weiß er es nicht, denn durch einen Brand wurden das betr. Kirchenbuch vernichtet. Fixleins Vater, der darüber hätte genaue Auskunft geben können, war in seinem 32. Lebensjahr am Sonntag Kantate gestorben. Fixlein selber lebt, wie die Hukelumer, in der abergläubischen Vorstellung, alle Männer in seiner Familie legten sich im Alter von 32 Jahren zu Kantate hin und stürben.

Nachdem die Schlossherrin gestorben ist, steht Thienette unversorgt da. Fixlein aber wollte die Verblichene zu Lebzeiten zum Flachsenfinger Konrektorat verhelfen. Der Rat macht Fixlein tatsächlich zum Konrektor, doch nur, weil die Ratsherren an den alsbaldigen Tod des frisch Ernannten glauben. Fixlein wird vom Glück verfolgt; erbt von der Schlossherrin u.a. ein hochherrschaftliches Bett und einen Batzen Geld. Somit wird er schuldenfrei - eine Ausnahmeerscheinung unter Schulmännern - und verspricht Thienette die Ehe. Fixlein will hoch hinaus. Damit er Thienette heiraten kann, möchte er in Hukelum Pfarrer werden. In seiner diesbezüglichen Bittschrift an den Schlossherren nennt er gute Gründe und wird tatsächlich Pfarrer - dank einer Namensverwechslung. Eigentlich sollte Subrektor Füchslein ernannt werden. Doch da sich der Schreiber in der Berufungsurkunde verschrieben hatte – "Fixlein" stand darin – hatte es der Schlossherr dabei belassen.

Fixlein predigt. Am 9. Mai 1793 wird geheiratet und im Mai 1794 wird Thienette Mutter.

Doch gleich darauf geschieht es. Fixlein rückt in den giftigen Erdschatten des Todes. Die gute abergläubische Mutter hatte gelogen, hatte das Alter des lieben Sohnes "verdeckt". Fixlein findet – wie es der Zufall will – sein Geburtsjahr, vom seligen Vater zu Lebzeiten getreulich aufgezeichnet – in einer Bleibüchse. Dieser Schlag wirft den Finder um. Auf dem Krankenbett will Fixlein sterben.

Jean Paul, der Erzähler, mischt sich einfach in die laufende Handlung ein. Er kuriert Fixlein, indem er zuerst alle Abergläubischen aus der Krankenstube komplimentiert. Nur die Mutter darf bleiben. Nach erfolgreicher Kur wird Jean Paul von Thienette mit den besten Wünschen verabschiedet, und er geht "ohne Ziel durch Wälder, durch Täler und über Bäche und durch schlafende Dörfer, um die große Nacht zu genießen wie einen Tag."[3]

Form

Der Erzählung sind vorangestellt

– die Vorrede "Billett an meine Freunde"[4] vom 29. Juni 1795,
– die Vorrede zur 2. Aufl.[5] vom 22. August 1796 und
– ein Mußteil[A 1] für Mädchen.

Der Mußteil besteht aus den Geschichten

– Der Tod eines Engels[6]
– Der Mond[7].

Die Vorreden sind tw. mit Fixleins Geschichte verknüpft. So wird zum Beispiel das Motiv der giftigen Riesenschlange als Symbol für den bevorstehenden Tod aus der Episode "Die Mondfinsternis"(Vorrede zur 2. Aufl.) am Anfang des 14. Zettelkastens indirekt wieder aufgenommen.

Die eigentliche Erzählung heißt "Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten; in funfzehn Zettelkästen"[8]. Der Erzähler, der sich am Ende – wie gesagt – als Jean Paul zu erkennen gibt, schöpft aus besagten fünfzehn Zettelkästen des Helden Fixlein.

Der Erzählung sind noch "Einige Jus de tablette[A 2] für Mannspersonen"[9] beigegeben. Die fünf Texte heißen

1. Über die natürliche Magie der Einbildungskraft[10]
2. Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell gegen seinen verfluchten Dämon[11]
3. Es gibt weder eine eigennützige Liebe noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige Handlungen[12]
4. Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg[13]
5. Postskript[14].

Unter Punkt 4, der Reise des Rektors Fälbel, wird so etwas wie Handlung geboten. Der Schulmann reist mit seinen Primanern und seiner Tochter Kordula über Töpen, Zedwitz, Hof, Schwarzenbach, Kirchenlamitz, Marktleuthen nach Thiersheim. Dort eröffnet ihm ein anderer Gelehrter – der Konrektor Johann Theodor Benjamin Helfrecht aus Hof – dass er die Gegend, die Fälbel beschreiben wollte, bereits dokumentiert hat. Also kehrt Fälbel kurz vor dem Ziel um.

Zitat

  • Die nötigste Predigt, die man unserm Jahrhundert halten kann, ist die, zu Hause zu bleiben.[15]

Rezeption

18. und 19. Jahrhundert
  • Ein Anonymus[16] bemängelt 1796 das Haschen nach „poetischen Floskeln“, den übermäßigen Gebrauch „schwülstiger Ausdrücke“ und das Jagen nach „unerträglichen Vergleichungen“. Johann Caspar Friedrich Manso[17] hingegen lobt 1798 die „einfache und doch zugleich reine Dichtung“ und Heinrich Julius Ludwig von Rohr[18] nennt diese 1801 „spaßhaft kleinstädtisch“. Meißner[A 3][19] erkennt 1817 den Humor als tragendes Textelement. Arnold Ruge und Theodor Echtermeyer[20] heben 1839 Jean Pauls Verfahren im Streben nach der Idee hervor: die Flucht vor der Endlichkeit. Friedrich Theodor Vischer[21] schreibt 1868, der Autor habe im Wutz und im Quintus Fixlein die „schönsten und reinsten Stimmungen“ evoziert. Hermann Hettner[22] übertrifft 1870 dieses große Lob bei weitem. Er schwärmt vom „zarten lyrischen Hauch“, der über den „engen Begebenheiten“ läge. Dieses „herrliche Idyllion“, voll von „komischer Schalkheit“, sei „unbedingt die herrlichste Dichtung Jean Pauls“. Hettner geht mit Vischer in Sachen Stimmungen konform. Jean Paul sei nicht auf Handlung aus, sondern eben auf die Darstellung von Stimmungen, die den Leser rührten oder lächeln machten. Der Autor erreiche das „durch die stille Zwiesprache ihrer inneren Idealität mit der harten Außenwelt“. Hettner attestiert dem Autor des Quintus Fixlein weltliterarischen Rang[23].
20. Jahrhundert
  • Hugo von Hofmannsthal[24] räumt 1913 zwar ein, der Text sei nicht leicht lesbar, doch „die Ferne“ sei „bezwungen“ und „das Nahe... mit einer unbegreiflichen Kraft seelenhaft aufgelöst und vergöttlicht“.
  • Rudolf Augstein[25] bewundert 1974 den „herrlichen Phantasten“ Jean Paul.
  • Hinter dem "schwermütig-heiteren" Erzählton, begleitet von "Liebe, Mitleid und Besserwissen", scheint die "Resignation" durch[26].
  • Schulz weist anhand der Geschichte vom Rektor Fälbel nach, Jean Paul war seit 1781 Republikaner[27].
  • In der Idylle wird die "bürgerliche Enge" thematisiert[28].
  • Ueding geht auf das Wechselspiel von Ethos (Charakter) und Pathos (Leidenschaft) in der Erzählung ein[29].
  • Brigitte Langer hat 2002 über den Quintus Fixlein promoviert. Die Erörterung bringt Ausführliches "Zum Leben des Quintus Fixlein" als "Ereigniserzählung". Zudem werden schwer verständliche Manuskriptteile, wie zum Beispiel die oben aufgeführten Vor- und Nachreden, einer tieferen, teilweise auch philosophisch untermauerten Analyse unterzogen. Die wiederkehrende Frage in Jean Pauls 'Buch' sei die "nach der Bestimmung des Menschen zur Ganzheit"[30].
  • Höllerer spricht dem geplagten Leser aus der Seele, wenn er Jean Paul "seine Abschweifungsmanier", "die sich überpurzelnden Einfälle"[31] und die "Metaphernballungen"[32] ankreidet.
  • Höllerer zitiert zum Traumstück – zum Beispiel Die Mondfinsternis[33] Max Kommerell: "Die reine Form des Jean-Paul-Romans ist der Traum"[34].
  • Bei allem feiert Höllerer das Ende der Idylle[A 4] als "ein Meisterstück jeanpaulischer Prosa"[35].

Literatur

Quelle
  • Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen; nebst einem Mußteil und einigen Jus de tablette. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Vierter Band. Kleinere erzählende Schriften 1796–1801. S. 7–259. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000 (© Carl Hanser München Wien 1962 (4.,korr. Aufl. 1988), ISBN 978-3-446-10752-6). 1263 Seiten. Mit Anmerkungen im Anhang (S. 1141–1163) und einem Nachwort von Walter Höllerer (S. 1226–1251), Bestellnummer 14965-3
Ausgaben
Sekundärliteratur

Weblinks

Anmerkungen

Verweise auf eine Literaturstelle sind gelegentlich als (Seite, Zeile von oben) notiert.

  1. Quelle (1142, unten): Mußteil = Die Hälfte des Inhalts der Speisekammer, den die Witwe erbt.
  2. Quelle (1142, unten): Jus de tablette = Brühwürfel (Gemüse, Fleisch).
  3. Sprengel (341,12 von unten): Vielleicht Julius Gustav Meißner
  4. Jean Pauls Gang durch die Nacht.

Einzelnachweise

  1. Quelle (1245,19)
  2. Wilpert
  3. Quelle (191,1)
  4. Quelle, S. 9 bis 13
  5. Quelle, S. 15 bis 42
  6. Quelle, S. 45 bis 49
  7. Quelle, S. 50 bis 62
  8. Quelle, S. 63 bis 191
  9. Quelle, S. 193 bis 259
  10. Quelle, S. 195 bis 205
  11. Quelle, S. 206 bis 218
  12. Quelle, S. 219 bis 225
  13. Quelle, S. 226 bis 257
  14. Quelle, S. 258 bis 259
  15. Quelle (12,18)
  16. Sprengel, S. 8, 10. Z.v.u.
  17. Johann Caspar Friedrich Manso in: Sprengel, S. 18, 13. Z.v.o.
  18. Heinrich Julius Ludwig von Rohr in: Sprengel, S. 46, 4. Z.v.u.
  19. Meißner in: Sprengel, S. 93, 8. Z.v.u.
  20. Arnold Ruge und Theodor Echtermeyer in: Sprengel, S. 143, 7. Z.v.o.
  21. Friedrich Theodor Vischer in: Sprengel, S. 206, 9. Z.v.o.
  22. Hermann Hettner in: Sprengel, S. 209, 9. Z.v.u.
  23. Hermann Hettner in: Sprengel, S. 212, 17. Z.v.o.
  24. Hugo von Hofmannsthal in: Sprengel, S. 228, 3. Z.v.u.
  25. Rudolf Augstein in: Sprengel, S. 309, 17. Z.v.o.
  26. de Bruyn (124,21)
  27. Ortheil (140,1–13)
  28. Ortheil (60,9)
  29. Ueding (80,8)
  30. Langer(191,11)
  31. Quelle (1232,32)
  32. Quelle (1239,4–32)
  33. Quelle (1243,32)
  34. Quelle (1241,29)
  35. Quelle (1245,1)

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