Annexion Tschechiens

Die Annexion Tschechiens durch das nationalsozialistische Deutschland erfolgte am 15./16. März 1939. Sie ist auch als Griff nach Prag und Erledigung der Rest-Tschechei bekannt. Mit diesem Vorgehen ging Adolf Hitler über die großdeutsche Zielvorstellung auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes erstmals eindeutig hinaus.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Trotz der beträchtlichen Gebietserweiterungen, die das Münchner Abkommen 1938 dem Deutschen Reich gebracht hatte, zeigte sich Hitler keineswegs mit dem Erreichten zufrieden. Schon zehn Tage danach legte er Wilhelm Keitel einen geheimen Fragenkatalog über die militärischen Möglichkeiten vor, obwohl Großbritannien und Frankreich in München Garantieerklärungen für den Bestand des Reststaats Tschechoslowakei, nunmehr Tschecho-Slowakische Republik, abgegeben hatten. Am 21. Oktober gab er die Weisung zur militärischen „Erledigung der Rest-Tschechei“.[1]

Die Unabhängigkeitserklärung der Slowakei

Ab Februar 1939 wurden sieben Armeekorps zusammengezogen, die auf den Einmarsch warteten. Die Hoffnung, von den Slowaken um Hilfe gerufen zu werden, erfüllte sich nicht. Nach der Besetzung der autonomen Slowakei am 9. März 1939 durch tschechische Truppen drängte Hitler den am 13. März nach Berlin bestellten abgesetzten bisherigen slowakischen Ministerpräsidenten Jozef Tiso, eine vorgefertigte slowakische Unabhängigkeitserkärung zu unterzeichnen, andernfalls würde das slowakische Territorium zwischen Polen und Ungarn aufgeteilt werden. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop berichtete, ungarische Truppen näherten sich bereits der slowakischen Grenze. Tiso weigerte sich aber, diese Entscheidung allein zu treffen, und es wurde ihm deshalb erlaubt, sich mit den Mitgliedern des slowakischen Parlamentes zu beraten.

Am nächsten Tag, dem 14. März trat dieses dann zusammen und beschloss einmütig, die Slowakei für unabhängig zu erkären. Am selben Tag wurde von dem Parlament in Pressburg das Unabhängigkeitsmanifest der Ersten Slowakischen Republik verlesen.

Inzwischen wurde in der deutschen Presse eine Kampagne inszeniert, in der vom tschechischen Terrorregime gegen Deutsche und Slowaken die Rede war. Hitler legte den Einmarsch deutscher Truppen für den 15. März auf 6 Uhr in der Frühe fest. Hermann Göring erreichte in seinem Urlaubsort San Remo am 13. März ein Brief Hitlers, der ihn nach Berlin zurückbeorderte. Göring traf am Nachmittag des 14. März in Berlin ein und begab sich umgehend zur Reichskanzlei.

Hácha in Berlin

Der tschechoslowakische Präsident Emil Hacha (zweiter von links) am 14./15. März 1939 in der Reichskanzlei im Gespräch mit Hitler und Göring

Ebenfalls am 14. März traf am Abend der tschechische Staatspräsident Emil Hácha zusammen mit Außenminister František Chvalkovský in der Reichskanzlei ein. Hácha hatte um dieses Gespräch nachgesucht. Die Gäste wurden mit allen protokollarischen Ehren empfangen, aber erst nach einer langen Wartezeit zwischen ein und zwei Uhr nachts vorgelassen.

Hácha dankte Hitler, neben dem Göring und Keitel saßen, von ihm empfangen zu werden. Er distanzierte sich von Masaryk und Beneš, bat aber gleichwohl darum, seinem Volk das Recht auf eine eigenständige Existenz einzuräumen.

Hitler antwortete mit einer langen Rede, in der er unter anderem eine vielfach bezeugte Feindseligkeit der Tschechen und den fortexistierenden Beneš-Geist kritisierte, gegen den die gegenwärtige Regierung im eigenen Lande ohnmächtig sei. Er erklärte, seine Geduld sei nun erschöpft, und um sechs Uhr werde die deutsche Armee in die Tschechei einrücken. Wenn sich das Einrücken der deutschen Truppen zu einem Kampf entwickle, werde dieser Widerstand gebrochen werden. Sollte sich der Einmarsch der deutschen Truppen in erträglicher Form abspielen, könnte ein großzügiges Eigenleben, Autonomie und eine gewisse Freiheit gewährt werden.

Als Hácha fragte, wie er innerhalb von vier Stunden das gesamte tschechische Volk vom Widerstand zurückhalten sollte, verwies ihn Hitler an seine Prager Dienststellen. Nach zwei Uhr verließen Hácha und Chvalkovský Hitlers Arbeitszimmer und versuchten, die telefonische Verbindung nach Prag herzustellen. Es folgten Gespräche mit Ribbentrop und Göring. Bei dieser Gelegenheit drohte Göring mit einem Luftangriff auf Prag und schilderte dessen verheerende Folgen. Dabei erlitt Hácha einen Herzanfall, von dem er sich jedoch durch eine Injektion des herbeigerufenen Dr. Morell wieder erholte.

So konnten Hácha und Chvalkovský die Prager Stellen rechtzeitig anweisen, dem bevorstehenden deutschen Einmarsch keinen Widerstand zu leisten. Kurz vor vier Uhr unterschrieb Hácha eine Urkunde, in der er beteuerte, „das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches“ zu legen.[2] Unmittelbar darauf gab sich Hitler gegenüber seiner Umgebung äußerst erfreut über Háchas Unterschrift, ganz anders als nach dem Zustandekommen des Münchner Abkommens.

Einmarsch der Wehrmacht

Adolf Hitler auf der Prager Burg am 15. März 1939

Am 15. März um sechs Uhr rückten die deutschen Truppen über die Grenze vor und erreichten gegen neun Uhr bei Schneetreiben Prag. Die Mehrheit der Bevölkerung nahm den Einmarsch ohnmächtig oder wütend hin, lediglich die deutsche Minderheit und eine kleine Schicht tschechischer Bürger begrüßte ihn. Die deutsche Armee entwaffnete das tschechische Heer. Mit der Wehrmacht rückte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ein und begann mit den Verhaftungen deutscher Emigranten. Hitler verließ um acht Uhr Berlin, traf am Abend in Prag ein und verbrachte die Nacht auf dem Hradschin.

Am 16. März verkündete er, die Tschechoslowakei habe aufgehört zu bestehen. Die böhmisch-mährischen Länder seien wieder in ihre alte historische Umgebung eingefügt worden. Ein gleichzeitig veröffentlichter Erlass proklamierte das nun unter deutscher Gebietshoheit stehende und dem Reichsprotektor Konstantin Freiherr von Neurath unterstellte Protektorat Böhmen und Mähren.

Am selben Tag rückten Wehrmachtstruppen auch in die Slowakei ein. Hitler übernahm in einem Schutzvertrag den Schutz der Slowakei, die von nun an ein Satellitenstaat des Deutschen Reiches war.

Folgen

Am 17. März sprach der britische Ministerpräsident Neville Chamberlain von einer schwereren Erschütterung denn je, verwies auf die zahlreichen Wortbrüche Hitlers und rief Botschafter Nevile Henderson für unbestimmte Zeit aus Berlin zurück.

Als am 18. März Henderson und der französiche Botschafter Robert Coulondre in Berlin Protestnoten überreichten, hatte Hitler Prag schon wieder in Richtung Wien verlassen. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei wurde als eindeutiger Bruch des Münchner Abkommens aufgefasst und hatte eine Zuspitzung der internationalen Lage zur Folge. Großbritannien, Frankreich, Polen, die USA und die Sowjetunion erkannten Hitlers Annexion Tschechiens nicht an.

Die „Erledigung der Rest-Tschechei“ gilt als Selbstdemaskierung Hitlers. Golo Mann schrieb in seinem Werk Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: „Vor aller Welt stand er da als Wortbrecher und Lügner“[3]. Joachim Fest bemerkte in seiner Hitler-Biografie: „Hatte er bis dahin immer nur Doppelrollen übernommen und als Widersacher den heimlichen Bündnispartner gespielt oder die Herausforderung eines Zustands im Zeichen seiner Verteidigung begonnen, so gab er jetzt ohne alle Ausflüchte sein innerstes Wesen zu erkennen.“[4]

Nachweise

  1. http://www.ns-archiv.de/krieg/1938/tschechoslowakei/erledigung-rest-tschechei-21-10-1938.php
  2. http://www.vorkriegsgeschichte.de/content/view/22/39/
  3. Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main, 1958, S. 885
  4. Joachim C. Fest: Hitler. Der Führer, Ullstein Buch, 1976, S. 787

Literatur

  • Joachim C. Fest: Hitler. Zweiter Band: Der Führer, Ullstein Buch, 1976, ISBN 3-548-03274-5

Weblinks


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