Annie Hall
Filmdaten
Deutscher Titel: Der Stadtneurotiker
Originaltitel: Annie Hall
Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1977
Länge: 93 Minuten
Originalsprache: Englisch
Altersfreigabe: FSK 6
Stab
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen,
Marshall Brickman
Produktion: Jack Rollins,
Robert Greenhut
Musik: Carmen Lombardo,
Isham Jones
Kamera: Gordon Willis
Schnitt: Wendy Green Bricmont,
Ralph Rosenblum
Besetzung

Der Stadtneurotiker (Originaltitel: Annie Hall) ist ein US-amerikanischer Kinofilm von und mit Woody Allen aus dem Jahr 1977. Die Komödie wurde von United Artists verliehen.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Alvy Singer ist ein erfolgreicher Komiker, intellektuell geprägt, Jude und ein ziemlich neurotischer Kerl, der es sich mit Frauen regelmäßig verscherzt. Er lernt Annie Hall kennen, verliebt sich in sie und trifft in ihr auf einen neurotischen Gegenpart. Höhen und Tiefen wechseln sich in ihrer Beziehung ab, in der sie sich gegenseitig mit ihren psychoanalytischen Weisheiten übertrumpfen. Alvy verliert auch Annie und nimmt sogar eine Reise ins verhasste Kalifornien auf sich, um sie zurückzugewinnen.

Die besondere Finesse des Films besteht in seiner zeitlichen Flexibilität. Er beginnt damit, dass Woody Allen als Alvy Singer das Kinopublikum direkt anspricht, um danach in verschiedene Phasen seiner Biographie zurückzureisen und erst am Ende fazitähnlich wieder in der Jetzt-Zeit den Film zu beschließen. Mehrere Beziehungen der Hauptfigur werden angerissen, dabei kann schon die bloße Erwähnung eines Namens zu einem Zeitsprung führen. Mehr als zwei Dutzend Zeitebenen durchreist der Film, der durch die Dialoge und die Fokussierung auf die Beziehungsleiden seiner Hauptfigur zusammengehalten wird. Als zentrale Beziehung erscheint die zu Annie Hall (Diane Keaton), die dem Publikum jedoch nicht chronologisch, sondern in Episoden sprunghaft vorgeführt wird.

Um die Befindlichkeit seines Protagonisten zu verdeutlichen, greift Allen zu einer Vielzahl von Mitteln; so gibt es beispielsweise eine kurze Trickfilmsequenz oder Familienessenkarikaturen im Split-Screen-Verfahren. Legendär und gern kopiert ist die Szene, in der er als Erwachsener in seiner alten Schulklasse sitzt und die Überlegung „Ich frage mich manchmal, was aus meinen Mitschülern geworden ist“, dazu führt, dass einzelne Schüler nacheinander aus der Szenenhandlung aussteigen und in die Kamera ihre weitere Biographie erzählen.

Dieser Film ist also weniger eine sachlich korrekte Aufarbeitung von Geschehnissen als vielmehr die filmische Version einer Gedankenkette. Dabei gehen Realität, Gedankenspiel, verklärte Erinnerung, Gedankensprünge nahtlos ineinander über; der Zuschauer ist aufgefordert, selbst die Ebenen und (Zeit-)Sprünge zu erkennen, der Film weist sie nicht explizit als solche aus. Dass er dennoch als homogen und flüssig wahrgenommen wird und nicht in eine Episodenansammlung zerfällt, sorgte für die Anerkennung, die ihm auch Jahrzehnte später noch zuteil wird.

Kritiken

  • „Woody Allens stark autobiografisch getönte Komödie zeigt einen intellektuellen Clown, der mit todernsten Problemen hadert, aber letztlich immer nur komisch sein kann; beschrieben wird der Weg eines Träumers und geborenen Verlierers, der am Ende dennoch durch die Kraft der eigenen Kreativität sein Überleben sichert. Die sprunghafte Gagfolge früherer Allen-Filme ist einer ausgewogeneren Geschichte gewichen, in der pointierte Ironie den Slapstick weitgehend verdrängt. Dabei erweist sich Woody Allen als überaus versierter Regisseur, der spielerisch mit verschiedenen Stilen und Erzählformen jongliert. Ein Klassiker der modernen Filmkomik (…).“ – „Lexikon des internationalen Films“ (CD-ROM-Ausgabe), Systhema, München 1997

Auszeichnungen (Auswahl)

Deutsche Fassung

Die deutsche Synchronbearbeitung entstand 1977 unter der Synchronregie von John Pauls-Harding. [1]

Rolle Darsteller Synchronsprecher
Alvy Singer Woody Allen Wolfgang Draeger
Annie Hall Diane Keaton Heidi Fischer
Rob Tony Roberts Rüdiger Bahr
Allison Carol Kane Eva Kinsky
Tony Lacey Paul Simon Jürgen Clausen
Duane Hall Christopher Walken Leon Rainer
Dad Hall Donald Symington Donald Arthur

Der Begriff Stadtneurotiker ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen und bezeichnet vor allem Bewohner von Großstädten, die sich durch besondere Macken auszeichnen, die angeblich auf Großstadtstress zurückzuführen sind.

Eckhard Henscheid, Co-Autor der Synchronfassung, hält den Titel Der Stadtneurotiker jedoch für „ein Missverständnis bis hin zum flagranten Nonsens“, weil der Begriff zunächst alles und nichts bedeute, der Handlungsort Manhattan doch eher schon Weltstadt sei und es im Film auch gar nicht um einen Neurotiker gehe. Henscheid merkt zudem kritisch an, dass die meisten sprachlichen Späße des Films in der deutschen Fassung gar nicht von Allen und Brickman stammen, sondern den Darstellern erst durch die Synchronisation in den Mund gelegt wurden.

Wissenswertes

  • Sigourney Weaver hatte in diesem Film in einer Kleinstrolle (Dauer: 6 Sekunden) ihr Filmdebut.
  • Marshall McLuhan, der berühmte Kommunikationswissenschaftler, wird in einer Szene (Kontroverse in der Schlange vor der Kinokasse) von Alvy Singer zitiert und tritt plötzlich höchstpersönlich zu Alvys Unterstützung auf (Cameo-Auftritt). Alvys Reaktion: „Ach, wäre es doch einmal so im richtigen Leben“
  • Harry und Sally kann in einiger Hinsicht als „Nachfolger“/Sequel gelten. Die Konstellation der Figuren und ihre Sorgen sind ähnlich ausgerichtet wie in diesem Film. Musikalische Themen und Modestil aus Der Stadtneurotiker werden wieder aufgegriffen. Harry und Sally begegnen sich 1977 zum ersten Mal – das Jahr, in dem Der Stadtneurotiker ins Kino kommt. Diese Sequel-Idee ist eher von Indizien als Beweisen getragen, schaut man sich beide Filme allerdings hintereinander an, erkennt man mehr Zusammenhänge und Bezüge, als man erwarten würde.
  • Jeff Goldblum hat einen ganz kurzen Auftritt auf der Party von Tony Lacey (er steht am Telefon).

Literatur

  • Woody Allen, Marshall Brickman: Der Stadtneurotiker. Drehbuch (Originaltitel: Annie Hall). Deutsch von Eckhard Henscheid und Sieglinde Rahm. Diogenes, Zürich 1988, ISBN 3-257-20822-7
  • Gerhard Pisek: Die große Illusion. Probleme und Möglichkeiten der Filmsynchronisation. Dargestellt an Woody Allens „Annie Hall“, „Manhattan“ und „Hannah and her sisters“. (Dissertationsschrift.) Wissenschaftlicher Verlag Trier (WVT), Trier 1994, 263 S., ISBN 3-88476-082-3
  • Vittorio Hösle: Woody Allen. Versuch über das Komische. Deutscher Taschenbuchverlag (dtv), München 2001, ISBN 978-3-42334254-4

Einzelnachweise

  1. Thomas Bräutigam: Lexikon der Film- und Fernsehsynchronisation. Mehr als 2000 Filme und Serien mit ihren deutschen Synchronsprechern etc.. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-289-X, S. 342

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