Annie Winifred Ellerman

Bryher (eigentlich Annie Winifred Ellerman, * 2. September 1894 in Margate, Kent; † 28. Januar 1983 in Vevey, Kanton Waadt) war eine britische Schriftstellerin.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Winifred Ellerman war die Tochter des englischen Großreeders Sir John Ellerman und befand sich als Kind fast ständig in Europa und im Nahen Osten auf Reisen. Mit 14 Jahren trat sie in ein traditionelles englisches Internat ein.

Bei einer ihrer Reisen besuchte sie die Scilly-Inseln vor der Küste von Cornwall und nahm den Namen der kleinen Insel Bryher als Pseudonym an.

Nachdem Bryhers Freundin, die unter dem Pseudonym H. D. bekannt gewordene US-amerikanische Dichterin Hilda Doolittle, 1919 eine Tochter (deren lange geheim gehaltener Vater der Maler Cecil Grey war) zur Welt brachte, nahm die reiche Erbin Bryher die psychisch labile Mutter und die Tochter Perdita bei sich auf. H. D. bezeichnete Bryher später als ihre Lebensretterin, Bryher blieb bis zu ihrem Tod 1961 ihre Lebensgefährtin.

1921 heiratete Bryher den amerikanischen Schriftsteller Robert McAlmon, 1927 den schottischen Schriftsteller Kenneth Macpherson; beide Ehen gelten als „marriages of convenience“ (Ehen aus Zweckmäßigkeit). Perdita wuchs mit ihrer Mutter, deren Liebhaberin Bryher und Bryhers jeweiligem Ehemann auf. Die ungewöhnliche Familiensituation wurde noch dadurch verkompliziert, dass Bryhers Ehemann McPershon der Liebhaber der bisexuellen H. D. war, und Bryher Perdita nach eigenen, exzentrischen Erziehungsmethoden zu Hause unterrichtete. 1928 adoptierten Bryher und McPershon Perdita.

In den 1920er Jahren lebte Bryher in London und in Paris, wo sie Teil der avantgardistischen literarischen Szene war und mit Ernest Hemingway, James Joyce, Gertrude Stein, Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Berenice Abbott verkehrte. Bryhers und McAlmons kleiner Verlag Contact Publishing spezialisierte sich auf Bücher ohne große kommerzielle Chancen. Die berühmtesten Bücher des Verlags waren Hemingways Three Stories & Ten Poems (1924) und Gertrude Steins Making of Americans (1925).

Bryhers besonderes Interesse galt der Psychoanalyse und der Filmkunst. In Wien traf sie Sigmund Freud, mit dem britischen Sexualpsychologen Havelock Ellis waren sie und H. D. 1920 in Griechenland auf Reisen, und in Berlin traf sie die Filmregisseure Georg Wilhelm Pabst und Sergei Eisenstein. Ab 1927 wurden Bryhers Kontakte insbesondere zur deutschen Filmwelt enger. 1927-1933 gaben Bryher und McPershon mit Close up die erste Zeitschrift heraus, die sich mit Geschichte und Theorie des Films befasste, aber auch Filmkritiken veröffentlichte. Die von Bryher herausgegebene literaritsche Zeitschrift Life and Letters Today veröffentlichte u. a. die Gedichte von H. D. 1930 produzierte Bryher mit ihrem Mann den experimentellen Film Borderline mit Paul Robeson und H. D. in den Hauptrollen.

Ab 1929 lebte Bryher mit ihrer Mutter, ihrem Ehemann McPershon, H. D. und Perdita zunächst in Territet am Genfersee, dann meist in ihrer von Alexander Ferenczy und Hermann Henselmann in radikal modernem Bauhaus-Stil errichteten Villa Kenwin (benannt nach „Kenneth“ und „Winifred“) in La Tour-de-Peilz bei Vevey, die ein idealer Raum zum Wohnen und Arbeiten, für kreatives Schaffen, Konzerte und Feste sein sollte.

In den 1930er Jahren und im Zweiten Weltkrieg unterstützten Bryher und Gertrude Steins Lebensgefährtin Alice B. Toklas viele Emigranten bei der Flucht vor den Nationalsozialisten, z.B. Gertrude Urzidil und Johannes Urzidil.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Bryher mehrere historische Romane sowie die Autobiografie The Heart to Artemis.

Werke

  • Amy Lowell. A critical appreciation, 1918
  • Two Selves, Roman, 1920
  • Development, Roman, 1923
  • West, 1925
  • Civilians, 1926
  • Film problems of Soviet Russia, 1929
  • The Player's Boy, Roman, 1953
  • The Fourteenth of October, Roman, 1952 (dt. Schwert und Rose, 1955)
  • Roman Wall, Roman, 1954 (dt. Der römische Wall, 1956)
  • Beowulf, Roman, 1956
  • Gate to the Sea, 1958
  • Ruan, 1960
  • The Heart to Artemis, Autobiografie, 1962
  • Visa for Avalon, 1965
  • The coin of Carthage, 1965
  • This January tale, 1966
  • The colors of Vaud, 1969
  • The days of Mars. A memoir. 1940-1946, 1972
  • Analyzing Freud. The Letters of H.D., Bryher, and Their Circle, Briefwechsel, hrsg. von Susan Stanford Friedman

Literatur

  • Humphrey Carpenter: Geniuses together. American writers in Paris in the 1920s. Uwin Hyman, London 1987, ISBN 0-04-440067-5
  • Robert McAlmon: Being Geniuses Together. 1920-1930. North Point Press, San Francisco 1968
  • Adrienne Monnier: Aufzeichnungen aus der Rue de l'Odéon. Schriften 1917 - 1953. Insel, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-458-16692-0
  • Andrea Weiss: Paris war eine Frau. Die Frauen von der „Left Bank“. Edition Ebersbach, Dortmund 1996, ISBN 3-931782-00-X

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