Anraat
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Frans Cornelis Adrianus van Anraat (* 9. August 1942 in Den Helder, Nordholland/Niederlande) ist ein niederländischer Geschäftsmann.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Frans van Anraat wurde als Sohn eines Marine-Angehörigen geboren. Ein Studium als Laborant brach er ab und verließ Anfang der 70er Jahre die Niederlande. Danach soll er in Italien, der Schweiz und Singapur als technischer Berater für Ingenieursbüros gearbeitet haben, die chemische Fabriken im Irak bauten. Dadurch kam er in den Chemikalienhandel. Er gründete seine eigene Firma, die FCA Contractor (nach seinen Initialen) mit Sitz in Bissone (Schweiz). Er selbst lebte im benachbarten Lugano. Ab 1984 soll er als Zwischenhändler tausende Tonnen Chemikalien an den Irak ausgeführt haben, darunter Grundstoffe (Vorstufen) für Senfgas und Nervengase.

Halabdscha

Van Anraat soll an das Irakische Regime unter anderem 538 Tonnen Thiodiglykol verkauft haben, das zusammen mit Salzsäure 700 Tonnen Senfgas (Lost, Gelbkreuz) ergeben kann. Ein Teil des Thiodiglykols wurde von Alcolac, Inc. aus Baltimore, Maryland, USA an van Anraat geliefert. Von Antwerpen aus wurde es nach Akaba verschifft, und von dort in den Irak transportiert. Das irakische Regime führte am 16. März 1988 den luft-gestützten Giftgasangriff auf Halabdscha mit Nervengas auf die nordirakische Kleinstadt Halabdscha aus. Ungefähr 5.000 Kurden starben und 10.000 wurden verletzt. In einem Fernsehinterview am 6. November 2003 verneinte van Anraat, dass er wusste, wozu der Grundstoff dienen konnte, und sagte, dass er auch keinen Anlass gesehen hatte, die niederländischen Autoritäten über den Handel zu informieren. Er sah sich auch nicht als mitschuldig am Massenmord an den Kurden an. Vielmehr stellte er sich als Geschäftsmann dar, der lieferte, was seine Kunden nachfragten und sich nicht verantwortlich dafür sah, was diese mit der Lieferung machten.

Am 27. Januar 1989 wurde van Anraat in Mailand festgenommen, aber in Erwartung eines Auslieferungsbegehrens der USA wurde er wieder freigelassen. Daraufhin flüchtete er in den Irak, wo er 14 Jahre bleiben sollte. FCA Contractor wurde 1992 aufgelöst. Am 22. Dezember 1997 begehrten die USA von den Niederlanden seine Auslieferung, aber am 20. November 2000 wurde das Auslieferungsbegehren ohne Angabe von Gründen wieder zurückgezogen. Nach dem Sturz Saddam Husseins flüchtete van Anraat 2003 über Syrien in die Niederlande. Weil er nicht mehr als gesucht galt, konnte ihm die Einreise nicht verweigert werden. Er ließ sich in einer einfachen Wohnung in Amsterdam nieder, wo er seine demente Mutter versorgte. Am 17. Dezember 2004 wurde bekannt, dass die Wohnung ein sogenanntes Safe House (geschütze Wohnung) des niederländischen Inlandsnachrichtendienstes AIVD und van Anraat ein Informant des AIVD gewesen sein soll. Van Anraat soll festgenommen worden sein, weil aus einem abgehörten Telefonat ersichtlich war, dass er plante, am nächsten Tag aus den Niederlanden zu flüchten. Sechs Wochen vorher war an ihn ein neuer Pass ausgegeben worden.

Festnahme

Im Juli 2004 ersuchten die Niederlande die Schweiz um Rechtshilfe, was im August positiv beschieden wurde. Dokumente mit Bezug zu van Anraat, die schon einmal an die USA gegeben worden waren, wurden an die Niederlande übergeben. Der frühere Stellvertretende Leiter der irakischen Abteilung für Chemische Waffen machte 2004 gegenüber einem niederländischen Ermittlungsrichter im Irak eine belastende Erklärung über van Anraat. Am 6. Dezember 2004 wurde van Anraat vom Dienst Nationale Recherche in seiner Wohnung festgenommen wegen Verdachts der Mittäterschaft an Kriegsverbrechen und Völkermord. Es sollte das erste mal sein, dass die betreffenden Gesetze, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, angewandt wurden. Am 27. Januar 2005 wurde van Anraats Untersuchungshaft aufgehoben, aber das Innenministerium ging gegen diesen Beschluss mit Erfolg in Berufung und van Anraat blieb festgesetzt.

Am 21. November 2005 begann der Strafprozess gegen van Anraat.

Van Anraat war der einzige Niederländer auf der US-amerikanischen Liste der Meistgesuchten.

Verurteilung

Am 23. Dezember 2005 wurde van Anraat zu fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, der Höchststrafe, wegen Mittäterschaft an Kriegsverbrechen im Iran und im Irak, wo durch Giftgasangriffe tausende Menschen umgekommen sind. Eine Verurteilung wegen Völkermords erachtete das Gericht als nicht möglich mangels eines Beweises, dass van Anraat tatsächlich wusste, dass seine Chemikalien zur Giftgasherstellung benutzt werden sollten.

Ein Interview mit einem seiner japanischen Geschäftspartner zeigt anderes, nämlich, dass van Anraat doch gewusst haben muss, dass seine Produkte zur Herstellung von Giftgas gebraucht werden würden und dass dieses Gas tatsächlich eingesetzt werden sollte. Aber der Japaner brachte Jahreszahlen durcheinander, weshalb seine Aussage als nicht vertrauenswürdig abgetan wurde.

Der niederländische Geschäftsmann fühlt sich nicht verantwortlich für den Gebrauch von Giftgas, das aus chemischen Grundstoffen gemacht wurde, die er an Saddam Hussein geliefert hat. „Een fabrikant van munitie is ook niet verantwoordelijk als daar een moord mee wordt gepleegd“ (Ein Hersteller von Munition ist auch nicht verantwortlich, wenn damit ein Mord begangen wird), argumentiert van Anraat.

Sofort nach dem Urteil ließ van Anraats Anwalt wissen, dass sein Mandant in Berufung gehen wollte. Auch das Innenministerium wollte in Berufung gehen. Ab dem 2. April 2007 verhandelte der Gerichtshof in Den Haag über die Berufung. Am 9. Mai 2007 wurde van Anraat wegen Mittäterschaft an Kriegsverbrechen zu 17 Jahren Haft verurteilt, zwei Jahre mehr als das Innenministerium gefordert hatte und er in der ersten Instanz bekommen hatte. Vom Vorwurf der Mittäterschaft zum Völkermord wurde er freigesprochen.

Siehe auch

Dual Use

Quellen, Weblinks


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