Anthropische Voreingenommenheit

Anthropische Voreingenommenheit (griechisch ἄνθρωπος (ánthrōpos) = Mensch) nannte der Oxforder Philosoph Nick Bostrom (geb. 1973) den systematischen Fehler, der entsteht, ...wenn dein Urteil durch selektive Beobachtung verfälscht wird ("when your evidence is biased by observation selection effects"). Im Grunde handelt es sich um eine Verallgemeinerung des Bestätigungsfehlers (confirmation bias) und ähnlicher Denkfehler (cognitive biases), die auf Mentalität, Erinnerung und Vorgehensweise des Urteilenden beruhen, also auf dem menschlichen Selbstverständnis als eine die Umwelt erforschende unabhängige Entität.

Bostrom meint somit, dass das Menschsein selbst die objektive Wahrnehmung verfälscht und behindert.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Die erste Zusammenstellung der mit dem anthropischen Fehler zusammenhängenden Probleme erschien 1960 mit der Arbeit des Nobelpreisträgers Eugene Wigner The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences (deutsch etwa "Die unvernünftige Auswirkung der Mathematik auf die Naturwissenschaften", orig. in: Symmetries and reflections, Cambridge 1967, S. 222-237, siehe Weblink). Wigner stellte fest, dass die Fehlerquelle, ein Mensch auf einem Planeten zu sein, nicht so leicht überwunden werden kann, und er betonte die Notwendigkeit, auch Standpunkte anderer, nicht menschenähnlicher Spezies zu berücksichtigen.

Rigoroser ist die Ansicht von George Lakoff und Rafael E. Núñez. Ihrer Fallstudie zufolge drückt selbst die Eulersche Identität einen anthropischen Fehler aus, der nicht durch den menschlichen Verstand erkannt werden kann, sondern nur der Kognitionswissenschaft und ihren empirischen Methoden zugänglich ist. Dabei verbleiben notwendig Unklarheiten, die - Lakoff zufolge - auch theoretisch unlösbar sind. Die anthropische Voreingenommenheit ist ein Denkfehler, und ihre Erforschung unterliegt ebenfalls Denkfehlern.

Bostroms Theorie

Bostrom hingegen schlägt einen Ausweg mithilfe von quasi-empirischen Methoden vor. In seinem Buch Anthropic Bias: observation selection effects in science and philosophy [1] erforscht er deren Auswirkungen auf Meinungsforschung, Kosmologie (wieviele Universen gibt es?), Evolutionstheorie (wie unwahrscheinlich war die Entwicklung intelligenten Lebens auf unserem Planeten?), des Fließens der Zeit (gibt es eine thermodynamische Erklärung?), spieltheoretischen Problemen mit beschränkter Erinnerung (wie kann man sie modellieren?), Verkehrswissenschaften (warum ist die Nachbarspur schneller?).

Bostrom schlussfolgert, dass das anthropische Prinzip - oder eher die vielen widerstreitenden Konzepte unter dieser Bezeichnung - irrig ist. Weiterhin meint er, "daß die bestehende Methodologie es nicht erlaubt, aus den derzeitigen kosmologischen Theorien Konsequenzen für die künftige astronomische Beobachtung abzuleiten, obgleich die Theorien recht einfach empirisch überprüft werden können, und überprüft werden. Um diese methodologische Lücke zu überbrücken, müssen wir die selektive Beobachtung angemessener berücksichtigen".

Er räumt die Begrenztheit seines Ansatzes ein, weil "in der Entscheidung, einer frühere Glaubensfunktion zum Ordnungsprinzip vorzuschlagen, ein subjektives Element liegt (an element of subjectivity may reside in the choice of a prior credence function for indexical propositions). "Wir vergleichen es mit der weithin anerkannten Subjektivität, die die nicht-einordnende Komponente unserer Glaubensfunktion heimsucht, und wir meinen, dass so die Frage beleuchtet wird, wie man verschiedene anthropische Denkweisen und deren wissenschaftliche Strenge bewerten kann."

Literatur

  • Eugene Wigner, "The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences", Communications on Pure and Applied Mathematics, Bd. 13, Nr.1 (Februar 1960), [2]
  • George Lakoff and Rafael E. Núñez: Where Mathematics Comes From: How the Embodied Mind Brings Mathematics into Being, Basic Books, 2000
  • Nick Bostrom: Anthropic Bias: Observation Selection Effects in Science and Philosophy, Routledge,2002 [3]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. [1]
  2. [2]
  3. [3]

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