Anthropithecus erectus
Die Funde von Eugène Dubois: Schädeldach, Molar und Femur

Als Java-Mensch werden Fossilien bezeichnet, die erstmals am Ufer des Solo-Flusses (auch: Bengawan Solo) bei Trinil in Ost-Java entdeckt wurden und der Gattung Homo zugeordnet werden. Die Funde waren zunächst als Anthropithecus bezeichnet worden, später als Pithecanthropus erectus. Heute werden sie von den meisten Paläoanthropologen gemeinsam mit vergleichbar alten Funden aus Peking – den Peking-Menschen – der Art Homo erectus zugeordnet, wobei ihre Herkunft gelegentlich durch den Zusatz eines Unterart-Epithetons betont wird: Homo erectus javanicus.

Das erste Fossil des Java-Menschen wurde 1891 von Eugène Dubois entdeckt; es war zugleich der erste Fund eines Fossils der Hominini außerhalb Europas. Nach heutigem Kenntnisstand wird ihm ein Alter von rund einer Million Jahre zugeschrieben.[1]

Inhaltsverzeichnis

Fundgeschichte

1871 hatte Charles Darwin in seinem Werk Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl vermutet,[2] der Mensch habe sich in Afrika entwickelt, da seine nächsten Verwandten – Schimpansen und Gorillas – dort beheimatet sind. Im Gegensatz zu Darwin hatte Ernst Haeckel drei Jahre zuvor (1868) in seiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte die Ansicht vertreten, dass „die meisten Anzeichen auf das südliche Asien“ hindeuteten.[3] Haeckel stützte seine Mutmaßung vor allem auf den Vergleich von Behaarung, Hautfarbe und Schädelform der damals als primitiv geltenden, heute als indigen bezeichneten Völker Afrikas und Asiens mit den Menschenaffen. Haeckel räumte jedoch zugleich ein: „Vielleicht war aber auch das östliche Afrika der Ort, an welchem zuerst die Entstehung des Urmenschen aus den menschenähnlichen Affen erfolgte; vielleicht auch ein jetzt unter den Spiegel des indischen Oceans versunkener Kontinent, welcher sich im Süden des jetzigen Asiens einerseits östlich bis nach den Sunda-Inseln, andrerseits westlich bis nach Madagaskar und Afrika erstreckte.“ Den hypothetischen Urmenschen nannte Haeckel „Homo primigenius oder Pithecanthropus primigenius“, wobei er einen gleitenden Übergang von hypothetischen „Affenmenschen (Pithecanthropi)“ zu sprachlosen „Urmenschen (Alali)“ vermutete.

Haeckels Hypothese, die Sunda-Inseln seien der Rest eines versunkenen Kontinents, auf dem sich vorzeitliche Menschenaffen zu den Vorfahren des Menschen und der anderen jetztzeitlichen Menschenaffen entwickelten, faszinierte den jungen holländischen Militärarzt Eugène Dubois derart, dass er sich 1877 nach Sumatra versetzen ließ, um im Gebiet des indonesischen Archipels nach Fossilien zu suchen. In seinem Buch Die Frühzeit des Menschen beschreibt Friedemann Schrenk Dubois' Vorgehensweise wie folgt: „Besessen von seiner Idee, begann er an einer Stelle in Java zu graben, die nach heutigen Vorstellungen als völlig aussichtslos gelten würde. Er grub in einem Gebiet, wo im Umkreis von Tausenden von Kilometern noch nie zuvor auch nur die kleinste Andeutung von Resten eines Urmenschen gefunden wurde – und er grub auf den Zentimeter genau an der richtigen Stelle.“[4] Dubois kannte allerdings Hinweise von Bauern, die dort Tierfossilien gefunden hatten.[5]

Dubois entdeckte 1891 das Fragment eines Schädeldaches sowie einen Zahn (dessen Zuordnung zur Gattung Homo aber unsicher ist), im folgenden Jahr zudem einen vollständig erhaltenen Oberschenkelknochen. Hatte Dubois seine beiden ersten Funde noch als Vorfahren der afrikanischen nicht-homininen Menschenaffen interpretiert und daher der Gattung Anthropithecus [6]zugeordnet, war er nach dem Fund des Oberschenkelknochens überzeugt davon, dass dieser fossile „Menschenaffe“ bereits aufrecht gehen konnte. Daraufhin verwendete Dubois die Bezeichnung Anthropithecus erectus („aufrecht gehender Menschenaffe“). 1884 war er dann überzeugt, den von Haeckel vorhergesagten Urmenschen gefunden zu haben, so dass er seine Fossilfunde von da an als Pithecanthropus erectus („aufrecht gehender Affenmensch“) bezeichnete. [7] [8] [9]

Endgültige Namensgebung

Schädeldach „Sangiran II“ (Homo erectus, Original, 1,5 mya), Sammlung Koenigswald im Naturmuseum Senckenberg. Man beachte den Überaugenwulst über dem linken Auge.

Dubois' Deutung blieb lange Zeit umstritten. Der deutsche Anatom Hans Virchow [10] schrieb die Funde von Java beispielsweise einem fossilen Riesen-Gibbon zu. Dies begann sich erst zu ändern, nachdem in den 1920er-Jahren die Peking-Menschen entdeckt worden waren. Zudem wurden Anfang der 1930er-Jahre in der Nachbarschaft von Trinil weitere Fossilien geborgen: 1931 hatten Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald und Carel ter Haar bei Ngandong mehrere Schädelfragmente entdeckt, die von dem niederländischen Forscher Willem Oppennoorth als Homo soloensis benannt wurden;[11] 1936 erklärte von Koenigswald die fossile Schädeldecke eines Kindes zum Holotypus der neuen Art Homo modjokertensis (benannt nach der Stadt Mojokerto); das 1937 in 33 Fragmenten entdeckte Schädeldach Sangiran II (s. Abbildung oben) ordnete von Königswald der Art Pithecanthropus erectus zu, „da es völlig mit Ihrem Fund von Trinil übereinstimmt“, wie er in einem Brief an Dubois schrieb;[12] Franz Weidenreich wies später weiteren Funden aus der gleichen Region (u. a. bei Sangiran) die Bezeichnungen Pithecanthropus robustus und Pithecanthropus dubios zu.

1950 ordnete von Köningswald seinen Fund Sangiran IV nicht mehr als Homo modjokertensis, sondern als Homo erectus modjokertensis ein.[13] Im gleichen Jahr schlug zudem Ernst Mayr während eines Symposiums des Cold Spring Harbor Laboratory vor, die insgesamt bis dahin noch immer sehr wenigen Funde einheitlich der Gattung Homo zuzuweisen. Dies wurde von den dort versammelten, weltweit führenden Paläoanthropologen aufgegriffen, mit der Folge, dass nur das zuletzt von Eugène Dubois verwendete Art-Epitheton erectus beibehalten wurde und bis in die Gegenwart in der Bezeichnung Homo erectus erhalten blieb. Dubois Fund Trinil 2 wurde so zum Typusexemplar von Homo erectus. Aber erst seit 1980 werden auf Vorschlag des US-amerikanischen Paläontologen Albert Santa Luca tatsächlich alle Homo-Funde aus Java als Homo erectus bezeichnet.[14]

Auswirkungen der Funde von Java

Nachdem die bis dahin ältesten Vormenschen-Fossilien auf Java und in den 1920er-Jahren bei Peking gefunden worden waren, setzte sich unter den Paläoanthropologen die Meinung durch, dass – wie ja schon 1868 von Ernst Haeckel vermutet – die Urmenschen sich in Asien entwickelt hatten. Ein 1925 in Südafrika entdecktes, wesentlich älteres Fossil – genannt Kind von Taung und der neuen Gattung und Art Australopithecus africanus zugeordnet – wurde daher erst 1947 von den führenden Paläoanthropologen ihrer Epoche als Vorfahre des Menschen anerkannt. Erst danach gewann die Out-of-Africa-Theorie verstärkt Anhänger.

Weblinks

  • Aleš Hrdlička: The skeletal remains of early man. Smithsonian Miscellaneous Collections, Band 83, 379 S., Smithsonian Institution, Juli 1930; Volltext

Einzelnachweise

  1. G. J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2008, S. 117. Als „Mindestalter“ werden hier 700.000 Jahre, als – „möglicherweise zu hoch angesetzte“ – Obergrenze werden 1,5 Mio. Jahre ausgewiesen.
  2. Charles Darwin: The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex. London, John Murray, 1871, Band 1, S. 199: „In each great region of the world the living mammals are closely related to the extinct species of the same region. It is therefore probable that Africa was formerly inhabited by extinct apes closely allied to the gorilla and chimpanzee; and as these two species are now man's nearest allies, it is somewhat more probable that our early progenitors lived on the African continent than elsewhere.“
  3. Ernst Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte. Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwickelungslehre im Allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im Besonderen, über die Anwendung derselben auf den Ursprung des Menschen und andere damit zusammenhängende Grundfragen der Naturwissenschaft. Berlin, Georg Reimer, 1868, Kapitel 19 (Volltext)
  4. Friedemann Schrenk: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zu Homo sapiens. CH Beck, 1997, S. 81
  5. athenapub.com The Discovery of Java Man in 1891
  6. von griech. ἄνθρωπος: „Mensch“ und píthēkos: „Affe“; Anthropopithecus war damals der Gattungsname für die Schimpansen
  7. Eugène Dubois: Pithecanthropus erectus: eine menschenähnliche Übergangsform von Java. Landes-Druckerei, Batavia, 1894
  8. Eugène Dubois: On Pithecanthropus erectus: A Transitional Form between Man and the Apes.Scientific Transactions of the Royal Dublin Society, Ser. 2, 6, 1896, S. 1–18
  9. Eugène Dubois: Pithecanthropus erectus, eine Stammform des Menschen. Anatomischer Anzeiger, Band 12, 1896, S.1–22
  10. Biografie von Hans Virchow
  11. W.F.F. Oppennoorth: Homo (Javanthropus) soloensis: een plistocene mensch van Java. Wetenschappelijke medeligen Dienst van den Mijnbrouw in Nederlandsch-Indië, Band 20, 1932, S. 49 ff.
  12. zitiert nach: Stephanie Müller u. a.: Sangiran II…, S. 31
  13. In den Proceedings des International Geology Congress (London), Band 9, 1950, S. 59–61
  14. Albert P. Santa Luca: The Ngandong fossil hominids: A comparative study of a far eastern Homo erectus group. Yale University, 1980

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