Anti-Utopie

Eine Dystopie oder Anti-Utopie ist eine Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, die sich zum Negativen entwickelt hat, und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas Morus' Utopia dar. Aber auch Endzeit-Geschichten sind eine Form der Dystopie. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen.

Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine autoritäre oder totalitäre Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle. Typische Charakteristika einer Dystopie sind: Dem Individuum sind durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheiten genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte oder eigener Werte gekappt.

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff „Dystopie“

Der Begriff „Dystopie“ (dys- altgr. für miss-, un-, übel-; topia lat. für Landschaftsmalerei, -beschreibung, zu altgr.: topos für Ort, Gegend) ist in der literaturwissenschaftlichen Fachliteratur in Deutschland noch relativ ungebräuchlich. Im Deutschen finden häufiger die Begriffe „negative Utopie“, „Anti-Utopie“ oder „Gegenutopie“ Verwendung, noch seltener wird der analoge Begriff „Mätopie“ verwendet. „Dystopie“ ist ansonsten auch ein medizinischer Fachbegriff. In der anglo-amerikanischen Literaturwissenschaft jedoch findet der Begriff „Dystopia“ Verwendung.

Eine Utopie ist eigentlich die Beschreibung einer Gegend, die es nicht gibt, eines Nirgendwo, denn die griechische Vorsilbe „ou-“ ist verneinend wie das deutsche „un-“ im Sinne von „nicht-“. Philosophische und literarische Utopien sind faktisch aber ausgeführte Entwürfe eines Staates oder Landes, dessen Gesellschaft gut organisiert ist, was deshalb gelegentlich – ähnlich, im Englischen sogar gleich klingend – „Eutopie“ genannt wird, denn die griechische Vorsilbe „eu-“ steht für „gut-“ oder „wohl-“. Eben dazu ist „dys-“ das Gegenstück. Insofern sind die Begriffe Dystopia und Utopia nicht exakt gegenteilige Begriffe in dem Sinne wie z. B. Dysphorie und Euphorie.

Geschichte und Herkunft

Die Geschichte der Dystopien beginnt erst im Zeitalter der industriellen Revolution. Zwar gab es schon immer Gegner von Naturwissenschaft und technologischem Fortschritt, doch resultierte daraus nie eine Gegenutopie. Selbst die Fortschrittgläubigen zweifelten an den technologischen Möglichkeiten. Erst als ihre Vorstellungen von der Realität eingeholt wurden, bestand ein Grund, die technologische Weiterentwicklung und ihre Tendenzen anzugreifen.

Erste Ansätze finden sich hier bei E. T. A. Hoffmann und in Mary Shelleys Frankenstein.

Der erste Gebrauch des Wortes wird John Stuart Mill zugeschrieben, dessen gute Griechisch-Kenntnisse es vermuten lassen, dass er unter Dystopia weniger nur das Gegenteil von Thomas Morus’ Utopia verstand, sondern vielmehr einen Ort meinte, an dem es im weitesten Sinne schlecht um die Dinge bestellt ist.

Grenze des Fortschrittsoptimismus der industriellen Revolution

Die Zerstörung des Fortschrittsglaubens beginnt allmählich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dies lässt sich auf folgende Gründe zurückführen:

  • technologische Entwicklung in zuvor nie dagewesener, exponentiell steigender Geschwindigkeit
  • wachsende Zentralisierung von Ländern und den Machtverhältnissen darin
  • fast alle bewohn- und bewirtschaftbaren Landflächen der Erde werden von Menschen oder Institutionen, wie Regierungen, besessen, die Grenzen räumlicher Expansion beginnen sich deutlich abzuzeichnen

Grundzüge einer dystopischen Gesellschaft

Eine dystopische Gesellschaft weist für gewöhnlich mindestens einen der folgenden Züge aus dieser nicht erschöpfenden Liste auf:

  • eine augenscheinlich utopische Gesellschaft, frei von Armut, Seuchen, Konflikten und sogar emotionaler Niedergeschlagenheit. Unter der Oberfläche offenbart sich jedoch genau das Gegenteil. Die zentralen Aspekte der Geschichte sind 1. das Problem an sich, 2. die Art und Weise, wie dieses vertuscht wird, sowie 3. die Chronologie des Problems.
  • Soziale Schichtung, wobei die Gliederung der Gesellschaft in soziale Klassen streng definiert ist und ebenso streng durchgesetzt wird. Es fehlt gänzlich an sozialer Mobilität (Kastenwesen).
  • ein von der Oberschicht regierter Staat mit wenigen demokratischen Idealen, wenn überhaupt.
  • staatliche Propaganda und ein Bildungssystem, das die meisten Bürger in die Anbetung des Staates und seiner Regierung nötigt und ihnen die Überzeugung aufzwingt, das Leben unter dem Regime sei gut und gerecht.
    • daraus folgend die Einführung einer Sprache, die Kritik am Staat oder die Organisierung eines Aufstands unmöglich macht, da zu diesem Zweck schlicht die Worte fehlen (siehe Neusprech).
  • strikter Konformismus und die allgemein herrschende Annahme, dass Dissens und Individualität ein Übel seien.
  • in der Regel gibt es eine Repräsentationsfigur des Staates, die von den Bürgern fanatisch angebetet wird, in Begleitung eines aufwendigen und ins Extrem getriebenen Personenkultes, wie z. B. für die Figur des Großen Bruders in dem Roman 1984 von George Orwell.
  • Angst bzw. Abscheu vor der restlichen Welt außerhalb des eigenen Staates.
  • die allgemein herrschende Ansicht, das traditionelle Leben (insbesondere die traditionellen organisierten Religionen) sei primitiv und unsinnig. Alternativ dazu die vollständige Dominierung der Gesellschaft durch eine Staatsreligion, z. B. den Engsoz (Englischer Sozialismus, engl. Ingsoc (English Socialism)) in dem Roman 1984, oder die Technopriests in der Comic-Buchreihe Der Incal rund um den Privatdetektiv John Difool.
  • das „historische Gedächtnis“ der bürokratischen Institutionen hebt das kollektive historische Gedächtnis der Menschen auf oder hat Vorrang vor diesem. Im Roman 1984 ist das Ministerium für Wahrheit mit der Anpassung des „autobiographischen“ gesellschaftlichen Gedächtnisses an die Bedürfnisse des Regimes betraut.
  • ein Strafvollzugsgesetz, dem eine angemessene Strafprozessordnung fehlt.
  • permanenter Mangel an lebensnotwendigen Gütern für weite Teile der Bevölkerung, u. a. auch Nahrungsmittel-Kürzungen.
  • permanente Überwachung durch die Regierung oder ihre Behörden.
  • Abwesenheit oder aber vollständige Kooptation einer gebildeten Mittelschicht (z. B. Lehrer, Journalisten, Wissenschaftler), die in der Lage wäre, das herrschende Regime zu kritisieren.
  • militarisierte Polizeikräfte und private Sicherheitskräfte.
  • die Verbannung der natürlichen (biologischen) Umwelt aus dem Alltag.
  • Konstruktion fiktionaler Ansichten über die Realität, die der breiten Masse aufgezwungen werden.
  • Korruption, Unfähigkeit oder Usurpation der demokratischen Institutionen.
  • vorgetäuschte Rivalität zwischen Gruppen, die in Wahrheit ein Kartell bilden.
  • die etablierten Kräfte bestehen darauf, dass
    • sie die beste aller möglichen Welten verwirklichen und
    • alle innerstaatlichen Probleme durch die Kräfte des (wenn nötig auch fiktiven) Feindes verursacht werden.
  • ein übergreifender, langsamer Zerfall aller Systeme (politisch, ökonomisch, religiös, infrastrukturell …), der der Entfremdung des Einzelnen von der Natur, dem Staat, der Gesellschaft, der Familie sowie sich selbst geschuldet ist.
  • das Geflecht der gesellschaftlichen Beziehungen und Abhängigkeiten nähert sich einem Nullsummenspiel an.
  • Kritik, die trotz repressiver Maßnahmen des Regimes öffentlich wird, wird von der Medien- und Vergnügungskultur der Gesellschaft aufgesaugt, trivialisiert und damit ins Absurde verkehrt, so z. B. in dem Roman Schöne Neue Welt, in dem die Geschichte des Protagonisten „Michel" (in der englischen Ausgabe „John“, auch „The savage“ = „Der Wilde“) von den staatlichen Medien zum reinen Zwecke der Unterhaltung bzw. Vergnügung für breite Bevölkerungsschichten aufbereitet wird.

Wesentlich für dystopische Ökonomien ist die Ausrichtung auf Stabilität. Ferner ist die Ökonomie in dystopischen Gesellschaften so strukturiert, dass die Regierung oder das ökonomische System selbst immun gegenüber Veränderungen oder Störungen ist. Die Industrien arbeiten mit maximaler Effizienz und Kapazität, der erwirtschaftete Überschuss wird dabei vom Staat absorbiert. In dem Roman 1984 sind die lebensnotwendigen Güter rationiert, und der erwirtschaftete Überschuss wird vom immerwährenden „Krieg“ gegen Eurasien oder Ostasien aufgesaugt. In dem Roman Schöne Neue Welt von Aldous Huxley fließt der Überschuss in das extreme Konsumverhalten der Bevölkerung, zu dem die Bevölkerung gar von der Regierung konditioniert wird.

Grundzüge dystopischer Fiktionen

Viele Filme und literarische Werke über dystopische Gesellschaften weisen zumeist einige der folgenden Züge auf:

  • eine punktuell erzählte Vorgeschichte über einen Krieg, eine Revolution, einen Aufstand, demographische Verwerfungen, eine Naturkatastrophe oder ein klimatischer Wandel mit dramatischen gesellschaftlichen Auswirkungen,
  • ein Lebensstandard in den Unter- und Mittelschichten, der im Allgemeinen unter dem Niveau zeitgenössischer Gesellschaften liegt. Jedoch gibt es Ausnahmen, so z. B. in Schöne Neue Welt und Equilibrium, in denen die Bevölkerung zwar einen vergleichsweise hohen materiellen Standard genießt, sich diesen jedoch um den Preis ideeller Qualitäten wie z. B. dem Verlust von emotionaler Tiefe erkauft.
  • ein Protagonist, der die gesellschaftlichen Verhältnisse hinterfragt und oft intuitiv spürt, dass etwas im Argen liegt, so wie der Protagonist V in Alan Moores V wie Vendetta.
  • notwendigerweise, sofern die Fiktion auf unserer Welt beruht, eine Schwerpunktsverlagerung der Kontrolle hin zu Großkonzernen, autokratischen Cliquen oder Bürokratien.

Um den Leser in den Bann zu ziehen, nutzen dystopische Fiktionen üblicherweise ein weiteres Mittel: Vertrautheit. Es reicht nicht, das Leben in einer Gesellschaft zu schildern, die unerfreulich erscheint. In der fiktiven dystopischen Gesellschaft müssen Elemente aus dem hier und jetzt anklingen, die dem Leser aus seinem eigenen Erfahrungshorizont bekannt sind. Wenn der Leser die Muster oder Trends identifizieren kann, die unsere heutige Gesellschaft potentiell in das fiktive Dystopia führen könnten, wird die Beschäftigung mit der Fiktion zu einer fesselnden und wirkungsvollen Erfahrung. Schriftsteller können Dystopien wirksam nutzen, um ihre eigene Besorgnis über gesellschaftliche Trends zum Ausdruck zu bringen. So basiert George Orwells Roman 1984 auf Entwicklungen im Jahr seiner Niederschrift 1948, in dem sich bereits ein eisiges Klima im Nachkriegs-Europa abzeichnete. In ähnlicher Weise schrieb Ayn Rand ihre Erzählung Anthem (deutsch: Die Hymne des Menschen) als eine Warnung vor der Unterordnung des Individuums unter den Staat oder „das Wir“. Margaret Atwood schrieb Der Report der Magd als eine Warnung vor dem aufkommenden religiös-fundamentalistischen Totalitarismus in den USA und der Scheinheiligkeit des Feminismus der 1970er Jahre, der eher der Sache seiner Gegner in die Hände spielte.

Dystopische Fiktionen sind oftmals (aber nicht immer) ungelöst, das heißt, die Erzählung handelt von Individuen, die unbefriedigt sind und eventuell rebellieren, aber letztlich in ihren Bemühungen, etwas zu verändern, scheitern. Nicht selten fügen sie sich am Ende den gesellschaftlichen Normen. Dieser erzählerische Bogen hin zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit ist bezeichnend für klassische dystopische Werke wie 1984. Sie stehen in krassem Kontrast zu Fiktionen, in denen ein Held erfolgreich Konflikte löst oder anderweitig Dinge zum Besseren kehrt.

In einer dystopischen Gesellschaft gibt es meist Teile der Bevölkerung, die nicht unter der vollständigen Kontrolle des Staates stehen, und in die der Held der Geschichte üblicherweise seine Hoffnungen setzt, aber am Ende dennoch scheitert. In 1984 von George Orwell sind es die „Proles“ (das Proletariat), in Schöne Neue Welt von Aldous Huxley sind es die Bewohner des Reservats. Schließlich, in der Dystopie Wir von Jewgeni Iwanowitsch Samjatin sind es die Menschen außerhalb der Mauern des „Einzigen Staates“.

Kritik am Konzept der Dystopien

Ebenso wie die meisten Philosophen, Politikwissenschaftler und Schriftsteller die Idee einer perfekten Gesellschaft oder eines „Utopias“ aufgegeben haben, haben viele auch Skepsis geäußert in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit eines realen Dystopias in der Fassung von Orwell und anderen. Obgleich es viele Staaten mit absolutistischem Machtanspruch in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, weisen Schriftsteller wie Gregg Easterbrook und andere darauf hin, dass solche Gesellschaften zur Selbstzerstörung tendieren oder aber von benachbarten Gesellschaften zerstört werden. Diktaturen und ähnliche Regime würden zur Kurzlebigkeit neigen, da sie durch ihre Politik und ihre Handlungen kontinuierlich neue potentielle Gegner auf den Plan rufen.

Moderne Dystopien

Schon im 19. Jahrhundert gab es dystopische Szenarien (Edward Bulwer-Lytton, Das kommende Geschlecht), doch blieben diese randständig. Im zwanzigsten Jahrhundert entstand mit Samjatins Wir die erste „klassische“ Dystopie, in der gezeigt wird, wohin die etatistische Utopietradition führen kann, wenn sie auf dem technisch-naturwissenschaftlichen Stand des 20. Jahrhunderts aufbaut. Kurzgeschichten von Philip K. Dick wie Kolonie, Autofab und Der Minderheiten-Bericht (verfilmt als Minority Report) sind Klassiker der Dystopie.

Bücher

Filme und Fernsehserien

Spiele

Musik

Siehe auch

Literatur

  • Krishan Kumar: Utopia and anti-utopia in modern times. Blackwell, Oxford 1991, ISBN 0-631-16714-5.
  • Thomas Nöske: Clockwork Orwell. Über die kulturelle Wirklichkeit negativ-utopischer Science Fiction. Unrast, Münster 1997, ISBN 3-928300-70-9.
  • Stephan Meyer: Die anti-utopische Tradition: eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. Lang, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-37492-5.
  • Ralph Pordzik: Utopie und Dystopie in den neuen englischen Literaturen. Winter, Heidelberg 2002, ISBN 3-8253-1312-3.
  • Hans Esselborn (Hrsg.): Utopie, Antiutopie und Science Fiction im deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts. Königshausen und Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2416-8.
  • Dunja Mohr: Worlds Apart? Dualism and Transgression in Contemporary Female Dystopias. McFarland, Jefferson 2005, ISBN 0-7864-2142-8.

Weblinks


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