Antiautoritäre Erziehung

Antiautoritäre Erziehung ist eine nichtrepressive, möglichst zwangfreie Form der Erziehung von Kindern. Sie sieht sich im Gegensatz zu einer "traditionellen und staatlichen repressiven Erziehung", unterscheidet sich aber auch grundsätzlich von Laissez-faire. Kinder sollen sich zu selbstbewussten, kreativen, gemeinschafts- und konfliktfähigen Persönlichkeiten entwickeln. Sowohl das Ziel als auch der Weg haben die heutige Erziehung nachhaltig geprägt. Antiautoritäre Erziehung richtet sich nicht gegen Autorität, sondern nur gegen die unnötige Unterdrückung der Selbstentfaltung des Kindes, also gegen autoritäre Personen und Systeme. (Informationen zum autoritären Erziehungsstil siehe unter Erziehungsstile.)

Inhaltsverzeichnis

Entstehen der antiautoritären Erziehung

Die Ideen wurden von Alexander Sutherland Neill und Wilhelm Reich bereits in den 1920er Jahren begründet [1]. Die Idee wurde in den 1960er Jahren während der Studentenbewegung erneut aufgegriffen und ist Bestandteil der modernen Pädagogik. In Folge der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) entstand in vielen Verbänden, kirchlichen Jugendorganisationen und anderen pädagogischen Kreisen die Diskussion um die bestehende, als autoritär empfundene Erziehung und die Entwicklung von Gegenmodellen.

Die „antiautoritäre Erziehungsbewegung“ lässt sich schwer eingrenzen, da sie von sehr unterschiedlichen Theoretikern und Praktikern beeinflusst wurde. So bestehen Einflüsse etwa von den in humanistischer Tradition stehenden Reformpädagogen Alexander Sutherland Neill (der sich allerdings immer gegen diesen Begriff in Verbindung mit seinem Ansatz heftig gewehrt hat), Hartmut von Hentig und Janusz Korczak, den Befreiungspädagogen wie Paulo Freire und Ivan Illich oder auch von linksalternativen, sozialistischen und / oder psychoanalytischen Theorien (z.B. Lutz von Werder und Otto Rühle). Die Zugehörigkeit zur „antiautoritären Erziehungsbewegung“ ist und war von der eigenen Definition der dort Aktiven sowie den Definitionen der Kritiker der Bewegung abhängig.

Der Unterschied zwischen diesen Positionen machte sich an der Klärung des Begriffs „anti-autoritär“ fest. Während ein Teil der Bewegung „anti-autoritär“ als Kampfbegriff gegen die (bürgerliche) Autorität verstand, wurde in anderen Diskussionskreisen eine Pädagogik entwickelt, die sich gegen autoritäre und ihrer Meinung nach in einer demokratischen Gesellschaft überholte Erziehungsstile wandte.

In der Öffentlichkeit entstand zum Teil das Bild einer chaotischen „Erziehung“ im Sinne: die Kinder können oder sollen nur das machen, was sie wollen. Ein Teil der Erzieher bzw. Pädagogen verfolgte auch eine sogenannte Laissez-faire-Pädagogik. [2] Andere Ansätze, vor allem in der Jugendarbeit, der Zeltlager- und der Abenteuer- und Erlebnispädagogik verfolgten Ansätze der Mitbestimmung und Selbstbestimmung.[3] Um zu einer begrifflichen Klarheit zu kommen, wurden in diesen Kreisen Begriffe wie „repressionsarm“, „nicht-autoritär“ und „emanzipatorisch“ geprägt.

Von der Öffentlichkeit wurden diese Unterschiede kaum wahrgenommen und zum Teil auch bewusst diffamiert, was teilweise auch eine Reaktion auf die Kritik Antiautoritärer an traditionellen Pädagogen war. Hinzu kam, dass innerhalb der gesamten anti-autoritären Bewegung auch die Sexualpädagogik enttabuisiert wurde.

Antiautoritäre Erziehung heute

Viele der damals entwickelten Methoden haben die heutige Erziehung nachhaltig geprägt. Der Begriff antiautoritäre Erziehung ist heute aber weitestgehend aus der öffentlichen Debatte verschwunden und vom Begriff emanzipatorische Erziehung vereinnahmt worden. Die Erziehung zu selbstbewussten, kreativen, gemeinschafts- und konfliktfähigen Persönlichkeiten ist heute fast selbstverständlich. Besonders ausgeprägt findet sich Emanzipatorische Erziehung in Mädchenarbeit, Projektunterricht, Erlebnispädagogik, freie bzw. alternative oder aktive Schule, Abenteuerspielplatz, Kinderladen, Freiraumpädagogik, Reformpädagogik, Kinderrepublik.

Das Bekenntnis zu den Werten der antiautoritären Erziehung ist zwar vielerorts zu finden, aber die tatsächliche praktische Durchsetzung wird je nach politischem Standpunkt verschieden bewertet. Kritiker bemängeln etwa die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems. Dies sei reaktionär, weil es sowohl strukturell als auch inhaltlich gegen eine individuelle Erziehung gerichtet sei. Als Argument hierfür werden die immer noch existenten Prüfungen, Zensuren und das Denken vom Reifezeugnis angesehen. Andere verweisen etwa auf das Buch Lob der Disziplin und sehen diese als richtige Methode, um zu den Zielen der antiautoritären Erziehung zu gelangen. Sie verweisen außerdem darauf, dass die Gesellschaft von Regeln und Unterordnung, etwa im Beruf, bestimmt sei und das Schulsystem ein angemessener Ort sei, um dies zu lernen. Nur durch das Beherrschen der Spielregeln der Gesellschaft sei demnach ein selbstbestimmtes Leben möglich.

Die Pädagogik ist zwar prinzipiell ebenfalls an dieser Achse aufgespalten, hat aber trotzdem mehrheitlich Ideen und Methoden der antiautoritären Erziehung aufgenommen, wie sie etwa in der Mädchenarbeit, dem Projektunterricht, der [Erlebnispädagogik und den Alternativschulen anzutreffen sind, die sich zum Teil explizit auf die antiautoritäre Erziehung beziehen.

Interessierte Gruppen, wie etwa "Linke SchülerInnenaktion" sprechen heute von einer „emanzipatorischen Erziehung“ beziehungsweise dem „emanzipatorischen Auftrag der Bildung“.

Siehe auch

Literatur

  • Alexander Sutherland Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998 ISBN 3499602091
  • Nickel, Ingo: Keine Erziehung. Nirgends. Zitatensammlung von Miller bis Schoenebeck, ISBN 3-93397822-X
  • Schroedter, Thomas: Antiautoritäre Pädagogik. Zur Geschichte und Wiederaneignung eines verfemten Begriffes, Schmetterling-Verl. 2007, ISBN 3-89657-598-8
  • Hassenstein, Bernhard: Die Verhaltensbiologie des Kindes, 6. Auflage, Münster : Monsenstein und Vannerdat, 2007, ISBN 978-3-938568-51-4
  • Baader, Meike Sophia (Hrsg.): »Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!« - Wie 1968 die Pädagogik bewegte. Weinheim und Basel: Beltz, 2008, 4. Auflage, ISBN 3-407-85872-8

Einzelnachweise

  1. Alexander Sutherland Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998 ISBN 3499602091
  2. vgl. dazu Kentler/Leithäuser/Lessing: „Jugend im Urlaub“ Band II, Weinheim, Basel, Berlin 1969, s. 470 ff.
  3. „Landesverband Südwürttemberg-Hohenzollern im Bund Deutscher Pfadfinder:“ Dokumentation Abenteuerlager '70: Beispiel repressioinsarmer Pädagogik

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