Antibiotikaassoziierte Kolitis
Klassifikation nach ICD-10
A04.7 Enterokolitis durch Clostridium difficile
- Pseudomembranöse Kolitis
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Eine antibiotikaassoziierte Kolitis oder pseudomembranöse Kolitis entsteht, wenn die Darmflora (meist iatrogen bedingt) durch Antibiotika so sehr geschädigt wird, dass sich auf diese Weise das Bakterium Clostridium difficile sehr stark vermehren kann. Die von den Clostridien ausgeschiedenen Toxine verursachen Fieber, Bauchschmerzen, Durchfall und Flüssigkeitsverlust.

Inhaltsverzeichnis

Vorkommen

Clostridium difficile ist ein grampositives, anaerobes Bakterium und kein Bestandteil der physiologischen Darmflora, allerdings bei Erwachsenen in 3 - 7 % und bei Säuglingen in über 50 % der Fälle dennoch nachweisbar, ohne dass diese erkrankt wären. Patienten im Krankenhaus scheiden mit einer Wahrscheinlichkeit von 40% Clostridium difficile aus.[1][2]

Jedes Antibiotikum kann auch noch bis zu vier Wochen nach dessen Absetzen eine antibiotikaassoziierte Kolitis auslösen, auch diejenigen, die in der Regel zu ihrer Behandlung eingesetzt werden.

Durch die von den Clostridien ausgeschiedenen Giftstoffe (große clostridiale Zytotoxine: Toxin A und Toxin B) kann eine Diarrhoe mit teilweise sehr schwerem Verlauf entstehen, die lebensbedrohlichen Flüssigkeitsverlust durch (blutige) Durchfälle beinhalten kann. Das Gift des Clostridium difficile zerstört dabei die Schleimhautschichten und es kommt zu „vulkanartigen“ Fibrinausschwitzungen, die in der Koloskopie als „Katzenköpfe“ beschrieben werden.

Symptome

Sonographisches Bild einer pseudomembranösen Kolitis mit deutlicher Wandverdickung.

Durchfall und Bauchkrämpfe sind die Leitsymptome der Erkrankung, können aber auch viele andere Ursachen haben. Nur rund 10- 20% aller Patienten mit Verdacht auf C. difficile sind auch im Labortest positiv. Dabei wurde sowohl von Patienten als auch von Ärzteseite der Stuhl in vielen Fällen als charakteristisch übelriechend beschrieben.[3]

Risikofaktoren

Da Clostridium difficile im sauren Milieu des Magens weitgehend zerstört wird, stellen Protonenpumpenhemmer einen Risikofaktor für eine antibiotika-assoziierte Diarrhö dar.[4] Darüber hinaus begünstigen verschiedene Antibiotika die Besiedlung mit Clostridien mehr als andere. Besonders hervorzuheben sind Clindamycin, Cephalosporine und Chinolone. Gegenüber letzterer Substanzgruppe hat sich ein 2002 erstbeschriebener, resistenter Stamm (NAD1) gebildet und sich stark ausgebreitet.[3]

Diagnose

Computertomographie einer Pseudomembranösen Kolitis. In diesem coronar rekonstruierten Bild im Colon descendens erkennbar.
Endoskopisches Bild einer Pseudomembranösen Kolitis im Enddarm - Typische sogenannte "Katzenköpfe"

Hinweisend auf eine durch C. difficile ausgelöste Kolitis sind Fieber und eine Leukozytose. Diese kann sehr hohe Werte (>30.000/mL) erreichen. Nach US-amerikanischen Leitlinien der SHEA wird die Erkrankung ab 15.000/mL, oder bei einer Schädigung der Nieren (Kreatininanstieg um das 1,5fache) als schwer bezeichnet. Dabei korreliert die Leukozytenzahl mit dem Sterberisiko.[3]

Im Ultraschall und in der Computertomographie kann man die langstreckige Darmwandverdickung des Dickdarmes erkennen. Endoskopisch sieht man im Dickdarm grünliche Fibrinbeläge, die teils fleckig, teils flächenhaft zu finden sind.

Die endgültige Diagnose erfolgt durch Tests des Stuhls auf Vorhandensein des Erregers oder seiner Toxine. Dazu steht eine Zahl von verschiedenen Test zur Verfügung. Als Goldstandard gilt der Zytotoxin-Assay. Dabei werden Fibroblasten mit Proben des Stuhl kontaminiert. In Anwesenheit von Clostridientoxinen sind charakteristische Veränderungen mikroskopisch sichtbar. Diese Veränderungen werden wiederum durch Antitoxin rückgängig gemacht um die Diagnose zu bestätigen. Der Test ist jedoch technisch aufwändig und braucht zwei bis drei Tage. Ebenso ist eine toxinbildende Kultur möglich. Dabei werden andere Bakterien durch Hitze oder Alkohole zerstört und die Zellkultur auf das Vorhandensein der Toxine überprüft. Der Test benötigt rund 3-5 Tage. Beide Tests sind sehr sensitiv und relativ spezifisch.[3]

Der gebräuchlichste Test ist jedoch ein Enzymimmunoassay gegen die Toxine selbst oder ein Enzym der Bakterien. Beide Test sind weniger sensitiv als die vorhergehenden Methoden. Jedoch sind sie technisch einfach, kostengünstig und binnen Stunden durchführbar. Der Test auf das Bakterienenzym zeigt dabei nur das Vorhandensein der Bakterien an, nicht ihre Toxinproduktion. Infolgedessen ist es sinnvoll beide Tests zu kombinieren. Ebenso schnell, jedoch teurer ist eine PCR, welche die DNA des Bakteriums nachweist.[3]

Therapie

Erste Maßnahme zur Therapie stellt, sofern möglich, das Absetzen des auslösenden Antibiotikums dar, daneben Unterstützung des Wasser- und Elektrolythaushalts. Als Standardmittel in der klinischen Praxis gilt Metronidazol. Generell wird Vancomycin als Reservemittel schwereren Verläufen vorbehalten.[1] Ein systematisches Cochrane-Review kam zu dem Schluss, dass Vancomycin und Teicoplanin die höchste Wirksamkeit zur symptomatischen Heilung des Patienten besitzen. Teicoplanin ist jedoch sehr teuer und wenig verfügbar. Teicoplanin biete eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass der Keim im Darm eines Patienten nicht mehr nachweisbar wird, und dadurch eine Möglichkeit Nosokomiale Infektionen in Gesundheitseinrichtungen zu begrenzen.[5]

Rund ein Fünftel der Patienten erleidet, in der Regel im Anschluss an die erfolgreiche medikamentöse Behandlung, einen Rückfall. Dieser wird in der Hälfte der Fälle durch Neubesiedlung mit Clostridium difficile, zur anderen Hälfte durch inkomplette Eliminierung des Keims verursacht. Bei einem ersten Rückfall wird eine nochmalige Therapie mit Metronidazol oder Vancomycin in gleicher Dosierung und Dauer angestrebt. Im Fall eines zweiten Rückfalls hat sich eine längere Einnahme über 7 Wochen in ausschleichender Dosierung bewährt. [2] Im Mai 2011 hat die Food and Drug Administration in den USA mit Fidaxomicin ein Makrolidantibiotikum zugelassen, das speziell für den Einsatz gegen Clostridium difficile entwickelt wurde. Breite klinische Evaluation des Wirkstoffs stehen noch aus.[6] Die europäische Arzneimittelbehörde erteilte im September 2011 die Zulassung für die Indikation der Clostridien-assoziierten Enteritis.[7]

In seltenen Fällen kann eine chirurgische Therapie notwendig sein. Dabei wird die totale Entfernung des Dickdarms gegenüber einer Teilentfernung als überlegen angesehen.[2]

Komplikationen

Als Folge tritt wie bei jeder schweren Durchfallerkrankung ein Flüssigkeitsmangel (Dehydratation) auf. Als weitere Komplikationen können ein toxisches Megakolon, eine Perforation des Kolon, eine Durchwanderungsperitonitis und ein septischer Schock auftreten.[1]

Diesen Krankheitsverlauf bezeichnet man als fulminante Kolitis. Rund vier Prozent der Patienten haben einen fulminanten Verlauf. Drei Faktoren konnten als unabhängige Vorhersagefaktoren für einen tödlichen Verlauf identifiziert werden : Alter über 70 Jahre, starke Vermehrung oder Verminderung der weißen Blutzellen sowie Versagen des Herz-Kreislaufsystems mit der Notwendigkeit medikamentöser Kreislaufunterstützung oder Intubation. [8] Ein 2002 erstmals bei einer Epidemie in Québec isolierter Stamm namens NAP1/027, der eine Toxinüberproduktion in-vitro zeigt, wurde mit schwerwiegenderen Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht.[9]

Forschungsgeschichte

Die erste Assoziation mit dem Antibiotikum Clindamycin und feingewebliche Beschreibung der Erkrankung erfolgte während den 70ern. Die Erkrankung wurde 1977 zuerst von einer Forschergruppe um John Bartlett auf Clostridium difficile zurückgeführt.[2]

Ökonomische Bedeutung

Fälle von antibiotikaassoziierter Colitis bedingen zahlreiche, kostenintensive Maßnahmen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Insbesondere eine epidemieartige Ausbreitung unter hospitalisierten Patienten kann erhebliche Betriebsstörungen bis zur Schließung ganzer Abteilungen nach sich ziehen. In der Mitte des letzten Jahrzehnts durchgeführte Schätzungen gehen von rund 3 Milliarden Euro Kosten pro Jahr in der Europäischen Union und 1,1 Milliarden US-Dollar in den USA aus.[2]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c Gerd Herold und Mitarbeiter : Innere Medizin, Köln, 2011, S. 842f
  2. a b c d e T. Schneider, T. Eckmanns, R Ignatius, K Weist, O Liesenfeld : Clostridium-difficile-assoziierte Diarrhö, Deutsches Ärzteblatt Jg. 104, Heft 22, 1. Juni 2007, S. 1588 - 1594
  3. a b c d e Bartlett JG : Clostridium difficile: progress and challenges., Ann N Y Acad Sci. 2010 Dec;1213:62-9, PMID 21175676
  4. Aseeri M, Schroeder T, Kramer J, Zackula R : Gastric acid suppression by proton pump inhibitors as a risk factor for clostridium difficile-associated diarrhea in hospitalized patients. Am J Gastroenterol. 2008 Sep;103(9):2308-13, PMID 18702653
  5. Nelson R : Antibiotic treatment for Clostridium difficile-associated diarrhea in adults., Cochrane Database Syst Rev. 2007 Jul 18;(3):CD004610. PMID 17636768
  6. Publikation der FDA, verfügbar als html, zuletzt abgerufen am 30. Mai 2011]
  7. Pressemitteilung der EMA vom 24. September 2011 online verfügbar als pdf; zuletzt abgerufen am 24. September 2011
  8. Sailhamer EA, Carson K, Chang Y, Zacharias N et al.: Fulminant Clostridium difficile colitis: patterns of care and predictors of mortality., Arch Surg. 2009 May;144(5):433-9; discussion 439-40. PMID 19451485
  9. Warny M, Pepin J, Fang A, Killgore G, Thompson A, et al. : Toxin production by an emerging strain of Clostridium difficile associated with outbreaks of severe disease in North America and Europe. Lancet. 2005 Sep 24-30;366(9491):1079-84. PMID 16182895

Weblinks

 Commons: Antibiotikaassoziierte Kolitis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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