Antike Kodizes
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Erste Seite aus Codex Argenteus

Kodex (lat. codex = Baumstamm) bezeichnet ursprünglich einen Stapel beschrifteter bzw. zur Beschriftung vorgesehener Holz- oder Wachstafeln, später den von zwei Holzbrettchen umschlossenen Block gefalteter oder gehefteter Papyrus- oder (meistens) Pergamentblätter.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibstoffe

Kodizes wurden aus verschiedenen Beschreibstoffen gefertigt. In der wissenschaftlichen Literatur haben sich hierfür folgende lateinische Bezeichnungen eingebürgert (häufig abgekürzt verwendet):

  • Codex papyraceus: Kodex aus Papyruslagen
  • Codex membranaceus: Kodex mit Seiten aus Pergament
  • Codex chartaceus: Kodex mit Papierseiten
  • Codex bombycinus: Kodex mit Seiten aus Seidenpapier

Geschichte

In der römischen Kaiserzeit war der Kodex neben der älteren Buchform der Rolle in Gebrauch, bevor er sich seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. als die führende Buchform der Spätantike durchsetzte, die sich bis in die Neuzeit nicht mehr wesentlich verändert hat. Mit der Ablösung der Rolle durch den Kodex wurde als Beschreibmaterial der Papyrus zunehmend durch das edlere und teurere, jedoch nicht von Importen abhängige Pergament ersetzt. Die bequemere Handhabung sowie das vereinfachte Nachschlagen von Parallelstellen im Rahmen der Bibelexegese waren Vorzüge des Kodex.

Holztafel-Kodices

Während sich im alten Ägypten Schreibtafeln aus der Zeit der Pharaonen erhalten haben und im Nahen Osten Tafeln gefunden wurden, die mindestens aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert stammen, sind im archaischen und klassischen Griechenland Schreibtafeln nur indirekt (bildlich, literarisch oder inschriftlich) bezeugt. Die ältesten erhaltenen Tafeln (griech.: pinakes) mit griechischer Beschriftung stammen aus hellenistischer Zeit. In Griechenland blieb die Verwendung im wesentlichen auf Dokumentenarchivierung und Alltagsnotizen beschränkt. Für die römische Welt bezeugen archäologische Funde seit der Kaiserzeit eine weite Verbreitung und vielseitige Verwendung einzelner wie zu Blöcken verbundener Holztäfelchen (lat. tabulae). Die Täfelchen waren zur Aufnahme der Beschriftung unterschiedlich präpariert. Die dealbatae besaßen eine geweißte Schreibfläche. In der leicht vertieften Oberfläche der ceratae wurde eine Wachsschicht aufgetragen, in welche die Schrift mit einem spitzen Metallstift, dem stilus, eingedrückt oder -geritzt werden konnte. Die vom Vesuv im Jahre 79 n. Chr. verschütteten Städte (z.B. Pompeji und Herculaneum) haben zahlreiche Funde originaler Wachstafeln erbracht. Die non-ceratae waren als besonders dünne Holztäfelchen zur Beschriftung mit Tinte geeignet, die mit dem calamus (Schreibrohr) oder einer Metallfeder aufgetragen wurde.

Die Holztäfelchen konnten (schon in der Ilias erwähnt; seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. bildlich belegt) mit einer Art Scharnier aus Schnur paarweise zu einem Diptychon verbunden werden; drei verbundene Täfelchen bildeten ein Triptychon, eine größere Anzahl ein Polyptychon. Ein Bodenfund aus Vindolanda (Britannien) bezeugt die Form eines aus gefalteten dünnen Holztäfelchen zusammengesetzten Leporello.

Bevor die Römer von den Griechen die Papyrusrolle übernahmen, war der Holztafelkodex die Buchform der frühen lateinischen Prosaliteratur (z.B. der Werke des älteren Cato). Er blieb in Griechenland wie in der römischen Welt neben der Schriftrolle immer in Gebrauch.

Pergament- und Papyrus-Kodices

Es waren vermutlich die seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert mit Pergament als Beschreibstoff vertrauten Römer, die die Holztäfelchen durch gefaltete Pergamentblätter ersetzten. In der Kaiserzeit, seit dem 1. und vor allem dem 2. nachchristlichen Jahrhundert, fanden Kodices aus Pergament immer häufiger Verwendung. Am Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. hat sich diese Buchform schließlich endgültig gegen die Rolle durchgesetzt. Der Papyruskodex ist dem Pergamentkodex nachgebildet und von seiner Entstehung her jünger. Besonders in Ägypten und in diesem benachbarten Gebieten, wo Papyrus produziert wurde, hat man das für Rollen typische Material auch für Kodices verwendet.

Form

Ein Kodex besteht in der Regel aus gefalteten Pergament- oder Papyrusblättern (von handelsüblichen Rollen geschnitten), die, in Lagen geschichtet, mit dem Falz an den Buchrücken gebunden oder zumindest mit dem - meist aus Holzdeckeln bestehenden - Einband fest verbunden sind. Frühe Codices aus Papyrus zeigen bisweilen auf gegenüberliegenden Seiten eine unterschiedliche Faserrichtung; bei späteren Exemplaren ist der Faserverlauf einheitlich. Der aufgeschlagene Pergamentkodex zeigt entweder zwei Haar- oder zwei Fleischseiten (sog. Gregory-Regel). Die Blätter des Kodex werden beidseitig beschrieben. Der Titel des Kodex findet sich zunächst, wie bei der Buchrolle, auf dem letzten Blatt; erst ab etwa dem 5. Jahrhundert n. Chr. setzt sich die Titelangabe am Anfang des Kodex durch.

Aufbau

Zwei Grundformen des Aufbaus können unterschieden werden: der einlagige Kodex und der mehrlagige Kodex.

1. Grundform: Der einlagige Kodex (das Schulheftprinzip)

Von der Frühzeit des Kodex bis in das 4. Jahrhundert finden sich häufig Exemplare, die aus einer einzigen Lage bestehen (und hierin unseren heutigen Schulheften entsprechen). Mehrere in der Mitte einmal gefaltete und wieder geöffnete Blätter werden übereinander gelegt und in der Falzlinie mit einem Faden vernäht. Dieser Aufbau ermöglicht nur einen verhältnismäßig geringen Umfang und bringt weitere Nachteile mit sich. Je mehr Bögen für den Kodex verwendet werden, desto größer wird die Spannung beim Schließen des Buches: dieses klafft auf, der Rücken kann einreißen und/oder der Heftfaden in die inneren Bögen einschneiden; letzteres kann durch Einlegen eines Pergament- oder Lederstreifens im inneren Falz verhindert werden. Bei der Verwendung gleichgroßer Bögen nimmt die Tiefe des einlagigen Blocks von außen nach innen zu, was sich durch entsprechenden Zuschnitt der Buchkante beheben oder durch die Verwendung unterschiedlich großer Bögen vermeiden lässt. Der einlagige Aufbau scheint bislang nur bei Papyruskodices bekannt zu sein. Ein Beispiel bietet der berühmte Kodex Bodmer (um 300 n. Chr.), der unter anderem den vollständigen Text der Menanderkomödie „Dyskolos“ enthält.

2. Grundform: der mehrlagige Kodex

Die zweite Form des Aufbaus vermeidet die oben beschriebenen Schwierigkeiten, indem sie mit mehreren Lagen von geringerer Bogenzahl arbeitet. Die Lagen werden einzeln geheftet, aufeinandergelegt und miteinander vernäht. Die meisten mehrlagigen antiken Kodices verwenden Einzellagen von vier Bögen (Quateriones). Es kommen aber auch ein- (Uniones), drei- (Terniones), fünf- (Quiniones) und sogar neunbögige (Noniones) Lagen vor. Die Bogenzahl der Lagen kann innerhalb ein und desselben Kodex auch schwanken. Mit der Ausbildung des mehrlagigen Kodex war im 4. Jahrhundert n. Chr. die Entwicklung der heute gebräuchlichen Form des Buches abgeschlossen.

Format und Umfang

Es sind Kodices von 6 bis 40 cm Höhe erhalten. Die frühesten Exemplare aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. besitzen ein hochrechteckiges Format und einen Umfang von weniger als 300 Seiten. Seit dem 4. Jahrhundert kann eine Tendenz zu größeren quadratischen Formaten beobachtet werden; der Umfang kann in einzelnen Fällen 1600 Seiten überschreiten. Das kleinste bekannte Pergament-Miniformat, der Manikodex (datierbar ins 4.-6. Jahrhundert) der Kölner Universitätssammlung, hat bei 192 Seiten Umfang lediglich eine Höhe von 45mm und eine Breite von 38mm.

Der Einband

Zu den Vorzügen des Kodex gegenüber der Rolle gehört sein fester Einband. Dreizehn außergewöhnlich gut erhaltene Einbände einlagiger Papyruskodices aus dem 4. Jahrhundert sind bei Nag Hammadi in Ägypten gefunden worden. Die Einbände bestehen aus mit eingeklebter Papyruskartonnage versteiftem Ziegen- oder Schafsleder, wobei die Haarseite die Außenseite des Einbandes bildet. Überstehende Lederlaschen mit Riemchen dienen dazu, das geschlossene Buch allseitig fest zu umschließen. Eine einfachere Form des antiken Einbandes besteht aus zwei rechteckigen Holzplatten, die durch einen aufgeklebten Lederstreifen, der den Buchrücken bildet, verbunden werden. Der Buchblock wird durch Fadenheftung im Deckel befestigt. Ein Beispiel dieser Form liefert der aus dem 3. Jahrhundert stammende Einbanddeckel eines (nicht mehr existierenden) koptischen Buches der Chester Beatty Library in Dublin; in diesem Fall ist der Holzdeckel mit Elfenbeineinlagen verziert.

Das Beschreiben

Der Kodex wurde in der Regel v o r dem Binden beschrieben. Deshalb musste der Schreiber zunächst den Umfang des Buches kalkulieren, um die Menge des benötigten Beschreibstoffes abschätzen und die Lagen passend anordnen zu können. Zur Orientierung im ungebundenen Buch diente dem Schreiber eine vor dem Schreiben ausgeführte Paginierung. In den meisten erhaltenen Kodices befindet sich die Paginierung in der Mitte des oberen Randes; manchmal sind zusätzlich einzelne Lagen nummeriert. Auch nachträglich angebrachte Paginierungen kommen vor; sie dienten bereits als Lesehilfe für den Benutzer. Vor dem Beschreiben wurden mit einem spitzen Griffel gleichmäßige Linien in die Pergamentseiten des Kodex geritzt. Um im gesamten Kodex einen einheitlichen Schriftspiegel zu erzielen, wurden vor der Linierung alle Lagen übereinandergelegt und an den vier Ecken des Schriftspiegels durchstochen. In den meisten Kodices trägt jede Seite nur ein Schriftfeld, aber es sind auch Exemplare mit zwei Kolumnen je Seite erhalten. Die Kolumnengliederung scheint aus der Tradition der Papyrusrolle übernommen zu sein, wo kurze Zeilen als Qualitätsmerkmal galten; hiermit hängt es zusammen, dass die zweispaltig beschriebenen Kodices kalligraphische Tendenzen erkennen lassen.

Die Verdrängung der Rolle durch den Kodex

Den Schritt über die Verwendung als Notizbuch hinaus hat der Kodex noch im 1. Jahrhundert n. Chr. getan. Der Dichter Martial (ca. 40-102 n. Chr.), der sich in verschiedenen seiner Epigramme immer wieder werbend für die neue, dem Lesepublikum noch nicht vertraute Buchform einsetzt, gibt erste Hinweise auf literarische Werke der meistgelesenen griechischen und römischen Autoren in Kodexform: Homer, Vergil, Ovid, Cicero und Livius. Das älteste Originalfragment eines lateinischen Pergamentkodex (genannt „De bellis Macedonicis“) wurde im ägyptischen Oxyrhynchos gefunden. Der Kodex, der den Krieg zwischen Römern und Makedonen zum Thema hat, wird in das Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert (heute in der British Library in London). Bei allen praktischen Vorzügen, die die neue Buchform des Kodex gegenüber der Buchrolle bot, dauerte es bis ins 4. Jahrhundert n. Chr., bis der Kodex diese endgültig verdrängte. So pflegten wohl zumindest die elitären Gesellschaftsschichten noch lange eine Vorliebe für die traditionelle Rollenform. Ein soziologischer Grund für die allmähliche Verdrängung der Buchrolle durch den Kodex wird darin gesehen, dass die Christen (ca. seit dem 2. Jahrhundert) diesen als eine Buchform aufgriffen, mit der sie sich auch formal von den alten heidnischen Schriften abgrenzen konnten. Eine andere Gruppe von Autoren, die die Kodexform - allerdings nicht aus ideologischen, sondern aus praktischen Erwägungen - sehr bald annahm, waren die Juristen.

Es gab aber auch praktische Gründe für die Bevorzugung des Kodex. Dieser bot - verglichen mit der Rolle - ein wesentlich größeres Fassungsvermögen. Pergament musste nicht aus Ägypten importiert werden, und die regelmäßige beidseitige Beschriftung ermöglichte Platzersparnis. Zudem ließ sich der Codex besser aufbewahren. Hinzu kam seine leichtere Handhabbarkeit beim Lesen und Nachschlagen. Anders als die Rolle, die vom Leser mit beiden Händen gehalten werden musste, erforderte der Griff zum Kodex nur eine Hand und ließ die andere zum Blättern oder Schreiben frei. Das erleichterte Auffinden von Textstellen veränderte die Lesegewohnheiten. Ältere klassische und juristische Literatur, die noch auf Rollen geschrieben war, wurde systematisch in Kodexform übertragen oder waren aus der Überlieferung ausgeschieden. Seit dem Ende des 4. Jahrhunderts wurden neu verfasste Werke sogleich in Kodices geschrieben.

Im Zuge der oben beschriebenen Entwicklung entstand auch eine Reihe von Strukturelementen, die der Gliederung der größer gewordenen zusammenhängenden Textmengen dienten. Mit incipit und explicit wurden nicht nur Anfang und Ende des Gesamtwerks markiert, sondern auch Anfang und Ende seiner einzelnen Bücher. Es entwickelten sich verschiedene Schriftarten sowie Schmuck- und Gliederungselemente in Gestalt z.B. von Zierleisten und verzierten Initialen. Kodexseiten mit breiten Rändern eigneten sich bestens für das Anbringen von Anmerkungen, Kommentaren und Verweisen durch den Benutzer; in den Zeiten der Buchrolle mussten zu diesem Zweck Ergänzungsrollen angelegt werden.

Literatur

  • Severin Corsten, Günther Pflug und Friedrich Adolf Schmidt-Künsemüller (Hrsg.): Lexikon des gesamten Buchwesens. Bd. 2. Hiersemann, Stuttgart 1989, ISBN 3-7772-8911-6
  • Horst Blanck: Das Buch in der Antike. Beck, München 1992, ISBN 3-406-36686-4
  • Hubert Cancik und Helmuth Schneider (Hrsg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 3. Metzler, Stuttgart u. Weimar 1997, ISBN 3-476-01473-8
  • Otto Mazal: Griechisch-römische Antike. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1999, ISBN 3-201-01716-7 (Geschichte der Buchkultur; Bd. 1)
  • Helmut Hiller und Stephan Füssel: Wörterbuch des Buches. Sechste, grundlegend überarbeitete Auflage. Klostermann, Frankfurt a. M. 2002, ISBN 3-465-03220-9
  • David Diringer, The Book Before Printing: Ancient, Medieval and Oriental, Courier Dover Publications, New York 1982, ISBN:0486242439.
  • C.H. Roberts — T.C. Skeat, The Birth of the Codex, Oxford University Press, New York — Cambridge 1983.
  • L.W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Cambridge 2006.

Siehe auch


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