Antikisierender Roman

Der Antikenroman (französisch: Roman d'antiquité) oder auch antikisierender Roman ist eine epische Gattung der hochmittelalterlichen Literatur, der historische Erzählstoffe der Antike zugrundeliegen.

Inhaltsverzeichnis

Der Antikenroman in der französischen Literatur

Die Gattung des Antikenromans entstand in der französischen Literatur um 1120 und florierte von ca. 1160 bis ca. 1180. Sie nimmt eine Übergangstellung ein zwischen der älteren Gattung Chanson de geste (Heldentatenlieder) und der wenig jüngeren Gattung höfischer Roman.

Anders als die meist aus Strophen ungleicher Verszahl bestehenden Chansons de geste, die für den Sing-Sang-Vortrag durch Spielleute gedacht waren, sind die Antikenromane typischerweise in fortlaufenden Reimpaaren (i. d. R. achtsilbige Verse) verfasst; sie waren also zum Vorlesen bestimmt, z.B. durch den Autor selbst.

Ihre Stoffe und handelnden Figuren beziehen sie – daher der Name Antikenromane – aus der antiken lateinischen Literatur. Hierbei bearbeiten sie die jeweilige Vorlage in ziemlich freier Weise, d.h. sie modifizieren nicht nur die Form gemäß den zeitgenössischen literarischen Techniken, sondern sie passen auch ganz unbefangen die Inhalte der veränderten Mentalität ihres Publikums an. Die Erzeugung eines antikisierenden Kolorits wird nicht angestrebt.

Das Publikum bestand überwiegend aus dem Militär- und Verwaltungsadel, aber auch den Damen an den zeitgenössischen Fürstenhöfen, also den Höfen des französischen und des (damals frankophonen) englischen Königs, aber auch ihrer reichen und mächtigen Herzöge und Grafen.

Die wichtigsten Antikenromane sind:

Le Roman de Thèbes / Thebenroman (gegen 1160)

Er ist zwar nicht das erste Beispiel der Gattung, hat sie aber maßgeblich beeinflusst. Er ist verfasst von einem unbekannten Autor, der die Thebais des antiken lateinischen Autors Statius als Vorlage nimmt, ein Epos um das tragische Schicksal von Ödipus und seiner Familie, insbes. der sich bekriegenden Zwillingssöhne Eteokles und Polyneikes. Das gut 10.000 paarweise reimende Achtsilbler umfassende Werk zeigt noch viele Stilmittel der zeitgenössischen Chansons de geste, nimmt aber auch schon solche des höfischen Romans vorweg. Anders als die nach ihm entstandenen Romane der Gattung gibt es dem Thema Liebe noch relativ geringen Raum.

Le Roman d'Énéas / Aeneasroman (um oder eher kurz nach 1160)

Sein ebenfalls anonymer Verfasser folgt überwiegend Vergils Rom-Gründungsepos Aeneis (um 20 v. Chr.), benutzt aber auch zusätzliche Quellen, z.B. Werke Ovids, für seine gut 10.000 paarweise reimenden Achtsilbler. Wie der Thebenroman enthält auch der Äneasroman viele Schilderungen von Kämpfen, räumt der Liebe aber einen hohen Stellenwert ein. Sicherlich war es die einfühlsame Darstellung der den Protagonisten liebenden Frauen Dido und Lavinia, die um 1170 den Minnesänger Heinrich von Veldeke veranlasste, das Werk in mittelhochdeutsche Verse umzuschreiben.

Le Roman de Troie / Trojaroman (ca. 1165)

Er ist das Werk eines als Person nicht näher bekannten Benoît de Sainte-Maure, von dem auch eine unvollendete Reimchronik zur Geschichte der Normannen-Herzöge und englischen Könige erhalten ist.

Das in mehr als 50 Handschriften überlieferte Werk von gut 30.300 (!) paarweise reimenden Achtsilblern ist der erfolgreichste und bedeutsamste der Antikenromane. Es wurde verfasst für den englischen Hof von Henry II. Plantagenet und seiner Gattin Aliénor von Aquitanien, der ein beachtliches (französischsprachiges!) intellektuelles Zentrum war.

Als stoffliche Vorlage des Werkes, das die Eroberung Trojas durch die Griechen darstellt, diente nicht das damals in Westeuropa nur vom Hörensagen bekannte Epos Homers, die Ilias, sondern zwei angeblich von Augenzeugen verfasste, tatsächlich aber apokryphe spätantike lateinische Darstellungen des Krieges. Von ihnen übernimmt Benoît jedoch nur den groben Rahmen, den er fantasievoll und geschickt mit Liebesgeschichten, ritterlichen Kampfszenen, Beschreibungen aller Art und gelehrten Exkursen ausstaffiert.

Der Roman de Troie wurde nach 1200 offenbar für ein eher städtisch-bürgerliches Publikum in eine stark raffende, weitgehend auf die bloße Handlung reduzierte Prosaversion umgeschrieben, die ihrerseits um 1215 eingefügt wurde in ein jahrhundertelang gelesenes und abgeschriebenes und hierbei immer wieder überarbeitetes Kompendium der Alten Geschichte, die sog. Histoire ancienne jusqu'à César.

Verbreitung in ganz Europa fand der Troja-Stoff à la Bénoît in einer mittellateinischen Prosabearbeitung: der 1272 begonnenen und 1287 abgeschlossenen Historia destructionis Troiae des Sizilianers Guido delle Colonne, die vielleicht einer der größten Bucherfolge des gesamten europäischen Mittelalters war. Etwa gleichzeitig entstanden auch die mittelhochdeutschen Versionen Herborts von Fritzlar und Konrads von Würzburg (um 1280).

Im Frankreich des 13. bis 16. Jahrhundert war Troja übrigens auch aus ideologischen Gründen bedeutsam, denn die französischen Könige leiteten damals ihre Abstammung von einem legendären Francus her, der sich bei der Eroberung Trojas durch die Griechen zusammen mit dem späteren Rom-Gründer Aeneas auf ein Schiff gerettet und seinerseits das erste Frankenreich (Francia) gegründet habe.

Le Roman d'Alexandre / Alexanderroman (ca. 1120 bis ca. 1180)

Seine verschiedenen und formal sehr verschiedenartigen Versionen schildern im Anschluss an mehrere spätantike lateinische Vorlagen, vor allem die romanartige Alexander-Vita des Julius Valerius (ca. 320 n.Chr.), die Heldentaten des Eroberers Alexanders des Großen, wobei viele sagen- und märchenartige Elemente eingearbeitet sind. Die erste, nur als Fragment von 105 Achtsilblern überlieferte Version entstand in frankoprovenzalischem Dialekt wohl schon um 1120 und ist laut dem Pfaffen Lamprecht, der sie um 1150/60 für seine mittelhochdeutsche Version benutzt hat, einem Alberich von Pisançon zuzuschreiben. Eine zweite, ebenfalls nur fragmentarisch erhaltene Fassung (knapp 800 Zehnsilbler), wurde wohl kurz nach der Mitte des 12. Jh. verfasst. Die am weitesten verbreitete und mit rd. 16.000 Versen längste Fassung stammt überwiegend von Alexandre de Bernay bzw. de Paris und wurde offenbar um 1180 abgeschlossen. Sie ist das erste größere Werk, das den paarweise reimenden Zwölfsilbler als Versmaß benutzt, den deshalb in Frankreich so genannten „vers alexandrin“ (Alexandriner).

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