Antiphon (Sophist)

Antiphon aus Athen (der Sophist, altgriechisch Ἀντιφῶν Antiphōn) war ein griechischer Philosoph und Sophist des 5. Jahrhunderts v. Chr., der mit einem Dichter, Tragiker und Traumdeuter identifiziert wird. Umstritten ist seine Identität mit dem Redner Antiphon (* 480 v. Chr.; † 411 v. Chr.).

Inhaltsverzeichnis

Identität und Werke

Nachdem der Grammatiker Didymos von Alexandria aus stilistischen Gründen zwischen dem Logographen Antiphon und einem „anderen Antiphon“ unterschied (Hermogenes De ideis II 7), ist neben Antiphon dem Redner von Antiphon dem Sophisten die Rede. Über diesen ist biographisch außer seiner Herkunft aus Athen nichts bekannt; zur Biographie des Redners siehe dort.

Der Sophist Antiphon verfasste u. a. zwei Schriften Über den Gemeinsinn und Über die Wahrheit. Aus beiden waren nur kümmerliche Zitate etwa bei Johannes Stobaios überliefert, bis im 20. Jh. im ägyptischen Oxyrhynchos Papyros-Fragmente mit längeren Abschnitten aus Antiphons Schrift Über die Wahrheit gefunden wurden. Da diese für eine Gleichheit aller Menschen (bzw. genauer gesagt Männer) eintreten und sich gegen die Unterscheidung von 'Griechen' und 'Barbaren' aussprechen, kann dies als Argument gegen die Identität mit dem als Oligarchen bekannten Redner Antiphon betrachtet werden. Ebenso ist das Eintreten der Fragmente für die 'Natur' gegen das 'Gesetz' eher zeitatypisch.

Freilich ist bei einem virtuosen Sophisten des 5. Jh. mit einer großen Bandbreite von Ansichten und Äußerungen zu rechnen: es ist gerade bezeichnend für einen Redner seiner Zeit, je nach Zielpublikum verschiedene Ansichten und Denkrichtungen zu vertreten. Auch die von Didymos bemerkten stilistischen Unterschiede lassen sich so erklären. So zeichnet sich heute, v. a. durch die jüngsten Beiträge Cassins und Gagarins, ein Konsens zu Gunsten der Identität von Sophist und Redner Antiphon ab.

Mit beiden kann überdies ein Dichter, Tragiker und Traumdeuter identifiziert werden, der eine Kunst, kummerfrei zu leben verfasste und von dem Cicero Hinweise auf eine Schrift Über Traumdeutung überliefert (Cicero, De divinatione I 20, 39 und II 70, 144 f.). Schließlich sind unter Antiphons Namen auch Überlegungen zur Mathematik überliefert (Frg. B 13 Diels).

Zitate

  • Die von vornehmen Väter abstammen, achten und verehren wir, die dagegen nicht aus vornehmen Hause sind, achten und verehren wir nicht. Hierbei verhalten wir uns zueinander wie Barbaren, denn von Natur sind wir alle in allen Beziehungen gleich geschaffen, Barbaren wie Hellenen. (B 44 Diels)
  • Doch wie einen Zug im Brettspiel das Leben zu wiederholen das gibt es nicht. (B 52 Diels)
  • Es gibt Leute, die nicht ihr gegenwärtiges Leben leben, sondern mit großem Eifer Vorbereitungen treffen, als sollten sie bald irgendein anderes Leben leben, nicht das gegenwärtige; und unterdessen eilt die Zeit ungenutzt davon. (B 53a Diels)
  • Zum Wichtigsten im menschlichen Zusammenleben gehört meiner Meinung nach die Erziehung. Wenn man nämlich bei irgendeiner Sache den Anfang recht macht, geht in der Regel auch das Ende recht vonstatten ... (B 60 Diels)
  • " Und darein, woraus die Dinge entstehen, vergehen sie auch wieder, wie es bestimmt ist"
  • Man wird in seinen Sitten notwendig dem ähnlich, mit dem man die meiste Zeit des Tages zusammen ist. (B 62 Diels)

Ausgaben und Übersetzungen

  • Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker, 5. Auflage, Berlin 1957 (klassische Fragmentsammlung)
  • Antiphon the Sophist: The Fragments. Edited with introduction, translation, and commentary by Gerard J. Pendrick. Cambridge University Press 2002 (griechischer Text und englische Übersetzung der Fragmente mit ausführlichem Kommentar)
  • Antiphon. Discours suivis des fragments d’Antiphon le Sophiste. Texte etabli et traduit par Louis Gernet. Les Belles Lettres, Paris 1954 (französisch-griechische Ausgabe mit Kommentar)
  • Thomas Schirren, Thomas Zinsmaier (Hrsg.): Die Sophisten. Ausgewählte Texte. Griechisch/Deutsch. Reclam, Stuttgart 2003, S. 120–215 (Übersetzung der größeren Fragmente)

Literatur

  • Thomas Paulsen: Antiphon der Sophist. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-57673-7, S. 435–436
  • Michael Gagarin: Antiphon the Athenian. 2003 (wichtigste Monographie über den 'doppelten' Antiphon)
  • Ettore Bignone: Antifonte oratore e Antifonte sofista, 2. Auflage, 1974 (Zusammenfassung der älteren Diskussion)
  • Thomas Zinsmaier: Wahrheit, Gerechtigkeit und Rhetorik in den Reden Antiphons. In: Hermes 126, 1998, S. 398–422 (erläutert den geistesgeschichtlichen Zusammenhang der Fragmente)

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