Antiselektion

Adverse Selektion, auch engl. Adverse Selection, dt. negative Risikoauslese, Negativauslese oder Gegenauslese, im Bereich der Lebensversicherungen auch Antiselektion, bezeichnet in der Neuen Institutionenökonomie einen Zustand, in dem es auf einem Markt systematisch zu unerwünschten Ergebnissen kommt.

Das erste grundlegende Modell hierzu wurde 1970 von George A. Akerlof entwickelt, der am Beispiel des Gebrauchtwagenmarkts gezeigt hat, wie es zur Verdrängung der erwünschten Anbieter kommt (sog. Saure-Gurken-Problem, engl. Lemons problem). Akerlof wurde 2001 gemeinsam mit Michael Spence und Joseph E. Stiglitz mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für die Erforschung des Begriffes ausgezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Informationsasymmetrie

In der mikroökonomischen Vertragstheorie wird bei Verträgen mit unvollständiger Information nach dem Vorliegen der Informationstheorie vor oder nach Vertragsabschluss unterschieden. Das einseitige Vorliegen von privaten Informationen wird auch als Informationsasymmetrie zwischen den Vertragspartnern bezeichnet. Das Problem der Adversen Selektion stellt sich zum Zeitpunkt vor dem Vertragsabschluss und die für den Käufer negativen Folgen können nur durch Reputation, Signalling und Screening des Verkäufers gemildert werden.[1]

Am Beispiel des Gebrauchtwagenmarktes besteht diese Asymmetrie darin, dass der Verkäufer des Wagens die Qualität kennt, der Käufer sie nicht (oder zumindest nicht kostenlos) beurteilen kann, in dem Lemons-Beispiel bedeutet dies folgendes:

Das Lemons-Problem von Akerlof

Hauptartikel: Saure-Gurken-Problem

Auf einem Markt für Gebrauchtwagen werden sowohl gute ("Plums") als auch schlechte Autos ("Lemons") angeboten. Die Information über die Qualität der Fahrzeuge ist allerdings asymmetrisch verteilt. Nur der Verkäufer kann gute Autos von "Lemons" unterscheiden. Da der Käufer also keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Modellen feststellen kann, wird er einen Erwartungswert für die Qualität bilden, der zwischen guter und schlechter Qualität liegt. Er ist nur bereit, einen Preis zu bezahlen, der zwischen dem für gute und dem für schlechte Qualität liegt (wir gehen vom Mittelwert aus). Die Käufer sind damit nur einen niedrigeren Preis zu zahlen bereit, als sie für einen guten Wagen zahlen würden. Ihr Reservationspreis sinkt.

Allerdings haben Anbieter guter Autos (also von Autos, deren Qualität bzw. Preis über dem Mittelwert liegt) unter diesen Voraussetzungen wenig Anreiz, ihre Fahrzeuge zu verkaufen. Für Verkäufer von "Lemons" ist der Verkauf jedoch attraktiv, da die Qualität bzw. der Preis der von ihnen angebotenen Autos unterhalb des Mittelwertes des Käufers liegt. Damit werden systematisch die Anbieter guter Gebrauchtwagen aus dem Markt gedrängt, so dass am Ende nur noch schlechte Gebrauchtwagen angeboten werden.[2]

Dieses Prinzip ist auf eine Reihe weiterer Beispiele anwendbar, so z. B. auf dem Versicherungsmarkt, dem Kreditmarkt oder dem Arbeitsmarkt.

Lösungsmöglichkeiten

Um zu verhindern, dass es aufgrund dieser Informationsasymmetrie zu einem suboptimalen Handelsvolumen kommt, stehen verschiedene Maßnahmen zur Verfügung:

  • Signaling: Hierbei versuchen die informierten Marktteilnehmer (im Lemons-Beispiel: Die Gebrauchtwagenverkäufer), die Informationsasymmetrie abzubauen. Hier haben die Anbieter guter Wagen ein Interesse, sich glaubhaft von den Anbietern schlechter Wagen abzugrenzen. Dabei nehmen sie Kosten auf sich, ein Signal zu produzieren, zum Beispiel ein DEKRA/TÜV-Gebrauchtwagensiegel etc. Dabei müssen die Vorteile der Signalproduktion höher sein als die Kosten dafür.
  • Screening: Hierbei nimmt die uninformierte Marktseite (also hier die Käufer) Kosten auf sich, um die Informationsasymmetrie abzubauen. Beispiele wären hier: einen Kfz-Mechaniker zum Kauf mitzunehmen, eine umfangreiche Probefahrt, das "Durchchecken" in einer Werkstatt.
  • Self-Selection: Hierbei werden geeignete Vertragsmenüs angeboten, so dass jeweils die guten Anbieter und die schlechten Anbieter unterschiedliche Verträge wählen. Beispielsweise könnten die guten Anbieter kostengünstig eine Gewährleistung anbieten, während dies den schlechten Anbietern zu teuer würde, so dass jeder Verkäufer, der bereit wäre, eine Gewährleistung anzubieten automatisch ein guter Anbieter wäre.

Allerdings kommt es bei diesen "Lösungsmöglichkeiten" immer zu Kosten, so dass das erreichte Ergebnis nicht dem allgemeinen Marktgleichgewicht entspricht und somit wohlfahrtssuboptimal ist.

(siehe auch die allgemeine Beschreibung bei: Informationsasymmetrie.)

Des Weiteren kann durch den Einsatz von Intermediären (Handelsmittler) die Informationsasymmetrie zwischen Anbietern und Nachfragern reduziert werden. Unter Nutzung von Skaleneffekten übernimmt der Intermediär dabei die Kosten des Signaling und Screening. Beispielsweise kann der Intermediär die Kosten für die Informationsbeschaffung auf eine sehr große Anzahl von Nachfragern verteilen. Da die Nachfrager durch die Nutzung der Intermediationsleistung erhebliche Kosteneinsparungen erzielen können, sind sie bereit, den Intermediär mit einer Provision zu entlohnen.

Weitere Beispiele

Versicherungsmärkte

Im Versicherungsmarkt besteht eine Informationsasymmetrie zwischen Versicherung und Versicherten. Die Versicherer bedienen sich dabei der verfügbaren Mittel, um diese Informationsasymmetrie zu begrenzen. Beispielsweise sehen Versicherungsverträge detaillierte Auskunftspflichten vor, es werden verschiedene Vertragsmenüs (Selbstbeteiligungen etc.) angeboten usw.

Beispiel:

Hinweis: Im Folgenden wird zunächst von risikoneutralen Prinzipalen und Agenten ausgegangen. Das ist unüblich, ist aber einfacher zu zeigen und ändert nichts an den grundsätzlichen Aussagen des Modells.
Ein Versicherer V möchte eine Krankenversicherung anbieten. Als Kunden kommen zwei (gleichgroße) Menschentypen A und B in Frage. Während die Gruppe A sehr gesundheitsbewusst lebt und im Erwartungswert mit 50 Euro Gesundheitskosten pro Jahr rechnet, sind die Menschen der Gruppe B starke Raucher und übergewichtig. Diese Gruppe rechnet pro Jahr mit 150 Euro Gesundheitskosten.
Wenn der Versicherer a priori nicht zwischen den beiden Gruppen unterscheiden kann, würde er den Erwartungswert (zuzüglich eines hier vernachlässigten Gewinnaufschlags) bilden und die Versicherung zu diesem Preis (hier 100 Euro) anbieten. Für 100 Euro sind jedoch die Gesundheitsbewussten nicht bereit, eine Krankenversicherung abzuschließen. Sie "versichern" sich daher selbst und tragen evtl. anfallenden Kosten selber. Da somit nur Menschen der Gruppe B die Versicherung abschließen, ist dieser Tarif nicht mehr finanzierbar, der Versicherer muss den Preis auf mindestens 150 Euro erhöhen.
Diese Situation ist für die Menschen der Gruppe A jedoch ungünstig. Selbst wenn sie gerne eine Versicherung abschließen würden, können sie dies nicht (oder nur zu sehr hohen Kosten). Auch der Versicherer hätte ja ein Interesse, den Menschen der Gruppe A einen Vertrag anzubieten. Aus diesem Grund gibt es bei privaten Krankenversicherungen sehr viele verschiedene Tarife, zum Beispiel mit unterschiedlichen Selbstbeteiligungen u.ä.

Steuerwettbewerb

Wenn mehrere Staaten mit unterschiedlichen Steuersystemen im Wettbewerb miteinander stehen, kann es ebenfalls zu adverse-selection-Effekten kommen.

Beispiel:

Staat A hat ein Kopfsteuersystem, in dem jeder Bürger pauschal 100 Euro Steuern zahlen muss. Staat B hat eine progressive Einkommensteuer, wo die Ärmsten nichts zahlen müssen, die Reichsten aber 200 Euro. Bevor die Grenzen zwischen den Staaten geöffnet sind, seien beide Haushalte im Gleichgewicht.
Durch politische Ereignisse kommt es zu einer Grenzöffnung zwischen den Staaten, so dass sich die Bürger beider Staaten ihren Wohnort frei suchen dürfen. Dabei werden tendenziell alle Bürger, die unter dem Steuerregime des Staats B mehr als 100 Euro Steuern zahlen, in den Staat A ziehen und alle Bürger, die in Staat A bisher 100 Euro gezahlt haben und in Staat B weniger zahlen müssten, werden in Staat B ziehen. Dies führt dazu, dass Staat B sein Steuersystem nicht aufrechterhalten kann, weil alle, die bisher mehr als 100 Euro gezahlt haben, ausgewandert sind und er nicht mehr ausreichend Einnahmen erzielt.[3]

Sozialstaaten

Ähnliche Argumente gelten für die Finanzierung von sozialen Sicherungsmaßnahmen:

Diese Maßnahmen werden durch den überdurchschnittlich einzahlenden Teil der jeweiligen Bevölkerung getragen, der selbst diese Leistungen aktuell nicht nutzt und evtl. kein unmittelbares Interesse an den bereitgestellten Leistungen hat. Sind mehrere Staaten miteinander im Wettbewerb, so kann es zwischen diesen Staaten zu einem Unterbietungswettlauf kommen:

  • Ein hohes Niveau an sozialen Leistungen lockt die Bezieher dieser Leistungen an,
  • Die Kosten für dieses Niveau müssen von den Bereitstellern (= Nettozahlern) dieser Leistungen getragen werden. Diese Kosten wirken auf diese Gruppe aber abschreckend.

Damit lockt ein Staat laut der Theorie systematisch die Bezieher von Sozialleistungen an, verdrängt aber den Teil der Bevölkerung, der diese Leistungen bezahlen könnte. Die Theorie berücksichtigt nicht, dass die Höhe der Sozialleistungen möglicherweise nur ein Aspekt unter vielen ist und nicht allein entscheidet, ob jemand das Land wechselt.

Der Ökonom Hans-Werner Sinn bezeichnet diesen Prozess als "selection principle". Wenn Staaten miteinander im Systemwettbewerb stehen, seien sie auf lange Sicht nicht in der Lage, umverteilende Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Häufig wird der Staat New York dabei als Beispiel genannt: New York musste eingeführte hohe Sozialleistungen nach systematischer Einwanderung von Armen aus anderen Bundesstaaten der USA wieder abschaffen, um dem Bankrott zu entgehen (s. Literaturangaben). Mit diesem durch Wanderungsbewegungen ausgelösten Druck wird auch erklärt, warum es in dem in dieser Hinsicht föderaler aufgebauten Amerika kein mit Deutschland oder anderen europäischen Staaten vergleichbares soziales Sicherungssystem gibt: Selbst wenn einzelne Staaten oder gar die gesamte Nation dies wünschen würde, führt der Unterbietungswettlauf der anderen Staaten dazu, dass die Bereitstellung dieser Leistungen nicht möglich ist.

Anlässlich der EU-Osterweiterung 2004 wurde dieses Problem auch hierzulande wieder diskutiert. Allerdings sind bestimmte Freiheiten für Bürger der Beitrittsländer für eine längere Zeit eingeschränkt.

Pool von Austauschgeräten

In einem Betrieb sind Arbeitsgeräte (z.B Personalcomputer) im Einsatz, die bei einem Defekt durch ein Gerät aus einem Ersatzgerätepool ersetzt werden. Das defekte Gerät wird dann auf Defekte untersucht, gegebenenfalls repariert und wandert dann in den Ersatzgerätepool. Ist P(X) die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gerät X einen Defekt hat, welcher in der Gerätewartung nicht nachgewiesen wird und somit nicht zu einer Reparatur oder Verschrottung des Gerätes führt (Bsp: zufälliger einmal täglich auftretender Fehler in einem RAM-Baustein), so führt dies zu einer Konzentration der Zitronen d. h. der defekten Geräte, die vom Wartungstechniker nicht als solche erkannt werden können im Ersatzgerätepool. Wenn N die Gerätepopulation ist und der Ersatzgerätepool kleiner ist als P(X)*N so besteht nach einiger Zeit keine Chance mehr, aus dem Ersatzgerätepool ein nicht defektes Gerät zu beziehen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Paul Milgrom und John Roberts; Organization and Management - Prentice Hall (1992) ISBN 978-0-13-223967-7
  2. Akerlof, G. A.: The Market for "Lemons", in: Quarterly Journal of Economics, 84. Jg., Nr. 3. (August 1970), S. 488-500
  3. Oates, W. E., Fiscal Federalism, 1972

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Synonyme:

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