Antonin Scalia
Antonin Scalia

Antonin Scalia (* 11. März 1936 in Trenton, New Jersey) ist ein US-amerikanischer Jurist und seit 1986 beigeordneter Richter (Associate Justice) am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten (Supreme Court of the United States). Er wird von vielen als die führende konservative Stimme des Gerichts gesehen und ist ein starker Befürworter der juristischen Theorien von Originalismus sowie der „Plain Meaning Rule“.

Inhaltsverzeichnis

Jugend, Ausbildung und Familie

Antonin Scalia wurde 1936 in Trenton (New Jersey) geboren. Seine Mutter Catherine war geborene US-Bürgerin; sein Vater, S. Eugenee, ein Professor für romanische Sprachen, war ein italienischer Einwanderer. Als Scalia fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Queens, New York City. Sein Vater arbeitete damals am Brooklyn College.

Scalia besuchte die Xavier High School, eine katholisch-jesuitische Schule in Manhattan. 1957, nach einem vorübergehenden Aufenthalt an der Universität Freiburg in der Schweiz, beendete er sein Studium an der Georgetown University als Klassenbester und erwarb den Bachelor of Arts mit der Auszeichnung summa cum laude. Er studierte dann Jura an der Law School der Harvard University, wo er 1960 abschloss. Die Universität gewährte ihm 1960/61 als Sheldon Fellow eine Reise durch Europa.

Am 10. September 1960 heiratete Scalia Maureen McCarthy, eine Englischstudentin am Radcliffe College. Sie haben neun Kinder: Ann Forrest, Eugene, John Francis, Catherine Elisabeth, Mary Clare, Paul David (derzeit katholischer Priester im Bistum von Arlington), Matthew, Christopher James, und Margaret Jane.

Scalia wird gelegentlich sowohl von Unterstützern als auch von Gegnern mit seinem Spitznamen „Nino“ bezeichnet.

Karriere

Antonin Scalia mit Präsident Ronald Reagan (1986)

Scalia begann seine Tätigkeit als Anwalt in der Kanzlei Jones, Day, Cockley, and Reavis in Cleveland, wo er von 1961 bis 1967 arbeitete. 1967 wurde er Professor der Rechtswissenschaft an der University of Virginia. 1971 wechselte Scalia, Mitglied der Republikanischen Partei, in den Dienst der Bundesregierung (damals unter Präsident Richard Nixon), wo er als Rechtsberater der Telekommunikationsbehörde vor allem damit befasst war, den Rechtsrahmen zum schnell wachsenden Kabelfernsehen zu formulieren. Während der Präsidentschaft Gerald Fords von 1974 bis 1977 war er als Assistant Attorney General im Justizministerium angestellt.

1977 kehrte er in den akademischen Beruf zurück und lehrte an der University of Chicago (bis 1982), daneben auch als Gastprofessor an der Georgetown University und der Stanford University. 1981/82 war er Vorsitzender der Abteilung der American Bar Association für öffentliches Recht.

1982 wurde er zum Richter am Bundesberufungsgericht (Court of Appeals) für den District of Columbia ernannt. Dieses Gericht gilt oft als Sprungbrett zum Supreme Court. Tatsächlich schlug Präsident Ronald Reagan ihn 1986 als Associate Justice vor; er sollte den Platz von William H. Rehnquist einnehmen, der wiederum dem ausgeschiedenen Warren E. Burger als Vorsitzender Richter (Chief Justice) nachfolgte. Der US-Senat stimmte seiner Ernennung mit 98:0 Stimmen zu. Scalia nahm seinen Platz am 26. September 1986 ein und wurde damit der erste italo-amerikanische Richter am höchsten Bundesgericht.

Juristische Standpunkte

Scalia gilt als stärkster Vertreter einer originalistischen Rechtsphilosophie und einer textgetreuen Deutung der Verfassung der Vereinigten Staaten. Grundsätzlich hält er es nicht für angemessen, neue Rechte in die Verfassung „hineinzulesen“. Die Rechtsprechung des Supreme Court habe sich nicht nach zeitgemäßen Ansichten oder dem moralischen Empfinden der Richter zu richten, sondern allein nach dem, was der Text der Verfassung und der Gesetze hergibt und danach, wie diese vermutlich verstanden wurden, als sie beschlossen wurden. Rechtliche Standards und Ansichten außerhalb der USA hält er aus demselben Grund für unerheblich.

Dieser Ansatz gilt grundsätzlich als sehr konservativ. Jedoch führte er in einigen Fällen auch zu bemerkenswert liberalen Ergebnissen. So überraschte er vor allem linke Kritiker, als er im Fall Texas v. Johnson zur Mehrheit der Richter gehörte, die das Verbrennen der amerikanischen Flagge als freie Meinungsäußerung geschützt sahen. Zuletzt sorgte er 2004 im international beachteten Prozess Hamdan v. Rumsfeld für Aufsehen, als er in seiner abweichenden Meinung das Festhalten von US-Bürgern (hier ein u. a. im Gefangenenlager Guantanamo festgehaltener Gefangener) als ungesetzliche Kombattanten ohne Zugang zu normalen Gerichten als widerrechtlich beschrieb: die Regierung habe dazu laut Verfassung nur das Recht, wenn der Kongress das Habeas-Corpus-Recht aufgrund einer Rebellion oder einer Invasion aufgehoben habe. In zwei weiteren Fällen war er zuletzt auf der Seite der Mehrheit, die die Todesstrafe nur noch erlaubten, wenn sie von einer Jury beschlossen wurde, und generell alle Urteile für nichtig erklärten, in denen das Strafmaß von einem Richter aufgrund neuer Erkenntnisse erhöht wurde.

Zu eher konservativen Entscheidungen führte Scalias Ansatz in den zahlreicheren anderen Fällen, von denen hier nur zwei Beispiele genannt werden: 2003 war er im Fall Lawrence v. Texas in der Minderheit, als er texanische Gesetze gegen Homosexualität nicht im Widerspruch mit der Verfassung sah. Im Fall Roper v. Simmons von 2005 war er ebenfalls in der Minderheit: Dieses Urteil verbot die Hinrichtung Minderjähriger. Scalia schrieb in seiner abweichenden Meinung, dafür gebe es keinen hinreichenden Grund in der Verfassung; ob die Todesstrafe an Minderjährigen heute in den USA oder anderswo als grausam angesehen werde, spiele dafür überhaupt keine Rolle, und wer sie verbieten wolle, müsse eben die Verfassung ändern. Der Supreme Court könne nicht einfach neue Bestimmungen schaffen.

Als Gegner des „modernen“ Ansatzes einer living constitution, also einer „lebendigen Verfassung“, die im Rahmen der Zeit immer wieder neu interpretiert werden solle, steht er oft im Gegensatz zu seinem Richterkollegen Stephen Breyer, der genau diesen Ansatz vertritt.

Persönlichkeit, Umgang mit Medien und Zukunftsspekulation

Scalia ist auch bekannt für seine reizbare Persönlichkeit und seine direkten und scharfen Fragen bei Verhandlungen. In seinen Erklärungen und abweichenden Meinungen formuliert er oft sarkastische Angriffe auf die anderen Richter und versucht, Widersprüche in ihren Begründungen nachzuweisen. Dies und seine rechtsphilosophischen Ansichten machen ihn zu einer umstrittenen Person. Er ist in den USA einer der bekanntesten Richter und wahrscheinlich der einzige mit Fanseiten im Internet.

Scalia ist sehr auf den Schutz seiner Privatsphäre bedacht und war lange Zeit bekannt dafür, sich Video- und Audiomitschnitten seiner Auftritte zu widersetzen; dies unterlegte er ebenfalls mit der Verfassung, nämlich seinem „Recht gemäß dem First Amendment, nicht im Radio zu sprechen, wenn ich es nicht wünsche.“ Er hat sich auch mehrfach dagegen ausgesprochen, Verhandlungen des Supreme Court etwa im Fernsehen übertragen zu lassen; er befürchtet, dass dadurch ein falsches Bild von der Arbeit des Gerichts aufkommen könnte.

Im April 2004 konfiszierte eine Sicherheitsbeamtin bei einer öffentlichen Rede in Hattiesburg (Mississippi) den Mitschnitt einer Rede Scalias von einem Reporter, was zu einer öffentlichen Kontroverse führte. Scalia entschuldigte sich später bei dem Reporter und erlaubt seither Print-Journalisten den Mitschnitt von Äußerungen, um sie korrekt wiedergeben zu können. Anfang 2005 nahm Scalia überraschenderweise an zwei vom Sender C-SPAN live übertragenen Diskussionen, jeweils zusammen mit anderen Richtern des Supreme Court, teil.

Nach dem Tod von William Rehnquist galt Scalia als möglicher Nachfolger für den Posten des Vorsitzenden Richters (Chief Justice of the United States). Präsident George W. Bush hatte im Wahlkampf 2004 mehrfach seine Hochachtung für ihn ausgedrückt. Am 5. September 2005 nominierte Bush allerdings John Roberts als Rehnquists Nachfolger. Seit dem Rücktritt von John Paul Stevens im Jahr 2010 ist Scalia der dienstälteste Richter am Supreme Court.

Literatur

  • Patrick Bahners: Die Minderheit wird die Mehrheit sein. Artikel erschienen in der FAZ vom 11. März 2006, S. 40.

Weblinks

 Commons: Antonin Scalia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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 Wikisource: Antonin Scalia – Quellen und Volltexte (Englisch)

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