Aphrophora alni
Erlenschaumzikade
Erlenschaumzikade (Aphrophora alni)

Erlenschaumzikade (Aphrophora alni)

Systematik
Ordnung: Schnabelkerfe (Hemiptera)
Unterordnung: Rundkopfzikaden (Cicadomorpha)
Überfamilie: Cercopoidea
Familie: Schaumzikaden (Aphrophoridae)
Gattung: Aphrophora
Art: Erlenschaumzikade
Wissenschaftlicher Name
Aphrophora alni
(Fallén, 1805)
Erlenschaumzikade

Erlenschaumzikaden (Aphrophora alni) sind Rundkopfzikaden (Cicadomorpha; Clypeorrhyncha) innerhalb der Familie der Schaumzikaden (Aphrophoridae). Kennzeichnendes Merkmal dieser Insekten ist, dass ihre Larven in selbst erzeugten Schaumnestern leben. Dieser sogenannte „Kuckucksspeichel“ (engl. „cuckoo-spit“), regional auch als „Hexenspucke“ bezeichnet, findet sich häufig auf Wiesen an Gräsern und krautigen Pflanzen, zum Teil auch an Sträuchern. Die Erlenschaumzikade ist eine der häufigsten Schaumzikaden in ihrem Verbreitungsgebiet.

Inhaltsverzeichnis

Verbreitung und Lebensräume

Die Erlenschaumzikade kommt in der gesamten Paläarktis (Europa, Asien), Nordafrika und Kleinasien vor[1].

Sie sind sehr eurytop, das heißt sie kommen in den verschiedensten gehölzreichen, trockenen bis feuchten Biotopen von den Niederungen bis in Gebirgslagen bis etwa 1500 m über NN vor. Sie besiedeln Waldränder, Hecken, Wiesen mit Gehölzaufwuchs sowie Gärten und Parks[2].

Beschreibung

Die Erlenschaumzikade ist in der Grundfärbung braun. Ihre Vorderflügel sind derb-ledrig und mit zahlreichen Punktgruben besetzt. Sie sind fein behaart und tragen am Rand je zwei helle, strohfarbene Flecken: - ein großer in der Mitte, ein kleinerer im unteren Drittel. Das Schildchen (Scutellum) ist flach. Die Körperform ist im Umriss breit länglich-oval und spitz zulaufend. Erlenschaumzikaden erreichen Körperlängen zwischen 6 und 9 Millimeter, wobei die Weibchen meist etwas größer sind als die Männchen.

Der Kopf der Erlenschaumzikade ist von oben gesehen fast so breit wie der Halsschild (Pronotum). Kopf und Halsschild tragen einen medianen Kiel. Der Kopf verfügt über zwei Punktaugen (Ocelli), ein Paar Facettenaugen und eine Paar kurze, borstenförmige Fühler. Die Stirnplatte (Clypeus) ist von vorn und seitlich betrachtet mehr oder weniger blasenförmig vorgewölbt und beinhaltet die Saugpumpe. Wie alle Zikaden verfügen auch Erlenschaumzikaden über einen Saugrüssel zur Nahrungsaufnahme. Die Unterlippe (Labium) der Tiere ist als Gleitschiene für die aus den Mandibeln und Maxillen bestehenden Stechdornen ausgebildet. Innerhalb der Lacinien (einem Teil der Maxillen) verläuft ein Kanal, durch den gesaugt werden kann, sowie ein Speichelkanal, durch den Speichel in die Fraßstelle geleitet wird. Teile der Mundhöhle sind bei allen Schnabelkerfen zu einer Saugpumpe umgestaltet.

Die Beine sind kräftig ausgebildet. Die Füße (Tarsen) der Schaumzikade sind dreigliedrig. Die Schienen des hinteren Beinpaares (Tibien) sind rund. Sie tragen einen kräftigen und mehrere kleinere Dornen sowie einen Dornenkranz (Meron) an der Basis. Aufgrund der kräftigen Beine können erwachsene Schaumzikaden im Gegensatz zu den trägen Larven gut springen. Die mächtigen Dornen an ihren Hinterbeinen kommen ihnen beim Absprung zugute, da sie den Sprungbeinen Halt auf der Unterlage geben.[3]

Lebensweise

Hecken an Wegrändern sind typische Lebensräume für Erlenschaumzikaden

Die Erlenschaumzikaden sind sogenannte Stratenwechsler. Die erwachsenen Tiere leben an verschiedenen Gehölzen. Die Larven leben dagegen in den Kraut- und Strauchschichten in charakteristischen Schaumballen.[2]

Ernährung

Wie bei allen Zikaden erfolgt die Ernährung der Erlenschaumzikaden durch das Anstechen und Aussaugen bestimmter Pflanzenteile gewissermaßen wie durch einen Strohhalm. Zikaden sind auf flüssige Nahrung angewiesen. Schaumzikaden sind Xylemsauger. Der Xylemsaft der Leitungsbahnen ist im Gegensatz zum Phloem-Saft deutlich ärmer an Nährstoffen, weshalb davon sehr viel aufgenommen werden muss. Dies hat zur Folge, dass auch sehr viel Flüssigkeit wieder ausgeschieden wird.[4]

Die meisten Zikadenarten sind auf bestimmte Nährpflanzen beschränkt. Erlenschaumzikaden sind dagegen polyphag, das heißt, sie nutzen mehrere Pflanzengattungen oder -familien. Nährpflanzen der erwachsenen Tiere sind vor allem Laubgehölze. Jene der Larven sind dikotyle krautige Pflanzen. Teilweise auch die Adventivknospen von Gehölzen wie Weiden (Salix), Birken (Betula) oder Erlen (Alnus). [2]

Fortpflanzung und Entwicklung

Die Männchen der Erlenschaumzikaden sind, wie alle Zikadenmännchen und manchmal auch die Weibchen, in der Lage, rhythmische Gesänge zu produzieren. Diese werden durch spezielle Trommelorgane (Tymbalorgane), die sich an den Seiten des 1. Hinterleibssegmentes befinden, erzeugt. Durch Zug eines kräftigen Singmuskels werden die Membranen der Trommelorgane in Schwingungen versetzt. Das Geräusch wird durch Eindellen (Muskelzug) und Zurückspringen (Eigenelastizität) erzeugt [5]. Die erwachsenen Tiere leben zwischen Anfang Juni und Ende Oktober.

Paarung

Die Paarung wird vom Männchen durch Verankerung seiner Genitalarmatur an derjenigen des Weibchens begonnen. Es sitzt dabei während der gesamten Kopulation schräg neben dem Weibchen und hält sich dabei seitlich fest. So entsteht eine für Schaumzikaden sowie weitere Vertreter der Cicadomorpha typische V-Stellung. Zur Eiablage wandern die Weibchen in die Krautschichten. Die Eier überwintern und im folgenden Frühjahr schlüpfen die Larven. Erlenschaumzikaden bilden nur eine Generation im Jahr, sie sind univoltin.[4]

Entwicklung der Larven

Erlenschaumzikaden sind hemimetabol. Sie vollziehen eine unvollständige Verwandlung vom Ei über die Larve direkt (ohne Puppenstadium) zum Vollinsekt (Imago). Die Entwicklung der Larven erfolgt über fünf Stadien, wobei sich mit zunehmendem Alter die Anlagen für die Organe des erwachsenen Tieres (Flügel, Genitalarmatur) bilden und vergrößern. Die verschiedenen Stadien gehen über Häutungen ineinander über. Die Rückenseite der Larven ist im Querschnitt halbkreisförmig hoch gewölbt, die Bauchseite konkav. Der Kopf ist vor den Antennen und Augen stark ausgebuchtet und insgesamt rundlich und tragen auf dem Scheitel zwei dunkle Flecken. Der Hinterleib ist etwas aufgeblasen. In der Grundfärbung sind die Larven schmutzig grau bis gelblich weiß. Sie leben eingehüllt in einem Schaumnest an Stängeln und Blättern krautiger Pflanzen, zuweilen auch in Sträuchern. Sie besitzen am Bauch eine Atemhöhle, die im Verlauf der Evolution aus Einfaltungen der Hinterleibsringe entstanden ist. In der Atemhöhle befinden sich die Atemöffnungen (Stigmata), die Einmündungsstellen der Tracheen an der Körperoberfläche. Die Tracheen bilden ein System aus Atemröhren, das den ganzen Körper eines Insekts durchzieht und das funktionale Äquivalent zu unserer Lunge darstellt. Durch rhythmisches Einpumpen von Luftbläschen aus der Atemhöhle in eine eiweißhaltige Flüssigkeit, welche die Larven aus dem After abscheiden, wird der Schaum erzeugt. Dieser Vorgang hält bis zum Verlassen des Exkrets durch die Imago an. Die Konsistenz des Schaumes kann nur deshalb aufrechterhalten werden, da die Tiere aus speziellen Exkretionsorganen im Darm (Malpighische Gefäße) Schleimstoffe aus (Glykosaminoglykane, früher Mucopolysaccharide) und Eiweißen ausscheiden [6]. Der Schaum schützt die darin sitzende Larve auch vor Feinden, erhält aber in erster Linie die für die Weiterentwicklung nötige Feuchtigkeit und Temperatur. [4]

Gefährdung und Schutz

Die Erlenschaumzikade genießt keinen gesonderten gesetzlichen Schutz. In Deutschland gilt sie als nicht gefährdet[7].

Arten der Gattung Aphrophora in Europa

In Europa existieren sieben Arten der Gattung Aphrophora Germar 1821[1]. Deutsche Artnamen existieren weitgehend nur für die in der Bundesrepublik Deutschland nachgewiesenen Arten[7].

  • Erlenschaumzikade, Aphrophora alni (Fallén, 1805)
  • Kiefernschaumzikade, Aphrophora corticea (Germar, 1821)
  • Alpenschaumzikade, Aphrophora major Uhler, 1896
  • Bunte Weidenschaumzikade, Aphrophora pectoralis Matsumura, 1903
  • Braune Weidenschaumzikade, Aphrophora salicina (Goeze, 1778)
  • Aphrophora similis Lethierry, 1888
  • Aphrophora willemsi Lallemand, 1946

Quellen und weiterführende Literatur

Einzelquellen

  1. a b nach Fauna Europaea [1], abgerufen am 2. September 2006
  2. a b c H. Nickel: The leafhoppers and planthoppers of Germany (Hemiptera, Auchenorrhyncha): Patterns and strategies in a highly diverse group of phytophagous insects. Pensoft, Sofia and Moskau, 2003, ISBN 954-642-169-3
  3. R. Biedermann & R. Niedringhaus: Die Zikaden Deutschlands – Bestimmungstafeln für alle Arten. Fründ, Scheeßel 2004, ISBN 3-00-012806-9
  4. a b c R. Remane & E. Wachmann: Zikaden – kennenlernen, beobachten – Naturbuch Verlag, Augsburg 1993, Seite 35. ISBN 3-89440-044-7
  5. W. Westheide & R. Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie, Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, Jena, New York, 1996. Seite 651-652
  6. J. R. Cryan: Molecular phylogeny of Cicadomorpha (Insecta: Hemiptera: Cicadoidea, Cercopoidea, and Membracoidea): adding evidence to controversy. Systematic Entomology 30 (4), Oktober 2005, Seite 563-574.
  7. a b H. Nickel & R. Remane: Artenliste der Zikaden Deutschlands, mit Angabe von Nährpflanzen, Nahrungsbreite, Lebenszyklus, Areal und Gefährdung (Hemiptera, Fulgoromorpha et Cicadomorpha). – Beiträge zur Zikadenkunde 5/2002. pdf 229 kB

Weiterführende Literatur

  • M. Boulard: Diversité des Auchénorhynques Cicadomorphes Formes, couleurs et comportements (Diversité structurelle ou taxonomique Diversité particulière aux Cicadidés). In: Denisia 4, S 171-214, 2002. ISBN 3-85474-077-8
  • Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands. Landwirtschaftsverlag, Münster 1998, ISBN 3-89624-110-9

Weblinks


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