Apokoinu

Das Apokoinu [apokɔi̯ˈnuː] (griechisch ἀπὸ κοινοῦ, apò koinoũ: „vom Gemeinsamen“) ist ein rhetorisches Stilmittel der Worteinsparung ähnlich der Ellipse und dem Zeugma. Bei dieser syntaktischen Konstruktion wird ein Teil (Wort oder Satzteil) eines Satzes zugleich auf zwei andere Teile bezogen. Das heißt, der gemeinsame Teil der Konstruktion – das Koinon – ist den beiden Teilkonstruktionen gleichermaßen zu eigen. Für gewöhnlich steht das Koinon in einer Mittelstellung und bezieht sich auf den vorlaufenden und auf den nachfolgenden Text.

In der antiken griechischen und römischen Dichtung ist das Apokoinu recht häufig zu finden, auch in mittelhochdeutschen Texten ist es üblich. Ein bekanntes Beispiel ist der Anfang des Nibelungenliedes:

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

Hier ist das Koinon „von helden […] strîten“.

Im folgenden Beispiel aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell (3. Akt, 1. Szene) wird das Koinon „das ist seine Beute“ nur einmal realisiert, bezieht sich aber auf die beiden umschließenden Teilsätze gleichermaßen:

Was sein Pfeil erreicht, das ist seine Beute, was da kreucht und fleucht.

Literatur

  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001 (8. Auflage), ISBN 3-520-23108-5.
  • Kristina Poncin: Apokoinukonstruktionen: empirische Untersuchung ihrer Verwendung in aufgabenorientierten Dialogen und Diskussion ihrer grammatischen Modellierbarkeit in einer Unifikationsgrammatik, Dissertation. Bielefeld 1990.

Siehe auch


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