Apollinaris Sidonius

Gaius Sollius Modestus Sidonius Apollinaris (* um 430 in Lyon † nach 479 in Clermont-Ferrand) war ein hoher gallo-römischer Aristokrat, dessen Leben und Beziehungen ihn in die Mitte der römischen Politik des 5. Jahrhunderts setzen. Er war 468 Stadtpräfekt von Rom, danach bis zu seinem Tod Bischof der Auvergne. Seine Schriften stellen eine wichtige Quelle für die Geschichte Galliens in der Spätantike dar.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Sidonius’ Vater und Großvater hatten das hohe Amt eines praefectus praetorio Galliarum, des höchsten Zivilbeamten in der spätrömischen Präfektur Gallien. Die Ausbildung des Sidonius erfolgte in Lugdunum selbst und in Arles (Arelate) in Grammatik und Rhetorik nach dem seit Quintilian geltenden System, in dem eine formale Schulung an brillanten Dichtern, mythologischen Stoffen und der römischen sowie der griechischen Geschichte besonders gepflegt wurde. Ob Sidonius über Kenntnisse des Griechischen verfügte ist umstritten.

Um 452 n. Chr. heiratete Sidonius seine Cousine Papianilla, die Tochter des späteren weströmischen Kaisers Avitus. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor, ein Sohn namens Apollinaris sowie drei Töchter, Roscia, Severiana und Alcima. Ein Teil der Mitgift seiner Frau war das Gut Avitacum.

Nachdem Avitus mit Unterstützung der Westgoten, die seit 418 in Aquitanien als foederati siedelten, nach dem Sturz des Kaisers Petronius Maximus 455 selbst den Purpur genommen hatte, folgte Sidonius seinem Schwiegervater nach Rom, wo er zu dessen Ehren im folgenden Jahr vor dem Senat einen panegyricus vortrug. Avitus belohnte ihn dafür mit der Errichtung eines Bronzestandbildes auf dem forum Traianum. Doch die Herrschaft des Avitus währte nur kurz. Schon 457 wurde er vom comes domesticorum Majorian abgelöst, der vom magister militum Ricimer unterstützt wurde.

Sidonius unterwarf sich dem neuen Kaiser und hielt ihm bei seinem Einzug in Lugdunum ebenfalls einen panegyricus. Diese Geste leitet eine neue Phase politischer Aktivitäten im Leben des Sidonius ein, über die kaum Informationen vorliegen. Er empfing den Titel comes und wurde an die Tafel des Kaisers zugelassen.

Die Entmachtung und Hinrichtung Majorians durch Ricimer im August 461 beendete dann für längere Zeit die politische Karriere von Sidonius. Er scheint sich auf seine Domänen in der Auvergne und im Lyonnais zurückgezogen zu haben, wo er sich der Poesie, seinen Freunden und seinen Kindern widmete. Vermutlich bekleidete er aber auch in jener Zeit Ämter im Staatsdienst.

Als Sidonius 467 offiziell aufgefordert wurde, sich in Rom einzufinden, zog er als Vorsteher einer Delegation der Auvergne zum neuen Kaiser Anthemius, der nach einem zweijährigem Interregnum mit oströmischer Unterstützung an die Macht gekommen war. Als Symbol der Versöhnung der gallischen mit den italischen Senatoren verfasste Sidonius auch für Anthemius einen panegyricus und wurde von diesem dafür mit dem Amt eines praefectus urbi Romae belohnt.

Besonders erfolgreich scheint Sidonius in der Ausübung dieses Amtes nicht gewesen zu sein, aber er wurde nach Ablauf der Stadtpräfektur 468 mit der hohen Würde eines patricius ausgezeichnet. Der darauf folgende Rückzug aus dem politischen Leben in Rom steht wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Prozess gegen seinen Freund Arvandus, der sich der Verschwörung schuldig gemacht hatte.

Sidonius wandte sich in Folge wieder dem Landleben auf seinem Gut Avitacum zu, unterbrochen von Aufenthalten in Lugdunum und Arverni, der Metropole der Auvergne. Dort baute er sich offenbar Beziehungen zum einflussreichen Bischof Patiens von Lugdunum und anderen Klerikern auf und bekleidete vielleicht sogar eine kirchliche Würde, worauf er 469/70 auserwählt wurde, Bischof von Clermont zu werden.

Das große Ansehen seiner Familie und der seines Schwiegervaters, des ehemaligen Kaisers, mochte es bewirkt haben, dass politische Einflussmöglichkeiten, über die er aufgrund seiner Bekannt- bzw. Freundschaft zu Inhabern hoher und höchster weltlicher und geistlicher Ämter verfügte, für seine Wahl ausschlaggebend waren.[1]

Es scheint also fraglich, ob seine Frömmigkeit dabei eine Rolle gespielt hat. Mit der Annahme dieser Wahl wurde Sidonius zum politischen Führer der Auvergne, denn in dieser Zeit der Auflösung der Reichsgewalt war besonders in Gallien das Bischofsamt auch zu einem politischen Amt geworden, weshalb in zunehmendem Masse Angehörige des gallischen Hochadels wegen ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten auf diese Posten beruften wurden. Auf diese Weise wurde die katholische Kirche zur Rückzugstellung des „Römertum“ in Gallien.

In der Eigenschaft als Führer und Bischof der Auvergne stellte Sidonius zusammen mit seinem Schwager Ecdicius, den er zum militärischen Führer bestimmte, mit eigenen Mitteln und der Unterstützung anderer Aristokraten eine Truppe auf, und verteidigte erfolgreich während vierer Jahre (471–474) die Auvergne gegen alljährliche Eroberungsversuche durch die arianischen Westgoten unter ihrem König Eurich, der das foedus (Bündnis) von 418 gebrochen hatte und sein Reich bis ans Mittelmeer und an die Rhône zu erweitern suchte (zu Eurichs Bruder und Vorgänger, Theoderich II., hatte Sidonius jedoch offenbar gute Beziehungen unterhalten). Nach diesen Ereignissen musste Sidonius seine Hoffnung begraben, dass die römische Ordnung in Gallien mit Hilfe der föderierten Westgoten erhalten werden könnte. Deshalb zeichnet sich eine grundlegende Wandlung seiner Identität ab: Weg von der Duldung der arianischen Kirche und vom Prinzip des foedus hin zu römischem Patriotismus und zur katholischen Kirche.

Besonders hervorgetan hat sich Sidonius im Kampf gegen Eurich bei mehreren Belagerungen der Stadt Clermont, deren Bewohner er mit seinen rhetorischen Fähigkeiten immer wieder von neuem ermutigen konnte. Dieser hartnäckige Widerstand einer Region gegen ein Germanenvolk war im zerfallenden Römischen Reich eher eine Ausnahme. Der Friedensschluss des weströmischen Kaisers Julius Nepos (474–475) mit dem Westgotenkönig Eurich 474 brachte dann jedoch letzterem nicht nur die Anerkennung seiner Souveränität, sondern auch die Abtretung der Auvergne durch Rom, obwohl Sidonius sich bis zuletzt dagegen aufgelehnt hatte. Er wurde deshalb von Eurich nach der Festung Livia bei Carcassonne verbannt.

Aus der Verbannung konnte Sidonius bald in sein Bistum zurückkehren. Sein Freund Leo, der das Amt des höchsten Verwaltungsbeamten am Hof des Westgotenkönigs bekleidete, scheint ihm dabei behilflich gewesen zu sein. Auch sein Landbesitz wurde ihm zurückerstattet, nachdem er 476 in Bordeaux einen panegyricus auf Eurich gehalten hatte. Damit fand sich auch die schillerndste Figur des römischen Widerstandes damit ab, dass das Westgotenreich in Gallien an die Stelle des Imperium Romanum getreten und dass politisch und militärisch am Sieg der Germanen nicht mehr zu rütteln war. Wer in Gallien politisch überleben wollte, hatte sich nun der pax Gothica zu fügen.

Die folgenden Jahre bis zu seinem Tode nutzte Sidonius zur Zusammenstellung seiner Briefsammlung, um seinen literarischen Ruhm für die Nachwelt zu erhalten. Kurz vor seinem Ableben wurde Sidonius nach Gregor von Tours noch mit einer Intrige zweier neidischer Priestern konfrontiert, die ihn für kurze Zeit seines Amtes beraubten. Er konnte jedoch bald darauf ins Amt zurückkehren. Sein Todesjahr ist nicht genau datierbar, liegt aber irgendwann zwischen 480 und 490.

Werke

Die Schriften des Sidonius sind eine unschätzbare Quelle für Informationen über Geschehnisse und Positionen während seines Erwachsenenlebens, wobei seinen Briefe einen guten Einblick in die Verhältnisse Galliens während der ausgehenden Spätantike geben. In den zahlreich überlieferten Briefen (epistulae) kommen denn auch seine Ohnmachtsgefühle bezüglich des Kollaps des römischen Staates deutlich zum Ausdruck. Er schrieb auch mehrere Lobreden im Stil Claudians, die einige wichtige politische Ereignisse dokumentieren. Carmen 7 ist eine Lobrede auf seinen Schwiegervater Avitus zu seiner Erhebung zum Kaiser. Carmen 5 ist eine Lobrede auf Kaiser Majorian, die zeigt, dass Sidonius in der Lage war, Gefühle gegenüber jemandem hintan zu stellen, der für den Tod seines Schwiegervaters verantwortlich war. Carmen 2 ist eine Lobrede auf den Kaiser Anthemius, Teil der Anstrengungen des Sidonius, Stadtpräfekt von Rom zu werden. Auch brachte Sidonius, der sich sehr der Dichtung gewidmet hatte, fünfzehn Epigrammata heraus.

Bedeutung

Die verwandtschaftliche Beziehungen des Sidonius können über mehrere Generationen verfolgt werden, von der Zeit seines Großvater väterlicherseits, in den Berichten über das Familienvermögen, vom Prominentenstatus im späten Rom bis zum nachfolgenden Abstieg unter den Franken im 6. Jahrhundert. Durch Sidonius, der keinen Zugang in die sich formierende germanische Welt fand und noch stark der spätantiken Tradition verhaftet war, rettete die Kirche wenigstens einen Teil der antiken Kultur für das Mittelalter.

Sidonius Apollinaris wurde später heiliggesprochen. Sein Namenstag ist der 23. August.

Werkausgaben und Übersetzungen

  • Monumenta Germaniae Historica, Auctores antiquissimi 8: Gai Solii Apollinaris Sidonii Epistulae et carmina. Fausti aliorumque epistula ad Ruricium aliosque. Herausgegeben von Christian Lütjohann. Berlin 1887 (Digitalisat).
  • Sidonius Apollinaris: Poems and Letters. With an English translation, introduction and notes by W. B. Anderson. London 1936–65.
  • Sidonius Apollinaris: Carm. 22: Burgus Pontii Leontii. Einleitung, Text und Kommentar von Norbert Delhey. Berlin 1993 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 40).
  • Sidonius Apollinaris. Texte établi et traduit par André Loyen. 3 Bände, Collection des Universités de France, Paris 1960–1970.
  • Helga Köhler: C. Sollius Apollinaris Sidonius. Briefe. Buch I. Einleitung, Text, Übersetzung, Kommentar. Heidelberg 1995 (Bibliothek der klassischen Altertumswissenschaften. Neue Folge, Reihe 2, Nr. 96).
  • David Amherdt: Sidoine Apollinaire. Le quatrième livre de la correspondance. Introduction et commentaire. Bern u. a. 2001.

Literatur

  • Patrick Amory: Ethnographic Rhetoric, Aristocratic Attitudes and Political Allegiance in Post-Roman Gaul. In: Klio. Nr. 76, 1994, S. 438–453.
  • Eric J. Goldberg: The Fall of the Roman Empire Revisited: Sidonius Apollinaris and His Crisis of Identity. In: Essays in History. Vol. 37, 1995 (online).
  • Jill Harries: Sidonius Apollinaris and the Fall of Rome, AD 407–485. Oxford 1994 (Rezension).
  • Frank-Michael Kaufmann: Studien zu Sidonius Apollinaris. Peter Lang, Frankfurt am Main 1995 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 3, Band 681).
  • Lynette Watson: Representing the Past, Redefining the Future. Sidonius Apollinaris’ panegyrics of Avitus and Anthemius. In: Mary Whitby (Hrsg.): The Propaganda of Power. The Role of Panegyric in Late Antiquity. Leiden 1998, S. 177–198.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Frank-Michael Kaufmann, Studien zu Sidonius Apollinaris, S. 56.

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