Aporetische Schriften

Der Ausdruck platonischer Dialog bezeichnet eine durch Rede und Gegenrede lebendige Darstellung philosophischer Gedankenwege und Inhalte, die für das Werk Platons charakteristisch sind.

Inhaltsverzeichnis

Der Dialog als Form der Darstellung

Platons Werke dienten nicht als systematische Lehrbücher in der Akademie, sondern wandten sich an den gebildeten Laien. Das Ziel des Dialogs ist die das Leben orientierende begründete Übereinstimmung.[1] Die Dialogform bietet auf diesem Weg einige Vorteile:

  • Sie fördert durch die künstlerische Ausführung das Interesse des Lesers.
  • Es besteht kein Zwang zur systematischen Vollständigkeit.
  • Ungeklärte systematische Einzelfragen können leichter ausgeblendet werden.
  • Verschiedene Meinungen können referiert werden, ohne sich selbst festlegen zu müssen.
  • Das Denken wird zu einem argumentativen Handeln, das sich der argumentativen Kontrolle durch die Gesprächspartner stellt, ohne sich künstlich behaupten zu wollen.
  • Im Laufe der Erörterung können einzelne Positionen revidiert werden.
  • Unwissenschaftliche Stilmittel wie Ironie und gleichnishafte Mythen, die das sprachlich schwer Fassbare veranschaulichen, werden möglich.

Platons frühe und mittlere Werke stellen in plastischer Anschaulichkeit und dramatischer Lebendigkeit Personen und Meinungen dar. Als Autor bleibt er in seinen Werken aber im Hintergrund, er lässt andere Personen auftreten. Nur zweimal erwähnt er sich selbst: in der Apologie[2] und im Phaidon[3]. Dabei bringt es das Wesen des Dialoges und die Verwendung bekannter Personen als Protagonisten mit sich, die sprachliche Gestaltung der freien Rede an die Eigentümlichkeiten der realen Personen anzugleichen. Die Vermutung liegt nahe, dass Platon insbesondere bei Sokrates die Ausdrucksweise stilistisch nachgeahmt hat.[4] Teilweise könnte Platon auch Originalzitate in seine Dialoge eingearbeitet haben.[5] Außerdem schrieb er in einer reichen Bildersprache, die auch mythische Gleichnisse verwendete:

Platon konnte als echt hellenische Künstlernatur gar nicht anders als die vollgestaltig in ihm lebenden Gedanken farbenfrisch und markig ausgestalten. Zu seiner poetischen Anlage kam noch hinzu, dass er die ganze wissenschaftliche und politische, literarische und künstlerische Bildung seiner Zeit in sich aufgenommen hatte, dass sein Genius befruchtet war von Homer und den großen Tragikern, von dem Zeus des Phidias wie von dem hochragenden Tempel der jungfräulichen Göttin seiner Stadt.[6]

Dagegen sind die späten Werke wie Timaios und die Gesetze wesentlich weniger lebendig und eher im trockenen Stil einer monographischen Abhandlung verfasst.

Die Art der Rezeption

Generell sah Platon die Gefahr, dass schriftliche Texte in die falschen Hände geraten könnten und unfähig wären, sich selbst weiter erläuternd zu helfen.[7] Trotzdem geht ein Teil der Forschung davon aus, dass es sich beim zeitgenössischen Publikum der Dialoge um Leser und nicht um Hörer handelte, und dass sie im Hinblick auf eine bestimmte Wirkung konzipiert wurden.[8] Im Theaitetos schildert Platon allerdings selbst eine Szene, in der ein Dialog auf die Bühne gebracht wird. Es kann deshalb nicht völlig ausgeschlossen werden, dass die Dialoge auch oder sogar überwiegend zum öffentlichen Vortrag gedacht waren.[9] Gilbert Ryle geht sogar davon aus, dass die Dialoge bei öffentlichen Spielen aufgeführt worden wären.[10] Unabhängig aber von der Art der Rezeption verfolgte Platon mit der Dialogform ein pädagogisches Anliegen. Weder brauchte er die angestammte Rolle des Informanten noch der Leser die des Rezipienten zu übernehmen:

An die Stelle der direkten trat die indirekte Vermittlung durch einen Text, der nur zu denen zu reden weiß, die auf ihn kritisch reagieren. Voraussetzung dafür war, dass es dem Autor gelang, den Dialog als schriftliches Kunstwerk so zu gestalten, daß der mitdenkende Leser veranlaßt wird, sich von der Suggestion, die der platonische Sokrates zu erzeugen versteht und der seine Partner zu erliegen pflegen, nicht beirren zu lassen, sondern Ungereimtheiten in der Beweisführung und ihre Fehler als solche zu erkennen und von sich aus durch Alternativen zu korrigieren.[11]

Platon zwingt den Leser also geschickt dazu, sich mit eigenen Gedanken einzuschalten und damit sich selbst weiter zu entwickeln.

Die aporetischen Dialoge

Sokrates als Protagonist der frühen Dialoge

Der Gesprächscharakter der Lehre spiegelt sich in der Dialogform von Platons Schriften wider. Sie bieten nicht ein Lehrgebäude als fertiges System, sondern wollen dessen Entstehungsprozess anschaulich darstellen. Hauptfigur in den frühen Dialogen ist sein Lehrer Sokrates. Der Kleinbürger erweckte in dem Spross aus hohem athenischen Adel „die Sorge um die Seele durch das rechte Leben in Bezug auf das ewige Sein selbst“.[12] Deshalb ist die Grenzlinie zwischen Platons eigener Philosophie und der des Sokrates schwer zu ziehen. Man nimmt an, dass Platon vor allem in der Apologie und in den frühen so genannten aporetischen Dialogen die Lehren des Sokrates wiedergibt, während er in den späten Dialogen, wo Sokrates zur Nebenfigur wird oder gar nicht mehr auftritt, seine eigenen Gedanken niedergeschrieben hat. Die Abgrenzung der originär sokratischen Gedanken ist im Einzelnen wissenschaftlich seit Jahrzehnten umstritten. Dies gilt insbesondere für die mittleren Dialoge. Diese liefern nach Günter Figal ein plastisches, lebensvolles Bild des Sokrates. [13] Tiefgründig war die Einschätzung des Philosophen Karl Jaspers:

Sokrates ist historische Realität auch ohne Plato. Aber der historische Sokrates und der Platonische sind untrennbar. In der Wirklichkeit des Sokrates erblickte Plato dessen Wesen. Dieses ließ er sich in seinen dialogischen Darstellungen frei entfalten, immer mit dem Willen zur Wahrheit des Wesens, aber nicht gebunden an belegbare Tatsächlichkeiten.[14]

Radikales Hinterfragen als Schulung des Denkens

Die frühen Dialoge zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu keinem Ergebnis führen, sondern alle scheinbar fertigen Meinungen radikal hinterfragen und so das Denken schulen: Ich weiß, dass ich nicht weiß. Im Zentrum der frühen Dialoge Platons steht die „Sorge um die Seele“ und damit die Frage nach der Areté (Vortrefflichkeit, Tugend). Sie zeichnen sich sowohl durch besondere methodische als auch dramatische und inhaltliche Merkmale aus.

  1. Die Grundmethode, die im Rahmen dieser Dialoge angewandt wird, ist die Methode des Elénkhos, der Widerlegung der Ansicht des anderen Gesprächspartners. Das Ziel der philosophischen Bemühungen ist es, dem Leben eine Orientierung zu bieten. Die sophistische Streitkunst, die sich in der Beliebigkeit verliert und einzig das Ziel verfolgt, mit den geeigneten Definitionen und Argumenten die eigene Position durchzusetzen, wird entschieden abgelehnt. Auf einen Betrug mit Worten wird verzichtet. Im Vordergrund steht die gemeinsame Bemühung um die Wahrheit. Durch die Befreiung vom Scheinwissen wird zugleich das mangelnde eigene Wissen festgestellt. Auf der Basis einer gemeinsam geklärten Definition der Begriffe erfolgt dann die Untersuchung, warum etwas der Fall ist. Bereits die Suche nach der Wahrheit ist dabei eine sinnstiftende Antwort auf die Frage nach dem richtigen Leben.
  2. Das auffälligste dramatische Merkmal dieser Dialoge ist jedoch, dass Sokrates die wichtigste Figur des Gesprächs ist. Er bestimmt die Grundfrage des Dialogs, orientiert die Antwort der anderen Gesprächspartner und prägt die ganze Diskussion durch seine Persönlichkeit und seine Ironie. Neben Sokrates sind die anderen Figuren entweder Sophisten (Protagoras im gleichnamigen Dialog) oder junge bzw. ungebildetete Leute (wie Charmides oder der Sklave im Menon). Sokrates bemüht sich darum, dass sein Gesprächspartner das Wissen selbst erzeugt. Ein Wissen, das nicht selbst erworben sondern nur unverdaut übernommen wird, ist unfruchtbar und tot. Sokrates hilft deshalb lediglich wie eine Hebamme bei der Geburt der Erkenntnis. Dieser Prozess wird deshalb auch als Mäeutik bezeichnet. Dabei geht Platon davon aus, dass das Wissen bereits immer schon da ist und sich die Seele lediglich an das erinnern muss, was ihr bereits vor der Geburt bekannt war (Anamnesis).
  3. Inhaltlich kreist die Beschäftigung mit der Areté vor allem um ethische Fragen. Es geht darum, Begriffe wie Besonnenheit (Charmides), Gerechtigkeit (im ersten Buch der Politeia) und andere Formen der Tugend (Tapferkeit, Weisheit, Frömmigkeit) zu bestimmen. Die Areté bezieht sich aber nicht nur auf den Menschen, sondern auf alle Dinge. Die Areté eines jeden Dinges besteht in dem, wodurch es seine je eigene Aufgabe erfüllt. Die Frage, wozu etwas gut sei, beantwortet sich nicht durch den Bezug auf etwas anderes, sondern durch es selbst.

Die frühen Dialoge Platons sind die hauptsächliche Quelle für die Philosophie des Sokrates, der selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen hat.

Überblick zu den Dialogen nach Entstehungszeit und Inhalt

Als Werke Platons sind 35 Dialoge, von denen zumindest 23 als echt gelten, und die Briefe überliefert. Die Werke wurden von dem alexandrinischen Grammatiker Aristophanes von Byzanz in Trilogien und von dem Neupythagoreer Thrasyllos in 9 Tetralogien geordnet. Über die genaue Chronologie kann man nur Vermutungen anstellen. Aufgrund einer Statistik des Sprachgebrauchs werden jedoch Rückschlüsse auf die Abfassungszeit der verschiedenen Dialoge gezogen und diese zu Gruppen zusammengefasst, wobei bis heute keine Einheitlichkeit in der Gruppierung erzielt werden konnte. Chronologisch lassen sich im Wesentlichen drei Hauptgruppen unterscheiden, nämlich die frühen, mittleren und späten Werke:[15]

Frühe Werke

Zur Charakterisierung des Sokrates (geschätzt zwischen 399-395 vor Chr.)

  1. Apologie (die von Platon fingierte Verteidigungsrede des Sokrates): „Unter Euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, daß er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt.“
  2. Kriton (Sokrates' Gesetzestreue): Sokrates hatte sich einst verpflichtet, die Gesetze zu achten und zu schützen. Eine Flucht vor dem Todesurteil wäre eine Gesetzesverletzung.

Die kleineren ethischen Dialoge

  1. Euthyphron (Frömmigkeit): Was ist das Fromme, vielleicht ein Dienst an den Göttern? Nach einigen Definitionsversuchen wird das Gespräch abgebrochen.
  2. Laches (Tapferkeit): Das Ziel der Erziehung ist das Gut-Sein, die Tugend (arete). In der Folge wird eine Teilarete exemplarisch untersucht, nämlich die Tapferkeit. Alle Definitionsversuche scheitern. „Wir müssen alle gemeinschaftlich zuerst für uns selbst den besten Lehrer suchen...“
  3. Charmides (Besonnenheit): Besonnenheit (sophrosyne) ist weder eine Art Bedachtsamkeit noch eine schamvolle Scheu. Aber vielleicht ist es Besonnenheit, das Seine zu tun?
  4. Lysis (Freundschaft und Liebe): Wie findet man einen Freund, und wie müssen künftige Freunde beschaffen sein, um Freunde werden zu können?

Mittlere Werke

Auseinandersetzung mit den Sophisten

  1. Euthydemos (übermütige Verspottung der sophistischen Trugschlüsse), teilweise auch den Fühwerken zugerechnet: Das selbstgefällige Treiben der Sophisten wird aufgedeckt und indirekt wird dazu ermahnt, sich zur Philosophie hinzuwenden. Weisheit ist die Grundlage des menschlichen Glücks.
  2. Kratylos (gegen die sprachlichen Untersuchungen der Sophisten), teilweise auch den frühen und den späten Dialogen zugerechnet: Beruht die Benennung der Dinge auf beliebiger Übereinkunft oder folgt sie aus der Natur der benannten Dinge? Die Wörter repräsentieren niemals das Wesen der Dinge selbst, sondern sind eine Art Abbild. Sie wurden im Zuge der sprachlichen Entwicklung verändert und haben deshalb die abbildhafte Nähe zum Wesen der Dinge verloren. Da die Wörter auch auf Übereinkunft beruhen muss der, der sie richtig gebrauchen möchte, das Wesen der zu benennenden Dinge bereits kennen. Wenn sich die Dinge ständig ändern ist der Erkenntniswert der Wörter generell zweifelhaft.
  3. Gorgias (gegen falsche Rhetorik), teilweise auch den Frühwerken zugerechnet: Rhetorik ist keine techne, also keine auf wissenschaftlicher Theorie basierende nutzvolle Kunstfertigkeit, sondern sie ist empeiria (Erfahrungswissen) und zielt nur darauf ab, Lust und Wohlgefallen zu erregen. Rhetorik ist eine schmeichlerische Scheinkunst. Für die Seele des Menschen ist es schädlich, ohne nachfolgende Strafe Unrecht tun zu können. Der hemmungslosen Befriedigung der eigenen Begierden und dem „Recht des Stärkeren“ wird die Philosophie entgegengesetzt, die auf Vernunft und Selbstprüfung vertraut.
  4. Protagoras (Überlegenheit der Philosophie gegenüber der Sophistik überhaupt), teilweise auch den Frühwerken zugerechnet: Ist Arete lehrbar? Ist sie eine komplexe Einheit oder ist sie nur ein Oberbegriff und zerfällt tatsächlich in selbständige Teiltugenden? Alles Handeln strebt langfristig nach hedone (Annehmlichkeit, Lust). Der schlecht Handelnde verkennt den dauerhaften Lustgewinn, den Arete mit sich bringt. Deshalb beruht alles schlechte Handeln auf mangelnder Einsicht. Arete beruht demnach auf Erkenntnis und ist lehrbar.
  5. Menon (Lehrbarkeit der Tugend; Wiedererinnerung), teilweise auch den Frühwerken zugerechnet: Wahre Vorstellung, die durch ständige logische Kontrolle fundiert ist, ist zur Richtigkeit des Handelns und zur Arete keine schlechtere Führerin als wahre Einsicht, die dem Menschen durch göttliche Schickung zufällt.
  6. Seinem Inhalt nach gehört in diesen Zusammenhang auch das I. Buch der Politeia (Dialog über die Gerechtigkeit).

Ideenlehre

  1. Phaidros (Ideenlehre; Dreiteilung der Seele): Die Liebe ist ein den Menschen von den Göttern geschenkter heilsamer Wahnsinn, damit sie die Wahrheit und die verlorene Unsterblichkeit der Seele wiederfinden.
  2. Theaitetos (Ideenlehre, bes. Erkenntnistheoretisches), kurz nach 369 vor Chr: Die Seele wird verglichen mit einer Wachsmasse, in die Sinneseindrücke unter gegenseitiger Überlagerung und Störung eingepresst werden, und mit einem Taubenschlag, in dem die Erkenntnisse wie Vögel herumflattern und erst unter der Gefahr von Verwechslungen eingefangen werden müssen. „Höchst einfältig ist es, wenn wir die Erkenntnis suchen und behaupten, sie sei richtige Meinung mit Erkenntnis des Unterschieds oder von sonst etwas.“
  3. Symposion (schildert den Eros als den philosophischen Grundtrieb), teilweise auch den frühen Dialogen zugerechnet: Eros hat eine Vermittlerfunktion (metaxy) zwischen Menschlichem und Göttlichem. Durch die Liebe zum Schönen führt er die Menschen auf einem Stufenweg zur Erkenntnisschau des ewig wahren Göttlich-Schönen.
  4. Phaidon (von der wahren Unsterblichkeit), teilweise auch zu den frühen Dialogen gerechnet: Die Seele (psyche) hat schon vor der Geburt eines Menschen existiert und lebt nach seinem Tod weiter, erst dann ist sie der lästigen Fesseln des Körpers ledig und frei.
  5. Politeia II - X (der beste Staat; Buch V bis VII sind wahrscheinlich am spätesten verfasst): Der Ständestaat besteht aus den demiurgoi (Bauern, Handwerker; Arete des besonnenen Maßhaltens), den phylakes (Wächter; Arete der Tapferkeit) und den archontes (vollkommene Wächter, Herrscher; Arete der Weisheit). Gerechtigkeit herrscht, wenn jeder der drei Stände „das Seine tut“ und so eine funktionsfähige, harmonisch-einheitliche Ganzheit entsteht. In der psyche des Menschen entspricht dies der Dreiteilung von epithymetikon (das Triebhafte), thymoeides (das Muthafte) und logistikon (Vernunft). Ziel der Paideia zum Philosophenherrscher ist der Aufstieg zur Wesensschau des Guten, der durch das Sonnengleichnis, das Liniengleichnis und das Höhlengleichnis veranschaulicht wird.
  6. Parmenides (die Ideen und das Eine), teilweise auch den späten Dialogen zugerechnet: „Ob das Eine ist oder nicht ist, es selbst und das Andere, im Verhältnis zu sich selbst und zueinander, ist und erscheint alles auf alle Weise und ist und erscheint wiederum nicht.“ Logisches Gestrüpp (Wilamowitz-Möllendorf) oder das größte Kunstwerk alter Dialektik (Hegel).

Alterswerke

  1. Sophistes (Wesen des Sophisten): Dihairesis (Zweiteilung) ist die Methode der Sophisten, die nicht bei der Bezeichnung durch den Namen (onoma) verharrt, sondern eine Verständigung über die Sache selbst (ergon) durch Definitionen (logoi) anstrebt. Bei einer anschließenden ontologischen Erörterung wird die Alternativität von Sein und Nichtsein aufgeweicht und festgestellt, dass „... das Nichtseiende in gewisser Hinsicht ist, das Sein hingegen irgendwie auch nicht ist“.[16] Das absolute Sein hat die Fähigkeit, zu agieren und zu reagieren, weshalb ihm auch Bewegung, Leben, Seele und Einsicht zukommen, nur so ist koinonia (Gemeinschaft, Kommunikation) zwischen den seienden Wesenheiten möglich.[17]
  2. Politikos (Begriff des Staatsmanns): Der Politiker ist allein an seiner episteme (Erkenntnis) und Gerechtigkeit (dikaion) zu messen. Wer über beide verfügt kann eigentlich ohne Gesetze regieren, da diese der vielfältigen Wirklichkeit niemals gerecht werden können. Es bedarf einer schriftlich festgelegten Verfassung, weil in die menschliche Gesellschaft im Gegensatz zum Bienenschwarm kein herausragender König hineingeboren wird. Die Monarchie ist im Guten und Schlechten die stärkste, die Oligarchie die mittlere und die Demokratie in beidem die schwächste Regierungsform.
  3. Philebos (die Idee des Guten, im Gegensatz zu der Lust), teilweise auch den mittleren Dialogen zugerechnet: Wem gebührt der Vorrang, der Lust (hedone) oder der Erkenntnis (phronesis)? Ein lustvolles Leben ohne Erkenntnis wüsste nichts von seiner Lust und gliche einer Auster, ein Leben der reinen Erkenntnis wäre apathisch und bestenfalls einer göttlichen Vernunft, nicht aber dem Menschen angemessen. Unlust kann als Störung des Naturzustands betrachtet werden, der durch Lust wiederhergestellt wird. Für die Annäherung an das Gute stehen an erster Stelle metron (das rechte Maß) und kairos (die rechte Zeit), an zweiter Symmetrie und Schönheit, an dritter nus (Vernunft) und phronesis, an vierter episteme (Wissenschaft) und techne (Technik) sowie an fünfter Stelle die reine hedone und die Freiheit von Unlust.
  4. Timaios (Naturphilosophie), teilweise auch den mittleren Dialogen zugerechnet: Platon trennt nicht zwischen Natur und Geist sondern zwischen Sein, das durch Denken (noesis) und Deduktion (logos) erkannt wird, und Werden, das durch Vermuten (doxa) und Wahrnehmung (aisthesis) erfasst wird und dem der Kosmos angehört. Im Werden des Kosmos wirken als teleologisches Prinzip die Vernunftursache (nus) und als kausales Prinzip die blinde Notwendigkeit (ananke). Der Raum (chora) ist die Aufnehmerin und Amme des Werdens.
  5. Kritias (geschichtsphilosophisches Fragment, vom Urzustand der Menschheit): Schilderung der fiktiven Länder Atlantis und Ur-Athen samt Geographie, Architektur und politischer Struktur, wobei das Ur-Athen dem platonischen Idealstaat der Politeia entspricht.
  6. Gesetze (der zweitbeste Staat), bis 347 vor Chr., postum veröffentlicht durch Philippos von Opus:[18] Es ist das Ziel aller Gesetzgebung, die Erziehung (paideia) der Menschen zur Gerechtigkeit als höchstem ethischen Wert zu gewährleisten. Die Erziehung hat nicht nur durch Zwang sondern auch durch Überzeugung zu erfolgen, weshalb Einführungen den Sinn und Zweck der Gesetze begründen sollen. Die ideale, aber unerreichbare Struktur des Staates sei ein Kommunismus, der Frauen, Kinder und den gesamten Besitz umfasse. Ein Konvent aus zehn ältesten Gesetzeswächtern soll für die richtige Erziehung der Bürger, den Bestand des Staates und die Befolgung der Gesetze sorgen. An die Stelle des Philosophenherrschers tritt das Gesetz als oberster Herrscher auch über die Regierenden, das die Gesellschaft und das Leben der Bürger bis ins letzte regelt.

Unechte und zweifelhafte Dialoge

Einige der Dialoge wurden zwar in der Antike Platon zugeschrieben, sind aber wahrscheinlich und teilweise sogar nachweislich unecht.[19] Sie sind damit aber nicht völlig wertlos. Die meisten Schüler des Sokrates haben ähnlich wie Platon oder Xenophon sokratische Dialoge verfasst. Dieser Tradition haben sich dann auch spätere Generationen angeschlossen. Diese Dialoge sind nach der Thematik und nach der Art der Gestaltung höchst unterschiedlich. Erhalten sind sie im Wesentlichen im so genannten Corpus Platonicum. Sie werden deshalb auch als pseudoplatonische Dialoge bezeichnet. Viele von ihnen sind in der alten oder neuen Akademie entstanden und enthalten inhaltlich solide Informationen.

Urheberschaft unwahrscheinlich

Urheberschaft zweifelhaft

Übersetzungen der Dialoge und Zitation

Friedrich Schleiermacher schuf von 1804 bis 1828 noch heute lesenswerte Übersetzungen der Platondialoge. An diesen sind insbesondere die Einleitungen zu den einzelnen Dialogen, aber auch die sprachliche Qualität insgesamt bemerkenswert.

Von den neueren Übersetzungen werden besonders häufig die von Otto Apelt verwendet:

  • Platon: Sämtliche Dialoge. Hrsg. v. Otto Apelt, unveränderter Nachdruck d. Ausg. v. 1920/22, 7 Bde. Meiner, Hamburg 2004. ISBN 978-3-7873-1156-9

Als eigenständige Leistungen sind außerdem die Übertragungen in die deutsche Sprache durch Rudolf Rufener erwähnenswert:

  • Platon: Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, übertragen von Rudolf Rufener, 8 Bände, Artemis, Zürich und München 1974, ISBN 3-7608-3640-2

Die Werke Platons werden nach der so genannten Stephanus-Paginierung zitiert, die auf Henri Estiennes Editio Princeps aus dem Jahre 1578 zurückgeht: Platonis opera quae extant omnia.

Anmerkungen

  1. Jürgen Mittelstraß, Platon, in: Klassiker der Philosophie, C. H. Beck, München 1985, S. 44
  2. Apologie 34a 1 und 38b 6
  3. Phaidon 59b 10
  4. Vgl. dazu bereits Ivo Bruns, Das literarische Porträt der Griechen im fünften und vierten Jahrhundert vor Chr, Berlin 1896-1898, Reprint Hildesheim 1985, S. 288 f.
  5. Vermutet wird dies in der Tradition des Diogenes Laertios von manchen Forschern für die Lysiasreden im Phaidros, vgl. dazu die Nachweise bei Jürgen Villers, Das Paradigma des Alphabets: Platon und die Schriftbedingtheit der Philosophie,Königshausen & Neumann 2005, S. 85
  6. Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie, Band 1, Leipzig 1919, S. 92 f.
  7. Phaidros 275d 9 ff.
  8. Vgl. die Nachweise bei Sylvia Usener, Isokrates, Platon und ihr Publikum, Narr, Tübingen 1994, S. 143, die selbst eine eher vermittelnde Haltung zwischen den extremen der reinen Schriftlichkeit und der reinen Mündlichkeit einnimmt.
  9. Theaitetos 143b 3
  10. Gilbert Ryle, Plato´s Progress, Cambridge 1966, S. 21 ff.
  11. Heitsch, Platons Dialoge und Platons Leser, RhM 131 (1988), S. 238
  12. Karl Jaspers, Plato, Augustin, Kant, Piper, München 1957, S. 24
  13. Dies betont Günter Figal, Sokrates, Beck, München 2006, S. 16 ff., in Auseinandersetzung mit Gregory Vlastos, Socratic Studies, New York 1994.
  14. Karl Jaspers, Plato, Augustin, Kant, Piper, München 1957, S. 25
  15. Vgl. Jürgen Mittelstraß, Platon, in: Klassiker der Philosophie, C. H. Beck, München 1985, S. 42; Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie, Band 1, Leipzig 1919, § 20
  16. Platon, Sophistes, 241d
  17. Platon, Sophistes, 247d-248e
  18. Diogenes Laertios 3, 37
  19. Vgl. nur Jürgen Mittelstraß, Platon, in: Klassiker der Philosophie, C. H. Beck, München 1985, S. 41

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