Appropriation Cinema
Appropriation Art - Majid Farahani

Appropriation Art (englisch "appropriation" = Aneignung), auch deutsch gesprochen Appropriation, ist eine Ausdrucksform des zeitgenössischen künstlerischen Schaffens. Sie wird meist der Konzeptkunst zugeordnet, weil das Verständnis der zugrunde liegenden Überlegungen und Theoreme wichtig für ihr Verständnis ist.

Im engeren Sinn spricht man von Appropriation Art, wenn Künstler bewusst und mit strategischer Überlegung die Werke anderer Künstler kopieren, wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst als Kunst verstanden werden sollen (andernfalls spricht man von Plagiat oder Fälschung).

Im weiteren Sinne kann Appropriation Art jede Kunst sein, die sich mit vorgefundenem ästhetischem Material beschäftigt, z. B. mit Werbefotografie, Pressefotografie, Archivbildern, Filmen, Videos etc. Es kann sich dabei um exakte, detailgetreue Kopien handeln; es werden aber auch oft in der Kopie Manipulationen an Größe, Farbe, Material und Medium des Originals vorgenommen.

Diese Aneignung geschieht in der Appropriation Art meist in kritischer Absicht. Ohne diese kann man auch von einer Hommage sprechen.

Inhaltsverzeichnis

Appropriation Art

Arbeiten der Appropriation Art beschäftigen sich meist mit abstrakten Eigenschaften von Kunstwerken und des Kunstmarktes selbst. Sie problematisieren durch den Akt der Aneignung fundamentale Kategorien der Kunstwelt wie Autorschaft, Originalität, Kreativität, geistiges Eigentum, Signatur, Marktwert, Museumsraum (sog. White Cube), Geschichte, Gender, Subjekt, Identität und Differenz. Dabei konzentriert sie sich auf Paradoxien und Selbstwidersprüche und macht diese sichtbar und ästhetisch erfahrbar.

Die individuellen Strategien einzelner Künstler differieren sehr stark, so dass ein einheitliches Gesamtprogramm nicht leicht auszumachen ist. Viele Künstler, die der Appropriation Art zugerechnet werden, bestreiten, Teil einer "Bewegung" zu sein. "Appropriation Art" ist demnach nur ein Label, das in der Kunstkritik seit den frühen 80er Jahren benutzt wird und durchaus umstritten ist.

Die eingesetzten Techniken sind vielfältig. Appropriation wird u. a. mit Malerei, Fotografie, Filmkunst, Skulptur, Collage, Environment und Happening/Performance betrieben.

Künstler

Beispiele

  • Elaine Sturtevant kopierte in den frühen 1970er Jahren Werke u. a. von Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Jasper Johns und Frank Stella mit Siebdruck bzw. Farbe, also in den Originaltechniken. Es wird überliefert, dass ihr einige Künstler, die sie kopierte, Ratschläge zur Technik gaben. Andy Warhol soll ihr sogar seine Originalsiebe geschenkt haben. Sturtevant sagt selbst, dass sie dem Zwang zur Originalität, der auf jedem Künstler lastet, entkommen möchte, indem sie diese Kategorie mit den Mitteln der Kunst erforscht.
  • Mike Bidlo führte eine Performance nach einer biografischen Anekdote durch, bei der er als Jackson Pollock verkleidet in einen offenen Kamin urinierte. Für seine Ausstellungen ließ er Kunstwerke von Andy Warhol oder Constantin Brâncuşi in Serie fertigen. Gegenwärtig produziert er Tausende von Zeichnungen und Modellen des Ready-made "Fountain" von Marcel Duchamp. Duchamps Ready-made gilt als eines der wichtigsten Kunstwerke der Moderne. Man kann Bidlos Projekt daher sowohl als Hommage an Duchamp wie als symbolische Abarbeitung am Generationenkonflikt verstehen.
  • Louise Lawler fotografierte Kunstwerke in den Wohnzimmern von Kunstsammlern und in Museen in situ, also mit ihrer jeweiligen Umgebung. Damit zeigt sie, in welchem Kontext Kunst rezipiert wird und wie sie in Räumen inszeniert wird.
  • Eine Fotoserie von Cindy Sherman sind die "History Portraits", auf denen sie sich nach Art Alter Meister kostümiert und inszeniert. Sie begibt sich damit vorübergehend in historische Rollen von Frauen und Männern. Dabei verwendet Sherman häufig bewusst schlampige Kostümierungen und grobes Make-Up, so dass die Inszeniertheit im Bild erkennbar bleibt. Die "History Portraits" kann man als Kommentar zur Kunstgeschichte verstehen, in der Frauen meist nur als Modelle, also Objekte für den Blick männlicher Maler dienten; zugleich stellen sie auch Fragen nach der historischen Konstruiertheit von Identität, Weiblichkeit und Männlichkeit (siehe Gender, Selbstporträt).

Mittlerweile gibt es eine zweite Generation von Approprations-Künstlern, deren Kunststrategie darin besteht, die Werke der ersten Generation zu kopieren.

  • Die Künstlerin Sherrie Levine wurde 1979 bekannt mit einer Appropriation der Fotografien von Walker Evans, die sie aus Bildbänden abfotografierte und unter dem Titel "After Walker Evans", aber unter ihrem Namen ausstellte. Im Jahr 2001 wiederholte Michael Mandiberg diese Aktion: Er fertigte fotografische Kopien von Sherrie Levines "Re-Fotografien" an und präsentierte sie unter dem Titel "After Sherrie Levine" (siehe Weblinks).
  • Der japanische Künstler Yasumasa Morimura inszenierte sich selbst nach Fotografien von Cindy Sherman, auf denen sie sich selbst in verschiedenen Verkleidungen und Rollen porträtierte ("Film Stills"). Da Sherman als Frau auf ihren Bildern oft in männliche Rollen schlüpft, Morimura jedoch als Transvestit auftritt, wird das Verwirrspiel geschlechtlicher Identität noch weiter gesteigert.

Philosophie

Philosophisch stehen die konzeptuellen Strategien der Appropriation Art der Dekonstruktion, der Medientheorie und der Intertextualität nahe. Künstlerische Techniken wie Zitat, Anspielung, Travestie, Parodie und Pastiche, die generell als Merkmale der Kunst der Postmoderne gelten, können in Werken der Appropriation Art aufgefunden werden. Da viele Strategien der Appropriation Art auf das Kunstsystem selbst ausgerichtet sind, kann man auch von Metakunst oder vom Selbstreflexivwerden des Kunstsystems sprechen (siehe Systemtheorie). Sie gehört damit zu den Kunstrichtungen, die aktiv die Bedingungen und Grenzen der Kunst ausloten und das Kunstsystem zwingen können, sich neu zu definieren.

Recht

Ein Werk der Appropriation Art kann auch im Sinne des Urheberrechts geschützt sein, selbst wenn es einem bereits existierenden Werk eines anderen Künstlers bis ins Detail gleicht. Die schützbare kreative Leistung besteht dann in der Entwicklung des Konzepts und der eigenständigen Strategie des kopierenden Künstlers. Betrug oder Täuschung sind von den Künstlern nicht beabsichtigt. Genau wie das Sampling oder die Coverversion in der Musik bewegt die Appropriation Art sich jedoch in Gebieten, wo das Urheberrecht greift. Da jedoch argumentiert werden kann, dass es sich auch beim Vorgang des Kopierens in diesem Falle um einen originären, künstlerischen Vorgang handelt, kommt es selten zu Konflikten juristischer Art. Zudem wird der Wert des Vorbilds in der bildenden Kunst, anders als bei Medienprodukten, meist an dessen materielle Existenz gebunden, die durch eine Appropriation nicht beeinträchtigt wird.

Nach österreichischem Recht sind Schöpfungen der Appropriation Art in der Regel als freie Nachnutzungen gemäß § 5 Absatz 2 des österreichischen Urheberrechtsgesetzes zu qualifizieren oder es ist zumindest eine Rechtfertigung über die Kunst- und Meinungsfreiheit möglich.[1]

Appropriation Cinema

Appropriation Cinema

In der Filmkunst wird gelegentlich der Begriff Appropriation Cinema gebraucht (häufiger: Found Footage Film). Es handelt sich dabei um filmische Arbeiten, die bereits vorhandenes Filmmaterial übernehmen und manipulieren. Der amerikanische Regisseur Gus Van Sant drehte z. B. 1998 ein Remake von Alfred Hitchcocks Meisterwerk Psycho (1960), das konsequent Szene für Szene des Originals nachstellt (siehe Psycho (1998)). Die Ausstattung und die Inszenierung wurden nur in manchen Szenen leicht abgewandelt. Der Film sah sich vielen Angriffen ausgesetzt; vom Kinopublikum wurde er nicht als eigenständige Leistung und daher als überflüssig verstanden. Da in der Filmbranche das Remake von Filmen ein gängiges Genre ist, ist die Situation hier anders als in der Kunst - man kann van Sants Film auch als Parodie von Remakes oder als Pastiche verstehen.

Ebenfalls mit Psycho beschäftigte sich der britische Videokünstler Douglas Gordon, der in seiner Installation "24 Hour Psycho" den Film in einer Videoprojektion auf 24 Stunden dehnte. Gordon versteht seine Arbeit als Spiel zwischen der künstlerischen Aura des Meisterwerkes und den individuellen Eingriffen und Manipulationen, die jeder Besitzer eines Videorekorders an einem Film vornehmen kann, wenn er sich meditativ oder analytisch in einzelne Bildsequenzen versenken will.

Einzelnachweise

  1. Anderl: Appropriation Art auf DORDA BRUGGER JORDIS-Website , Stand: 19. Februar 2009


Literatur

  • Jörg Heiser: „Auratisches Toastbrot und Kunst vom Fließband“, Süddeutsche Zeitung 23. Februar 2004,
  • Richard Wagner: "Auf der Suche nach dem verlorenen Original. Szenen aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", Neue Zürcher Zeitung, 21. Februar 2004,
  • Stefan Römer: Künstlerische Strategien des Fake: Kritik von Original und Fälschung, Köln: DuMont 2001. ISBN 3-7701-5532-7
  • Elaine Sturtevant, Udo Kittelmann, Lena Maculan: Sturtevant, 2 Bde., Stuttgart: Hatje Cantz 2005. ISBN 3775714855 (Katalog zur Ausstellung im MMK Frankfurt)
  • Mike Bidlo: The Fountain Drawings, New York 1999 ISBN 3-905173-43-3
  • Cecilia Hausheer, Christoph Settele: Found Footage Film. Luzern: VIPER/zyklop 1992
  • Texte zur Kunst 46 (2002), "Appropriation Now!". ISBN 3-930628-44-9, ISSN 0940-9596
  • Der Schnitt 18 (2000): "Appropriating Cinema". ISSN 0949-7803

Weblinks


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