Aramäische Christen
Flagge der Aramäer.

Aramäer der Gegenwart (Christen) sind die Nachfahren der antiken Aramäer, ihre Liturgie- und Alltagssprache ist Aramäisch - in den Kirchen wird vor allem das klassische (Alt-)Syrisch benutzt. Daher nannte und nennt man sie auch christliche Syrer. Mittlerweile gibt es Volksgruppen, die ethnisch betrachtet Aramäer sind und ebenso aus dem Tur Abdin kommen, sich jedoch als Assyrer und Chaldäer bezeichnen.

Sie selbst oder ihre Herkunftsfamilien gehören verschiedenen heutigen Ostkirchen an: der syrisch-orthodoxen Kirche, syrisch-katholischen Kirche und Alten Kirche des Ostens, aber auch der römisch-katholischen Kirche des lateinischen Ritus oder protestantischen Gemeinden. Sie leben in Staaten des Nahen Ostens sowie zu großen Teilen in der Diaspora, vor allem in Europa und in den USA.

In der Türkei besteht seit dem 6. Oktober 1997 das offizielle Unterrichtsverbot für Aramäisch.[1]

Inhaltsverzeichnis

Fremdbezeichnung

Da die traditionelle Sammelbezeichnung von Angehörigen der Kirchen syrischsprachiger Tradition als (christliche) Syrer missverständlich geworden ist und von manchen der Betroffenen abgelehnt wird, besteht ein gewisser Bedarf nach einem eindeutigen und allgemein akzeptierten Ersatznamen. Ob der Versuch, mit der ursprünglichen Bezeichnung „Aramäer“ einen solchen anzubieten, Bestand hat, wird sich erweisen. Da er als eine Sammelbezeichnung propagiert wird, kann er in wissenschaftlicher Terminologie nicht an die Stelle genauerer Traditions- und Konfessionsbezeichnungen treten, weil anderenfalls gewichtige historische und gegenwärtige Unterschiede der verschiedenen syrischen Christengruppen eingeebnet würden. Der Name "Syrer" (griech. Syroi, aram. Suryoyo/Suryaye) für die Aramäer ist griechischen Ursprungs und verbreitete sich stark in der Zeit des Hellenismus.

Christianisierung der Aramäer

Da zur Zeit Jesu die aramäische Sprache von Palästina bis zum Perserreich und darüber hinaus verbreitet war, gibt es historisch weder eine einheitliche Christianisierung der Aramäer noch eine allen gemeinsame Kirchengeschichte. Insofern Jesus und seine Jünger eine Form des Aramäischen sprachen, gibt es ein aramäisches Christentum von Anfang an. Jedoch wird es sehr bald von einem Christentum griechischer Sprache überlagert, in der auch das Neue Testament verbreitet, Gottesdienst gefeiert und christliche Theologie betrieben wird. Als theologische und liturgische Sprache wird ein als Syrisch bezeichnetes Aramäisch zunächst besonders im Gebiet von Edessa und sodann in Mesopotamien östlich der Grenzen des Römischen Reiches bedeutsam.

Daraus gehen in der Spätantike die beiden großen Kirchen des syrischen Christentums hervor, (1) die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien und (2) die ostsyrische „Kirche des Ostens“. Im Laufe der weiteren Geschichte erlangen zusätzlich Bedeutung (3) die ebenfalls syrische Kirche der Maroniten und (4) die Chaldäisch-Katholische Kirche, der in der Neuzeit mit dem römischen Papst unierte Zweig der „Kirche des Ostens“ (siehe auch Syrische Christen im Irak). Kleinere aramäisch-sprachige Gruppen gab und gibt es z.T. noch heute in den Patriarchaten von Jerusalem und Antiochien der Anhänger des Konzils von Chalkedon. Gemeinsam ist allen genannten Kirchen die Benutzung des (Alt)Syrischen als Liturgiesprache und seit langem die Herrschaft oder Vorherrschaft des Islam in ihren traditionellen Verbreitungsgebieten.

Siedlungsgebiete und Bevölkerungszahl

Die heutigen aramäischen Christen wirken zumeist im Irak(siehe: Christen im Irak), im Süden Georgiens, in Syrien, im Libanon, in der Türkei (siehe: Aramäer in der Türkei) oder in der westlichen Diaspora (insbesondere in Europa und Amerika). Im Nordirak, in der Ebene von Mosul und in der Region Bagdad sowie in Nordost-, Zentral-Syrien und drei Dörfern im Qalamun-Gebirge westlich von Damaskus (Neuwestaramäisch) lebt immer noch eine größere Anzahl.

Alle Angaben zu Zahlen der heutigen aramäischen Christen beruhen auf Schätzungen und sind nicht selten politisch gefärbt, so zählt allein die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien ungefähr 9.6 Millionen Mitglieder.

Die größte aramäische Gemeinde bezogen auf die Einwohnerzahl befindet sich in Deutschland im Kreis Gütersloh; hier in den Städten Rheda-Wiedenbrück, Rietberg und Gütersloh.

Andere Aramäer

Die Verwendung des Aramäischen war und ist nicht auf Christen beschränkt (vgl. Mandäer), doch bilden sie und ihre Kirchen seit langem die stärkste Trägergruppe dieser Sprache.

Literatur

  • Hüsnü Acar: Menschen zwischen Kulturen. Aramäische Jugendliche in Deutschland. Paderborn 1997.
  • David Thomas (Hrsg.): Syrian Christians under Islam. The First Thousand Years. Brill, Leiden 2001. ISBN 90-04-12055-6
  • Sébastien de Courtois: Les derniers Araméens: le peuple oublié de Jesus. Paris 2004, ISBN 2-7103-2717-1
  • M. Tamcke (Hrsg.): Syriaca. Zur Geschichte, Theologie, Liturgie und Gegenwartslage der syrischen Kirchen. 2. deutsches Syrologen-Symposium (Juli 2000, Wittenberg) (Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte 17), Lit-Verlag Hamburg 2002. ISBN 3-8258-5800-6

Weblinks

Quellen

  1. Kath.net: Türkei: Zehn Jahre Lehrverbot für Aramäisch 6. Oktober 2007

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Aramäische Sprachen — Aramäisch (ארמית / Arāmît, ܐܪܡܝܐ / Ārāmāyâ) Gesprochen in Irak, Iran, Israel, Libanon, Syrien, Türkei, außerdem in der aramäischen Diaspora in Europa, Amerika und Australien Sprecher ca. 550.000 …   Deutsch Wikipedia

  • Aramäische Sprache — Aramäischer Text über der Pforte des Klosters Mor Gabriel im Tur Abdin. Die aramäische Sprache (ܐܪܡܝܐ/ Aramäisch) gehört zusammen mit dem Hebräischen zum nordwestsemitischen Zweig der semitischen Sprachen, die ein Zweig der …   Deutsch Wikipedia

  • Syrische Christen im Irak — Die Syrischen Christen im Irak stellen die Mehrheit innerhalb der christlichen Bevölkerung im Irak. Die Christen im Irak sind mehrheitlich Aramäer/Assyrer, und werden seit dem sturz des Saddam Regime, auch Chaldo Assyrer genannt. Sie sprechen… …   Deutsch Wikipedia

  • Hebräisch-Aramäische Schriften — Altes Testament Pentateuch 1. Buch Mose (Genesis: „Ursprung“) 2. Buch Mose (Exodus: „Auszug“) 3. Buch Mose (Levitikus: „Priesterliches Gesetz“) 4. Buch Mose (Numeri: „Zahlen“) 5. Buch Mose (Deuteronomium: „Zweites Gesetz“) Geschichtsbücher Buch… …   Deutsch Wikipedia

  • Arabische Christen — Als arabische Christen bezeichnet man Angehörige einer orientalischen christlichen Kirche, die entweder ethnische Araber oder kulturell und linguistisch arabisiert sind. Die Mehrheit der arabischen Christen lebt im Nahen Osten, wo der Islam die… …   Deutsch Wikipedia

  • Orientalische Christen — Mit dem Ausdruck Orientchristen bzw. Orientalische Christen werden Angehörige vorreformatorischer Kirchen im Nahen Osten bezeichnet. Dazu zählen u. a. aramäische,assyrische, iranische, türkische, armenische, koptische sowie arabische Christen.… …   Deutsch Wikipedia

  • Assyrische Christen — Die Bezeichnung einer heutigen Volksgruppe von Ostchristen als Assyrer bedeutet: Im engeren Sinn die Angehörigen der Assyrischen Kirche des Ostens, die unter Katholikos Patriarch Mar Dinkha IV. als weltweit einzige Kirche katholischen Typs (neben …   Deutsch Wikipedia

  • Orthodoxe Christen — Dieser Artikel handelt von den byzantinisch orthodoxen Kirchengemeinschaften. Weitere ostchristliche Konfessionen finden Sie unter Ostkirchen. Mit den Kirchengebäuden orthodoxer und anderer ostchristlicher Gemeinschaften befasst sich Orthodoxe… …   Deutsch Wikipedia

  • Johannes-Christen — Die Mandäer sind Angehörige eines monotheistischen Glaubens mit etwa 100.000 Anhängern. Die Mandäer (von aramäisch manda, Erkenntnis) werden in einigen Texten auch Nazoräer genannt (von ostaramäisch נצר : bewachen, beobachten, wohl „Leute, die… …   Deutsch Wikipedia

  • Sayfo — Der Völkermord an den Suryoye (Aramäisch Sayfo, Abkürzung von Shato d Sayfo für Jahr des Schwertes), einem aramäischsprachigen christlichen Volk, geschah in den Jahren 1915 bis 1917 im damaligen Osmanischen Reich. Mit dieser Vernichtung einer… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”