Arbeiterpriester

Arbeiterpriester sind katholische Priester, die kein festes Gehalt von der Kirche erhalten, sondern sich ihren Unterhalt selbst durch Handarbeit verdienen und dieses Engagement nutzen, um in Kontakt mit Arbeitern zu gelangen und sie für die Kirche zu gewinnen.

Inhaltsverzeichnis

Anfänge der Bewegung

Die Bewegung der Arbeiterpriester hat ihre Ursprünge im Belgien und Frankreich der 1920er und 1930er Jahre. In Brüssel gründete Joseph Cardijn 1924 den Verband der CAJ, der sich in den folgenden Jahren über Paris in sehr vielen Industriestandorten in Frankreich ausbreitete. Doch trotz ihres Erfolges blieben deutliche Differenzen zwischen den Arbeitern und den alteingesessen bürgerlich geprägten Pfarrern bestehen. Um diese Distanz zu überwinden, gab es von kirchlicher Seite verschiedene, voneinander unabhängige Versuche.

Die Dominikaner Jacques Loew und Louis Lebret gründeten 1941 das Studienzentrum Économie et humanisme, und Loew zog noch im selben Jahr ins Hafenviertel von Marseille, um aus erster Hand die Lebensbedingungen der Arbeiter kennenzulernen. Er nahm eine Arbeit als Hafenarbeiter an und wurde so zum ersten Arbeiterpriester Frankreichs. Seine Eindrücke fasste er in seinem Bericht aus den Docks zusammen.

1942 wurde in Lisieux ein Seminar der Mission de France gegründet, dem noch zwei weitere folgten. Die Zielsetzung war, Priesteramtskandidaten für die Arbeit in kirchenfernen Gebieten auszubilden, indem man Wert auf diverse Praktika in Industrie und Landwirtschaft legte.

Henri Godin und Yvan Daniel, zwei Kapläne der CAJ, veröffentlichten 1943 das Buch „La France, Pays de Mission?“, welches die einzige Möglichkeit einer Annäherung zwischen Kirche und Arbeiterschaft in der Einrichtung von an die Bedürfnisse der Arbeiter angepassten Pfarreien sah. Einer der Befürworter dieser Studie war der Kardinal von Paris, Emmanuel Suhard. Er rief eine anfangs aus 15 Personen (darunter auch zwei weibliche Laien) bestehende Gruppe ins Leben, die Mission de Paris, die sich in Pariser Arbeitervierteln niederließ und versuchte, die Arbeiter zu missionieren.

Ein anderer Ansatz entwickelte sich eher als Nebenprodukt während des 2. Weltkrieges, als viele Franzosen nach Deutschland gebracht wurden, um in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Diese Arbeiter durften nicht von französischen Geistlichen betreut werden. Um dieses Verbot zu umgehen, wurden 25 Geistliche von der französischen Kirchenleitung als einfache Arbeiter getarnt zwischen 1943 und 1944 nach Deutschland entsandt. Die meisten von ihnen wurden nach und nach enttarnt und von der Gestapo inhaftiert. Die illegalen Seelsorger bemerkten in dieser Umgebung, wie stark sich das Arbeitermilieu von ihren eigenen Wurzeln unterschied, und schlossen teilweise Freundschaften mit Mitgliedern der KPD oder der Résistance.

Die weitere Entwicklung bis zum Verbot

Bis 1945 förderten oder duldeten die französischen Bischöfe und die Kurie die Ausbreitung der Bewegung der Arbeiterpriester. Erst danach wurden in Rom Bedenken laut, aber vorerst wurde das Projekt als Experiment fortgesetzt. In verschiedenen Industriestädten richtete die Mission de Paris neue Standorte ein. Jedoch starb 1949 Kardinal Suhard, der der Bewegung immer sehr wohlwollend gegenüber gestanden hatte. Zu diesem Zeitpunkt gab es etwa 100 Priester, die mittlerweile ihren Hauptwirkungsort ganz in die Fabriken verlegt hatten. Viele traten der kommunistischen Gewerkschaft bei, da sie in den christlichen Gewerkschaften keine Repräsentationen der Arbeiter sahen. Sie engagierten sich auch bei Demonstrationen und Streiks, was für Aufsehen sorgte, insbesondere als 1952 zwei Priester bei einer Demonstration verhaftet wurden.

Diese Entwicklung der Annäherung an kommunistische Gedanken und die zunehmende Identifikation mit den Zielen der Arbeiter sowie die Hinterfragung des traditionellen Priesterbildes missfielen den Kirchenoberen. Anstatt die Kluft zwischen Arbeitern und Kirche zu schließen, wie es ursprünglich gedacht war, fanden sich die Arbeiterpriester auf der Seite des Proletariats wieder, während der Graben immer breiter wurde.

Der Druck der Kurie sorgte dafür, dass die Arbeiterpriester zunehmend isoliert wurden. Die erste offizielle Maßnahme gegen die Arbeiterpriester war das Verbot von Handarbeit für alle Priesteramtskandidaten sowohl der Orden als auch des Weltklerus im Herbst 1953. Kurz darauf wurde den Bischöfen und Ordensoberen durch den päpstlichen Nuntius mitgeteilt, dass alle Arbeiterpriester ihre Posten zu verlassen hätten. Das Ultimatum lief am 1. März 1954 aus. Schon zuvor hatten die Jesuiten am 28. Dezember 1953 ihre sieben Arbeiterpriester abgezogen, und die Dominikaner folgten kurz vor Ablauf des Ultimatums. Aus Protest wurde ein Artikel in der französischen Presse veröffentlicht, der von 73 Arbeiterpriestern unterzeichnet worden war.

1959 folgte dann das theologisch begründete Verbot, da nach Ansicht des Hl. Offiziums Priester nicht durch Arbeit, sondern durch Verkündung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente wirken sollten.

Neue Anstöße durch das II. Vatikanische Konzil

Im Zuge des zweiten Vatikanischen Konzils wurde die Rolle des Priesters soweit überdacht, dass eine Verbindung zwischen Priestertum und Handarbeit wieder möglich war. Die Arbeiterpriester nutzten die Chance, die das Konzil bot und schafften es, bei sämtlichen Sitzungsperioden vertreten zu sein, auch wenn sie nicht offiziell als Berater eingebunden waren. Auch die Hilfe von mit ihnen sympathisierenden Konzilstheologen, Beratern und Bischöfen wie Yves Congar OP, der sich schon früher für die Bewegung eingesetzt hatte, ermöglichte es den Arbeiterpriestern, die Neubewertung des Priesteramts zu erreichen.

Durch die faktische Aufhebung des Verbots der Arbeiterpriester durch das Konzil war es wieder möglich, Handarbeit und Priestertum zu vereinbaren. Diese Option wurde von vielen Priestern wahrgenommen, so dass die Zahl der Arbeiterpriester zunahm, bis schließlich nahezu 1000 von ihnen 1979 in Fabriken und anderen Firmen arbeiteten. Doch auch außerhalb Frankreichs gingen Priester in die Fabriken, so in Italien, Belgien und Spanien. In Deutschland wurden ebenfalls Projekte ins Leben gerufen, so gründeten die Dominikaner in Bottrop eine Kommunität, von der aus Brüder in Betrieben und auch im Bergbau arbeiteten.

Literatur

Thomas Eggensperger/Ulrich Engel: Frauen und Männer im Dominikanerorden ISBN 3-7867-1660-9

Weblinks

Ausführlicher Artikel über die Arbeiterpriesterbewegung


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