Arbeitnehmerorganisation
Briefmarke 1968
100 Jahre Gewerkschaften in Deutschland

Eine Gewerkschaft ist ein Interessenverband von Arbeitnehmern.

Inhaltsverzeichnis

Aufgaben und Interessen

Die Gewerkschaften sind zumeist aus der europäischen Arbeiterbewegung hervorgegangen und setzen sich seit ihrem Bestehen für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Mitbestimmung, für Arbeitszeitverkürzungen und teilweise auch für weitergehende Gesellschaftsveränderung ein. Sie schließen als Verhandlungspartner von Arbeitgeberverbänden u. a. überbetriebliche Tarifverträge ab und führen dazu Lohnkämpfe, gegebenenfalls auch mit Hilfe von Streiks und Boykotts. Die Gewerkschaften versuchen, in Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder, einen möglichst großen Teil der Unternehmensgewinne als Lohn und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen an die Belegschaft zu verteilen. Dagegen vertritt die Unternehmensführung die Interessen der Unternehmensinhaber bzw. Aktionäre, die möglichst hohe Gewinne erwirtschaften will, als ausgeschüttete Dividende und/oder als neue betriebliche Investitionen. Da es keine richtige oder optimale Aufteilung der Gewinne gibt, ist die Gewinnverteilung eine Machtfrage, die von beiden Parteien entsprechend ihrer Interessenlage unterschiedlich beurteilt wird. Gewerkschaften, die eine positive Entwicklung des Betriebes ebenfalls im Auge haben müssen, sind deshalb auch für neue betriebliche Investitionen, ohne die der Betrieb wirtschaftlich ins Hintertreffen geriete. Sie waren wegen dieser engen Verknüpfung mit den Unternehmensinteressen nie so radikal wie die Arbeiterparteien im 19. Jahrhundert. Richtig ist, dass Gewerkschaften – häufig begrenzt auf fachliche Sektoren – für den Erhalt ihres Sektors kämpfen, auch wenn dieser ökonomisch nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Gewerkschaftsvertreter sind sehr oft in den von Arbeitgebern finanzierten Aufsichtsräten an der Kontrolle der Betriebsleitung beteiligt. Leitende Angestellte werden mit steigender Hierarchieebene der Unternehmensleitung zugehörig betrachtet und sind entsprechend selten Gewerkschaftsmitglied.

Ökonomische Grundlage

Gewerkschaften weisen oft darauf hin, dass ihre Lohnforderungen für eine Umverteilung mindestens des Produktivitäts-Fortschritts sorgen und so insbesondere die Massenkaufkraft erhalten bleibt. So behielten Gewerkschaften ihre auf nachfrageorientierten Wachstumsmodellen gestützte Positionen bei.

Insbesondere neoklassisch orientierte Ökonomen fordern ein flexibles Arbeitszeitmodell; Gewerkschaften stehen jedoch häufig für andere Regelungen ein. Kritiker werfen Gewerkschaften vor, dadurch den heimischen Standort zu schwächen. Für die Ökonomen der Gewerkschaften – traditionell eher Anhänger des Keynesianismus – geht die Krise auf dem Arbeitsmarkt v. a. auf die Produktivitätszuwächse zurück, die gesellschaftlich ungleich verteilt sind und der Markt deshalb nicht das erhöhte Produktionspotential aufnehmen kann (Binnennachfrage). Die Gewerkschaften behaupten, nicht die Lohnkosten seien zu hoch, sondern die Löhne seien zu niedrig.

Gegner dieser Auffassung sagen, dass gerade für Unternehmen, die dazu in der Lage sind, flexibel den Standort in Niedriglohnländer zu verlagern, hohe Stundenlöhne jedoch abschreckend seien. Andererseits können sich auch die Verhältnisse in Niedriglohnländern schnell ändern. In China steigen die Löhne derzeit um bis zu zehn Prozent pro Jahr. Chinesen verlagern Produktionen nach Vietnam und Myanmar.

Behauptet wird auch, dass in Osteuropa in den letzten Jahren zahlreiche neue Werke von Autobauern entstanden und in Deutschland Arbeitsplätze verloren gegangen seien. In Ländern mit hoher Produktivität und niedrigeren Lohnkosten als in Deutschland, etwa Schweden, blieben Arbeitsplätze hingegen erhalten. Gerade in der Industrie seien von Arbeitsplatzabbau auch zuliefernde Unternehmen und damit weitere Stellen betroffen. Tatsächlich haben sich aber die durchschnittlichen Lohnstückkosten in Schweden in den letzten zehn Jahren um das Vierfache mehr erhöht als in Deutschland. Auch ist die Zahl der in der deutschen Automobilbranche Beschäftigten in Deutschland sogar gestiegen.

In globalisiertem Kontext aufgeführte keynesianische Argumente zu Nachfragestärkung würden nach den Kritikern angeblich damit überlagert, da ohne Arbeit auch keine Nachfrage möglich ist und weil sich Investitionen ungehinderter im globalen Markt bewegen können als Menschen.

Zur Kaufkrafttheorie der Löhne gibt es unterschiedliche Ansichten. Während der Kaufkrafttheorie kritisch gegenüberstehende Ökonomen meinen, dass diese Theorie die Verhältnisse zu sehr vereinfache, meinen die Befürworter dieser Theorie, dass die Gewinntheorie die Verhältnisse zu sehr vereinfache.

Durch die Senkung von Konfliktkosten tragen die Gewerkschaften in Deutschland zu einer stabilen Grundlage der Wirtschaft bei. Im Vergleich zu anderen industriell entwickelten Rechtsstaaten wird in Deutschland nur selten gestreikt. Als nach dem Prinzip der Gewaltenteilung wirkende Gegenkraft ermöglichen sie es den Arbeitgebern, sich klar auf ihre Standpunkte zu konzentrieren. Dem stehen auch Konsenskosten entgegen. In Rechtsstaaten sind diese vorwiegend finanzieller Natur. Sie unterscheiden sich somit von den menschlichen Kosten, die durch erzwungenen Konsens in autoritären Staaten entstehen.

Ziele

In den vergangenen Jahren nahm der Druck auf die Gewerkschaften zu. Staaten in Mittel- und Osteuropa sowie in Asien gelang es, ein hohes Bildungs-, Produktivitäts- und Infrastrukturniveau aufzubauen. In Staaten wie China erfolgt der Druck auf Gewerkschaften durch Kriminalisierung der Gründer unabhängiger Gewerkschaften. Weiterhin existiert als Kennzeichen für fehlende Rechtsstaatlichkeit ein Widerspruch zwischen gesetzlichen Regelungen und der Einklagbarkeit von Rechten.

Die Folge der Konkurrenz aus Gebieten mit geringerer Rechtsstaatlichkeit und der Unterdrückung von Gewerkschaften war zum Teil die Abwanderung von Arbeitsplätzen aus Westeuropa. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit und der (umstrittenen) These, ein Industrieland wie z. B. Deutschland sei international nicht mehr wettbewerbsfähig, halten die Gewerkschaften an Lohnforderungen fest, die zumindest die Inflation ausgleichen, aber auch teilweise höher sind als das wirtschaftliche Wachstum, wenn in einer Branche besonders hohe Produktivitätszuwächse zu verzeichnen sind.

In Deutschland wird auf die im internationalen Vergleich wenigsten Streiktage verwiesen. Streiks sind für alle Gewerkschaften mit hohen Kosten verbunden und für Arbeitgeber neben kurzfristigen Produktionsausfällen langfristig ein Standortnachteil. So ist es im Sinne beider Parteien, Streiks zu vermeiden.

Die meisten Gewerkschaften halten Strategien von Lohnsenkung, um gegen Maschinen zu konkurrieren oder um arbeitsintensive Produktionen zu halten, langfristig für verfehlt, auch wenn sie in Einzelfällen entsprechenden Abmachungen zustimmen. Eine wirtschaftstheoretische Grundlage für solche Lohnsenkungen hierfür gibt es jedoch nicht.

Gewerkschaften zielen bei ihren Aktivitäten auf die Schaffung neuer Massennachfrage, die die Binnenkonjunktur anregen soll. So wird z. B. die Abkopplung Deutschlands von der anziehenden Weltkonjunktur zum Teil auf die schwache Binnennachfrage zurückgeführt. Einige Wirtschaftsexperten kritisieren jedoch, dass dabei der doppelte Nachfrageeffekt von den Gewerkschaften keine Berücksichtigung findet. Nachfrage entstehe auch dann, wenn man es Unternehmen erleichtert, Investitionen zu tätigen. Jedoch ist die Wirkung der Investition der eines vorweggenommenen zukünftigen Konsums gleich, denn investiert wird nur dort, wo später auch Konsum erwartet wird.

Es wird jedoch von Gegnern dieser These behauptet, dass sie nur kurzfristig gelte. Denn langfristig sei der Konsum der Zukunft durch die Kredite für die Investitionen in der Vergangenheit bereits gebunden. Somit können man sich langfristig auf die Betrachtung des Konsums zurückziehen und deswegen den Effekt der doppelten Nachfrage ignorieren.) Allerdings haben die letzten Jahre gezeigt, dass beispielsweise Großunternehmen verstärkt nicht mehr im Inland, sondern auf den Kapitalmärkten oder in Fusionen mit ausländischen Unternehmen investieren. Auch Exportrekorde der deutschen Wirtschaft – die der These mangelnder internationaler Wettbewerbsfähigkeit widersprechen – können die Binnennachfrage nicht ausreichend stützen.

Bedeutender ist beim doppelten Nachfrageeffekt jedoch die Nachfrage im Inland. Diese ist naturgemäß hoch, wenn es heimischen Unternehmen gut geht. Denn nicht nur private Haushalte, sondern insbesondere auch heimische Unternehmen konsumieren im Inland, etwa über Zulieferungen. Hohe Löhne oder hohe Abgaben jedoch wirkten diesem Konsum entgegen und verlagerten ihn ins Ausland. Dieser These wird aber mit dem Argument widersprochen, die hohen Löhne an ortsansässige Mitarbeiter würden diesen erst ermöglichen, auch in der Region ihr erarbeitetes Geld auszugeben, sodass sich bei Lohnerhöhungen allenfalls eine Substitution von Zahlungen an regionale Zulieferer zu Zahlungen an regionale Mitarbeiter ergebe. Ähnlich sehe es mit Staatsabgaben aus, die auch vom jeweiligen Staat zur Bezahlung seiner Ausgaben in bevorzugt seinem Staatsgebiet verwendet würden.


Gesellschaftspolitische Aufgaben der Gewerkschaften

Den Gewerkschaften gelang es im Laufe der Nachkriegszeit immer deutlicher, auch als allgemeiner gesellschaftlicher Vertreter der Interessen der arbeitenden Bevölkerung politisch und institutionell anerkannt zu werden. Hierbei übernahmen sie außerhalb des eigentlichen Koalitionszwecks, wie der Wahrnehmung der Arbeitnehmerinteressen beim Abschluss von Tarifverträgen, umfangreiche Aufgaben. Dies gelang vor allem im politischen Raum umso mehr, als sie in allen Parlamenten durch eine große Anzahl von ihnen als Mitglieder angehörenden Abgeordneten Unterstützung fanden. So waren in den Bundestagen von 1965 – 1987 sowie von 1998 (gemeint ist jeweils das Wahljahr) zwischen 50 % und 60% der Abgeordneten Mitglieder von Gewerkschaften, 2002 waren es 47 %, 2005 sind es unter 40 % ( 36 % bei den DGB-Gewerkschaften). Im Rahmen der Mitbestimmung der Arbeitnehmer bei den sie beschäftigten Betrieben, erhielten die Gewerkschaften, soweit sie dort Mitglieder besitzen, selbständige Antrags- und Beteiligungsrechte, wie auch grundsätzliche Zugangsrechte zu den Betrieben. Bei Unternehmen, die mehr als 2000 Beschäftigte haben, haben sie das Recht zwei, bzw. drei der den dort Beschäftigten zustehenden Aufsichtsräte (zwischen 6 und 10 je nach Betriebsgröße) direkt zu stellen. Zwar werden auch die Gewerkschaftsvertreter von den stimmberechtigten Mitarbeitern des Betriebes, bzw. deren Delegierten gewählt, jedoch steht das Vorschlagsrecht hierzu allein der Gewerkschaft zu. So saßen nach einer Ermittlung des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahre 2006 in den Aufsichtsräten der mitbestimmungspflichtigen Unternehmen ca. 1.700, zum teil hochrangige, Vertreter der Gewerkschaften. An der Sozial- und Arbeitsverwaltung nehmen die Gewerkschaften teilweise durch Entsendung von Mitgliedern teil und treten immer dort als Vertreter der Arbeitnehmer auf, wo die Arbeitgeber sich von ihren Verbänden vertreten lassen. Aufgrund ihrer Stellung entsenden sie auch ihre Vertreter in allgemeine Einrichtungen, wie etwa den bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gebildeten Rundfunkräten.

Schwächung der Gewerkschaften

Wie andere gesellschaftliche Großorganisationen haben die Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten einen erheblichen Mitgliederschwund gehabt (genauere Angaben zum DGB s.u.). Häufig genannte Gründe sind u.a. eine gesellschaftliche Tendenz zur Individualisierung, kleiner werdende Betriebsstrukturen, Verringerung von Arbeitsplätzen in der Industrie zu Gunsten des Dienstleistungsbereichs, aber auch der Führungsstil der Gewerkschaften, Korruptionsaffären und Unzufriedenheit der Mitglieder mit den Ergebnissen bei der Durchsetzung von Entgelterhöhungen. Von dieser Entwicklung sind die meisten westlichen Staaten und auch Japan betroffen, mit Ausnahme der skandinavischen Staaten sowie Belgien, wie der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen ist.

Tabelle[1] gewerkschaftlicher Organisationsgrad westlicher Länder

Land 1960 1980 2000
Schweden 70,7 78,2 81,9
Finnland 29,3 70,0 79,0
Dänemark 60,2 77,5 81,7
Belgien 40,7 56,6 58,0
Norwegen 51,6 54,1 54.3
Irland 43,8 55,3 38,5
Österreich 57,8 50,8 35,3
Italien 22,2 44,4 31,0
UK* 43,5 52,2 29,5
Deutschland 34,2 33,6 21,6
Japan* 32,2 30,3 21,5
Niederlande 41,0 32,4 22,3
USA* 28,9 21,1 13,5
Frankreich 19,2 17,1 9,0

Organisationsgrad in %: aktive Mitglieder (ohne Rentner) zu abhängig Beschäftigte zzgl. Arbeitslose; Länder mit *: Mitglieder zu abhängig Beschäftigte.

Internationale Gewerkschaftsverbände

Internationaler Gewerkschaftsbund

Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB; engl.: International Trade Union Confederation, ITUC; franz.: Confédération syndicale internationale, CSI) ist ein internationaler Gewerkschaftsdachverband mit Sitz in Brüssel.

Um den Herausforderungen der Globalisierung der Wirtschaft wirksamer begegnen zu können, haben sich die beiden demokratischen internationalen Gewerkschaftsorganisationen, der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) und der Weltverband der Arbeitnehmer (WVA) sowie acht bisher keinem internationalen Dachverband angeschlossene Gewerkschaften 2006 in Wien zum Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) zusammengeschlossen

Dem neuen IGB gehören 306 Gewerkschaften aus 154 Ländern mit rund 168 Millionen Mitgliedern an. Darunter ist auch der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Österreichische Gewerkschaftsbund.

Europäischer Gewerkschaftsbund

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB; engl.: European Trade Union Confederation, ETUC) ist der europäische Dachverband der Gewerkschaften mit Sitz in Brüssel. Die sektorübergreifende Organisation wurde 1973 von 17 Gewerkschaftsverbänden aus 15 Staaten gegründet und vertrat rund 29 Millionen gewerkschaftlich organisierte Mitglieder. Es ist eine Nachfolgeorganisation vom Europäischen Bund freier Gewerkschaften in der EWG und des Gewerkschaftskongress der EFTA-Staaten.

Ihr gehören im Januar 2006 rund 79 nationale Gewerkschaftverbände aus 35 europäischen Staaten als Mitglieder, darunter der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) sowie der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und Travail.Suisse.

Industrial Workers of the World

Die Organisation Industrial Workers of the World (IWW), deren Mitglieder oft auch als Wobblies bezeichnet werden, ist ein weltweiter Gewerkschaftsbund, der gegenwärtig jedoch kaum Einfluss außerhalb der USA, Kanadas und Australiens hat. In Großbritannien, der größten Regionalstruktur in Europa, zählt die IWW im Jahr 2007 rund 250 Mitglieder. Im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz, Luxemburg) existiert eine eigenständige Sektion der IWW, die im Dezember 2006 in Köln gegründet wurde (German Language Area Members Regional Organising Commitee, IWW-GLAMROC; Regionales Organisationskomitee der IWW-Mitglieder im deutschsprachigen Raum).

Internationale ArbeiterInnen-Assoziation

Die Internationale ArbeiterInnen-Assoziation (IAA) (engl.: International Workers' Association, IWA; span.: Asociatión Internacional de los Trabajadores, AIT; franz.: Association internationale des travailleurs, AIT) ist ein weltweiter anarchosyndikalistischer Gewerkschaftsbund. Die IAA wurde 1922 gegründet und existiert bis heute. Zu ihrer Glanzzeit waren über zwei Millionen Menschen in Spanien zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs in der Confederación Nacional del Trabajo, dem spanischen Arm der IAA, organisiert. Sie war zu dieser Zeit die stärkste spanische Gewerkschaft. In Deutschland ist die Freie ArbeiterInnen Union (FAU) Mitglied der IAA.

Deutschland

Gegenwartssituation

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist die größte Dachorganisation von Mitgliedsgewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Ihm gehören folgende acht Mitgliedsgewerkschaften an:

Sie decken alle Branchen und Wirtschaftsbereiche ab. Der DGB vereinte 2001 rund 84 % aller deutschen Gewerkschaftsmitglieder. Er hatte 1991 etwa elf Millionen Mitglieder und 2005 rund 6,8 Millionen Mitglieder, im Jahre 2007 waren es 6,4 Millionen Mitglieder (Stichtag 31. Dezember 2007 ), wovon etwa mehr als zwei Drittel beruflich aktiv sind.

Als weitere Gewerkschaften, die nicht zum DGB gehören gibt es:

  • dbb beamtenbund und tarifunion im Bereich des öffentlichen Dienstes mit über 1,25 Mio. Mitgliedern, mit dem Schwerpunkt der Beamtenvertretung. Diese Gewerkschaft konkurriert in diesem Bereich mit den DGB-Gewerkschaften ver.di, GEW und GdP.
  • Christlicher Gewerkschaftsbund (CGB) mit 18 kleinen Einzelgewerkschaften und Tarifgemeinschaften.
  • sowie kleinere Gewerkschaften vornehmlich in den Bereichen Gesundheit und Pflege, im öffentlichen Dienst, bei Fluglinien und Flughäfen und mit branchenübergreifenden Anliegen.

Bei Betriebsratswahlen konnten die DGB-Gewerkschaften drei Viertel aller Betriebsratsangehörigen für sich gewinnen. Die Unabhängigen mit ihrer Dachorganisation Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) errang mehr als 10 % der Stimmen.

Gewerkschaften lassen sich in Berufs- und Fachverbände, Industrieverbände und Betriebsverbände unterteilen. In Berufsverbänden sind Arbeitnehmer nach Berufsgruppen zusammengeschlossen (z. B. Techniker + Schreiner), unabhängig davon, in welchem Wirtschaftszweig sie beschäftigt sind. Berufsverbände nehmen häufig nur eingeschränkte gewerkschaftliche Funktionen wahr. Sie schließen im Regelfall keine Tarifverträge ab.

Siehe auch: Liste von Gewerkschaften in Deutschland

Rechtsstatus

Gewerkschaften stehen als sozialpolitische Koalitionen unter dem besonderen Schutz der grundgesetzlich gewährleisteten Unabdingbarkeit des Rechtes auf die Bildung von Vereinigungen zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, darum sind Abreden zur Einschränkung oder Behinderung dieses Rechtes nichtig und rechtswidrig.[2]

Nach der Rechtsprechung deutscher Gerichte ist eine Gewerkschaft eine auf freiwilliger Basis errichtete privatrechtliche Vereinigung von Arbeitnehmern, die als satzungsgemäße Aufgabe den Zweck der Wahrnehmung und Förderung jedenfalls auch der wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder verfolgt, die gegnerfrei, in ihrer Willensbildung strukturell unabhängig von Einflüssen Dritter und auf überbetrieblicher Grundlage organisiert ist und Tariffähigkeit, d. h. die rechtliche Fähigkeit besitzt, die Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder tarifvertraglich mit normativer Wirkung zu regeln.[3]

Manche Gewerkschaften organisieren sich als eingetragener Verein und sind deshalb juristische Personen des Privatrechts. Andere Gewerkschaften sind keine eingetragenen Vereine, werden aber – wie politische Parteien – dennoch als rechtsfähige Personenvereinigung behandelt.

Aktuelle Rechtsprechung

Die Tariffähigkeit der Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen (CGZP) steht aktuell in Frage. Am 1.4.2009 urteilte das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, ähnlich wie zuvor andere Arbeitsgerichte, die CGZB sei nicht tariffähig da die CGZB auf Grund fehlender Mitglieder nicht über die notwendige Sozialmächtigkeit verfüge und Tarifabschlüsse der CGZP durch Umgehung des Gleichstellungsgrundsatzes des AüG lediglich im Interesse der Arbeitgeber lägen. Das Urteil ist auf Grund angekündigter Beschwerde noch nicht rechtsgültig.[4]

Der Status der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) war umstritten. Das Bundesarbeitsgericht hat jedoch in seiner Entscheidung vom 28. März 2006 der CGM letztinstanzlich die Tariffähigkeit bestätigt.[5]

Geschichte

1329: Streik der Handwerksgesellen

Carl Legien, deutscher Gewerkschaftsführer
Hans-Böckler-Denkmal in Berlin
DGB-Gewerkschaftsjugend
Gewerkschaften demonstrieren gegen Sparpolitik in NRW (23. März 2006)

Arbeitskonflikte und Arbeitskämpfe sind in Deutschland schon früh belegt, sie wurden zunächst von Handwerksgesellen bestritten: die Arbeitsniederlegung der Gürtlergesellen (Messingschlosser) 1329 in Breslau, der Streik der Schneidergesellen in Konstanz 1389 oder der Streik der Bergleute 1469 in Altenberg. Bekannter ist der Aufstand der Weber 1844 in Schlesien.

1848/49 bzw. 1865: Die ersten Gewerkschaften

Waren im Vormärz noch die Arbeitervereine die Vertreter der Arbeiterklasse, entwickelten sich mit der Revolution der Jahre 1848/1849 sozialdemokratische und gewerkschaftliche Strömungen. Die größte Sammlungsbewegung war dabei der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein unter Führung von Ferdinand Lassalle, die gemeinhin als Vorläufer moderner gewerkschaftlicher Organisationen und sozialdemokratischer Parteien gilt.

Parallel dazu entwickelten sich Einzelgewerkschaften, die sich in der Tradition der Zunftverfassung auf einzelne Berufsgruppen beschränkten.

In den wachsenden Großstädten entstanden nach dem Druckerverband (1849) Berufsverbände der Zigarren-, Textil- und Metallarbeiter, der Bergleute, Schneider, Bäcker, Schuhmacher und der Holz- und Bauarbeiter.
Die Association der Zigarrenarbeiter Deutschlands in Berlin gründete sich 1848. Sie fand schnell in 40 weiteren deutschen Städten eher kurzlebige Nachahmer. Der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein, gegründet 1865 in Leipzig (Mitgründer und Präsident war Friedrich Wilhelm Fritzsche) war die erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland. Sie wurde zum Vorbild vieler neu gegründeter Gewerkschaften und ist eine Vorläuferorganisationen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

DGB-Gründung und sein Vorläufer

Am 14. März 1892 wurde in Halberstadt in einer Gaststätte durch Carl Legien die Gründungskonferenz der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands einberufen. Damit gaben sich die mitgliederstärksten Gewerkschaften einen Dachverband im Deutschen Reich. Die Gründung war nunmehr möglich, da noch kurz zuvor das Sozialistengesetz herrschte, unter dem Sozialdemokraten und ihnen nahestehende Gewerkschafter vom Staat verfolgt wurden.

1949 fand der Gründungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes unter der Leitung von Hans Böckler in München im Kongresssaal statt. An dieser Versammlung nahmen auch die Spitzen des Staates von Bayern (Ministerpräsident Hans Ehard, CSU) und der Bundesrepublick Deutschland (Arbeitsminister Anton Storch, CDU) teil.

Behinderung der Gewerkschaften

Nach Jahrzehnten der Repression und Behinderung durch die Obrigkeit traten gewerkschaftliche Organisationen im Vormärz und während der deutschen Revolution verstärkt öffentlich in Erscheinung und artikulierten ihre Forderungen. Das Scheitern der Revolution und die darauf folgende Phase der Restauration führte jedoch dazu, dass die gewerkschaftliche Bewegung erneut an Schlagkraft verlor und sich erneuten Repressionen ausgesetzt sah. Erst durch neue Reformen in den Jahren 1869 bzw. 1871, etwa die der Gewerbeordnung durch die Gewerbe- und Koalitionsfreiheit eingeführt wurde, entwickelten sich Gewerkschaften als Vertragspartner von Unternehmerverbänden. Die Arbeiterschaft musste um ihr Existenzminimum ringen, während die Unternehmer feudalistische Privilegien besaßen. Die Gewerkschaften waren zunächst daran interessiert die Lage ihrer Mitglieder zu verbessern. Sie führten Arbeitskämpfe, Streiks und Kaufboykotts gegen die Unternehmer durch. Dieser Machtzuwachs und die damit einhergehende Gefahr für das herrschende System brachte die Herrschenden dazu, Gewerkschaften zeitweise zu verbieten oder gesetzlich zu behindern. Generell verboten wurden gewerkschaftliche Aktivitäten zwischen 1878 und 1890 durch das Bismarcksche Sozialistengesetz. Erst mit dem Halberstadter Kongress des Jahres 1892 gewann die Gewerkschaftsbewegung wieder stark an Bedeutung und Macht.

Gruppierung nach beruflicher und politischer Orientierung

Die deutschen Gewerkschaften orientierten sich an den parteipolitischen Linien sowie nach Berufen bzw. Berufsgruppen und nicht nach dem Prinzip ein Betrieb = eine Gewerkschaft. Diese berufsständische Gewerkschaftsorganisation geht auf die traditionelle Zunftverfassung und die Festlegungen des Halberstadter Kongresses zurück. Der ADGB und der AfA-Bund als größte Gewerkschaftsorganisationen standen der SPD, die Christlichen Gewerkschaften der christlichen Zentrumspartei, die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) der KPD, die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine der liberalen DDP und der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband (DHV) der rechtsextremen DNVP bzw. in der Endphase der Weimarer Republik sogar der NSDAP nahe. Die syndikalistische Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) lehnte Parteipolitik ganz ab.

Verbot der Gewerkschaften während des Nationalsozialismus

1920 wehrte noch der größte Teil der Gewerkschaftsbewegung mit einem gemeinsamen Generalstreik den Kapp-Putsch ab. 1933 dagegen zögerten die Gewerkschaften mit Maßnahmen gegen die aufziehende Hitler-Diktatur. Nach der Machtergreifung der Nazis wurden viele Gewerkschaftsführer in Konzentrationslager gesperrt und ihre Gewerkschaftshäuser von der SA besetzt. Auch ein Aufruf der Gewerkschaften, den von den Nazis am 1. Mai 1933 veranstalteten Tag der Nationalen Arbeit zu unterstützen, half nichts. Am Tag danach verbot man die Gewerkschaften, und ihr Vermögen wurde auf die Nazi-Massenorganisation Deutsche Arbeitsfront (DAF) übertragen. In der DAF, deren Mitgliedschaft nicht verpflichtend war, waren zahlreiche ehemalige Gewerkschafter vertreten. 1944 hatte die DAF, als größte nationalsozialistische Massenorganisation, ca. 25 Millionen Mitglieder.

Wiederaufbau der Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte der Wiederaufbau der Gewerkschaften. Der erste Vorsitzende des DGB Hans Böckler verfolgte das Konzept, alle Arbeitnehmer in einer parteipolitisch nicht gebundenen Einheitsgewerkschaft zu vereinigen, die unter einen starken Dachverband zusammengefasst werden sollten. Es gab jedoch Widerstand, vor allem von der IG Metall. Der DGB wurde 1949 gegründet. Trotz aller Einheitsaufrufe bildeten sich aber auch der berufständisch orientierte Beamtenbund und als Abspaltung später die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Unions-Kreise und wirtschaftsnahe Kirchenkreise gründeten zudem um 1950 den Christlichen Gewerkschaftsbund, der jedoch keine größere Mitgliederzahlen erreichen konnte.

Die deutschen Gewerkschaften DGB, DAG und Beamtenbund entwickelten sich zu Partnern bei den Tarifverhandlungen, und sie nahmen Einfluss bei der Gesetzgebung im Arbeits- und Sozialbereich.

Gewerkschaften in der DDR

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde nach dem Krieg der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) als parteiübergreifende Einheitsgewerkschaft gegründet. Nach Gründung der SED 1947 wurden aber umgehend Säuberungen vorgenommen. Christlich-soziale und weiterhin eigenständig sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionäre wurden abgesetzt und mussten in den Westen fliehen. In Westberlin gründete sich als Abspaltung die Unabhängige Gewerkschaftsopposition (UGO), der spätere Landesbezirk des DGB.

Nach dem gescheiterten Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 wurden weitere unabhängigere Gewerkschaftler als „Kapitulanten“ oder „Westagenten“ diffamiert und ihrer Ämter enthoben, so auch der Vorsitzende der IG Bau-Holz Franz Jahn und fast alle seine Vorstandskollegen. Der FDGB wurde damit endgültig zu einer parteigesteuerten DDR-Massenorganisation.

Gewerkschaften nach der Wiedervereinigung

Auch 1989 stand der FDGB nicht an der Spitze der Demokratiebewegung, er wurde einfach überrollt und „abgewickelt“. Erzwungene Neuwahlen brachten dort zwar neue Kräfte nach vorn, der FDGB aber wurde von ihnen als nicht mehr reformierbar angesehen und Anfang 1990 aufgelöst. Trotz der Kontaktaufnahme der DDR-Branchengewerkschaften zu den entsprechenden Gewerkschaften in der Bundesrepublik entschieden sich aber die DGB-Gewerkschaften, im Einverständnis mit vielen Gewerkschaftsmitgliedern aus der DDR, für den Aufbau neuer örtlicher bzw. regionaler DGB- und Gewerkschaftsstrukturen.

Die Gewerkschaften bekam zunächst mehrere Millionen neuer Mitglieder, von denen aber nach dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie viele wieder ausschieden. In den 1990er Jahren hat sich die Anzahl der sechzehn DGB-Gewerkschaften durch Fusionen auf acht Branchengewerkschaften reduziert. Auch die DAG wurde in der fusionierten Gewerkschaft ver.di Teil des DGB.

Branchengewerkschaften

Da sich diverse spezialisierte Branchen schlecht vertreten fühlten, gründeten sie eigene Fachgewerkschaften. Beispiele dafür sind die Vereinigung Cockpit (VC), die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) sowie der Marburger Bund. Diese kleineren Gewerkschaften weisen teilweise einen überdurchschnittlichen Organisationsgrad von bis zu 80 % auf.

Schwächung des DGB

Im Jahr 2007 wurde ein bisher in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte einmaliger Versuch eines Unternehmens bekannt, Einfluss auf Gewerkschaften zu nehmen. Bereits in den späten 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts traf die Siemens AG Maßnahmen zur Schwächung des Einflusses des DGB. Zunächst ging es darum, den Einfluss des DGB im Aufsichtsrat des Konzerns zu mindern. Die eigentliche Ausführung dieses Plans begann in den 1980er Jahren. Es entstand die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger. Als „die andere Gewerkschaft“ positioniert sich die AUB heute bewusst gegen „traditionelle Gewerkschaften“.[6] Zwar hat die AUB nur etwa 32.000 Mitglieder, aber im Jahr 2003 erklärte der AUB-Vorsitzende Schelsky: „In zehn Jahren sind wir in Deutschland der einzige Wettbewerber zum Deutschen Gewerkschaftsbund.“ Dann werde seine Organisation auch politisch stärkeren Einfluss haben.[7] Nachdem Zahlungen der Siemens AG von ungefähr 14 Mio. Euro an den Unternehmensberater und AUB-Vorsitzenden Wilhelm Schelsky bekannt wurden, ohne dass dafür Leistungen verzeichnet waren, wurden Büros von Schelsky, Siemens und der AUB durchsucht. Am 14. Februar 2007 wurde Schelsky wegen des Verdachts auf Steuerstraftaten in Untersuchungshaft genommen. Die Zahlungen von Siemens an Schelsky werden inzwischen auf etwa 54 Millionen Euro geschätzt. Direkte Zahlungen von Siemens an die AUB konnten jedoch nicht nachgewiesen werden.

Mitgliederverluste

In den 1990er Jahren hatten die Gewerkschaften hohe Mitgliederverluste. In den DGB-Gewerkschaften gab es 2005 rund 6,8 Mio. Mitglieder; das entsprach 25 % der Arbeitnehmer. 2007 waren es nach Angaben des DGB 6,4 Mio. Mitglieder (einschließlich Rentner und Arbeitslose). Der Nettoorganisationsgrad (NOG I: aktive Mitglieder -ohne Rentner- zzgl. Arbeitslose) betrug im Jahr 2000 in Deutschland 21,3 % (1960: 34,2 und 1980: 33,6, nach Ebbinghaus in Schroeder-Weßels, Handbuch S. 196). Neuere Angaben zum Organisationsgrad fehlen zur Zeit. Beim DGB waren 2007 bezogen auf die in diesem Jahr durchschnittlich sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 39,7 Mio. 16,12 % noch organisiert, wobei aber diese Zahl nach unten zu korrigieren ist, da der DGB einschließlich inaktive Mitglieder (wie Rentner und Arbeitslose) rechnet, während die von der Bundesagentur für Arbeit ermittelten Gesamtbeschäftigten nur aktive Personen umfassen.

Flexibilität durch gleichverteilte Durchsetzungskraft

Eine im internationalen Vergleich recht einmalige Aufgabe stellt der deutsche Gesetzgeber den Gewerkschaften bei Verhandlungen: Die Asymmetrie bei Verhandlungen zwischen einem Arbeitnehmer und einem Arbeitgeber führt zu einer Einschränkung beider Seiten durch ein mit starkem Schutz für den einzelnen Arbeitnehmer ausgestattetes Arbeitsrecht. Hat sich der Arbeitnehmer jedoch in einer ausreichend starken Arbeitnehmervereinigung organisiert, kann diese in Tarifverträgen gesetzliche Beschränkungen des Verhandlungsspielraumes überwinden, die ansonsten unabdingbar wären. Nach der Rechtsprechung bedeutet „ausreichend stark“, dass die Arbeitnehmervereinigung Kampfmaßnahmen durchführen kann und zeigt, dass sie die ihr rechtlich erlaubten Maßnahmen im vollem Umfang zu nutzen bereit ist. Inwieweit auf einzelne Betriebe beschränkte Arbeitnehmervereinigungen ausreichend Durchsetzungsvermögen haben, ist in Einzelfall zu klären.

Tatsächlich kann diese Konstruktion des deutschen Rechts dazu führen, dass Arbeitnehmer auf Schutz verzichten, der ihnen individualrechtlich zustünde. Nach Ansicht Einiger resultiert daraus eine im internationalen Vergleich der Rechtsstaaten relativ hohe Flexibilität bei der Anwendung des Arbeitsrechts ohne staatliche Intervention. Nur in nicht rechtsstaatlich organisierten Ländern (z. B. China) und in Ländern mit religiös eingeschränkter beruflicher Selbstbestimmung (z. B. Indien) kann eine noch höhere Flexibilität für Arbeitgeber erreicht werden, wenn Schutzgesetze fehlen, theoretisch bestehender Schutz praktisch nicht einklagbar ist und freie Gewerkschaften verboten sind.

Die Möglichkeit zum Verzicht auf individualrechtlich unabdingbaren Schutz begründet auch die Tatsache, dass Tarifverträge prinzipiell nur für gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer gelten. Nicht organisierten Arbeitnehmern dürfen sie nicht aufgezwungen werden. In der Praxis jedoch werden Tarifverträge von Arbeitgebern auch auf nicht organisierte Arbeitnehmer angewandt, wenn diese dadurch überwiegend Vorteile haben. Diese Arbeitnehmer nutzen dann die Verhandlungsarbeit der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, ohne sich mit Mitgliedsbeiträgen daran beteiligt zu haben.

Finanzierung

Gewerkschaften finanzieren sich offiziell nur über Mitgliedsbeiträge. Eine verbindliche Regel gibt es dafür allerdings meist nicht. Meist beträgt der Beitrag ein Prozent des Bruttoverdienstes, daher der frühere Slogan: Ein Pfennig von jeder Mark – dieser Beitrag macht uns stark.

Belgien

Die erste Gewerkschaft ("Vakbond") wurde in Belgien von den Schriftsetzern in Brüssel 1842 gegründet.

Belgien hat mit ca. 80 % der Beschäftigten einen der höchsten gewerkschaftlichen Organisationsgrade in Europa.

In Belgien gibt es verschiedene Gewerkschaftsrichtungen, unter anderem „Freie Gewerkschaften“. Der mitgliederstärkste Gewerkschaftsbund, die Confédération des syndicats chrétiens (CSC), ist christlich-sozial orientiert. Die Confédération Générale des Syndicats Libéraux de Belgique (CGSLB) ist ein unabhängiger Gewerkschaftsbund. In Belgien existiert außerdem ein sozial-liberal orientierter Gewerkschaftsbund, die Fédération générale du travail de belgique (FGTB), der zweitgrößte Gewerkschaftsbund insgesamt.

Folgende Gewerkschaften (Vakbonden) sind im flämischen Teil Belgiens registriert:

ABVV - Algemeen Belgisch Vakverbond, ACLVB - Algemene Centrale Der Liberale Vakbonden Van België, ACV - Algemeen Christelijk Vakverbond, NCK - Nationale Confederatie van Kaderleden, Neutr-On - Neutrale Vakbond, UF - Nuod-unie van Financiën.

Frankreich

In Frankreich gibt es verschiedene vorwiegend politisch ausgerichtete Gewerkschaften:

Confédération française démocratique du travail

Die Confédération française démocratique du travail (CFDT; Französischer Demokratischer Gewerkschaftsbund) ist mit etwa 800.000 Mitgliedern der größte Gewerkschaftsbund Frankreichs. Gegründet wurde die CFDT 1964, als die Mitglieder des christlichen Gewerkschaftsbunds Confédération française des travailleurs chrétiens (CFTC) sich mehrheitlich für eine Säkularisierung und die Umbenennung zur CFDT entschieden. Etwa ein Zehntel ihrer Mitglieder verließ allerdings in der Folge den Verband und gründete die CFTC wieder neu.

In ihren frühen Jahren stand die CFDT politisch der Parti socialiste unifié (PSU) nahe, ab 1974 dann der Parti socialiste (PS) unter François Mitterrand. Inzwischen ist die CFDT allerdings politisch weitgehend ungebunden und unterstützte beispielsweise 1995 den konservativen Premierminister Alain Juppé bei der Durchsetzung heftig umstrittener Sozialstaatsreformen.

Confédération générale du travail

Die Confédération générale du travail (CGT; Allgemeiner Gewerkschaftsbund) ist ein französischer Gewerkschaftsbund, der traditionell der Kommunistische Partei Frankreichs nahe steht. Seit einigen Jahren ist allerdings zu beobachten, dass diese Verbindung zunehmend schwächer wird.

Gegründet wurde die CGT 1895 auf einem Kongress in Limoges durch den Zusammenschluss der Fédération des bourses du travail und der Fédération nationale des syndicats.

Heute ist die CGT mit etwa 700.000 Mitgliedern der zweitgrößte Gewerkschaftsbund Frankreichs. Geographische Schwerpunkte sind das Département Ariège im Südwesten des Landes und das Limousin.

Confédération générale du travail-Force ouvrière

Die Confédération générale du travail-Force ouvrière (CGT-FO; sinngemäß: Allgemeiner Gewerkschaftsbund-Arbeitermacht), heute in aller Regel Force ouvrière (FO) genannt, ist einer der vier bedeutenden Gewerkschaftsbünde in Frankreich. Sie ist traditionell der gemäßigten Linken zuzuordnen.

Ihre Raison d'Être (Daseinszweck) ist die Dominanz der KPF im Allgemeinen Gewerkschaftsbund (CGT) nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gründung erfolgte 1948. Sie sieht ihr Ziel in der Verteidigung der Ideale der Republik: (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Trennung des Staates von der Religion). Die Besonderheit der CGT-FO liegt in der parteipolitischen Profillosigkeit.

Confédération paysanne

Die Confédération paysanne (auch als die conf' bekannt) ist eine französische Bauerngewerkschaft. Sie ist Mitglied in der Europäischen Bauern Koordination und der Via Campesina.

Sie wurde 1987 gegründet. Sie entstand aus der Vereinigung zweier kleinerer Gewerkschaften, der FNSP und der CNSTP. 2001 erhielt sie 28 % der Stimmen bei den Wahlen zur Landwirtschaftskammer, dies machte sie zur zweitgrößten landwirtschaftlichen Gewerkschaft in Frankreich. Sie ist in allen französischen Départements und Übersee-Departements aktiv.

Sie kämpft für eine kleinräumige Landwirtschaft, für den Umweltschutz und für die Qualität der erzeugten Produkte. Ihre öffentlichkeitswirksamen Aktionen gegen die WTO im August 1999 und gegen die Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen in der Landwirtschaft sowie die Skandale um dioxinverseuchtes Hühnerfleisch und BSE in der Massentierhaltung ließen ihre Popularität in Frankreich steigen.

Confédération française des travailleurs chrétiens

Die Confédération française des travailleurs chrétiens (CFTC; Französischer Bund christlicher Arbeiter) ist ein französischer Gewerkschaftsbund mit derzeit etwa 130.000 Mitgliedern.

Gegründet wurde der Verband 1919 durch den Zusammenschluss von 321 Gewerkschaften. Die Programmatik lehnte sich an die Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. an. Daher wurde eine Revolution, als deren Instrument sich der kommunistische Konkurrenzverband CGT sah, von der CFTC stets zugunsten von Reformen abgelehnt. 1964 entschied sich eine Mehrheit der Mitglieder der CFTC für die Säkularisierung und die Umbenennung in Confédération française démocratique du travail (CFDT). Etwa zehn Prozent der Mitglieder verließen daraufhin die Organisation und gründeten die CFTC neu.

Die CFTC steht politisch weiter rechts als die CFDT. Sie ist der einzige Gewerkschaftsbund Frankreichs, dessen Mitglieder bei der französischen Präsidentschaftswahl 2002 überdurchschnittlich oft für den rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen stimmten.

Confédération Française Nationale des Travailleurs

Die Confédération Française Nationale des Travailleurs ist der Gewerkschaftsbund der rechtsextremen Partei Front national (FN). 1997 nahm er an den Sozialwahlen teil, was ihn nicht annäherend auf fünf Prozent kommen ließ. Dies sollte durch Klagen von Gewerkschaften verhindert werden. Einer der Gründe, warum er sehr hinter den Wahlergebnissen der FN zurückbleibt, ist die Tatsache, dass er nicht allgemein als Gewerkschaftsorganisation anerkannt ist.

Confédération nationale du travail

In Frankreich tragen zwei Gewerkschaften den Namen Confédération nationale du travail (CNT):

Die Confédération Nationale du Travail-Vignoles (CNT-F) ist eine revolutionär-syndikalistische Gewerkschaftsföderation. Sie ist mit nur 1000 Mitgliedern in 66 Regionen vertreten.

Die Confédération Nationale du Travail – AIT (CNT-IAA) ist der anarchosyndikalistischen Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation (IAA) angeschlossen. Sie ist eine dezentral aufgebaute anarchistische Gewerkschaftskonföderation und besteht aus lokalen bzw. betrieblichen Gruppen (Syndikaten) in 17 französischen Städten. Ihre Mitgliederzahl liegt nach eigenen Angaben derzeit im dreistelligen Bereich.

Ihren Ursprung haben beide Minigewerkschaften in einer Gruppe, die 1946 von im französischen Exil lebenden spanischen Anarchosyndikalisten gegründet wurde.

Solidaire-Unitaire-Démocratique

Die Solidaire-Unitaire-Démocratique (SUD) ist ein kleiner linker basisdemokratischer Gewerkschaftsverband. Sie ist eine Abspaltung der gemäßigten CFDT. Die Einzelgewerkschaften gehören der G10 Solidaires an. Die trotzkistische Ligue communiste révolutionnaire versucht, sich durch Einflussnahme in der SUD zu etablieren.

Großbritannien

Entwicklung im 18., 19. und 20. Jahrhundert

Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert begann in Großbritannien die Entwicklung der Industrialisierung; der bisherige Agrarstaat wandelte sich. Noch waren die Handwerker in "Guilds" - also Gilden - organisiert. Der weit vorausschauende Wirtschaftstheoretiker Adam Smith sah im 18. Jh. voraus, dass diese Form der Organisation langfristig nicht bestehen könne. Die dann zunehmende Industrialisierung war der Kern der Entwicklung zu "trade unions" oder "labor unions", also zu den Gewerkschaften.

Großbritannien hat als früher Industriestaat die bedeutendste historische Entwicklung in der Gewerkschaftsbewegung. Davon zeugen die rund 108 historischen Gewerkschaften. Traditionell arbeiteten die Gewerkschaften politisch mit der Labour Party zusammen, welche in ihren Anfangsjahren keine Individualmitgliedschaft kannte. Mitglieder der Labour Party waren automatisch auch Gewerkschaftsmitglieder. Vor der Zusammenarbeit mit Labour bestand jedoch ein enges Verhältnis der Trade Unions zur Liberalen Partei, welche über Jahrzehnte die parlamentarische Interessenvertretung der Gewerkschaften war (Lib Lab). Labour konnte anfangs kaum Anklang bei der Mehrheit der Gewerkschaft finden, vor allem die marxistisch geprägte ILP, welche in der Labour Party aufging, stieß auf Ablehnung bei den Gewerkschaften. Britische Gewerkschaften waren vor allem durch ein hohes Maß an Entpolitisierung und Misstrauen gegenüber sozialistischen Ideen geprägt. Sie bewegten sich vielmehr im gegebenen politischen Rahmen. Eine Folge der langen Tradition von Gewerkschaften in Großbritannien und dem Ausbleiben allzu großer Repressionen gegen die Arbeitervertretung, etwa im Gegensatz zum bismarckschen Deutschland.

Schwächung im ausgehenden 20. Jahrhundert

In Großbritannien herrschte bis 1980 das Closed Shop-Modell (dt. hier in etwa: in sich geschlossener Betrieb), das heißt, alle Mitarbeiter eines Betriebes mussten pflichtmäßig der Gewerkschaft angehören. Schon der Winter of Discontent 1978/1979, in dem es zu ausgedehnten Streiks der Gewerkschaften wegen erheblicher Lohnsteigerungen kam, endete mit einer erheblichen Schwächung der Gewerkschaftsbewegung. In der Folge kam Margaret Thatcher bei den Parlamentswahlen am 4. Mai 1979 an die Regierungsmacht.

Im Britischer Bergarbeiterstreik 1984/1985 verlor die National Union of Mineworkers (NUM) immer mehr den Rückhalt der britischen Bevölkerung und führte zu einer zunehmenden Radikalität des Bergarbeiterführers Arthur Scargill. Nach über einem Jahr des Arbeitskampfes gewann die Regierung unter Margaret Thatcher die Oberhand über die Bergarbeitergewerkschaft.

Es folgte die Abschaffung des Closed Shop (Pflichtmitgliedschaft in Gewerkschaften für Arbeiter zahlreicher Unternehmen) und dem Verbot der so genannten Flying Pickets (Streikposten, die nicht dem bestreikten Betrieb angehören). In der Wirtschaft wurden daraufhin einige von den Gewerkschaften zuvor bekämpften technischen Innovationen nachgeholt. So konnten beispielsweise Ende der Achtziger die britischen Zeitungen vom Bleisatz auf den in anderen Ländern schon seit langem üblichen Fotosatz umgestellt werden, was die Gewerkschaften bis dahin immer verhindert hatten.

Die Bergarbeitergewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) verlor von 253.000 Mitgliedern im Jahre 1979 auf nunmehr unter 5.000 Mitglieder im Jahre 2000. Die Transport and General Workers Union (TGWU) hatte im Jahre 1979 noch 2.086.000 Mitglieder und kam im Jahre 2000 noch gerade auf 858.000 Mitglieder. [8]

Gewerkschaftliche Dachverbände in Großbritannien

Aktuelle Gewerkschaften in Großbritannien

Wegen ihrer Größe oder Bedeutung sind hervorzuheben:

  • National Union of Mineworkers (NUM). Sie ging 1945 aus einer Reorganisation der Miners' Federation of Great Britain (MFGB) hervor. Die einzelnen Bergarbeitergewerkschaften, die in der Föderation zusammengeschlossen waren, waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die größten und mächtigsten Gewerkschaften Großbritanniens und übten einen erheblichen Einfluss auf die Gewerkschaftsbewegung im Land aus. Unter anderem vertraten sie das Ziel, eigene Gewerkschaftskandidaten zu Unterhauswahlen aufzustellen und erlangten so 1874 die ersten Sitze im Unterhaus für Mitglieder der Arbeiterklasse. Die NUM-Mitgliederzahlen nahmen von ca. 253.000 Mitgliedern im Jahre 1979 auf unter 5.000 Mitglieder im Jahre 2000 ab. [9]
  • Die Transport and General Workers Union (TGWU) war im Jahre 1979 mit 2.086.000 Mitgliedern die größte Gewerkschaft Großbritanniens. Durch zahlreiche Reformen, insbesondere der konservativen Regierung unter Margaret Thatcher und ihre Wirtschaftspolitik hat sie auf 858.000 Mitglieder im Jahre 2000 abgenommen. [10]
  • General workers' union (GMB) ist eine allgemeine Gewerkschaft (general union) mit 600.000 Mitgliedern. GMB ist in 34 der 50 größten Firmen organisiert.
  • UNISON — the Public Service Union hatte 2005 1,3 Mio. Mitglieder + 155.000 Mitglieder.
  • Public and Commercial Services Union (PCS) hat 325.000 Mitglieder.
  • Union of Shop, Distributive and Allied Workers (USDAW) ist eine der größten Gewerkschaften im Bereich des Handels mit über 345.000 Mitgliedern.
  • National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT) ist die Gewerkschaft der Transportindustrie mit 75.000 Mitgliedern.

Siehe auch: Liste von Gewerkschaften des Vereinigten Königreichs mit rund 45 Einzelgewerkschaften und 108 historischen Gewerkschaften.

Irland

1908 wurde in Irland die Irish Transport and General Workers' Union (ITGWU; Irische Transport- und Arbeiterunion) als eine irische Gewerkschaftsunion von James Larkin gegründet. Anfangs bezog die ITGWU ihre Mitglieder hauptsächlich von der in Liverpool ansässigen National Union of Dock Labourers (Nationale Union der Hafenarbeiter), aus der Larkin 1908 ausgeschlossen worden war. Später umfasste die Union Mitglieder verschiedenster Industriezweige.

Die ITGWU war der Dreh- und Angelpunkt während des Dublin Lockout im Jahr 1913 – einem monatelangen Generalstreik, der die ITGWU und die Arbeiterbewegung nachhaltig beeinflusste. Nach der (für die ITGWU fehlgeschlagenen) Aussperrung wanderte Larkin 1914 nach Amerika aus, und William X. O'Brien wurde der neue Anführer und diente später für viele Jahre als Generalsekretär.

Larkin kehrte 1923 nach Irland zurück und traf sich mit Mitgliedern der Trade Union, um ein Ende des Irischen Bürgerkriegs zu bewirken. Trotz aller Bemühungen befand sich Larkin im Widerspruch zu William O'Brien, der in dessen Abwesenheit zur tragenden Figur der ITGWU, der Irish Labour Party und dem Trade Union Congress aufgestiegen war. Der bittere Streit zwischen den beiden sollte über zwanzig Jahre andauern.

1924 gründete Larkins Bruder Peter eine neue Union, die Workers' Union of Ireland (WUI), zu der viele ITGWU-Mitglieder aus Dublin wechselten. Doch trotz des Mitgliederschwunds blieb die ITGWU die dominante Kraft unter den Gewerkschaftsverbänden, vor allem außerhalb der Hauptstadt Dublin.

1945 verließ die ITGWU den Irish Congress of Trade Unions, als der Congress die Mitgliedschaft der WUI akzeptierte, und begründete den rivalisierenden Congress of Irish Unions.

1990 schloss sich die ITGWU letztendlich mit der WUI zur neuen Gewerkschaft, der Services, Industrial, Professional and Technical Union (SIPTU) zusammen.

Italien

Italien hat – wie in Frankreich – politisch orientierte Richtunggewerkschaften:

Confederazione Generale Italiana del Lavoro

Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten, niedergelegt im so genannten Vertrag von Rom. Sie hat mehr als 5 Mio. Mitglieder, von denen ungefähr 2,3 Mio. aktiv sind. Die CGIL ist Mitglied im Internationalen Bund Freier Gewerkschaften und dem Europäischen Gewerkschaftsbund sowie des Trade Union Advisory Committee, einem gewerkschaftlichen Beratungskomitee der OECD.

Unione Sindacale Italiana

Die Unione Sindacale Italiana (USI; Union der italienischen Syndikalisten) war der Dachverband der italienischen Syndikalisten, der im Zuge des Biennio rosso ca. 1 Mio. Mitglieder zählte. Die USI wurde 1912 gegründet. Sie sagte sich vom Reformismus los und orientierte sich an den radikalen Grundsätzen der Ersten Internationale. Sie schloss sich später der anarcho-syndikalistischen International Workers Association (IWA) an.

Nach Kriegsende erreichte die Mitgliedszahl im Biennio rosso, den beiden „roten“ Jahren 1919 und 1920, einen Höhepunkt (ca. 1.000.000). Während dieser Zeit schloss sich der International Workers Association (IWA; Associazione Internazionale dei Lavoratori, AIT; Asociación Internacional de los Trabajadores) an. Sie nannte sich auch USI-AIT und wurde zum Hauptgegner Mussolinis in den Straßenschlachten des Biennio rosso und Biennio nero. Die USI-AIT wurde 1926 von Mussolini verboten, setzte jedoch ihre Tätigkeit im Untergrund und im Exil fort.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten die verbliebenen Mitglieder dem Ruf der Federazione Anarchica Italiana die zur Teilnahme an einer Einheitsgewerkschaft aufrief und fusionierte mit der Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL). Als sich die CGIL 1950 teilte, gründeten einige Aktivisten die USI-AIT erneut, konnten aber auch nicht annähernd an frühere Erfolge anschließen. Bis in die 1960er Jahre war sie in einigen Regionen vertreten, die syndikalistische Botschaft hielt sie bis zuletzt aufrecht.

Confederazione Generale dei Sindacati Autonomi dei Lavoratori

Die Confederazione Generale dei Sindacati Autonomi dei Lavoratori (CONF.S.A.L.) ist ein 1979 gegründeter italienischer Gewerkschaftsbund. Er entstand aus einer Fusion der seit vielen Jahren existierenden SNALS und UNSA. Er gehört dem europäischen Gewerkschaftsbund CESI an, dessen Mitgliedsorganisationen nicht sozialistisch sind.

Confederazione Italiana Sindacati Autonomi Lavoratori

Die Confederazione Italiana Sindacati Autonomi Lavoratori (CISAL) ist ein kleinerer Gewerkschaftsbund in Italien. Er wurde 1957 gegründet. Als einziger Gewerkschaftsbund weist er eine Präferenz für die von relativ vielen Arbeitern gewählten Partei Forza Italia des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi auf. Die CISAL zählt 1.700.000 Mitglieder.

Autonomer Südtiroler Gewerkschaftsbund

Der Autonome Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB) ist die gewerkschaftliche Organisation der deutschen und ladinischen Arbeiterschaft in Südtirol. Er wurde 1964 von ehemaligen Mitgliedern der mehrheitlich italienischen Gewerkschaft CISL gegründet, um den Arbeitern der deutschen und ladinischen Volksgruppe eine eigenständige Gewerkschaftsvertretung zu ermöglichen. Heute ist der ASGB mit 27.000 Mitgliedern (2006) die stärkste Gewerkschaftsorganisation in Südtirol.

Confederazione Italiana Lavoratori Liberi

Die Confederazione Italiana Lavoratori Liberi (CONF.ILL; Italienischer Bund freier Arbeiter) ist eine Mitgliedsorgansiation des Bundes europäischer nicht-sozialistischer Gewerkschaftsbünde CESI. Die CONF.ILL ist kein Gewerkschaftsbund im juristischen Sinne, hat aber in Italien etwa 200.000 Mitglieder.

Unione Generale del Lavoro

Die Unione Generale del Lavoro (UGL) ist ein unbedeutender italienischer Gewerkschaftsbund. Er steht der postfaschistischen Partei Alleanza Nazionale nahe. Die deutschen Gewerkschaften kooperieren nicht mit der UGL. 1950 wurde die UGL als CISNAL gegründet und trägt seit 1996 den jetzigen Namen.

Sindacato Padano

Das Sindacato Padano (SINPA; sinngemäß: Oberitalienische Gewerkschaft) ist eine sehr kleine Gewerkschaft in Norditalien. Sie steht der norditalienischen Befreiungsbewegung Lega Nord nahe und besitzt nur eine eingeschränkte Bedeutung. Sie wurde 1996 als Sindacato Autonomo di Lavoratori Padani (Autonome Gewerkschaft der oberitalienischen Arbeiter) gegründet.

Niederlande

Die erste Gewerkschaft (vakbond) in den Niederlanden war der "Algemene Nederlandse Grafische Bond", die 1866 gegründet wurde.

Gewerkschaften in den Niederlanden

Es gibt folgende Gewerkschaften (Vakbonden) in den Niederlanden:

AVV - Alternatief voor Vakbond, BTP - Bond van Telecompersoneel, die Vereinigung des Telecompersonals; CMHF - Centrale van Middelbaar en Hogere Functionarissen, VHMF - Vereniging van Hoofdambtenaren bij het Ministerie van Financiën, CNV - Christelijk Nationaal Vakverbond, der nationale christliche Gewerkschaftsbund; FNV - Federatie Nederlandse Vakbeweging, LBV - Landelijk Belangen Vereniging, LSVb - Landelijke Studenten Vakbond, MHP - Vakcentrale voor middengroepen en hoger personeel, Gewerkschaftszentrale für gehobene und höhere Angestellte; NU'91 - Vakbond voor de verpleging en verzorging, Gewerkschaft für Nahrungsmittel und Versorgung; RMU - Reformatorisch Maatschappelijke Unie, VAWO - Vakbond voor de wetenschap, vakorganisatie voor personeel van universiteiten, onderzoekinstellingen en universitair medische centra, VHKP - Vereniging voor Hoger KLM Personeel, eine kategorale Gewerkschaft für KLM Fluggesellschaft Management und Spezialisten. VLD - Vakbeweging in Vervoer, Logistiek en Dienstverlening, die Gewerkschaft für Dienstleister; VVMC - Vakbond voor Rijdend Personeel, VNV - Vereniging van Nederlandse Verkeersvliegers, die Vereinigung der Verkehrsflieger; Marver - Marechaussee vereniging , VBMlNOV - Vakbond voor defensiepersoneel.

Österreich

Österreichischer Gewerkschaftsbund

Der Österreichische Gewerkschaftsbund ist eine 1945 gegründete überparteiliche Interessenvertretung für Arbeitnehmer. Traditionell wird er aber von den Sozialdemokraten dominiert. Er ist als Verein konstituiert und gliedert sich intern (derzeit) in neun Teilgewerkschaften. Die Zentrale befindet sich in Wien (Laurenzerberg). Ab Ende 2009 wird der ÖGB aber mit den Fachgewerkschaften GMTN, GBH, vida, GPF, GdC, GKMSfB und dem Verband Österreichischer Gewerkschaftlicher Bildung (VÖGB), dem ÖGB-Verlag und dem Reiseunternehmen Sotour Austria in ein gemeinsames Haus ziehen. Dieses wird sich am Handelskai im 2. Wiener Gemeindebezirk befinden.

Gewerkschaften in Österreich

Die neun Teilgewerkschaften sind:

Weiters sind die Gewerkschaften GdG, GBH, KMSfB, GPF und vida als infra – Die Allianz der Infrastrukturgewerkschaften gemeinsam tätig.

Schweden

Die schwedische Gewerkschaftsbewegung war ein Zweig der Arbeiterbewegung in Schweden. Die ersten Gewerkschaftsvereine wurden in den 1870er Jahren nach britischem und deutschem Vorbild gebildet. Der Durchbruch aber kam nach der großen Streikwelle in Norrland um 1880. Diese Streiks, die unter Einsatz des Militärs niedergeschlagen worden waren, wiesen auf die Bedeutung einer einheitlichen Organisation hin. In den folgenden Jahren entstand eine Reihe von Gewerkschaften, die sich schließlich 1898 in einem Dachverband, der Landesorganisation LO zusammenschlossen.

Die positive Entwicklung wurde aber durch den Großstreik von 1909 gebrochen, der nach einigen Wochen zusammenbrach. Viele Mitglieder verließen die Landesorganisation und schlossen sich einer neugegründetetn syndikalistischen Bewegung nach französischem Vorbild, Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), an. Am Beginn war die Konkurrenz zwischen diesen beiden Gewerkschaften stark, doch verlor die syndikalistische Gewerkschaft nach dem Ersten Weltkrieg schnell an Bedeutung.

Die Landesorganisation ging schon früh eine enge Verbindung mit dem politischen Zweig der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SAP), ein. Mit dem Erstarken der SAP bekam auch LO eine stärkere Position bei der Durchsetzung gewerkschaftlicher Fragen.

Die Gewerkschaft – wie auch die Arbeitgeberorganisation – nahmen schon früh gegen staatliche Versuche, den Arbeitsmarkt durch Gesetzgebung zu regeln, Stellung. 1938 wurden in einem historisch wichtigen Vertrag, dem so genannten Saltsjöbadsavtalet, zwischen LO und der Arbeitgeberorganisation Svenska Arbetsgivareföreningen (SAF) die Rahmenbedingungen für die Sozialpartnerschaft festgelegt, die bis in die 1960er Jahre Gültigkeit hatten. Die Vertragspartner einigten sich über eine Verhandlungsordnung, Regeln für den Einsatz von Kampfmaßnahmen u. a. m.

In der Zwischenkriegszeit entstanden auch die ersten Angestelltengewerkschaften. Die soziale und berufliche Situation der Angestellten war besser als die der Arbeiter, und sie standen den Arbeitgebern näher. Diese Angestelltengewerkschaften traten nicht dem bestehenden Dachverband LO bei, u. a. aufgrund dessen engen Kontakts mit der SAP, sondern bildeten 1944 einen eigenen Dachverband, Tjänstemännens Centralorganisation (TCO). 1947 entstand die letzte der drei Dachorganisationen, die Akademiker-Gewerkschaft SACO.

In den 1960er und 1970er Jahren wuchsen die Gewerkschaften stark. Der Organisationsgrad betrug Anfang der 1980er Jahre beinahe 90 %. Danach stagnierte zwar die Mitgliederzahl aber der Organisationsgrad von heute über 80 % ist einer der höchsten in allen Industriestaaten. Der Anteil an Frauen ist in Gewerkschaften in nordischen Staaten ungefähr gleich hoch wie der an Männern, und ist somit deutlich höher als im übrigen Europa.[11]

Die veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt haben auch zu einer verstärkten Zusammenarbeit der Gewerkschaftsverbände seit den 1990er Jahren geführt.

Gewerkschaften in Schweden

  • Landsorganisationen (LO): Dachverband für 16 Einzelgewerkschaften (1,86 Mio. Mitglieder 2005)
  • Tjänstemännens Centralorganisation (TCO): Dachverband für 17 Einzelgewerkschaften (1,27 Mio. Mitglieder 2005)
  • Sveriges Akademikers Centralorganisation (SACO): Dachverband für 26 Einzelgewerkschaften (569.000 Mitglieder 2005)
  • Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC): syndikalistische Gewerkschaft mit etwa 8.000 Mitgliedern

Schweiz

In der Schweiz ist heute gut jeder vierte Beschäftigte in einer Gewerkschaft oder einem gewerkschaftsähnlichen Verband organisiert. Im westeuropäischen Vergleich ist dies eher wenig.

Gewerkschaftsverbände in der Schweiz

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) ist die größte Arbeitnehmerorganisation der Schweiz. In ihm sind sechzehn Einzelgewerkschaften zusammengeschlossen, die insgesamt rund 380.000 Mitglieder vertreten. Die Schweizer Gewerkschaften waren von Anfang an um die Schaffung eigener Selbsthilfe- und Sozialeinrichtungen bemüht: Zunächst Arbeitslosen- und Krankenkassen, Alters- und Unterstützungskassen, später Schulungs- und Ferien- und Sozialeinrichtungen. Von jeher gewährten die Gewerkschaften ihren Mitgliedern auch Rechtsschutz.

2002 wurde in Bern unter dem Namen Travail.Suisse eine neue Dachorganisation der Arbeitnehmenden gegründet. Urheber dieser Gründung waren die Verbände und Gewerkschaften, die vorher dem Christlichnationalen Gewerkschaftsbund der Schweiz (CNG) und der Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände (VSA) angeschlossen waren. Diese Verbände vertreten rund 170.000 Mitglieder.

Einzelgewerkschaften in der Schweiz

Mit dem Zusammenschluss der GBI, SMUV, VHTL, unia und actions zur Unia ist im Herbst 2004 die größte Gewerkschaft der Schweiz mit rund 200.000 Mitgliedern und fast 100 Sekretariaten entstanden. Die Anstellungsbedingungen von gegen einer Million Menschen sind in Gesamtarbeitsverträgen geregelt, die von der Unia ausgehandelt werden.

Siehe auch: Liste von Gewerkschaften in der Schweiz

Spanien

In Spanien gibt es verschiedene Gewerkschaftsbünde. Zu den größten gehören die Comisiones Obreras, die Confederación General del Trabajo und die Union Sindical Obrera. Regionale Organisationen sind die Confederación Intersindical Galego in Galicien, die baskische demokratische ELA-STV und die baskische nationalistische Langile Abertzalen Batzordeak. Des Weiteren ist die anarcho-syndikalistische Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) eine einflussreiche Gewerkschaft, v. a. im katalanischen Raum um Barcelona.

USA

Gewerkschaftsentwicklung im 19. Jahrhundert

In den USA entstanden die Gewerkschaften nicht wie die europäischen Gewerkschaften aus klassenkämpferischen Motiven, sondern sie waren überwiegend eine Schutzgemeinschaft gegenüber den Einwanderern und den Nichtorganisierten. Die US-Gewerkschaften des späten 19. Jahrhundert verstanden sich als Gegenentwurf zu den Unternehmenskartellen gewissermaßen als „Lohnkartelle“, die im kapitalistischen System die Rolle des Anbieters von Arbeitskraft einnahmen und diese im Interesse ihrer Mitglieder möglichst teuer verkaufen wollten. In der Anfangszeit wurden US-Arbeitgeber oft erpresst und mit Gewalt gezwungen, nur Gewerkschaftsmitglieder einzustellen. Umgekehrt war die Mitgliedschaft in einer US-Gewerkschaft üblicherweise an hohe Eintrittsgebühren oder Abgabe eines Teils des Lohnes sowie Aufnahmeprüfungen gebunden.

Als erste US-Gewerkschaft wurde die National Labor Union am 20. August 1866 in Baltimore gegründet. Ihr wichtigstes Ziel war die Einführung des Achtstundentags. Schwarze oder Chinesen konnten in dieser Trade Union nicht Mitglied werden.

Schon 1869 wurden die Knights of Labor gegründet. Sie wurde bald zur führenden Gewerkschaft in den USA. Sie hatte bis zu 700.000 Mitglieder im 19. Jahrhundert. Ihre Ziele waren neben der Erhöhung der Löhne die Abschaffung der Kinderarbeit und die Einführung des Achtstunden-Tages. Sie forderten „a proper share of the wealth they create, […] more free time, and generally more benefits of society“, kurz also eine gerechtere Vermögensverteilung, mehr Freizeit und eine sozialere Gesellschaft.

Bekannt wurde aus den Reihen dieser Gewerkschaft Thomas Mooney (* 1882; † 1942), der ein Arbeiteraktivist in San Francisco war und der in den Bombenanschlag beim Preparedness Day 1916 verwickelt gewesen sein soll.

1886 gründete Samuel Gompers als Reorganisation der Vorgängerorganisation Federation of Organized Trades and Labor Unions in Columbus (Ohio) die American Federation of Labor (AFL, heute AFL-CIO), die US-weit schon bald 1,4 Mio. Mitglieder aufweisen sollte. Sie war einer der ersten Facharbeitergewerkschaftsbünde in den USA. Gompers war bis zu seinem Tode im Jahr 1924 Präsident der AFL.

Gewerkschaftsverbände in den USA

1886 schlossen sich viele Einzelgewerkschaften zum Dachverband AFL zusammen, der rund die Hälfte der amerikanischen Arbeiter vertrat. Nach außen setzte der Verband auf die Abriegelung vor allem gegenüber der wegen der Fließbandfertigung wachsenden Schicht der ungelernten Arbeiter. Die AFL konzentrierte sich auf die direkten, aktuellen Forderungen der Arbeiter und stellte die Rechte der Eigentümer der Produktionsmittel im Kapitalismus nicht in Frage. Sie unterstützte einzelne Politiker, welche die Interessen der Arbeiter vertrat, nicht jedoch einzelne Parteien. Sie stand im Gegensatz zu den radikaleren Industrial Workers of the World (IWW).

1938 spalteten sich zehn Gewerkschaften von der AFL ab und gründeten den neuen Dachverband CIO, der sich gezielt Ungelernten öffnete. Beide Verbände standen sich in den folgenden Jahrzehnten verfeindet gegenüber. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten die Gewerkschaften unter Druck durch die republikanische Mehrheit im US-Parlament und den Präsidenten Eisenhower. 1955 vereinigte sie sich deshalb wieder mit dem CIO und existiert heute als AFL-CIO. Die Mitgliederschaft nimmt kontinuierlich ab. 1955 waren 34 % der Arbeiter in den USA in dem neuen Dachverband organisiert. 2005 waren es 12 %. Für 2008 wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad in der privaten Wirtschaft nur noch mit 7,5 % angegeben.

2005 traten zahlreiche Gewerkschaften (darunter mit der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU die größte Einzelgewerkschaft) aus und formierten sich unter dem neuen Dachverband Change to win.

Seit dem späten 20. Jahrhundert wandeln sich die US-Gewerkschaften programmatisch immer mehr zu einer ganzheitlichen Vertretung aller Arbeitnehmer. Ihr Einfluss ist seit 1980 stetig zurückgegangen.

Einzelgewerkschaften in den USA

United Steelworkers

Die United Steel, Paper and Forestry, Rubber, Manufacturing, Energy, Allied Industrial and Service Workers International Union (USW) ist mit über 1,2 Mio. aktiven und ehemaligen Mitgliedern die größte Industriegewerkschaft Nordamerikas. Sie vertritt Arbeiter in den USA und in Kanada. Hauptsitz der Gewerkschaft ist Pittsburgh in Pennsylvania.

Die USW wurde als USWA am 22. Mai 1942 von Mitgliedern der Amalgamated Association of Iron, Steel, and Tin Workers und des Steel Workers Organizing Committee gegründet. Zuvor war es zu häufigen, teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen von streikenden Arbeitern und Streikbrechern bzw. der Polizei gekommen. Erster Präsdident der Gewerkschaft war Mitbegründer Philip Murray.

American Railway Union

Die American Railway Union (ARU) war die größte Gewerkschaft der 1890er Jahre in Amerika und die erste Industriegewerkschaft in den Vereinigten Staaten. Sie wurde am 20. Juni 1893 von Bahnarbeitern in Chicago, Illinois, unter der Führung von Eugene V. Debs (einem Lokomotivheizer). Die ARU verkörperte in ihrer Politik, anders als die anderen Gewerkschaften, eine Vertretung aller Bahnmitarbeiter, unabhängig davon, ob sie nun als Handwerker oder im Dienst am Kunden bei einer Eisenbahngesellschaft eingesetzt waren. Innerhalb eines Jahres hatte die ARU Hunderte von Ortsgruppen und über 140.000 Mitglieder im ganzen Land.

1893 kürzte die Eisenbahngesellschaft Great Northern Railway die Löhne ihrer Beschäftigten. Bis zum April entschied sich die ARU für einen Streik und legte damit die Eisenbahn für 18 Tage lahm. Sie erzwang dadurch von der Gesellschaft die Rücknahme der Lohnkürzungen bei ihren Arbeitern. Dies war der erste und einzige Sieg der Gewerkschaft.

In ähnlicher Weise kürzte die Pullman Palace Car Company ihre Löhne fünfmal – um 30 bis 70 Prozent – zwischen September 1893 und März 1894. Viele Pullman-Arbeiter waren inzwischen in die Eisenbahnergewerkschaft eingetreten. Eine ARU-Versammlung sich aus Solidarität den Streikenden anzuschließen und boykottierte Pullman-Waggons. Der Boykott wurde ein großer Erfolg. Als Antwort darauf gab das Pullman-Management die Order aus, Pullman-Waggons an die Postzüge anzuhängen, um sich so eine Unterstützung ihres Standpunktes über den Postdienst zu verschaffen und die Bundesregierung zu interessieren.

Mit Hilfe des Sherman Antitrust Acts von 1890, der geregelt hatte, es sei für Firmenzusammenschlüsse illegal, Handelsbewegungen oder den Handel einzuschränken, wurde ein gerichtliches Verbot am 2. Juli erwirkt. Es untersagte der ARU-Führung, durch „Zwingen oder Herbeiführen von Drohungen, Einschüchterung, Überredung, Gewalt oder Tätlichkeiten, Bahnangestellten zu verwehren oder sie zu hindern, ihre Aufgaben durchzuführen.“ Am nächsten Tag befahl US-Präsident Grover Cleveland 20.000 Mann Bundestruppen, den Streik zu zerschlagen und für den Zuglauf zu sorgen. Bis zum 7. Juli wurden Debs und sieben andere ARU-Funktionäre festgenommen, angeklagt und wegen „Verschwörung zur Störung des freien Postverkehrs“ verurteilt. Der Streik wurde endgültig zerschlagen. Die ARU löste sich schließlich auf. Die Pullman Company öffnete ihren Betrieb ohne die entlassenen Gewerkschaftsführer wieder.

International Brotherhood of Teamsters

Die International Brotherhood of Teamsters (IBT) (sinngemäß: Internationale Bruderschaft der Fuhrleute), kurz nur Teamsters genannt, ist die Gewerkschaft der Transportarbeiter und damit die größte Einzelgewerkschaft der USA und ist seit 1992 auch in Kanada als Teamsters Canada tätig.

Die IBT, vormals auch bekannt als International Brotherhood of Teamsters, Chauffeurs, Warehousemen and Helpers of America verfügt über etwa 1,4 Mio. beitragszahlende Mitglieder und 400.000 Rentner (Stand 2004) und gehört damit auch zu den größten Einzelgewerkschaften weltweit.

Anfänglich waren die Teamsters nur eine Gewerkschaft für Lastkraftwagenfahrer, expandierten aber zur allgemeinen Transportarbeitergewerkschaft und reichen heute bis hinein in die Lebensmittelbranche. Sie sind somit z. B. auch die zuständige Gewerkschaft beim Logistikriesen UPS.

Die Gewerkschaft gehört heute zur Gewerkschaftsgruppe Change to win, nachdem sie mit einigen anderen Gewerkschaften 2005 den ehemaligen Dachverband AFL-CIO verließ.

Writers Guild of America

Die Writers Guild of America (WGA) ist die gemeinsame Gewerkschaft der Autoren in der Film- und Fernsehindustrie der USA. Sie teilt sich in einen westlichen und östlichen Bereich. Ab 2003 zählte sie landesweit über 11.000 Mitglieder. Die Gewerkschaft sorgt auch für die Gesundheits- und Pensionsleistungen der Mitglieder. Ebenso kontrolliert sie die Einhaltung des Urheberrechtes.

National Hockey League Players Association

Die National Hockey League Players Association (NHLPA) ist eine Gewerkschaft der Profi-Eishockey-Spieler der NHL in Nordamerika. Der Hauptsitz der Spielervereinigung NHLPA ist Toronto. Sie wurde im Juni 1967 von den Spielern aus den Eishockeyclubs der Original Six gegründet. Das Collective Bargaining Agreement (CBA; Gesamtarbeitsvertrag) stellt den Tarifvertrag zwischen der NHL (Vereine) und der Spielergewerkschaft NHLPA dar.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Quellen der Tabelle: Ebbinghaus S. 196, in Schroeder-Weßels, Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, 2003; Anke Seifert/Claudia Breisa, Deutsche Gewerkschaften im Wandel der Zeit, 2005, Grin Verlag für akademische Texte.
  2. Artikel 9 Abs. 3 GG
  3. BUNDESARBEITSGERICHT Beschluss vom 19.9.2006, 1 ABR 53/05; BVerfG 19. Oktober 1966 - 1 BvL 24/65 - BVerfGE 20, 312; BAG 28. März 2006 - 1 ABR 58/04 - NZA 2006, 1112, zu B III 1 der Gründe mwN, auch zur Veröffentlichung in BAGE vorgesehen; 14. Dezember 2004 - 1 ABR 51/03 - AP TVG § 2 Tariffähigkeit Nr. 1 = EzA TVG § 2 Nr. 27, zu B III 1, 2 d aa der Gründe mwN; Fitting 23. Aufl. § 2 Rn. 36; Kraft/Franzen GK-BetrVG 8. Aufl. § 2 Rn. 26, 27; Richardi BetrVG 10. Aufl. § 2 Rn. 41 ff. Quellenangaben alle aus dem erstgenannten Beschluss des BAG vom 19. September 2006 übernommen, ohne diese selbst zu überprüfen
  4. Arbeitsgericht Berlin, Beschluss vom 01.04.09, Az. 35 BV 17008/08
  5. BUNDESARBEITSGERICHT Beschluss vom 28.3.2006, 1 ABR 58/04
  6. AUB: Die Geschichte der AUB
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Konkurrenz für den DGB. Nr. 70, 24. März 2003, S. 24.
  8. TUC History Online
  9. unionhistory.info
  10. unionhistory.info
  11. Olwen H. Hufton, Giōta Kravaritou-Manitakē, Yota Kravaritou: Gender and the Use of Time: Gender Et Emploi Du Temps, Kluwer Law International, 1999, ISBN 9041196609, 9789041196606. S. 236 (englischsprachiges Kapitel).

Literatur

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  • Paul Blyton, Peter Turnbull: The Dynamics of Employee Relations. Management, Work and Organisations. 2004, ISBN 0-333-94836-X.
  • Valérie Boillat, Bernard Degen, Elisabeth Joris, Stefan Keller, Albert Tanner, Rolf Zimmermann (Hrsg.): Vom Wert der Arbeit. Schweizer Gewerkschaften – Geschichte und Geschichten. Rotpunktverlag, Zürich 2006.
  • Peter, Bremme/Ulrike, Fürniß/Ulrich, Meinecke (Hrsg.): Never work alone. Organizing - ein Zukunftsmodell für Gewerkschaften. VSA-Verlag 2007, Hamburg.
  • Gary N. Chaison: Unions in America. 2005, ISBN 0-7619-3034-5.
  • Wolfgang Abendroth, Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Weg demokratischer Integration. Mit einem Vorwort von Frank Deppe. 1989 DVK-Verlag Berlin (Reprint v. 1954) ISBN 3-88107-052-4.
  • Frank Deppe, Georg Fülberth und Jürgen Harrer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1978.
  • Klaus Dörre, Bernd Röttger: Die erschöpfte Region. Politik und Gewerkschaften in Regionalisierungsprozessen. 2005, ISBN 3-89691-560-6.
  • Tony Dundon, Derek Rollinson: Employment Relations in Non-Union Firms. 2004, ISBN 0-415-31246-9.
  • Linda Ewing: Ethical practise in a Lobor Union. In: John W. Budd: The Ethics of Human Resources and Industrial Relations. 2005, ISBN 0-913447-90-0.
  • FU Berlin: Gewerkschaftshandbuch. 1997.
  • Jochen Gollbach: Europäisierung der Gewerkschaften. 2005, ISBN 3-89965-126-X.
  • Juri Hälker: Betriebsräte in Rollenkonflikten. Betriebspolitisches Denken zwischen Co-Management und Gegenmacht. Rainer Hampp Verlag, 2004. ISBN 3-87988-800-0.
  • Juri Hälker, Vellay Claudius (Hrsg.): Union Renewal. Gewerkschaften in Erneuerung. In: Texte aus der internationalen Gewerkschaftsforschung. Edition der Hans-Böckler-Stiftung, 2006.
  • Juri Hälker: Von den USA lernen? Organizing: Mitgliederwerbung und Aktivierung. In: SPW. 12/2007
  • Hassel, Anke: Die Erosion der gewerkschaftlichen Lobbymacht pdf
  • Geraldine Healy, Edmund Heery (Hrsg.): The Future of Worker Representation (Future of Work). 2004, ISBN 1-4039-1759-0.
  • Ina Hermes: Gegen Imperialismus und Krieg. Gewerkschaften in der II. Internationale, Köln 1979
  • Walther Müller-Jentsch: Soziologie der Industriellen Beziehungen. Eine Einführung. Campus, Frankfurt/Main 1997.
  • Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften? Eine Streitschrift. Göttingen, 2005.
  • Philip Yale Nicholson: Die Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA. vorwaerts buch, 2006, ISBN 3-86602-980-2.
  • Niedenhoff, Horst Udo (IW Köln): Gewerkschaftseinfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft, Parlamentskreis Mittelstand PKM, III/ 2006 , S. 5-
  • Victor Linden, Gewerkschaften in Bewegung.Revitalisierung des politischen Mandats und Bündnisse mit sozialen Bewegungen, ISBN 978-3-941274-00-6, Optimus Verlag, Göttingen 2008.
  • Helmut Schelsky: Funktionäre, gefährden sie das Gemeinwohl?, 1982 (Schelskys Kritik der Gewerkschaftsfunktionäre trugen zum Konzept der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) bei, siehe dazu: Willi Winkler, Das Schelsky-Projekt - Der Siemens/AUB-Skandal hat einen berühmten Vordenker, Feuilleton der Süddeutsche Zeitung vom 6. Mai 2008)
  • Wolfgang Schroeder, Bernhard Weßels (Hrsg.): Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch. Opladen, 2003, ISBN 3-531-13587-2.
  • Harald Weiss: US-Gewerkschaften verlieren an Einfluss. In: VDI-Nachrichten. 17. Juni 2005, S. 4 (u. a. über die Geschichte der US-Gewerkschaften).
  • Rob Sewell: In the Cause of Labour: A History of the British Trade Unions, 1792–2003. Well Red Publications, November 2003, ISBN 1-900007-14-2, ISBN 978-1-900007-14-6.

Weblinks

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