Arbeitserziehungslager Heddernheim

Das Arbeitserziehungslager Heddernheim war in der Zeit des Nationalsozialismus das einzige Arbeitserziehungslager in Frankfurt am Main. Es befand sich in der ausgehobenen Lehmgrube einer ehemaligen Ziegelei am nördlichen Rande des Frankfurter Stadtteils Heddernheim am Oberschelder Weg/Ecke Zeilweg.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Lager bestand vom 1. April 1942 bis zum 18. März 1945, insgesamt waren etwa 10.000 Deutsche und Ausländer in dieser Zeit dort inhaftiert.[1] Viele Details zum Arbeitserziehungslager Heddernheim sind nicht mehr rekonstruierbar, da laut Bericht des Frankfurter Stadtarchivs vom 15. September 1983 die Quellenlage schlecht ist: „Das Lagerbuch, die Lagerkartei, überhaupt die Akten der Frankfurter Gestapo sind vor Kriegsende verbrannt worden.“[2] In Hirzenhain befand sich eine von der Gestapo betriebene Außenstelle des Lagers, das Arbeitserziehungslager Hirzenhain.

Die Unterbringung der Gefangenen

Das Gelände des Arbeitserziehungslagers Heddernheim umfasste etwa 1250 m². Es wurde von den Anwohnern traditionell Kull genannt, ein örtlich verbreiteter Dialektausdruck für „Lehmkuhle“. Nach Errichtung der Lagers bürgerte sich auch die Bezeichnung Kajenn ein, als Anspielung auf eine nahe der Stadt Cayenne auf der Teufelsinsel befindliche, berüchtigte französische Strafkolonie. Wegen ihrer blauen Kleidung wurden die Häftlinge in Heddernheim auch die Blaue Division genannt.

Das Lager bestand nach Augenzeugenberichten aus drei langgestreckten Baracken für die Häftlinge, mehreren Schuppen sowie einem kleinen Wachhäuschen direkt am Eingang. Ferner gab es einen Wachraum, einen Wachturm, einen „Bunker“ (Gefängnis), ein Entlausungsbad, einen Hundezwinger sowie – zwischen den Baracken – einen Appellplatz.

In jeder Häftlingsbaracke waren Stockbetten mit Strohmatratzen untergebracht. Für das Jahr 1943 ist durch den Bericht eines Häftlings belegt, dass in jeder Baracke ca. 30 Personen untergebracht waren. „Die Unterkünfte waren voller Läuse und anderen Ungeziefers. Eine Waschgelegenheit befand sich nur im Freien. Unter den Häftlingen waren viele Ausländer und zehn bis zwölf Juden.“[3]

Die ca. 30 Wachleute, die im Schichtdienst im Lager tätig waren, stammten überwiegend aus Heddernheim.

Die Lebensbedingungen

Das Hauptnahrungsmittel der Häftlinge war eine Art Kartoffelsuppe aus ungeschälten Kartoffeln, Wasser und einem halben Pfund Margarine, die in einem großen Bottich zubereitet wurde. Die meisten Häftlinge arbeiteten außerhalb des Lagers in diversen Firmen und erhielten als Tagesration zusätzlich etwas Brot und Wurst. Auch außerhalb des Lagers mussten sie Sträflingskleidung tragen. Die Wechselschichten dauerten von 6 bis 14 Uhr bzw. von 14 bis 22 Uhr. An die Lagerleitung zahlten die Firmen ein festgelegtes, sehr niedriges Arbeitsentgelt. „Durch eine rationierte Verpflegung, die gerade die physische Existenz der Häftlinge sicherstellte, konnte die Lagerleitung sogar noch Gewinn erwirtschaften. Im Urteil gegen die Lagerleitung wurde ein Betrag von 300.000 bis 400.000 Reichsmark genannt.“[4]

Nach Angaben des einzigen in den 1980er-Jahren noch ermittelbaren ehemaligen Häftlings, eines während des Nationalsozialismus eingebürgerten, aus Polen stammenden Mannes, wurde er im Lager Heddernheim schlechter behandelt als später im KZ Dachau.

Häufig sei es vorgekommen, dass die Häftlinge nach dem Abendessen in den Baracken exerzieren mussten. Bei Liegestützen sei oft der Kopf der Männer vom Wachpersonal auf den Boden getreten worden. Häufig seien Häftlinge auf einer Bank ausgepeitscht worden. In einem Strafprozess gegen Heddernheimer Wachleute, über den am 13. Januar 1951 in der FAZ berichtet wurde, stritt ein Beschuldigter eigene Misshandlungen von Häftlingen zwar weitgehend ab, räumte aber ein: „Das Lager sei in Verruf gekommen, weil hier eine andere Gestapo-Dienststelle Häftlinge bei Vernehmungen misshandelt hätte. Die Züchtigungen seien manchmal so grausam gewesen, dass er vor den Schreien der Misshandelten aus dem Lager geflohen sei.“[5]

Ein schriftlicher Bericht[6] des Häftlings P 14640 („P“ für Pole) aus dem KZ Buchenwald über den ersten Tag seines Aufenthalts in Heddernheim legt ebenfalls Zeugnis ab von der Existenz des Lagers. Der Mann, der nach dem Abitur Journalist hätte werden wollen, war zum Arbeitseinsatz zwangsweise nach Deutschland gebracht worden. 1976 berichtete er, man habe ihn 1943 unter dem Vorwurf der Sabotage festgenommen und von Wetzlar aus nach Heddernheim gebracht: „Nach den Zugangsformalitäten hat mich ein SS-Mann mit Bambusrohrschlägen in Empfang genommen. Es sollte mir deutsche Ordnung und deutsche Disziplin beigebracht werden.“ In den Baracken habe es von Ungeziefer gewimmelt, am folgenden Morgen sei er durch harte Schlagstockschläge auf den Kopf, auf Schultern und Arme geweckt worden. Durch ein Spalier prügelnder, junger SS-Wachmänner seien die Gefangenen einer Baracke zum verschmutzten Wasser des Waschraumes geprügelt worden und anschließend unter weiteren Schlägen wieder zurück in die Baracke. Nach einem Zählappell, während dem einer der Häftlinge mutwillig mit Stockhieben traktiert wurde, habe es Essen gegeben: „ein Stück Brot, vielleicht 200 Gramm, und dann eine Kelle voll Suppe. Ich würgte meine Portion, den Ekel vor dem penetranten Geruch der 'Suppe' überwindend, herunter.“ Danach habe er in einem Frankfurter Stadtteil Gräben ausheben müssen. Abends sei man im Eilschritt zurück ins Lager marschiert, habe nach dem Zählappell mehrere Runden um den Appellplatz rennen müssen und danach erneut die gleiche 'Suppe' wie am Morgen erhalten. Sonntags sei arbeitsfrei gewesen, aber man habe Sport treiben müssen „bis zum Umfallen“. Sein Fazit: „Geschlagen wird hier immer, von morgens bis abends, Tag für Tag. Hier ist ein Arbeitserziehungslager, und deswegen muß hier alles im Laufschritt erledigt werden. Zum Waschen, zum Austreten auf der verdreckten Latrine, zum Essensempfang, immer muss man laufen. Immer und überall Prügel, Brüllen, Flüche.“ Nach sechs Wochen, der üblichen Verweildauer in einem solchen Arbeitserziehungslager, wurde er als „Unverbesserlicher“ ins KZ Buchenwald gebracht.

Haftgründe

Die meisten im Arbeitserziehungslager Heddernheim inhaftierten Männer stammten aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten in Russland und Polen, von wo aus sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht worden waren. Aus den Arbeitslagern (Gemeinschafts- oder Firmenlagern) wurden sie oft wegen geringer Vergehen, zum Beispiel wegen der Verweigerung des so genannten Deutschen Grußes, in das Lager Heddernheim gebracht.

Der Zeitzeuge, der im Oktober 1984 im Rahmen einer heimatgeschichtlichen Recherche Auskunft gab, war 1943 festgenommen worden, weil er an einem Sonntag das in einer Eschersheimer Gaststätte untergebrachte Fremdarbeiterlager aufgesucht hatte und zufällig in eine Razzia der Gestapo geraten war. Seine Familie blieb trotz Nachfragen bei allen denkbaren Behörden und Institutionen drei Wochen ohne Nachricht zu seinem Verbleib und erfuhr erst durch einen im Lager tätigen Wachmann, der mit der Familie bekannt war, unter Hinweis auf absolute Verschwiegenheit und insofern inoffiziell näheres zum Verbleib des Mannes. Nach etwa drei Monaten Aufenthalt im Lager, während der er in der Küchenkolonne eingesetzt war und seine Zivilkleidung tragen durfte, wurde er über die Frankfurter Gestapo-Zentrale in der Lindenstraße 27 ins KZ Dachau überstellt. Nach ca. einem Dreivierteljahr, in dem er außerhalb des KZ in einer Fabrik arbeitete, durfte er ohne weitere Begründung wieder nach Hause fahren und wurde kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen.

Hinweisschild
Informationstafel
Gedenkstätte

Wegen der kurz vor Kriegsende vorgenommenen Vernichtung fast aller Dokumente konnten die vom Frankfurter Ortsbeirat 8 in den 80er-Jahren ermutigten Recherchen kein geschlossenes Bild mehr über die Haftgründe erbringen. Erhalten geblieben ist aber eine Transportliste für die Zeit zwischen September 1943 und August 1944. Ihr zufolge wurde 151 Personen von Mainz aus in das Arbeitserziehungslager Heddernheim transportiert. In der Spalte, die die Gründe für die Inhaftierung angibt, steht dabei in 94 Fällen „Stapo“. Vermutlich handelte es sich um Männer, die aufgrund von Bespitzelungen und Denunziationen von der Gestapo festgenommen worden waren. Als Haftgrund wird häufig „Verlassen der Arbeitsstätte“ genannt, andere Eintragungen nennen „Bettelei“, „Umhertreiben“ und „Diebstahl“, „deutschfeindliche Propaganda“ und „Arbeitsvertragsbruch“. Überwiegend sind es russische, polnische und französische Namen.


Das Wissen der Nachbarn

Ende der 1970er-Jahre war im Stadtteil Heddernheim selbst unter den politisch Engagierten die Existenz eines früheren Arbeitserziehungslagers nahezu unbekannt. Erst Anfragen der SPD- und der Grünen-Fraktion des Ortsbeirates und die gezielte Suche nach Zeitzeugen brachten das Mitte der 1980er-Jahre noch vorhandene Wissen wieder hervor. So berichtete eine seit ihrer Jugend im Zeilweg lebende Frau, seinerzeit oft Häftlingskolonnen in der Nähe ihres Elternhauses gesehen zu haben. Einzelne Männer hätten getragen werden müssen, alle seien in gestreifter Häftlingskleidung unterwegs gewesen und hätten auf dem Weg zur Arbeit und zurück einen Essenstender mit sich geführt. Als Jugendliche habe sie auch wiederholt durch die Astlöcher des Bretterzauns geschaut und könne sich erinnern, Häftlinge gesehen zu haben, die im Kreis umher liefen und – wohl als Strafmaßnahme – Matratzen über dem Kopf trugen. Auch andere ältere Heddernheimer Bürger berichteten, dass Häftlinge zum Beispiel häufig durch die Hessestraße marschierten, auf dem Weg zum Arbeitseinsatz im nahe gelegenen Straßenbahndepot.

Aus dem mündlichen Bericht des ehemaligen Häftlings geht hervor, dass die Anwohner des Oberschelder Wegs zumindest aus den obersten Etagen ihrer Häuser ungehinderten Einblick in das Lager hatten.

Heute ist das noch immer in einer Vertiefung gelegene Gelände des ehemaligen Lagers zum größten Teil mit einer Tennishalle, einem Wohnheim sowie mehreren, kurz nach dem Krieg entstandenen Wohnhäusern überbaut. Am hintersten Rande des ehemaligen Lagers befindet sich eine kleine Gedenkstätte. Eine Texttafel erinnert an das Schicksal der Inhaftierten: „Hier sollten sie bei mangelhafter Ernährung und ständig drohender Prügelstrafe durch Zwangsarbeit 'umerzogen' werden, wobei auch die 'Vernichtung durch Arbeit' in Kauf genommen wurde. Viele von ihnen wurden von hier aus in Konzentrationslager deportiert.“[1] Ein Hinweisschild an der Einmündung des Zeilwegs in die Dillenburger Straße weist den Weg zur Gedenkstätte in unmittelbarer Nachbarschaft der Häuser Oberschelder Weg 10 bis 12.

Literatur

  • Petra Meyer: Das Arbeitserziehungslager Heddernheim unter Berücksichtigung anderer Arbeitslager, ausgehend von den archivalischen Unterlagen und Berichten von Zeitzeugen. Frankfurt am Main, Juni 1986, OCLC 75013158
  • Henri Braun:[7] Henri Braun, Président de l’Amicale des Rescapés des Arbeitserziehungslager (AEL). In: Bernard Garnier, Jean Quellien, avec la collaboration de Françoise Passera: La Main d'oeuvre francaise exploitée par le IIIe Reich. Colloque International, 13-14-15 Décembre 2001, Mémorial de la Paix à Caen. Caen, Centre de Recherche d'Histoire Quantitative, 2003, ISBN 2-9519438-0-6; Volltextversion (auf französisch)

Einzelnachweise

  1. a b laut Texttafel an der Gedenkstätte
  2. zitiert nach: Petra Meyer, S. 10
  3. Petra Meyer, S. 20
  4. Petra Meyer, S. 26
  5. zitiert nach Petra Meyer, S. 24
  6. in: Die Glocke von Ettersberg, Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora. Nr. 65, 3/1976; zitiert anhand einer Fotokopie in Petra Meyer, S. 40
  7. Vortrag auf einer Tagung in Caen im Dezember 2001
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