Merseburger Zaubersprüche
Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r mit den Merseburger Zaubersprüchen im oberen Teil (Zeilen 1–12). Digital colorierter Scan eines Photodrucks aus dem 19. Jahrhundert (Verlag v. F. Enneccerus, Frankfurt a.M. 1897), der nicht den heutigen Zustand des Originals wiedergibt.

Die Merseburger Zaubersprüche sind nach dem Ort ihrer Auffindung in der Bibliothek des Domkapitels zu Merseburg benannt. Dort wurden sie 1841 von dem Historiker Georg Waitz in einer theologischen Handschrift des 9./10. Jahrhunderts entdeckt und 1842 von Jacob Grimm erstmals herausgegeben und kommentiert. Die zwei Zauberformeln sind in althochdeutscher Sprache niedergeschrieben. Sie nehmen Bezug auf Themen und Figuren der vorchristlichen Germanischen Mythologie.

  • Der „Erste Merseburger Zauberspruch“ gilt gemeinhin als ein Lösezauber von Fesseln eines Gefangenen (Kriegers).
  • Der „Zweite Merseburger Zauberspruch“ gilt gemeinhin als Heilungszauber eines verletzten (verrenkten) Pferdefußes.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Form

Die Merseburger Zaubersprüche (MZ1+2) finden sich in einem Sakramentar des 9. Jahrhunderts, einer sechslagigen Sammelhandschrift mit doppelter Foliierung[1] als nachträglicher Eintrag[2] auf einem ursprünglich frei gebliebenen Vorsatzblatt.[3] In der Regel wird die ältere Foliierung fol. 85r in der wissenschaftlichen Literatur angeführt; sie findet sich in Tinte in der oberen rechten Ecke des Blattes (siehe Abbildung). Jedoch ist diese Zählung in der Handschrift nicht stimmig, da Auslassungen und Doppelungen bestehen. Schon Grimm hatte daher bei seiner Erstedition die am unteren rechten Rand stehende konsistente, in Bleistift geschriebene jüngere Foliierung (fol. 84r) angeführt.[4] Neben den beiden Sprüchen sind in der Handschrift noch zwei weitere deutsche Texte enthalten, nämlich das sogenannte „Fränkische Taufgelöbnis“ (fol. 16r) und das „Merseburger Gebetsbruchstück“ (fol. 53r).[5] Unterhalb der MZ befindet sich ein lateinisches Gebet.

Den paläographischen Forschungen Bernhard Bischoffs zufolge wurden die MZ im ersten oder zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts in die Handschrift eingetragen.[6] Als Ort der Niederschrift wird gemeinhin das Kloster Fulda angenommen, wo sich der Codex nachweislich bis 990 befand.[7] Bischoff konnte bei seiner paläographischen Expertise nachweisen, dass etwa die Niederschrift des „Fränkischen Taufgelöbnis“ in Fulda erfolgte, da ihr Schriftbild dem Fuldaer Typus der karolingischen Minuskelschrift entspricht.[8] Schwierigkeiten für die Einordnung der MZ ergeben sich daraus, dass das Schriftbild der MZ vom Fuldaer Typus abweicht und das auf die MZ folgende lateinische Gebet von einer anderen Schreibhand stammt.[9] Die Qualität der Aufzeichnung steht jedoch über der anderer volkssprachiger marginaler Einträge im sonstigen lateinischen Umfeld.[10] Daher geht man bezüglich der MZ davon aus, dass sie in Fulda aus einer Vorlage abgeschrieben worden sind.[11]

Die Frage des Dialektes ist nicht entschieden geklärt. Frühere Annahmen, wie "thüringisch" (Grimm), ließen sich nicht erhärten, da im althochdeutschen Textkorpus keine direkten Zeugnisse vorliegen. Die weitere Diskussion fand mit der Befürwortung für das Rheinfränkische oder für den ostfränkischen Dialekt statt. Für das Ostfränkische wird mit dem Bezug auf den Schreibort Fulda mehrheitlich tendiert. Diese Umstände bedingen ebenfalls textkritsche Fragen zur Lexik, beziehungsweise zu den gegebenen Abweichungen unter Vergleich zum übrigen althochdeutschen Wortschatz (Hapax legomena, vermuteten Schreib- oder Abschreibfehler). Beispielhaft sind aus dem MZ1 eiris als Verschreibung zu enis, einis, eres, erist für einstmals , und im MZ2 die auffälligen Graphien „ct“ bei birenki[ct], und „ht“ bei sin[ht]gunt.[12] Diese auffälligen Schreibungen werden in der Regel still verbessert oder gegebenenfalls angezeigt.[13]

Die Sprüche sind zweigliedrig. Sie bestehen aus einem episch-erzählenden Einleitungsteil (historiola), der ein früheres Ereignis schildert, und der eigentlichen Zauber- beziehungsweise Beschwörungsformel, als (incantatio) bezeichnet.[14][15]

Spruch Historiola Incantatio
MZ1 V. 1–3 V. 4
MZ2 V. 1–5 V. 8–9

Die Form der Verse ist die stichische Langzeile und zeigt teils Stabreime auf, mit der Tendenz[16] zu Kurzverspaaren. Die Stabung ist nicht konsequent durchgeführt und weist die Neigung zum Endreim auf (MZ1 V.2, 4). Deshalb wird mit Einschränkungen angenommen, dass die MZ Zeugnisse des Übergangs von der Technik der Stabreimdichtung zur endreimenden Dichtung sind.[17][18]

Die Datierung der Entstehungszeit der MZ ist in der Forschung ein wesentlicher Diskussionspunkt. Wolfgang Beck nennt als Faktoren dazu: Bezüge zur vorchristlichen paganen germanischen Religion, der Formenbestand, der Aufzeichnungsort, die Aufzeichnungszeit, der Entstehungsort, sowie die Anbindung an die mündliche Dichtung („Oral Poetry“). Die Schlüsse der Forschung aus diesen Faktoren sind uneinheitlich und weichen bei der zeitlichen Festsetzung erheblich von einander ab.[19] Auffällig ist, dass sich die Diskussion hierbei hauptsächlich auf den MZ2 konzentriert.[20][21][22]

  • Adalbert Kuhn nahm im 19. Jahrhundert eine direkte Anknüpfung an eine Indoeuropäische kontinuierliche Tradition an mit einer Entstehungszeit vor der historischen Nachweisbarkeit germanischer Dichtung.
  • Gerhard Eis nahm eine Datierung (MZ1) ins 3. – 4. Jahrhundert an.
  • Felix Genzmer datierte den MZ1 ins 2. Jahrhundert, den MZ2 ins 5. Jahrhundert.
  • Georg Baesecke datierte ins frühe 9. Jahrhundert.

Heutige Annahmen gehen von einer Entstehungszeit der MZ nahe der Eintragungszeit aus, frühestens aus der Zeit der Mission Bonifatius vor 750.[23][24][25][26]

Wesentlich sind die Fragen, warum diese Sprüche in dieser Handschrift erscheinen, warum eine spätere Hand einen Auszug aus einem lateinischen, kirchlichen Gebet hinzugefügt hat und warum außer diesen keine weiteren vorchristlich-paganen Texte überliefert sind. Die Interpretation der Texte wird durch die Abwesenheit von Vergleichsmaterial erheblich erschwert. Für den MZ1 werden abweichende Anwendungsbereiche angenommen. Als Lösezauber (Fesseln) für Gefangene, oder als Zauber in der Heilkunde, beziehungsweise in der Geburtshilfe. Für den MZ2 wird einheitlich die Verwendung gegen die Verletzung, Verrenkung eines Pferdehufs, beziehungsweise des Beines angenommen.

Transliteration

Diplomatischer Text aus Braunes Althochdeutschen Lesebuch.

Die Eintragung der MZ1+2 auf fol. 85r der Handschrift stellt sich zeilengenau wie folgt dar:

Eiris sazun idisi sazunheraduoder suma
hapt heptidun sumaherilezidun sumaclu
bodun umbicuonio uuidi insprinc hapt
bandun inuar uigandun· H·
Phol endeuuodan uuorun ziholza du uuart
demobaldares uolon sinuuoz birenkict
thu bigolen sinhtgunt · sunnaerasuister
thu biguolen friia uolla erasuister thu
biguolen uuodan sohe uuolaconda
sosebenrenki sose bluotrenki soselidi
renki ben zibenabluot zibluoda
lid zigeliden sosegelimida sin.

1. Merseburger Zauberspruch

In normalisierter Orthographie mit Übersetzung:

Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.(A1 ; C2)
suma haft heftidun, suma heri lêzidun,(C1 ; C2)
suma clûbodun umbi cuniowidi:(C1 ; B1, o. C3)
insprinc haftbandun, infar wîgandun.(aD1 ; aD1)
     
Einst saßen Idise, setzten sich hierher und dorthin.
Einige hefteten Fesseln, einige reizten die Heere auf.
Einige klaubten herum an den Volkesfesseln
Entspringe den Haftbanden, entkomme den Feinden.

(Modifiziertes Stabreimschema ( ) nach E. Sievers Fünftypen Schema)[27]


Der MZ1 beschreibt, wie eine Anzahl Idisen auf dem Schlachtfeld gefangene Krieger von ihren Fesseln befreit.

  • Unklar ist die Identifikation der Idisi des 1. Spruchs. Möglicherweise sind dies walkürenartige Frauen. Eventuell sind die „idisi“ identisch mit den Disen, weiblichen Gottheiten aus der nordischen Mythologie. Daneben ist eine profane Deutung der „idisi“ (ahd. itis) als Edelfrauen nicht ausgeschlossen, da im althoch- und altsächsischen Literaturkontext betrachtet diese Bedeutung wohl wahrscheinlicher ist; so benutzt der Helianddichter sowie Otfrid dieses Wort im christlichem Umfeld. Weitere Interpretationen sind zauberkräftige Frauen oder gar das Gegenstück zu den Walküren.[28]
  • Ebenfalls als problematisch erweist sich das letzte Wort der ersten Langzeile, duoder, das man am häufigsten mit dort oder dorthin übersetzt findet. Jedoch weist Gerhard Eis in seiner Essaysammlung "Altdeutsche Zaubersprüche" darauf hin, dass „diese Bedeutung von duoder nirgends bezeugt oder auch nur als wahrscheinlich erwiesen wird“.[29] Weiter argumentiert er, dass bei mittelalterlichen Kopisten häufig die - fehlerhafte - Vorwegnahme des Anlauts der zweiten Silbe in der ersten zu beobachten ist, und unter diesem Gesichtspunkt deutet er duoder in muoder, althochdeutsch für Mütter um. Davon ausgehend, versteht er das vorausgegangene Wort hera auch nicht als hier(her), sondern als hehr bzw. ehrwürdig. Von hehren Müttern wäre somit die Rede. Diese wiederum bringt er in Zusammenhang mit den im ersten Halbvers benannten Idisen, indem er auf den zur mutmaßlichen Entstehungszeit der Zauberformel (erste Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrtausends) unter den germanischen Stämmen weit verbreiteten Matronenkult verweist. Als hilfreiches Indiz hierfür benennt er unter anderem die für die stets gruppenweise auftretenden Matronen charakteristische Dreizahl, und tatsächlich sind die Idisen des Zauberspruchs in drei Gruppen aufgeteilt.[30]

2. Merseburger Zauberspruch

In normalisierter Orthographie mit Übersetzung:

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza. (A1 ; A1)
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit. (B2, o. B3 ; C2)
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister; (A3 ; A1)
thû biguol en Frîja, Folla era swister; (A3 ; A1)
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda: (A3 ; C2)
sôse bênrenki, sôse bluotrenki, (C1 ; C1)
sôse lidirenki: (C2)
bên zi bêna, bluot zi bluoda, (A1 ; A1)
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn. (A1k ; B2)
     
Phol und Wodan begaben sich in den Wald
Da wurde dem Fohlen des Herrn/Balders sein Fuß verrenkt
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester der Sunna
Da besprach ihn Frija, die Schwester der Volla.
Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte.
So Beinrenkung, so Blutrenkung,
so Gliedrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären

(Modifiziertes Stabreimschema nach Sievers)[31]

C-Brakteat (Seeland-II-C), Nær (Raum) Køge, Dänemark. „Götterhaupt über Vierbeiner“. Im Kontext von Balders Fohlensturz, als schlechtes Vorzeichen für Balders Tod.[32]

Der zweite Merseburger Zauberspruch behandelt die Heilung eines Pferdes durch Besprechung (zur besonderen Bedeutung der Pferdeheilkunde siehe auch Eis[33]). „Phol“ und Wodan reiten durch den Wald (holza), „Balders“ Pferd hat einen verletzten Huf, beziehungsweise Unterlauf. Darauf folgend der Spruch Wodans: „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien“. Die anderen (Götter-)Namen konnten bislang nicht eindeutig identifiziert werden. Anerkannt ist die Identifikation von „Uuôdan“ (Wodan, Wotan, Odin) und „Frîia“ (Frija, die Frau von Odin). Bei den anderen Namen ist nicht einmal sicher, ob es sich wirklich um Namen von Göttern handelt, da für ihre Übersetzung verschiedene Interpretationen bestehen.

  • Strittig ist gleichfalls, wie der Name „Phol“ im 2. Spruch zu lesen ist. In der Handschrift erscheint ein Großbuchstabe P, gefolgt von „ol.“ Ein „h“ ist dem „o“ über der Zeile überschrieben. Die Forschung hat darin oft den Namen eines unbekannten Gottes „Phol“ gesehen. Gleichfalls scheint aber auch eine Schreibung für nhd. Folen möglich.
  • Diskutiert wird, wie „Sinthgunt“ zu übersetzen sei, wobei die Handschrift „Sinhtgunt“ liest.
  • Balder: Ist in der nordischen Mythologie der Gott des Lichtes. In den westgermanischen Sprachen ist dieses Wort als Name für eine Gottheit aber nicht bekannt.

Bildliche Überlieferungen

Auf völkerwanderungszeitlichen Brakteaten von circa 450 n. Chr. bis nach Mitte des 6. Jahrhunderts finden sich teilweise auf den Exemplaren vom Typus B und C Abbildungen mit dem Thema der göttlichen Pferdeheilung.[34] Beispielhaft sind unter anderen die Funde aus Deutschland von Sievern, und von Obermöllern bei Merseburg. Diese ikonographische Darstellungen zeigen nach den Forschungen Karl Haucks Jahrhunderte vor der literarischen Fassung, Wodan/Odin beim Heilen eines Pferdes, dessen Unterläufe eindeutige Schädigungen abbilden.[35] Hauck wertete insbesondere B- und C-Typen aus, die im Fundortkontext von Odinsheiligtümern gefunden wurden, und stellte nach den von ihm gedeuteten Chiffrenmuster die Bezüge zum MZ2 dar.[36] Die Methodik Haucks und dessen hermeneutischen Schlüsse in Bezug auf die literarische Darstellung des MZ2 ist in der Forschung allgemein anerkannt,[37] wird jedoch durch einzelne wie Wolfgang Beck[38] oder Helmut Birkhan[39] und Robert Nedoma[40] kritisch hinterfragt, beziehungsweise von Beck abgelehnt.[41]

Nach Hauck[42] sind die Braktatenfunde besonders aussagekräftig[43] aus:

  • B-Typ: Lellinge (IK[44] 105), Obermöllern (IK 132), Schonen (IK 149,1).
  • C-Typ: Darum V (IK 43), Fünen I (IK 58), Seeland II/ Køge (IK 98), Lindkær (IK 110), Tulstrup (IK 191), Gudme (IK 392), Gemarkung Dannau (IK 571)

Die Muster der Chiffren stellt Heinrich Beck als ikonographisches Formular dar, dass in unterschiedlichen Graden ausgearbeitet vorliegt:[45]

  • Sturz des Pferdes. Erkennbar an verrenkten Vorderläufen und die nach unten weisende, einknickende Körperhaltung des Pferdes.
  • Zuwendung eines überdimensionalen Hauptes, dass das Pferdeohr umgreift.
  • Miteinbeziehung weiterer Details. Heilszeichen (Kreuz, Swastika), vogelgestaltige Wesen, Runeninschriften, Heilsworte (siehe Abbildung Brakteat von Køge).[46]

Indogermanische Vergleiche

Neben weiteren europäischen Überlieferungsvarianten jüngeren Datums findet sich zum zweiten Merseburger Zauberspruch eine Parallele in der altindischen Überlieferung Atharvaveda (Text IV 12 in der Śaunakīya-Version, IV 15 in der Paippalāda-Version) wieder. Der auf Sanskrit verfasste Text besteht aus der Anrufung der in der Pflanze Arundhatî ruhenden Heilkräfte:[47]

  1. Eine Wachsenlassende bist Du als Rohini [*Rote]
    die (Zusammen-)Wachsenlassende des gespaltenen Knochens,
    laß auch dies hier (zusammen-)wachsen, o Arundhatî!
  2. Was Dir versehrter, was Dir versengter
    Knochen oder Fleisch ist an Deinem Selbst,
    das soll (der Gott) Dhatr (der [Zusammen-]Setzer) heilbringend wieder
    zusammensetzen, mit dem Gelenk das Gelenk.
  3. Zusammen werde Dir Mark mit Mark,
    und zusammen Dir mit Gelenk das Gelenk,
    zusammen wachse Dir das Auseinandergefallene des Fleisches,
    zusammen wachse der Knochen zu!
  4. Mark werde mit Mark zusammengefügt,
    mit Fell wachse Fell (zusammen),
    Blut und Knochen wachse Dir,
    Fleisch wachse mit Fleisch (zusammen)!
  5. Haar füge (oder: füge er) zusammen mit Haar,
    mit Haut füge (oder: füge er) zusammen Haut,
    Blut (und) Knochen wachse Dir,
    das Zerspaltene mache zusammen, o Pflanze!
  6. So steh auf, geh los, lauf fort (wie) ein Streitwagen mit guten Rädern, mit guten Radschienen, mit guten Naben, nimm aufrecht festen Stand ein!
  7. Ob er es sich durch den Sturz in eine Grube gebrochen hat,
    oder ob ein geschleuderter Stein es ihm zerschmettert hat,
    wie Rbhu die Teile des Streitwagens,
    so soll er (Dhatr?) zusammensetzen mit dem Glied das Glied.

Übereinstimmungen zwischen diesem Text und MZ2 bestehen sowohl in der Rahmenhandlung (ein Gott greift ein) als auch in der Formel nach dem Schema X zu Y, wobei überdies in beiden Texten Blut, Knochen und Glieder in dieser Formel gebraucht werden. Analoges gilt auch für die altsächsische Fassung des Wurmsegens, der als ältester deutscher Zauberspruch gilt, nachfolgend mit Übersetzung:

Gang ut, nesso, mid nigun nessiklinon,
ut fana themo marge an that ben,
fan themo bene an that flesg,
ut fan themo flesge a thia hud,
ut fan thera hud an thesa strala!
Drohtin, vethe so!

     

Geh hinaus, Nesso, mit neun Nesslein,
hinaus von dem Mark an den Knochen,
von dem Knochen an das Fleisch,
hinaus von dem Fleisch an die Haut,
hinaus von der Haut, in diesen Pfeil! (= vgl. der Hufstrahl des Pferdes, Hufsohle mit pfeilförmigem Relief)
Herr es werde so![48]

Ein entstehungsgeschichtlicher Zusammenhang zwischen dem zweiten Merseburger Zauberspruch und dem Sanskrit-Text ist bisher nicht geklärt, da viele altindische Überlieferungen erst nach und nach herausgegeben und damit der wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich gemacht werden. Klaus Mylius sieht in den Gemeinsamkeiten lediglich zufällige Parallelentwicklungen.[49] Heiner Eichner hält allenfalls die Verse MZ2, 8f. der Incantatio für „potentiell altüberkommene“ indogermanische Übereinstimmung. Er verweist auf einen möglichen genetischen Zusammenhang, der erst durch weiterführende Forschungen zu festigen oder zu widerlegen sei.[50]

Spätere Bearbeitungen

Obwohl mit den Texten keine notierte Melodie beziehungsweise eine Neumierung überliefert ist und es daher als unsicher gilt, ob die MZ ursprünglich Sangverse waren, wurden sie mehrfach vertont. Dies geschah insbesondere, bedingt durch den „Mittelalterboom“ des späten 20. Jahrhunderts, durch sogenannte Mittelalter-Rockbands. Am bekanntesten sind die Vertonungen von Ougenweide (1974) und In Extremo (1999). Einen Überblick über die Vertonungen sowie über die Rezeption der Merseburger Zaubersprüche in Literatur und Kunst gibt Wolfgang Beck (2010, S. 31-38).

Literatur

Ausgaben

  • Wilhelm Braune, Ernst A. Ebbingaus: Althochdeutsches Lesebuch, 15. Auflage. Niemeyer, Tübbingen 1969.
  • Rene L.M. Derolez: Götter und Mythen der Germanen. Englisch, Wiesbaden 1975. Faksimile, Bildtafel Nr. 13
  • Werner Höver, Eva Kiepe: Epochen der deutschen Lyrik – Von den Anfängen bis 1300. DTV, München 1978.
  • Horst-Dieter Schlosser: Althochdeutsche Literatur – Mit Proben aus dem Altniederdeutschen. Ausgewählte Texte mit Übertragungen und Anmerkungen, (2. Aufl.). Fischer, Frankfurt/M. 1980
  • Franz Rolf Schröder: Quellenbuch zur Germanischen Religionsgeschichte. De Gruyter, Berlin/Leipzig 1933.

Sekundärliteratur

  • Heinrich Beck (Beck 2001): Merseburger Zaubersprüche – Bildliche Überlieferung. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 19, De Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5. S. 604f.
  • Wolfgang Beck (Beck 1999): birenkict – Zu einem Pferdefuß des Zweiten Merseburger Zauberspruchs. In: Eichner/Nedoma (1999). S. 89–103
  • Wolfgang Beck (Beck 2003): Die Merseburger Zaubersprüche. (Imagines Medii Aevi 16), Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-300-X.
  • Wolfgang Beck (Beck 2010): [unter Mitarbeit von Markus Cottin]: Die Merseburger Zaubersprüche. Eine Einführung (Kleine Schriften der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz, Band 8), Petersberg 2010.
  • Bernhard Bischoff: Paläographische Fragen deutscher Denkmäler der Karolingerzeit. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 5. De Gruyter, Berlin – New York 1971. ISSN 0071-9706 S. 101–134.
  • Klaus Düwel, Wilhelm Heizmann (Düwel/Heizmann): Einige neuere Publikationen zu den Merseburger Zaubersprüchen: Wolfgang Beck und andere. - Besprechungsaufsatz. In: Indogermanische Forschungen. Bd. 114, de Gruyter, Berlin/New York 2009, ISBN 978-3-11-020899-3.
  • Gustav Ehrismann: Geschichte der Deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters 2. durchgearbeitete Auflage. C. H. Beck, München 1932.
  • Heiner Eichner, Robert Nedoma [Eichner/Nedoma (1999)]: „insprinc haptbandun“. Referate des Kolloquiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000) Teil 1. In: Die Sprache – Zeitschrift für Sprachwissenschaft. 41, Heft 2 (1999; erschienen 2002), Wiener Sprachgesellschaft. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1999. ISSN 0376-401X
  • Heiner Eichner, Robert Nedoma [Eichner/Nedoma (2001)]: „insprinc haptbandun“. Referate des Kolloquiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000) Teil 2. In: Die Sprache – Zeitschrift für Sprachwissenschaft. 42, Heft 1/2 (2000/2001; erschienen 2003), Wiener Sprachgesellschaft. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2001. ISSN 0376-401X
  • Anna Helene Feulner: Zur Metrik der Merseburger Zaubersprüche. In: Eichner/Nedoma (1999). S. 104–152
  • Karl Hauck: Der religions- und sozialgeschichtliche Quellenwert der völkerwanderungszeitlichen Goldbrakteaten. In: Heinrich Beck, Detlev Elmers, Kurt Schier (Hrsg.): Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme. Ergbd. 5 zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. De Gruyter, Berlin/New York 1992, ISBN 3-11-012872-1, S. 229ff.
  • Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte – Die Westgermanen. Carl Winter, Heidelberg 1953.
  • Dieter Kartschoke: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter. DTV, München 1991.
  • Michael Lundgreen: Merseburger Zaubersprüche. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 19, De Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5. S. 601ff.
  • Ernst Alfred Philippson: Germanisches Heidentum bei den Angelsachsen (Kölner anglistische Arbeiten Bd.4). Verlag Bernh. Tauchnitz, Leipzig 1929.
  • Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs. In: Eichner/Nedoma (1999). S. 153–205
  • Meinolf Schumacher: Geschichtenerzählzauber. Die „Merseburger Zaubersprüche“ und die Funktion der „historiola“ im magischen Ritual. In: Rüdiger Zymner (Hrsg.): Erzählte Welt – Welt des Erzählens. Festschrift für Dietrich Weber, Köln 2000, ISBN 3-934977-01-4, S. 201-215.
  • Roland Schuhmann: Die Provenienz des ersten Merseburger Zauberspruchs. In: Eichner/Nedoma (1999). S. 206–217
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner Verlag, Stuttgart 1984 – 20063, ISBN 3-520-36802-1.
  • Hans-Hugo Steinhoff: Merseburger Zaubersprüche. In: Burghart Wachinger, Gundolf Keil, Kurt Ruh, Werner Schröder, Franz J. Worstbrock (Hrsg.): Verfasserlexikon – Die deutsche Literatur des Mittelalters. Bd. 6, de Gruyter, Berlin/New York 1987, ISBN 978-3-11-010754-8, Sp. 410–418.
  • Jan De Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2 Bände). Walter De Gruyter, 3. unveränderte Auflage, Berlin 1970.
  • Ludwig Wolff: Die Merseburger Zaubersprüche. In: S. Gutenbunner, H. Moser, F. Maurer: Die Wissenschaft von deutscher Sprache und Dichtung. Klett, Stuttgart 1963. (Festschrift für Friedrich Maurer zum 65. Geburtstag)

Weblinks

Anmerkungen

Im Literaturverzeichnis angegebene Literatur wird abgekürzt aufgeführt, alle anderen Darstellungen werden vollständig zitiert.

  1. Heutige Signatur der Handschrift: Merseburg, Domstiftsbibliothek, Codex I, 136., ehemals Hs. Nr. 58. Vgl. Beck (2010), S. 38; Ehrismann: S. 100
  2. Beck (2003): Vgl. S. 228.
  3. Steinhoff: Sp. 410.
  4. Beck (2003): Vgl. S. 217 f. mit Anm. 8.
  5. Steinhoff: Sp. 410
  6. Bischoff: S. 111.
  7. Beck (2003): Vgl. S. 377.
  8. Bischoff: S. 111
  9. Steinhoff: Sp. 411
  10. Steinhoff: Sp. 411.
  11. Beck (2003): S. 377
  12. Steinhoff: Sp. 411
  13. Vgl. Weblink Bibliotheka Augustana, Textausgabe von Braune, Schlosser.
  14. Lundgreen: S. 601
  15. Steinhoff: Sp. 411
  16. Steinhoff: Sp. 411
  17. Lundgreen: S. 603
  18. Steinhoff: Sp. 416
  19. Beck (2003): S. 229f.
  20. Beck (2003): Vgl. S. 332ff.
  21. Lundgreen: S. 603
  22. Steinhoff: Sp. 411
  23. Beck (2003): S. 239
  24. Klaus Düwel: Anmerkungen zu W. Beck S. 347
  25. Lundgreen: S. 603
  26. Steinhoff: Sp. 411
  27. Feulner: S. 108
  28. Vgl. Wallner, A.: »Eiris sazun idisi«, in: ZfdA 50(1908), S. 214–218; daneben Ohrt, F.: »Merseburger Sprüche«, in: HdA, Bd. 6, Sp. 182–187.
  29. Zitat: Gerhard Eis: Altdeutsche Zaubersprüche. de Gruyter, Berlin 1964, S. 58.
  30. Vgl. Gerhard Eis: Altdeutsche Zaubersprüche. de Gruyter, Berlin 1964, S. 58-66.
  31. Feulner: S. 112
  32. Klaus Düwel: Runenkunde. Metzler, Stuttgart 2001. S. 48f.
  33. Gerhard Eis: Altdeutsche Zaubersprüche. de Gruyter, Berlin 1964, S. 48f.
  34. Vgl. Heinrich Beck, Michael Lundgreen: Merseburger Zaubersprüche. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 19, De Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5, S. 604f.
  35. Alexandra Pesch: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit: Thema und Variation. Ergbd. 36 zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. De Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-020110-9, S. 42.
  36. Karl Hauck: S. 230f. methodologische Voraussetzungen, S. 240ff. Auswertungen.
  37. Düwel (Düwel/Heizmann): S. 348
  38. Beck (2003): S. 265ff.
  39. Helmut Birkhan: Magie im Mittelalter. C.H.Beck, München 2010.ISBN 978-3-406-60632-8. S.124
  40. Eichner/Nedoma (2001): S.62f.
  41. Heizmann (Düwel/Heizmann): S. 349, unterstellt W. Beck zu dessen Fundamentalkritik, diesem methodische Fehler und fehlende ausreichende altertumskundliche Sachkenntnis.
  42. Hauck: S.265
  43. Heiner Eichner, Robert Nedoma: „insprinc haptbandun“. Referate des Kolloquiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000). In: Die Sprache. 42, Heft 1/2 (2000/2001), S. 62, 63 bildlich zu C-Brakteaten von Darum, Fünen, Køge
  44. IK= K. Hauck u. a. (Hrsg.):Ikonographischer Katalog der völkerwanderungszeitlichen Goldbrakteaten.
  45. Heinrich Beck, Michael Lundgreen: Merseburger Zaubersprüche. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 19, De Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5, S. 604.
  46. Die letzten vier Runen über den gebogenen Hinterlauf –im Bild rechts oben– lauten transliteriert in der Leserichtung von rechts in runennordisch: „auja“ = Glück, oder Schutz. Vgl.: Klaus Düwel: Runenkunde. Metzler, Stuttgart 2001. S. 48f.
  47. Übersetzung der Śaunakīya-Version übernommen und leicht vereinfacht aus: Heiner Eichner: Kurze "indo"-"germanische" Betrachtungen über die atharvavedische Parallele zum Zweiten Merseburger Zauberspruch (mit Neubehandlung von AVS. IV 12). In: Die Sprache. 42, Heft 1/2 (2000/2001), S. 214.
  48. Gerhard Eis: Altdeutsche Zaubersprüche. de Gruyter, Berlin 1964, S. 10.
  49. Vgl. Klaus Mylius (Hrsg.): Älteste indische Dichtung und Prosa. Vedische Hymnen, Legenden, Zauberlieder, philosophische und ritualistische Lehren. Leipzig 1981, S. 61 und 84.
  50. Eichner/Nedoma (2001): S. 212 und 230.

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