Archäoastronomie

Die Archäoastronomie beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Basis mit archäologischen Ausgrabungen, Baudenkmalen, Artefakten und deren astronomischer (Be-)Deutung. Einige Wissenschaftler nennen das Fachgebiet auch Astroarchäologie bzw. Paläoastronomie und Ethnoastronomie.[1]

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Frühe vor allem aus England stammende Arbeiten zur Archäoastronomie führte der britische Astronom Joseph Norman Lockyer aus. [2] Als einer der Mitbegründer dieser Fachrichtung kann der amerikanische Astronom Gerald Hawkins gelten, der 1965 in seinem Buch Stonehenge decoded (und vorher 1963 in einem Nature-Artikel[3].) darauf hinwies, dass in den Lage- und Abstandsverhältnissen zwischen den Steinen von Stonehenge Sonnen- und Mondvermessungen verschlüsselt seien. Man könne diese zur Voraussage von Sonnenauf- und -untergängen, der Bewegung des Mondes sowie Sonnen- und Mondfinsternissen verwenden. Seine Arbeiten wurden von Archäologen kritisiert[4], in der breiteren Öffentlichkeit aber positiv aufgenommen[5] Auch wenn seine Interpretation von Stonehenge als Rechenmaschine heute kaum noch Anhänger findet, werden astronomische Ausrichtungen auch bei Megalithanlagen wie Newgrange oder Kreisgrabenanlagen angenommen.

Heute beschäftigen sich etliche Wissenschaftler mit dem astronomischen Wissen unserer Vorfahren. Bei der Interpretation der Funde arbeitet die Archäoastronomie eng mit der Astronomischen Chronologie zusammen und greift auf deren Methodik zurück.

Meist wird von Archäoastronomie bei Kulturen gesprochen, die keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen und wo nur archäologische Methoden weiterführen. Eine besondere Rolle nimmt die mesoamerikanische Archäoastronomie ein, da hier schriftliche Aufzeichnungen existieren (wie der Codex Dresdensis).

Kritik

Ein Hauptteil der Archäoastronomie beschäftigt sich mit megalithischer Astronomie, also mit den astronomischen Kenntnissen der Kulturen in den Megalithgebieten Europas vom mittleren Neolithikum über die Bronzezeit (etwa 4500 bis 1500 v. Chr.). Neben den Großsteingräbern werden Menhire, Steinreihen und Steinkreise in die Betrachtung einbezogen. Allgemein schließt die megalithische Astronomie die Idee ein, dass bei etlichen Monumenten ein oder mehrere Elemente astronomische Bedeutung besaßen.

Die Archäoastronomie tendiert hier dazu, die Objekte aus dem kulturgeschichtlichen Kontext zu lösen. Über den Hypothesenbegriff der mathematischen Statistik (z. B. der Erfindung eines megalithischen Yards) wird eine fiktive Wirklichkeit konstruiert; und schließlich eine Projektion modernen Wissens auf vergangene Epochen vorgenommen. Demgegenüber ist auf der Grundlage von religionswissenschaftlichen und kulturvergleichenden Forschungen offensichtlich, dass die Megalithidee in erster Linie spirituell-religiös bestimmt war. Im Vergleich dazu scheint der astronomische Aspekt zweitrangig gewesen zu sein. Es würde ein subtileres interdisziplinäres Vorgehen, verbesserte Methoden sowie eine abgesehen von Mond- und Sonnenständen zurückhaltende Deutung der vorgeblich astronomischen Resultate einschließen.

Einige andere Interpretation auf dem Gebiet der Archäoastronomie sind auch umstritten, z. B. die Interpretation der Höhlenmalereien von Lascaux als eine Art Planetarium sowie diverser Felsgravuren in Höhlen der gleichen Region als astronomische Markierungen.

Siehe auch

Literatur

  • Giorgio de Santillana, Hertha von Dechend: Die Mühle des Hamlet. Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit. Berlin 1992. ISBN 3-926763-23-X
  • Wolfhard Schlosser, Jan Cierny: Sterne und Steine. Eine praktische Astronomie der Vorzeit. Wiss. Buchges., Darmstadt 1996, Theiss, Stuttgart 1997. ISBN 3-8062-1318-6, ISBN 3-534-11637-2
  • William H. Calvin: Wie der Schamane den Mond stahl - auf der Suche nach dem Wissen der Steinzeit. Hanser, München/Wien 1996. ISBN 3-446-17310-2
  • Fred Hoyle: On Stonehenge. Freeman & Company, San Francisco 1977. ISBN 0-7167-0364-5
  • H. Dittmar-Ilgen: Warum platzen Seifenblasen. Hirzel, Stuttgart 2002, S. 171. ISBN 3-7776-1149-2 (Zur Physik in historischen Steinkreisen)
  • Gerald S. Hawkins, John B. White: Stonehenge decoded. Doubleday & Company, New York 1965, 1972, 1993. ISBN 0-88029-147-8
  • Rolf Müller: Der Himmel über den Menschen der Steinzeit. Astronomie und Mathematik in den Bauten der Megalithkulturen. Springer Berlin 1970
  • Rudolf Drößler: Als die Sterne Götter waren. Sonne, Mond und Sterne im Spiegel von Archäologie, Kunst und Kult. Prisma Verlag Leipzig, 1976 und Astronomie in Stein. Archäologen und Astronomen enträtseln alte Bauwerke und Kultstätten, Prisma Verlag Leipzig, 1990. ISBN 3-7354-0019-1
  • Anthony Aveni, Gary Urton: Ethnoastronomy and archaeoastronomy in the American tropics. New York Academy of Sciences, NY 1982. ISBN 0-89766-160-5
  • Anthony Aveni: Skywatchers of ancient Mexico, University of Texas Press, Austin 2001, ISBN 0-292-70504-2.
  • Anthony Aveni: Foundations of new world cultural astronomy. Univ. Press of Colorado, Boulder 2008, ISBN 0-87081-900-3.
  • Edwin C. Krupp: Echoes of the ancient skies. The astronomy of lost civilizations. Oxford University Press 1983. ISBN 0-19-508801-8
  • Jarita C. Holbrook (et al.): African Cultural Astronomy. Current Archaeoastronomy and Ethnoastronomy research in Africa. Springer 2008. ISBN 978-1-4020-6638-2
  • Clive L.N. Ruggles: Ancient astronomy-an encyclopedia of cosmologies and myth. Abc-Clio, Santa Barbara 2005,ISBN 1-85109-616-7
  • Hannes D. Galter: Die Rolle der Astronomie in den Kulturen Mesopotamiens.Rm-Dr.&Verl.Ges. Graz 1993, ISBN 3-85375-009-05 (formal falsche ISBN)
  • Brian S. Bauer: Astronomy and empire in the ancient andes - the cultural origins of Inca sky watching. Univ. of Texas Press, Austin 1995, ISBN 0-292-70837-8
  • Hirsch, Friedrich (1890-1964): Der Sonnwendbogen - Eine himmelskundliche Entdeckung auf Rügen und ihre Beglaubigung durch Kinderspiele, Sagen, Marchen und Schattenzeichen der Urschrift Alteuropas, Lahr, Schwarzwald, Verlag Kaufmann in Kommission, 1965

Weblinks

Einzelnachweise

  1. The European Society for Astronomy in Culture; the interdisciplinary disciplines of Archaeoastronomy and Ethnoastronomy.
  2. "As a discipline, archaeoastronomy stems from the publication of J.N. Lockyer´s Dawn of Astronomy in 1894" in: David H. Kelley, et al.: Exploring ancient skies - an encyclopedic survey of archaeoastronomy. Springer, New York 2005, ISBN 0-387-95310-8, S.1
  3. GERALD S. HAWKINS: Stonehenge Decoded, Nature, Volume 200, Issue 4904, pp. 306-308 (26. Oktober 1963)
  4. Volker Bialas: Astronomie und Glaubensvorstellungen in der Megalithkultur - Kritik zur Archäoastronomie München 1988
  5. GERALD S. HAWKINS: Stonehenge Archives: Twenty Years After "Stonehenge Decoded" in : Archaeoastronomy, Vol. 8, p.6., 1985

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