Archäozoen

Als Neozoen (Einzahl: Neozoon, Mehrzahl: Neozoa, eingedeutscht Neozoen, aus dem Griechischen (νέον - neu, ζῷον - Lebewesen) bezeichnet man Tierarten, die direkt oder indirekt durch die Wirkung des Menschen in andere Gebiete eingeführt worden sind und sich dort fest etabliert haben. Der übergeordnete Begriff lautet Neobiota.

Das Wildkaninchen ist das international wohl bekannteste Beispiel eines Neozoons.

Inhaltsverzeichnis

Die Definitionen und Charakterisierungen

Drei Kriterien müssen erfüllt sein, um von einem Neozoon zu sprechen:

  • direkte oder indirekte Einführung durch menschliche Aktivitäten
  • nach 1492 (bzw. gerundet: nach 1500) eingeführt
  • in Australien und Neuseeland nach 1770 (bzw. ab 1800)
  • sich selbst reproduzierende Populationen über mindestens drei Generationen, die ohne menschliche Hilfe auskommen.

Das Jahr der Neu-Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, 1492, charakterisiert den Beginn des Zeitalters der Kolonialisierung und damit der intensiven Vernetzung der Länder der Welt. Dies erleichterte den bewussten und unbewussten Austausch von Tier- und Pflanzenarten zwischen Ländern und Kontinenten.

Der Handhabbarkeit halber werden hier drei Generationen oder 25 Jahre als Kriterium für die Einbürgerung in der neuen Umwelt verwendet. Tierarten, die vor 1492 eingeführt wurden, die sogenannten Archäozoen (beispielsweise die Hausmaus und das Heimchen), werden gesondert betrachtet. Von manchen Autoren wird die Einschleppung der Sandklaffmuschel aus Nord-Amerika nach Europa durch die Wikinger im Jahr 982 als Symbol der Ersteinführung amerikanischer Organismen und als Scheidejahr zwischen Archäozoen und Neozoen angesehen.

Die Wissenschaft, die sich mit den Neozoen beschäftigt, heißt Invasionsbiologie. Als Faustregel für die Einbürgerung neuer Arten gilt die 'Zehnerregel': Von 1000 eingeschleppten Arten können nur rund 10 Prozent in dem neuen Lebensraum überleben. Von diesen 100 Arten können sich aber wiederum nur 10 Prozent, also 10 Arten, auf Dauer fortpflanzen und sich etablieren. Von diesen besitzt nur eine Art ein Gefährdungspotential für die Umwelt, das entspricht 1 Promille. Trotzdem darf diese Gefahr nicht unterschätzt werden, da die Schäden für das Ökosystem enorm sein können.

Allein in Deutschland sind mittlerweile fast 700 Neozoen aus den unterschiedlichsten Tiergruppen heimisch geworden. Hierbei sind die marinen Neuansiedler noch nicht berücksichtigt. Andere Schätzungen liegen bei über 2000 Arten.

Von Neozoen spricht man sowohl bei bewusster Aussetzung der jeweiligen Tiere, bei Gefangenschaftsflüchtlingen sowie bei unbewusst verschleppten Tieren.

Einfluss auf die Natur

Vor allem auf isolierten Inseln, in Neuseeland, Neukaledonien, Papua-Neuguinea und Australien und in geringerem Maße auf dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent haben Neozoen zu einer irreversiblen Umgestaltung der Natur geführt, wobei sie zum Teil erheblichen Anteil am Aussterben der einheimischen Tierarten hatten. In Europa, Asien und Afrika kam es bisher zu Veränderungen, die zwar geringere Ausmaße einnahmen als in Australien, aber dennoch zu beachten sind.

Bei der Identifizierung von Neozoen als Ursache für Schäden an heimischer Flora und Fauna ist zu beachten, dass das Einschleppen oder Einführen von Neozoen oft mit umfangreichen Habitatveränderungen einhergeht und die Sicht auf die Schäden oft wirtschaftlichen Erwägungen folgt. In Australien werden zwar zahlreiche Neozoen verfolgt, aber wichtige Nutztiere wie Schafe, deren Produktion umfangreiche Eingriffe in die Natur erfordert (zum Beispiel Anlage von Wasserstellen) beziehungsweise hervorrufen, fallen nicht darunter. Inwieweit ein Neozoon als problematisch einzuordnen ist, wird von Wissenschaftlern, Naturschützern, Jägern, Fischern und Landwirten teilweise kontrovers diskutiert. Nach der Sichtweise der Invasionsbiologie sind Ökosysteme in der Regel ungesättigt, das heißt, sie sind in der Lage, weitere Arten aufzunehmen. Neozoa werden in der Regel als problematisch eingeordnet, wenn sie eines oder gar mehrere der folgenden Kriterien erfüllen:

  • sie gefährden oder verdrängen einheimische Arten
  • sie verändern heimische Ökosysteme
  • sie richten wirtschaftlichen Schaden an
  • sie gefährden die Gesundheit des Menschen
  • sie schleppen Krankheiten und gebietsfremde Parasiten ein
  • sie führen zu Beeinträchtigungen bei Jagd und Fischerei

Beispiele

Die Weißkopfruderente ist einer der seltensten Brutvögel Europas und wird durch die aus Nordamerika stammende Neozooe Schwarzkopfruderente stark bedroht (siehe Text)
  • Die bekanntesten Neozoen sind wohl die 1859 erstmalig in Australien ausgesetzten Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus). Für ihre Schädlichkeit auf Flora und Fauna liegen allerdings keine wissenschaftlichen Belege vor. Schäden sind vor allem für die australische Schafzucht nachgewiesen, weswegen sie bedingungslos verfolgt werden. Kaninchen stellen eine leicht verfügbare Nahrungsgrundlage für Beutegreifer dar und halten deren Bestand hoch. Wildkaninchen sind auch in Mitteleuropa und Großbritannien nicht ursprünglich, sondern mit erheblichem Aufwand etabliert worden.
  • Die aus Süd- und Mittelamerika stammende Aga-Kröte (Bufo marinus) wurde 1935 in Australien ausgesetzt, um die Zuckerrohrernte vor einer Zuckerrohrkäferplage zu schützen. Das misslang gründlich: Die Kröte ernährt sich nicht von diesen Käfern, sondern von zahlreichen zum Teil gefährdeten Arten Australiens. Gleichzeitig gefährdet sie auch größere Beutegreifer, weil diese, wenn sie die Aga-Kröte, aber auch ihre Eier oder Kaulquappen fressen, an deren Hautgiften zugrundegehen. Australien hat teure Programme zur Bekämpfung von Bufo marinus aufgelegt.
  • Die 1905 zur Pelzgewinnung aus Nordamerika eingeführte Bisamratte (Ondrata zibethicus) hat sich ausgehend von Böhmen und später Frankreich über fast ganz Europa und Asien ausgebreitet. Durch ihre Wühl- und Fresstätigkeit richtet sie vor allem wirtschaftliche Schäden an Ufer- und Deichbauten an.
  • Der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) ist ein Landwirtschaftsschädling. Allerdings schadet er nur der Kartoffel.
  • Eine Reihe von Wildbeständen beruht auf menschlichen Ansiedlungsversuchen. In Europa beziehungsweise Deutschland zum Beispiel Damhirsch (Dama dama), Sikahirsch (Cervus nippon), Europäischer Mufflon (Ovis aries musimon) und Fasan (Phasianus colchicus).
  • Die Verschleppung der Braunen Nachtbaumnatter (Boiga irregularis) auf die zu den USA gehörende Pazifikinsel Guam war Ursache für das Verschwinden fast der gesamten einheimischen Vogelwelt. Als Nebenwirkung kam es zu einer massenhaften Vermehrung von Spinnen, die zuvor den Vögeln als Nahrung gedient hatten.
  • Die Ansiedelung des Waschbären (Procyon lotor) in Deutschland, Frankreich, Weißrussland und im Kaukasus.
  • Die Auswilderung der Kanadagans (Branta canadensis) in Nordeuropa.
  • Die Etablierung von Halsbandsittichvorkommen (Psittacula krameri) aus entflogenen Käfigvögeln an vielen Stellen in West- und Südeuropa.
  • Die unfreiwillige Ansiedlung der Wanderratte (Rattus norvegicus) im 18. Jahrhundert überall auf der Welt. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Wanderratte ist in der Mongolei und Nordchina zu suchen.
  • Seit den 1950er Jahren wurde die Schwarzkopfruderente vermehrt als Wassergeflügel gehalten. Gefangenschaftsflüchtlinge etablierten Populationen in ganz Europa, die sich zunehmend auch mit der Weißkopfruderente (vgl. Foto) hybridisierten, deren Populationszahl die Schwarzkopfruderente bereits seit längerem übersteigt. Es besteht daher die Gefahr, dass die Weißkopfruderente vollständig durch die Schwarzkopfruderente verdrängt wird. Zu den Schutzmaßnahmen zur Arterhaltung der Weißkopfruderente gehört in Großbritannien daher auch der gezielte Abschuss von Schwarzkopfruderenten. Diese Maßnahme führte 2003 in Großbritannien zu einer breiten öffentlichen Diskussion über Tier- und Naturschutz.
  • Die Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis) hat sich nach unbeabsichtigter Einschleppung durch den Menschen im 20. Jahrhundert in mehreren großen europäischen Flüssen als Neubürger etabliert, beispielsweise in der Elbe oder im Rhein mit Bodensee.
  • Das nordamerikanische Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) wurde zwischen 1876 und 1929 unter anderem in England, Irland und Schottland ausgesetzt. Da es robuster und weniger scheu ist als das einheimische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) und zudem Überträger eines nur für die europäische Art tödlichen Parapoxvirus ist, verdrängt das Grauhörnchen auf den Britischen Inseln oder mittlerweile Italien das Eichhörnchen vielerorts aus seinen Lebensräumen.
  • Die Ansiedelung der Königskrabbe durch russische Forscher in der Barentssee hatte aufgrund fehlender Fressfeinde ein rapides Wachsen und Ausbreiten der Population bis nach Norwegen zur Folge.

Beispiele aus Deutschland

In Deutschland ist dem Problem der Neozoen und ihrer Bedeutung auch für Fragen des Artenschutzes lange nicht die Aufmerksamkeit entgegengebracht worden, wie in Übersee (z.B. Neuseeland). Erst seit etwa Anfang der 1990er Jahre beschäftigt man sich hier intensiver mit dieser Problematik[1].

Mit dem Stand November 2003 galten in Deutschland 1149 Neozoenarten als bekannt; davon waren 553 Arten Insekten, 163 Arten Vögel und 22 Arten Säugetiere.[2]

Hier eine Auswahl von weiteren in Deutschland vorkommenden Neozoen, die oben noch nicht aufgeführt wurden:

Die Brautente zählt zu den Neozoen, die sich als Gefangenschaftsflüchtlinge etablierten.

Die oben aufgeführten Arten sind nicht exklusiv in Deutschland, sondern größtenteils auch in anderen eurasischen Ländern vertreten.

Bewertung und Kennzeichnung der Neozoa

Die Wertung, ob durch den Menschen eingebrachte Neozoa etwas zu Bekämpfendes und „Unnatürliches“ darstellen oder im Rahmen der normalen Veränderung unserer Fauna zu sehen ist, fällt je nach Standpunkt und Argumentationsweise unterschiedlich aus.

Der mehr oder weniger wertneutrale Begriff „Neozoa“ ist in Deutschland kreiert worden und kaum in andere Sprachen vorgedrungen. Auch die Alternativbezeichnung allochthone Arten ist kaum über den deutschen Sprachraum hinausgedrungen.

Im Angelsächsischen spricht man meist von „introduced species“, „naturalized species“, „exotic species“, „invaders“, „invasive species“, „intruders“, „aliens“ oder „pest animals“. Entsprechende Alternativbezeichnungen gibt es aber auch im Deutschen, z. B. „Fremdarten“, „Exoten“, „Eingeschleppte Arten“, „Eindringlinge“, „Einwanderer“ oder „Invasoren“.

Einzelnachweise

  1. B. Streit (1991): Verschleppung, Verfrachtung und Einwanderung von Tierarten aus der Sicht des wissenschaftlichen Naturschutzes. S. 208-224. In: K. Henle und G. Kaule (Hrsg.): Naturschutzforschung für Deutschland. - Forschungszentrum Jülich GmbH, Berichte aus der Ökologischen Forschung Band 4.
  2. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Gebietsfremde Arten. Positionspapier des Bundesamtes für Naturschutz. BfN-Skript 128, zusammengestellt von Frank Klingenstein, Paul M. Kornacker, Harald Martens und Uwe Schippmann. Bundesamt für Naturschutz, Bonn 2005, S. 15

Allgemeine Literatur

  • Bernhard Kegel: Die Ameise als Tramp. Heyne, München 2001, ISBN 3-453-18439-4
  • Mario Ludwig, Harald Gebhard, Herbert W. Ludwig, Susanne Schmidt-Fischer: Neue Tiere & Pflanzen in der heimischen Natur. Einwandernde Arten erkennen und bestimmen. BLV, München 2000, ISBN 3-405-15776-5
  • Ingo Kowarik: Biologische Invasoren. Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Ulmer, Stuttgart 2003, ISBN 3-8001-3924-3
  • Frank Reinhardt, Markus Herle, Finn Bastiansen, Bruno Streit: Ökonomische Folgen der Ausbreitung von Neobiota. Umweltbundesamt Berlin, Berlin 2003 (= Texte 79/03), ISSN 0722-186X
  • Franz Essl, Wolfgang Rabitsch: Neobiota in Österreich. Umweltbundesamt Wien, Wien 2002, ISBN 3-85457-658-7
  • Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (Hrsg.): Aliens. Neobiota in Österreich. Böhlau, Wien 2005, ISBN 3-205-77346-2

Siehe auch

Weblinks


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