Arctodus simus
Kurznasenbär
Arctodus simus im Größenvergleich mit einem Menschen
Zeitraum
Pleistozän
44.000-14.000 Jahre
Fossilfundorte
Systematik
Raubtiere (Carnivora)
Hundeartige (Canoidea)
Bären (Ursidae)
Kurzschnauzenbären (Tremarctinae)
Arctodus
Wissenschaftlicher Name
Arctodus simus (Kurznasenbär)
Cope, 1897

Der Kurznasenbär (Arctodus simus) oder auch Riesen-Kurzschnauzenbär war ein für heutige Begriffe riesenhafter Vertreter der Bären, der zum Ende des Pleistozäns, vor etwa 44.000 bis zu 14.000 Jahren, während einer Übergangsperiode vor dem erneuten und letzten Vorstoß der Eisfelder auf dem nordamerikanischen Kontinent am Rande der arktischen Tundra im Gebiet des heutigen Alaskas und Kanadas am Yukon River lebte, um später mit Ausnahme der heutigen südwestlichen USA auch das gesamte Grasland zu beherrschen.

Inhaltsverzeichnis

Anatomie

Er war vermutlich eines der größten, wenn nicht gar das größte Raubsäugetier, das während der Eiszeit auf der Erde gelebt hat. Allerdings scheinen einige frühe fleischfressende Riesensäugetiere wie Andrewsarchus, Sarkastodon und Megistotherium noch größer gewesen zu sein.

Die Schulterhöhe betrug nach den Skelettfunden rund 1,5 bis 1,8 Meter, und aufgerichtet erreichte er eine Größe von 3,40 m. Man errechnete, dass die männlichen Exemplare im Schnitt etwas über 600 kg wogen, die größten Männchen konnten aber vermutlich bis zu 1000 kg wiegen, gut 200 kg schwerer als die größten Kodiakbären oder Eisbären. Wie bei den meisten heutigen Bärenarten auch, war der Sexualdimorphismus betreffend Größe und Stärke bei den Kurznasenbären stark ausgeprägt.

Neben der besonders kurzen Schnauze, der er seinen Namen verdankt, weist seine Anatomie weitere Besonderheiten innerhalb der Familie der Bären auf. Von allen bekannten Bären hatte Arctodus das am stärksten auf eine carnivore (fleischfressende) Lebensweise ausgerichtete Gebiss. Seine Eckzähne waren kräftig und standen weit auseinander wie bei einer Raubkatze, was ihm zusammen mit der enormen Kiefermuskulatur einen kräftigen Todesbiss ermöglichte. Zudem bildeten die Seitenzähne eine sehr effiziente Brechschere zum Zerschneiden von Fleisch, Sehnen, Haut und Knochen. Insgesamt ist der Schädel in seinen Proportionen dem einer großen Raubkatze viel ähnlicher als einem Braun- oder Schwarzbären. Für einen Bären unverhältnismäßig lange Gliedmaßen weisen daraufhin, dass er als Läufer weitaus schneller und ausdauernder gewesen sein muss als heutige Bären, die auf kurze Entfernungen durchaus die Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes erreichen. Eine besonders abfallenden Rückenlinie und zwei markante Schulterhöcker erinnern an den Körperbau einer Hyäne, wobei seine Fortbewegungs- und Ernährungsart als Räuber und opportunistischer Aasfresser durchaus ähnlich gewesen sein kann. Allerdings sollte man bedenken, dass etwa die heutigen Tüpfelhyänen sehr aktive und erfolgreiche Raubtiere sind, die selbst so große und wehrhafte Beutetiere wie Zebras jagen, und ausschließlich von Aas lebende Raubtiere nicht vorkommen. Der Jagderfolg ist bei den Hyänen auf die Jagd in Gruppen zurückzuführen. Arctus simus war jedoch wahrscheinlich ein Einzelgänger.

Lebensweise

Verbreitungsgebiet des Kurznasenbären

Mit seinem übergroßen Riechorgan hätte er einen Kadaver eines Großsäugers der damaligen Eiszeit, wie etwa dem Wollhaarmammut, schon aus großer Entfernung gewittert, um ihn dann mit seinen kräftigen Kiefern aufzubrechen, die Knochen zu zermalmen und bevorzugt das proteinhaltige Knochenmark zu verzehren. Wie in heutigen afrikanischen und asiatischen Ökosystemen werden aber Kadaver von so großen Tieren mit langer Lebenserwartung und geringer Reproduktionsrate nur äußerst selten den Speiseplan des Arctodus bereichert haben, zudem fehlten dem Kurzschnauzenbären die massiv vergrößerten und hochkronigen Seitenzähne des knochenzermalmenden Hyänengebisses, weshalb es fraglich ist, ob er tatsächlich in der Lage war die Knochen wirklich großer Tiere überhaupt aufzubrechen.

Als Jagd- und Nahrungskonkurrent war er wahrscheinlich ein bedrohlicher Gegner für die ersten Menschen der Prä-Clovis oder Clovis-Kultur, die in jene Breiten kamen. Mit dem Aussterben der anderen Großsäugetiere zum Ende der Eiszeit fand sich auch für ihn keine adäquate Nahrung mehr und ging somit etwa 11.000 Jahre v. Chr. dem gleichen Ende entgegen. Höchstwahrscheinlich wird auch der Kurznasenbär ein opportunistisches Raubtier gewesen sein, das zumeist auf Jagd ging, wobei ihm seine langen und auf schnelles Laufen ausgerichteten Beine gute Dienste geleistet haben werden. Wahrscheinlich zählten große Pflanzenfresser wie Pferde, Bisons, Kamele und verschiedene Hirscharten zu seiner bevorzugten Beute. Auch unter den heutigen Grizzlybären gibt es immer wieder welche, die relativ oft größere Beute jagen. Der langbeinige, auf Fleisch spezialisierte Kurznasenbär wird mit Sicherheit auch ein recht guter Jäger gewesen sein, der auch fähig war sehr große und wehrhafte Beutetiere zu überwältigen. Andererseits wird er wie die meisten übrigen Raubtiere jede Gelegenheit genutzt haben, um von frischen Kadavern zu fressen und kleineren Räubern die Beute abzunehmen. Ihn darum als reinen Aasfresser anzusehen ist jedoch spekulativ.

Verwandtschaft

Der nächste heute noch lebende Verwandte ist der Brillenbär in Südamerika. Aus Florida kennt man eine verwandte Form, Tremarctos floridanus, die sich ähnlich dem europäischen Höhlenbären anscheinend vor allem auf pflanzliche Kost spezialisiert hatte, und etwas größer als der rezente Brillenbär war. Das Aussterben des Kurznasenbären begünstigte im Übrigen ihre kleineren und schwächeren Verwandten, die Braunbären, die sich nun weiter ausbreiten konnten, da diese zum einen weniger Konkurrenz hatten, und zum anderen möglicherweise von den großen aggressiven Kurzschnauzenbären auch gejagt und gefressen wurden.

Kryptozoologie

In Kamtschatka glauben die einheimischen Jäger der Korjaken an das Existieren eines riesenhaften Bären, den sie Irkulyen (= heiliger Bär) nennen, und der nach Spekulationen der Zoologen Paul Ward und Stan Bergman eventuelle ähnliche Ausmaße wie Arctodus simus haben könnte. Allerdings sind gerade aus diesem Gebiet die größten eurasischen Braunbären bekannt, die in ihrer Größe fast an die nordamerikanischen Kodiakbären herankommen, zudem kennt man keinerlei Knochenfunde von Kurznasenbären außerhalb Amerikas, weshalb es sich hier eher um einige übergroße Exemplare des Braunbären handeln dürfte.

Literatur

  • Kenneth Tankersly: In Search of the Ice Age Americans. Gibbs Smith, 2002
  • Adam White: Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit. Egmont vgs, ISBN 3-8025-1558-7
  • Knight, Stirling, Kirshner: Bären. Orbis-Verlag, ISBN 3-572-01332-1

Weblinks


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