Argus As 014
Marschflugkörper V1 vor Start
V1 auf Startrampe im Imperial War Museum Duxford (England).

Die Fieseler Fi 103, auch V1 genannt (Vergeltungswaffe 1), intern unter dem Tarnnamen FZG 76 (Flakzielgerät) geführt, war ein unbemannter sprengstoffbeladener Flugkörper. Umgangssprachlich auch als „Flügelbombe“ bezeichnet. Sie war der erste Marschflugkörper, der in einem Krieg eingesetzt wurde. Die Fi 103 wurde in Deutschland entwickelt und im Zweiten Weltkrieg von Juni 1944 bis März 1945 in großer Zahl vor allem gegen die Städte London und Antwerpen eingesetzt.

Inhaltsverzeichnis

Bezeichnungen

V1 war eine von Joseph Goebbels geprägte propagandistische Bezeichnung, Fieseler Fi 103 die militärische Bezeichnung anhand der Typenliste des Reichsluftfahrtministeriums.

In Großbritannien lautete die umgangssprachliche Bezeichnung für die V1 wegen des charakteristischen knatternden Geräuschs des Antriebs doodlebug oder buzz bomb.

Entwicklung und Technik

Bereits von 1917 bis 1920 wurde in den USA der Kettering Bug, ein unbemannter mit Sprengstoff beladener Flugkörper, erfolgreich entwickelt und erprobt. Er kam aber nie zum Einsatz, da der erste Weltkrieg bei seiner Fertigstellung bereits zu Ende war.

Entwickelt wurde die Fi 103 von Robert Lusser von der Firma Fieseler und von Fritz Gosslau von der Firma Argus, die das Triebwerk herstellte. Der erste Test der Fi 103 fand am 24. Dezember 1942 in der Erprobungsstelle der Luftwaffe Peenemünde-West auf 3 eigens dafür errichteten Startrampen am nordwestlichsten Ende der Insel Usedom statt. Weitere Startstellen für die Erprobung des Flugkörpers befanden sich in Zempin auf der Insel Usedom. Der erste offizielle Start fand am 12. Juni 1944 statt - in den frühen Morgenstunden des 13. Juni schlug die erste Fi 103 in London ein.

Der Flugkörper war für die damalige Zeit ein durchaus komplexes Gerät und besaß einen automatischen Kreiselkompass zur Kurskorrektur; ein kleiner Propeller an der Spitze trieb ein Zählwerk zur Reichweitenkontrolle an. Das Triebwerk war ein Verpuffungsstrahltriebwerk, das nach dem von Paul Schmidt erfundenen Prinzip des intermittierenden Pulso-Schubrohrs arbeitete. Es war sehr viel einfacher aufgebaut und damit deutlich billiger als die zu dieser Zeit bereits verfügbaren Turbojet-Triebwerke. Die geringere Lebensdauer und Effizienz waren bei einem Marschflugkörper akzeptabel.


Der Gefechtskopf hatte ein Gewicht von 850 kg. Die Fi 103 startete normalerweise von einer Startrampe (nach ihrem Konstrukteur, dem Kieler Unternehmer Hellmuth Walter, Walter-Schleuder genannt), später wurde sie auch von Flugzeugen abgesetzt.

Zielführung

Eine integrierte Zielsuche gab es noch nicht. Zur Fernlenkung wurden verschiedene Verfahren angewandt :

Kirschkern-Verfahren
Zur Zielführung wurde an Bord ein einfacher MW-Sender "FuG-23" mit Schleppantenne mitgeführt, Frequenzbereich 340-500 khz. Dieser wurde während des Fluges von deutschen Adcock-Peilstationen verfolgt (Fremdpeilung). Die Einschlagstelle ergab sich dann als Ort der letzten Peilung. Die erste V1 einer Abschußserie wurde also eher ungenau verschossen und erst die nachfolgenden mit Hilfe der empfangenen Peilsignale genauer gerichtet. Dieses Lenkverfahren hatte den Decknamen, in Anlehnung an das Kirschkern-Weitspucken. Reichweitenänderungen wurden an dem Wegstreckenzähler eingestellt(ein kleiner Propeller am Bug), Seitenabweichungen durch Einstellung am Gyro-Kompass.
Fi 103-Verfahren
Auf Vorschlag der Firma Lorenz A.G. aus dem Jahr 1943 sollte die V1 im Flug durch Kreuzpeilung geortet werden und mit Fernlenkkommandos an den FuPeil A70h „Elektrola“ dann zum Ziel gelenkt werden.
DFS-Verfahren
mit verschiedenen Impulsfolgen zur direkten Fernlenkung.
Ewald-Sauerkirsche Verfahren
Um Störmaßnahmen entgegen zu wirken, wurden die Fernlenkimpulse mehrfach nacheinander ausgesandt. An Bord der Fi 103 wurde die Impulsfernlenkanlage „Mosel“ eingesetzt. Die vom Empfänger kommenden Impulse wurden auf einem Endlos-Magnetband aufgezeichnet. Erst wenn an 3 Leseköpfen gleichzeitig derselbe Impuls anlag, wurde das Steuerkommando an die Ruder weitergegeben. Erhoffte Treffgenauigkeit: +/- 2km auf 400 km Kampfentfernung.

Produktion

Unterirdische Produktion (KZ Mittelbau-Dora)

Die Produktion der Einzelteile fand in über 50 verschiedenen Firmen statt.[1] Seit Sommer 1944 wurde die V1 auch in den unterirdischen Werksanlagen des Konzentrationslagers Dora, auch Dora-Mittelbau genannt, bei Nordhausen in Thüringen montiert.[2]

Die Herstellungskosten betrugen 3.500 Reichsmark (RM) und für den Bau waren ca. 280 Arbeitsstunden nötig.

Abwehrmaßnahmen

Eine Spitfire hebt den Flügel einer V1 an

Die Bekämpfung der V1 erfolgte durch Flak, Abfangjäger und Sperrballone.

Flak

Die Flughöhe der V1 lag zwischen 600 und 900 m. Die Anflugkorridore der V1 waren weitgehend bekannt, bzw. konnten aufgrund der stationären Abschussrampen kaum verändert werden. Daher wurden in den Anflugkorridoren starke Abwehrbatterien stationiert, die beim Anflug einer V1 Sperrfeuer schossen. Diese Maßnahme war am erfolgreichsten, da die V1 durch ihren leuchtenden Abgasstrahl und das charakteristische Motorengeräusch leicht zu orten war und der Flugkörper keine Ausweichbewegungen machte. Später wurde erfolgreich bereits mit Annäherungszündern geschossen. Dank stetiger Verbesserungen erreichte die Flak gegen Ende der V1 Einsätze eine Abschussquote über 70%.

Abfangjäger

Die V1 hatte eine Fluggeschwindigkeit von 630 km/h. Damit war sie ähnlich schnell wie die damaligen Jagdflugzeuge. Diese konnten nur aus der Überhöhung angreifen, um genügend Geschwindigkeitsüberschuss für einen Angriff zu haben. Anfangs waren nur einige wenige Hawker Tempest schnell genug. Neben dem direkten Abschuss, der für den Piloten wegen der möglichen Explosion des großen Sprengkopfs lebensgefährlich war, entwickelten einige Piloten eine andere Methode, um die V1 zum Absturz zu bringen: Gelang es, den Flügel der V1 mit dem Luftwirbel am Ende der eigenen Tragfläche weit genug anzuheben, wurde der Flugkörper, der kein Querruder besaß, instabil, die Kreiselsteuerung versagte und die Fi 103 stürzte ab.

Sperrballone

Entlang der Einflugschneisen wurden Sperrballone stationiert, da die niedrige Einflughöhe der V1 dies begünstigte. Letztlich gingen aber nur ca. 6% der vernichteten V1 auf deren Konto.

Agenten

Da wegen der absoluten Luftüberlegenheit keine Luftaufklärung über England stattfand um die Lage der Einschläge kontrollieren zu können, ließ man sich auf Meldungen von Agenten ein. Diese arbeiteten jedoch mit den Briten zusammen und übermittelten falsche Einschlagstellen.[3]. Den Meldungen der eigenen Funkpeilung schenkte man weniger Glauben.

V4

US-Soldaten mit einer erbeuteten V4

Die Version Fieseler Fi 103 Reichenberg, auch als V4 bezeichnet, war bemannt. Obwohl 175 Exemplare gebaut wurden, wurde das Vorhaben 1944 aufgegeben.

Es gab ernste Anstrengungen, die V4 als Kamikaze-Waffe zu benutzen. Dazu wurde die Militäroperation Selbstopfer ins Leben gerufen. Die Selbstaufopferungspiloten wurden dem Kampfgeschwader 200 unterstellt. Diese Organisation kam jedoch nach der Intervention des Geschwaderkommandeurs Werner Baumbach bei Hitler nicht mehr zum Einsatz.

Einsatz

V1-Flugkörper kamen in folgendem Umfang zum Einsatz:

  • Vom Boden gestartet: 8.892
    • davon erfolgreich : 7.488
      • 3.957 davon von den Briten abgeschossen (52,8 %):
        • durch Abfangjäger 1.847
        • durch die Flak 1.878
        • durch die Seile der Sperrballone 232
  • Aus der Luft gestartet: 1.600 (Flugzeug He-111 H-22, Verlust: 80 von 100 Maschinen)
  • Ziel London: 2.419 trafen und detonierten
  • Ziel Antwerpen/Brüssel (1945): 2.488

Im Siebengebirge gibt es noch Reste von drei Abschussrampen zu sehen, ebenso bei Ruppichteroth, Drabenderhöhe, im Duisburger Stadtwald, Peenemünde und bei Zempin auf der Insel Usedom.

Der Einsatz der V1 war kein taktischer Erfolg. Zu keinem Zeitpunkt konnte die V1 die Kriegswirtschaft in England schwächen. Strategisch war sie erfolgreicher. Die alliierte Führung fürchtete eine Schwächung der Kriegsmoral durch die V1, so dass bei der Abwehr auf alliierter Seite wesentlich mehr Personal und Rohstoffe eingesetzt wurden, als bei der vergleichsweise billig herzustellenden Waffe auf deutscher Seite.

Opfer

Durch den Einsatz der Fi 103 gegen London starben 6184 Zivilisten, weitere 17.981 wurden schwer verletzt.

In Antwerpen und Umgebung wurden 10.145 Menschen verwundet oder getötet; außerdem waren weitere 4614 Opfer (größtenteils in Lüttich) zu beklagen.

Auch bei der Produktion, die zum Teil von Häftlingen unter extrem schlechten Lebensbedingungen ausgeführt werden musste, kamen viele Menschen ums Leben.

Technische Daten

Fieseler FZG-76:
Kenngröße Daten
Flügelspannweite    5,30 m
Länge    7,742 m
Antrieb    Ein Argus As 014 Pulso-Schubrohr mit 335 kp Maximalschub
Marschgeschwindigkeit    576 km/h in 760 m Höhe
Reichweite    257 bis 286 km
Dienstgipfelhöhe    3000 m
Treffergenauigkeit    im Umkreis von 12 km
Besatzung    keine
Fluggewicht    2.160 kg
Bewaffnung   
  • 847,11 kg Sprengkopf aus Amatol
  • Einige Wenige mit Zusatzbewaffnung :
    • 23 x 1Kg Streubomben
    • Propaganda Flugblätter

Weiterentwicklung zur Cruise-Missile

US Kopie "Loon" der "V-1" auf der "White Sands Missile Range"

In den USA wurde unter der Bezeichnung JB-2 (Republic Aviation Corporation / Ford Motor Company) bereits 1944 eine Kopie entwickelt. Die Testflüge wurden in der Eglin Air Force Base, Florida im Oktober 1944 durchgeführt, die Produktion startete ab 1945. Sie belief sich auf insgesamt 1000 Stück, die aber nie zum Einsatz kamen. Ihr Einsatz war bei der Invasion Japans geplant.

Auch in der Sowjetunion wurde mit ein- und zweistrahligen Nachbauten experimentiert.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Fieseler V1
  2. Jens-Christian Wagner: Auschwitz im Harz
  3. r.V. Jones, Most Secret War, New York 1978

Literatur

  • Luftfahrt History Heft 2 - Fieseler Fi 103 "Reichenberg" - Die Geschichte der bemannten V1 link
  • Gückelhorn, Wolfgang/ Paul, Detlev: V1 - "Eifelschreck" Abschüsse, Abstürze und Einschläge der fliegenden Bombe aus der Eifel und dem Rechtsrheinischen 1944/45, 208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 22,5 x 28 cm, ISBN 3-933608-94-5, erschienen im Helios-Verlag, Aachen
  • Fritz Trenkle: Die deutschen Funklenkverfahren bis 1945, Dr. Alfred Hüthig Verlag 1982, ISBN 3-7785-14652
  • Fritz Trenkle: Die deutschen Funk-Navigations- & Funk-Führungsverfahren bis 1945, Motorbuch Verlag 1979

Weblinks


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